17. Sonntag nach Trinitatis

Alles kann, wer glaubt.

Einer aus der Menge antwortete Jesus: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem stummen Geist besessen; immer, wenn der Geist ihn überfällt, wirft er ihn zu Boden, und meinem Sohn tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird starr. Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu! Da sagte Jesus zu ihnen: O du ungläubige Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu mir!
Und man führte ihn herbei. Sobald der Geist Jesus sah, zerrte er den Jungen hin und her, so dass er hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte. Jesus fragte den Vater: Wie lange hat er das schon? Der Vater antwortete: Von Kind auf; oft hat der Geist ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Doch wenn du kannst, hilf uns und hab Mitleid mit uns! Jesus sagte zu ihm: Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt! Da rief der Vater des Jungen: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Als Jesus sah, dass die Leute zusammenliefen, drohte er dem unreinen Geist und sagte: Ich befehle dir, du stummer und tauber Geist: Verlass den Jungen und kehr nicht mehr in ihn zurück! Da zerrte der Geist das Kind hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Der Junge lag wie tot, so dass die Leute sagten: Er ist gestorben! Aber Jesus fasste ihn an der Hand und richtete ihn auf, und der Junge erhob sich. (Mk 9, 17-27)

 

Liebe Gemeinde,

in der Bibel stehen manche Schlüsselsätze. Die sitzen. Die schließen einem etwas auf. Die spiegeln uns die Wahrheit über uns selbst. In der Geschichte, die wir gehört haben, steht für mich so ein Schlüsselsatz. Der Vater des Kindes sagt ihn, nein, er schreit ihn, so steht es da: Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Das kommt mir sehr bekannt vor. Ja, ich will glauben und vertrauen. Ich bin hier in der Kirche, weil ich Gott suche. Ich möchte mich geborgen fühlen bei ihm, möchte mich fallenlassen können und gehalten wissen. Ich will Gott spüren in meinem Leben - aber es gibt Zeiten, da will das einfach nicht gelingen. Zweifel nagen: Gibt es ihn überhaupt, diesen persönlichen Gott? Hört er meine Gebete? Kennt er unsere Sorgen? Wo ist er? Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Ja, ich will glauben an meine Mitmenschen, an das Gute im Menschen, an unsere Fähigkeit, uns in andere einzufühlen, an konstruktive politische Diskussionen und Lösungen. Doch dann die Nachrichten aus Las Vegas. Oder rassistische Parolen. Eine rechtsradikale Partei in unserem Bundestag. Inhaftierte Journalisten in der Türkei. Oder die Knüppel der Polizei in Katalonien. All das will mir den Glauben zerstören, dass die Welt sich zum Guten wendet. Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Ich will glauben, dass meine Entscheidungen richtig sind. In diesen Tagen mein ganz persönlicher Entschluss, mich für meine letzten Berufsjahre noch einmal zu verändern. Ich will glauben, dass dieser Schritt nicht nur für mich persönlich, sondern auch für diese Kirchengemeinde richtig ist. Ein neuer Pfarrer wird neuen Schwung hineinbringen und neue Ideen. Manches Eingefahrene wird abgelöst. Viel Gutes, Neues wird entstehen. Und ich hinterlasse nach zwölf Jahren ein gut bestelltes Feld, eine schöne Kirche, eine aktive und attraktive Gemeinde. Doch in diesen Tagen bekomme ich Mails und Briefe von Menschen, die zutiefst bedauern, dass ich gehe. Manche scheinen beinahe persönlich beleidigt und gekränkt zu sein. Andere sprechen mich auf der Straße an und fragen: „Sind wir nicht mehr gut genug für Sie?“ Oder: „Gfällts Ihnen nimmer bei uns?“ Jemand hat sogar gemeint, weil er nicht regelmäßig in der Kirche gewesen sei, wäre ich enttäuscht und würde deshalb gehen. So etwas verunsichert mich. Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Ja, es gibt diese beiden Seiten vermutlich in jedem und jeder von uns: Glaube und Vertrauen - auf der anderen Seite Misstrauen und Zweifel. So unterschiedlich die beiden sind, so nah liegen sie doch manchmal nebeneinander.

Die heutige Bibelgeschichte erzählt auch davon: Ein Junge wird immer wieder umgerissen, er stürzt, es tritt ihm Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wälzt sich auf der Erde, bis er starr wird und daliegt wie tot. Ein böser Geist – so hat man vor 2000 Jahren gedacht – quält ihn. Heute heißt die Krankheit Epilepsie. Eine Krankheit, die Menschen noch immer zutiefst erschrecken kann. Morbus sacer, die "Heilige Krankheit" wurde sie lange genannt, weil ihr plötzliches Auftreten und ihre Heftigkeit so rätselhaft und unheimlich wirkten. Ein Synapsenfehler im Gehirn - und der Mensch gerät außer sich, in unkontrollierte Bewegungen, in einen Krampf, eine Erstarrung, eine tiefe Bewusstlosigkeit. Lebensgefährlich wird es, wenn so ein Anfall am falschen Ort stattfindet: im Auto, am Wasser, an einem gefährlichen Arbeitsplatz. Der Bub in der Geschichte scheint schon mehrmals in solche Situationen geraten zu sein: Oft hat der Geist ihn ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen, sagt sein Vater. Wie entsetzlich muss das sein für Eltern, wenn sie ihr Kind ständig gefährdet wissen und doch nichts tun können dagegen!
Bestimmt haben sie längst alles probiert, um ihrem Sohn zu helfen. Ich stelle mir vor, auch da werden die beiden Seiten gewesen sein: die Hoffnung, dass alles wieder gut wird, dass irgendwer schon helfen kann und die Krankheit heilt - und auf der anderen Seite eine tiefe Verzweiflung, Resignation und das Gefühl, von allen guten Geistern verlassen zu sein.

Der ständige Widerspruch zwischen Fürsorge und Ohnmacht, dieses furchtbare Wechselbad der Gefühle zwischen Zuversicht und Verzweiflung belasten das Verhältnis zwischen Eltern und Kind. Der Bub spürt: wegen mir, wegen meiner Krankheit, sind meine Eltern extrem belastet. Ich treibe sie zur Verzweiflung. An mir liegt es, dass wir keine lockere, glückliche Familie sein können. Der Vater merkt: ich bin an meiner Grenze. Ich kann nicht mehr. Manchmal wünschte ich, ich hätte ein anderes Kind. Doch was soll ich tun? Ich kann meinen Sohn doch nicht einfach seinem Schicksal überlassen! Eine explosive Mischung aus Liebe und Ablehnung, aus Verantwortungsgefühl und Ohnmacht, aus Fürsorge und Hass. Ein Teufelskreis, wie es ihn in mancher Familie gibt - auch ohne Epilepsie.
Und nun entlädt sich diese ganze Spannung vor Jesus. Der Junge bekommt einen Anfall, inmitten all der Leute. Der Vater schreit. Die Verzweiflung ist mit Händen zu greifen. Was tut Jesus? Wie geht er um mit dieser brisanten Situation? Zunächst fragt er nach der Krankengeschichte, sachlich, beinah distanziert, wie ein Arzt: Wie lange hat er das schon? Nachdem dies geklärt ist, wendet er sich nicht etwa dem Kind zu, sondern bleibt beim Vater. Der hatte zu Jesus gesagt: Wenn du kannst, hilf uns und hab Mitleid mit uns! Jesus sagte zu ihm: Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt! Das finde ich spannend, liebe Gemeinde, wie Jesus hier den Focus neu setzt: Weg von der Krankheit des Jungen, weg von dem furchtbaren Anblick, weg vom Entsetzlichen - erst einmal hin zu den Möglichkeiten: Alles kann, wer glaubt! Es ist alles möglich. Der Glaube kann Berge versetzen und Krankheiten heilen, Verkrustetes aufbrechen und Totes auferwecken. Der Glaube kann wahre Wunder bewirken.

Glaube hat ganz viel zu tun mit Loslassen. Und mit Gelassenheit. Die Vorstellung loslassen, alles selber machen, für alles und jedes die Verantwortung übernehmen zu müssen. Loslassen von Allmachtsphantasien, vielleicht auch von übertriebener Sorge und Fürsorge.

Alles kann, wer glaubt! sagt Jesus. Er sagt dem besorgen Vater: Lass los. Erst wenn du deine Sorgen, deine Ängste, deine eigene Verkrampfung loslässt, besteht eine Chance, dass wieder alles gut wird. Erst wenn du dich befreist von deiner Fixierung auf das Problem, erst wenn du anfängst, dich in der Tiefe Gott zuzuwenden und ihm etwas zuzutrauen, wirst du merken, dass da noch ganz andere Kräfte als deine eigenen im Spiel sind. Gottvertrauen ist der Schlüssel zur Befreiung. Alles kann, wer glaubt!

Und erst jetzt wendet Jesus sich der Krankheit des Knaben zu. Er spricht mir ihr. Er befiehlt ihr, das Kind zu verlassen. Ich befehle dir, du stummer und tauber Geist: Verlass den Jungen und kehr nicht mehr in ihn zurück! Doch was passiert? Der Bub wird erst recht hin und her gezerrt und liegt dann in einer tiefen Ohnmacht da, wie tot, so dass die Leute sagen: Er ist gestorben! Jetzt erst, nach diesem totalen Tiefpunkt, wacht der Knabe auf. Jesus fasste ihn an der Hand, heißt es davor. Ein Hinweis vielleicht darauf, dass etwas nur dann gut werden kann, wenn wir Menschen Nähe und Berührung zwischen uns zulassen? Und dass es manchmal einen totalen Tiefpunkt braucht, damit eine Wende eingeleitet wird?

Da erst geschieht das eigentliche Wunder der ganzen Geschichte: Alle sind nämlich plötzlich überzeugt von der Heilung des Jungen. Dabei weiß doch eigentlich jeder, dass man von Heilung bei einer Krankheit wie Epilepsie erst dann sprechen kann, wenn der Patient auch in den folgenden Wochen, Monaten oder Jahren anfallsfrei bleibt. Hier geschieht doch eigentlich gar nichts anderes, als was der Bub bisher nach jedem Anfall erlebt hatte: nach seiner tiefen Bewusstlosigkeit wacht er wieder auf, rappelt sich hoch und reibt sich die Augen. Nur die Gesichter der Menschen um ihn herum sind diesmal völlig anders: Nicht voller Sorge und Schmerz, sondern froh, geradezu begeistert. Mag sein, der Vater nimmt ihn in den Arm, drückt ihn, sagt: "Jetzt haben wir's geschafft, mein Sohn! Das war das letzte Mal!"

Das ist in meinen Augen das eigentliche Wunder an dieser Geschichte, dass die Menschen um den Kranken herum sich verändert haben. In der Begegnung mit Jesus ist der Vater des epileptischen Kindes befreit worden von der Last der Verantwortung und von der Vorstellung, alles hinge allein von ihm ab. Nein, es liegt nicht alles an mir allein. Was für eine befreiende Entspannung liegt in diesen Worten! Eine Entspannung, die Verkrampfungen und Ängste überflüssig macht. In der Geschichte sind es die schweren Krämpfe einer Epilepsie, die plötzlich überflüssig werden. Heute sind es andere Dinge: Die Sorgen um ein Kind zum Beispiel. Oder die Sorge, dass eine berufliche Entscheidung falsch sein könnte. Oder unser Pessimismus, wenn es um die Zukunft der Welt, unseres Landes, einer Kirchengemeinde oder einer Person geht.

Nein, es liegt nicht alles an uns allein. Wir dürfen getrost in die Zukunft gehen. Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten! Das gilt nicht nur für unser heutiges Taufkind, sondern für Sie, für Dich, für mich, für uns alle. Alles kann, wer glaubt!

Und jetzt könnte ich Amen sagen. Erlauben Sie mir noch einen Gedanken. Das, was wir gerade an der Geschichte des Vaters und seines Sohnes damals in Galiläa durchbuchstabiert haben, möchte ich noch auf ein größeres System übertragen.

Bei der Bundestagswahl waren viele angetreten, die von sich behaupteten, alles im Griff zu haben und die Lösungen für anstehende Probleme zu bieten. Wie verkrampft das manchmal wirkte, davon haben wir uns im Wahlkampf ein Bild machen können. Mir jedenfalls waren sie immer schon unheimlich, die vermeintlichen Alleskönner und Besserwisser. Ich bin froh, dass nicht alle so sind. Vor einiger Zeit las ich einen Artikel über junge Politikerinnen und Politiker, die sich offen bekennen zu ihrem religiösen Fundament. "Ein Glaubensfundament ist das beste Mittel gegen Allmachtsallüren", sagte da ein 35-Jähriger. "Es erinnert daran, dass es eine Macht über, neben und unter uns gibt." Und der langjährige Hauptstadtkorrespondent einer Zeitung berichtete, dass er an gläubigen Politikern oftmals eine erstaunlich "heitere Gelassenheit" erlebt habe.

Was bräuchten wir dringender in unseren Beziehungen, unseren Familien, in unserer Kirche, in unserem Land und auf unserer ganzen Welt als heitere Gelassenheit? Ich glaube, hilf meinem Unglauben! Amen.


Ulrike Wilhelm

 

„So klingt Reformation“ - Sommerpredigt 2017

Manchmal, liebe Gemeinde, passieren Wunder. Auch in der Kirche. In Tutzing proben wir derzeit mit einem Projektchor das Pop Oratorium „Luther“, das zum Reformationsfest aufgeführt wird. Das Besondere und Wunderbare daran: Es sind die Schwestern der Missionsbenediktinerinnen, die dazu die Initiative ergriffen und die Leitung übernommen haben. Geprobt wird im Kloster. Und am Ende einer jeden Probe liest Sr. Franziska ausgewählte Stücke aus den Schriften Martin Luthers vor. Ein Wunder für mich, die ich noch erlebt habe, wie meine Großmutter unter ihrer Exkommunikation litt – nur weil sie einen Protestanten geheiratet hatte. Oder wie ich als Vikarin erleben musste, dass die größte Angst eines alten Mannes war, sein Enkel könne eine Katholikin heiraten.

Ja, es hat sich viel bewegt in den letzten Jahren in unseren Kirchen. Ein entscheidender Meilenstein der Ökumene war der 31. Oktober 1999, als die katholische und die evangelische Kirche in Augsburg eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterschrieben haben. Aber was ist das eigentlich, diese Rechtfertigungslehre? Wie lässt sie sich knapp zusammenfassen? Da brauchen wir nur in unser Gesangbuch zu schauen. Unter der Nummer 341 finden wir ein Lied, das kompakt zusammenfasst, was Martin Luther gelehrt hat. Dieses Lied soll heute im Mittelpunkt stehen.

Luther hat es 1523 geschrieben, als eines der ersten evangelischen Kirchenlieder überhaupt. Gerade ein Jahr ist es her, dass er die schützenden Mauern der Wartburg verlassen hat. Noch immer steht er von Seiten des Kaisers und des Papstes unter Acht und Bann. Nur weil sein Kurfürst die schützende Hand über ihn hält, ist er einigermaßen sicher. Aber damit nicht genug. In Wittenberg predigt er gegen die Bilderstürmer und bringt damit ehemalige Anhänger gegen sich auf. Feinde also aus zwei Richtungen. Nicht gerade eine einfache Situation. Da könnte man verstehen, wenn ihm nach einem getragenen Gesang in Moll zumute gewesen wäre. Aber was tut Luther? Er nimmt sich die Melodie eines bekannten Tanzliedes, ein Volkslied, das die jungen Leute im Ohr (und in den Beinen) hatten – und darauf dichtet er einen Text, der die Herzen anrühren soll. Allein das schon muss damals geradezu revolutionär gewirkt haben. Ein Kirchenlied, auf das man tanzen kann?! Hören wir die erste Strophe:

1. Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.

Menschen, die bis dato den lateinischen Messgesang kaum verstehen konnten, erlebten nun: Das Evangelium ist nichts Fernes, nichts in einer fremden Sprache. Es gilt mir. Mir ganz persönlich. Ich darf mitsingen und mitfeiern. Ich darf sogar fröhlich springen, darf die Kraft des Evangeliums in meinem Körper spüren und zum Ausdruck bringen.
Sind Sie schon mal gesprungen und gehüpft, weil Sie sich so gefreut haben über das, was Gott an Ihnen getan hat? Etwas ungewohnt, nicht wahr? Für uns ist Glaube eher etwas Innerliches, Inniges, Intimes, Stilles. Etwas, das sich im Herzenskämmerchen abspielt. Luther ermutigt uns, den Glauben auszudrücken, bis in die Bewegung hinein.

Und er schreibt uns ein Lied, das wie ein Drama aufgebaut ist, in drei Akten. Den ersten Akt könnten wir nennen: „Vom Elend des Menschen“. Davon spricht Luther sehr drastisch:

2. Dem Teufel ich gefangen lag,
im Tod war ich verloren,
mein Sünd mich quälte Nacht und Tag,
darin ich war geboren.
Ich fiel auch immer tiefer drein,
es war kein Guts am Leben mein,
die Sünd hatt’ mich besessen.

3. Mein guten Werk, die galten nicht,
es war mit ihn’ verdorben;
der frei Will hasste Gotts Gericht,
er war zum Gutn erstorben;
die Angst mich zu verzweifeln trieb,
dass nichts denn Sterben bei mir blieb,
zur Höllen musst ich sinken.

Die Bilder, mit denen Luther seine Verzweiflung beschreibt, erscheinen uns Heutigen fremd und altertümlich. Wer, bitteschön, glaubt denn heute noch an den Teufel oder die Hölle? Für Luther, der ja als junger Mann noch zutiefst mittelalterlich dachte und fühlte, waren das Realitäten. Er litt darunter, ein sündiger Mensch zu sein. Er verzweifelte schier daran, es Gott nicht recht machen zu können. So sehr er sich auch anstrengen mochte, nie schien es zu genügen.

Wir Heutigen haben zwar in der Regel keine Angst mehr vor Fegefeuer oder Höllenqualen. Aber die Verzweiflung, die kennen wir doch auch. Und das Gefühl, dass es nicht genügt, was wir tun. Ja, wir hatten einen jungen Mann im Kirchenasyl. 18 Monate war er nun da. Aber löst das das Flüchtlingsproblem? Ja, wir versuchen, unseren Müll zu trennen. Aber der Plastikmüll in unseren Meeren wird dennoch zunehmend zu einem massiven weltweiten Problem. Ja, wir schränken unser Autofahren ein. Aber die Klimaziele erreichen wir doch nicht, nicht einmal hier im aufgeklärten Deutschland. Es ist zum Verzweifeln, wie wenig wir bewirken. Und wie sehr wir eingebunden sind in das Unglück und die Probleme dieser Welt. Beim besten Willen, wir können keine „heile Welt“ herstellen. Niemand von uns kann die Welt retten. Und wenn wir uns noch so sehr bemühen: Es wird gequält und zerstört, gelitten und gestorben. Wir leiden an diesem Leben. Oft genug. Und wie Luther sehnen wir uns danach, dass alles gut werden und wir mit uns selbst, mit der Welt und mit Gott in Frieden leben können.

Doch dabei bleibt es nicht. Luther macht jetzt den zweiten Akt seines Dramas auf. Die Überschrift lautet: „Vom Erbarmen Gottes“. Dieses Erbarmen hat Luther erfahren, als er intensiv die Bibel studierte. Es war der Römerbrief des Apostels Paulus, der ihm die Augen öffnete. Luther las darin, dass die Gerechtigkeit Gottes nicht von unserem Verhalten abhängt. Weder unsere guten Taten noch unsere Fehler sind es letztlich, welche die Liebe oder die Strafe Gottes zur Folge haben. Gott schaut uns von Anfang an mit den liebenden, gütigen Augen eines barmherzigen Vaters an. Und selbst wenn alles schiefgeht, und selbst wenn wir alles falsch machen, wir sind letztlich nicht verloren, denn Gott rechnet uns seine Liebe zur Gerechtigkeit an. Das ist sein eigentlicher Wille.

4. Da jammert Gott in Ewigkeit
mein Elend übermaßen;
er dacht an sein Barmherzigkeit,
er wollt mir helfen lassen;
er wandt zu mir das Vaterherz,
es war bei ihm fürwahr kein Scherz,
er ließ’s sein Bestes kosten.

5. Er sprach zu seinem lieben Sohn:
»Die Zeit ist hier zu erbarmen;
fahr hin, meins Herzens werte Kron,
und sei das Heil dem Armen
und hilf ihm aus der Sünden Not,
erwürg für ihn den bittern Tod
und lass ihn mit dir leben.«

6. Der Sohn dem Vater g’horsam ward,
er kam zu mir auf Erden
von einer Jungfrau rein und zart;
er sollt mein Bruder werden.
Gar heimlich führt er sein Gewalt,
er ging in meiner armen G’stalt,
den Teufel wollt er fangen.

Die alte Geschichte Jesu, so Luther, ist keine vergangene Geschichte. Sie ist nicht out, nicht überholt, nicht ohne Relevanz. Sie gilt uns. Ihnen, Dir, mir. Gottes Sohn kommt als unser Bruder auf die Erde. Als unser Mitstreiter und Freund. Grenzenlos solidarisch ist er. Voller Nähe und Verständnis, auf Augenhöhe und mit allem mitfühlend und mitleidend, was uns sorgt oder quält. Jesus Christus ist der nahe, menschliche Gott. Sein Drüberstehen, seine Göttlichkeit, hat er aufgegeben, uns zuliebe. Er hat Himmel und Erde verbunden, da gibt es keine Trennung mehr zwischen Oben und Unten. Zwischen Priestern und Laien. Zwischen Frommen und Zweiflern. Zwischen Sicheren und Suchenden. Nicht auf unseren Glauben, nicht auf unsere Taten kommt es letztlich an, sondern allein auf Gott und seine unendliche Liebe. Diese Liebe ist so stark, dass sie sogar den Tod in Kauf nimmt für uns. Das ist nun der letzte und dritte Akt des Dramas: „Das Leiden und Sterben Jesu“

7. Er sprach zu mir: »Halt dich an mich,
es soll dir jetzt gelingen;
ich geb mich selber ganz für dich,
da will ich für dich ringen;
denn ich bin dein und du bist mein,
und wo ich bleib, da sollst du sein,
uns soll der Feind nicht scheiden.

8. Vergießen wird er mir mein Blut,
dazu mein Leben rauben;
das leid ich alles dir zugut,
das halt mit festem Glauben.
Den Tod verschlingt das Leben mein,
mein Unschuld trägt die Sünde dein,
da bist du selig worden.

9. Gen Himmel zu dem Vater mein
fahr ich von diesem Leben;
da will ich sein der Meister dein,
den Geist will ich dir geben,
der dich in Trübnis trösten soll
und lehren mich erkennen wohl
und in der Wahrheit leiten.

10. Was ich getan hab und gelehrt,
das sollst du tun und lehren,
damit das Reich Gotts werd gemehrt
zu Lob und seinen Ehren;
und hüt dich vor der Menschen Satz,
davon verdirbt der edle Schatz:
das lass ich dir zur Letze.«

Haben Sie genau gelesen, liebe Gemeinde, in der 8. Strophe? Da heißt es nicht: „Der Tod verschlingt das Leben mein“, sondern: „Den Tod verschlingt das Leben mein!“ Das ist der entscheidende Unterschied. Das war die verrückte Botschaft der ersten Christen nach Ostern: Der Tod ist verschlungen vom Sieg des Lebens. Tod und Teufel, alle Qualen und alle Probleme dieses Lebens, haben letztlich keine Macht mehr, auch wenn sie sich noch so wild gebärden oder uns noch so sehr belasten. Jesus lebt. Von Ostern her leuchtet uns ein neues, unvergängliches Licht ins Leben. Alle Sünde ist aufgehoben, alle Not aufgefangen, alle Verzweiflung aufgebrochen. Nur noch die Liebe zählt. Und das Wissen, dass Gott größer ist als alle Angst. Das macht „selig“, das beseelt, beflügelt und beschwingt, so dass wir fröhlich und getrost springen können. Auch in schwierigen Zeiten. Christen dürfen den Tanz des Lebens tanzen und dem Tod dabei ins Gesicht lachen.

Ich begleite zurzeit einen Mann, der schwerkrank auf der Palliativstation liegt. Es ist kein Vergnügen, mit Metastasen im ganzen Körper auf den Tod zu warten, wenn man gerade mal seinen sechzigsten Geburtstag hinter sich hat und noch so gerne da bliebe. Dieser Mann muss viel aushalten – und seine Familie auch. Was hilft da? Die Schmerzmittel? Die Besucher? Die Gespräche mit der Psychologin oder das Vertrauen zu den Ärzten? All das hat er, ja. Aber jetzt hat er sich noch etwas kommen lassen: Ein kleines Bild, auf dem in bunter Schrift sein Konfirmationsspruch aus dem Buch Josua steht: So spricht der Herr: Ich lasse dich nicht fallen und halte dich! (Jos 1,5) Dieses Wort hängt an der gegenüberliegenden Wand. Er liest und meditiert es täglich. Er hält sich fest an diesem Wort, weil alles andere keinen echten Halt mehr gibt. Es ist Nahrung für seine Seele, Nahrung für seinen Körper kann er inzwischen ja nicht mehr zu sich nehmen. Wer ihn so liegen sieht, denkt: „Der Tod verschlingt das Leben sein“ – aber er weiß in all seinem Schmerz, dass es anders herum ist. „Den Tod verschlingt das Leben! Ich lasse dich nicht fallen und halte dich!“ Daran hält er sich fest, das gibt ihm die Kraft, seinen Weg ohne Angst und zuversichtlich zu gehen.

So etwas mitzuerleben, liebe Gemeinde, ist einerseits schwer. Andererseits für mich zutiefst bereichernd. Die Kraft, die im Glauben liegt, trägt und hält uns in der Tiefe, gerade dann, wenn alles andere zerbröckelt, zerbricht und zerfällt.

Und manchmal erlebt man selbst im ganz Schweren Wunder. Als ich vor wenigen Wochen die schwere Aufgabe hatte, meinen Schwager zu beerdigen, der ebenfalls viel zu früh und sehr plötzlich verstorben war, wusste ich nicht, wo ich die Kraft dazu herbekommen sollte. Am Abend vor der Beerdigung fühlte ich mich wund und dünnhäutig. Ich hatte Angst vor dem nächsten Tag. Doch in dieser Nacht bekam ich einen Traum geschenkt. Den will ich Ihnen erzählen: Ich ging auf einem schmalen, wackeligen Steg über einen Fluss und kam auf eine Lichtung. Eine große, bunte Blumenwiese war dort, eingerahmt von dunklen Wäldern. Eine Geigerin trat aus dem Wald und begann, eine wunderschöne Melodie zu spielen. Und plötzlich kamen Menschen aus allen Richtungen, die fingen an, zu tanzen. Ein bunter, leichter Reigen, jeder Schritt ein Genuss, eine Freude, eine Leichtigkeit, eine Harmonie, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Ich tanzte mit. Und als ich in die Gesichter der Menschen um mich herum sah, merkte ich, dass da einige längst Verstorbene darunter waren. Tote tanzten mit den Lebenden. Aber das war nicht unheimlich, keineswegs, sondern einfach nur schön. Im Traum dachte ich: Eigentlich egal, ob du lebst oder tot bist, Hauptsache, du bist dabei bei diesem Tanz.

Dieser Traum war für mich wie ein Blick ins Paradies. Ich bin überzeugt, Gott hat ihn mir geschickt in jener Nacht. Am nächsten Morgen hatte ich die Kraft, die ich für diese schwere Beerdigung brauchte.

Nein, wir Christen brauchen keine Trauergesänge in Moll anstimmen, nicht einmal dann, wenn es ans Sterben geht. Weil wir uns auf Jesus Christus verlassen, dürfen wir unseren Lebenstanz fröhlich und mit leichtem Herzen tanzen und lachend mit Martin Luther singen:

Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu’r hat er’s erworben.

Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ulrike Wilhelm

Fischerhochzeit 2017

 

1. Habt’s es ghert, Ihr Leit von Tutzing

was ma da grad glesn ham?

De Gschicht von dene Frauenzimmer –

bringts es Ihr im Hirn no zam?

 

Oder denkt’s Ihr bloß ans Weda,

weil’s heid leider renga duad –

und Ihr habts deswegn im Bauch drin

auf’n Petrus a Mords-Wuat?

 

Oder habts vor lauter Schönheit,

Trachten, Dirndl, Mascherlzeig

heit koa Ohr ned für de Botschaft,

de die Bibel hod bereit?

 

Guad, i woaß, de Fischerhochzeit

de beschäftigt Herz und Hirn,

und jetzt hock ma in da Kircha

solln des aa no integriern?

 

2. Doch i sog Eich, liabe Festgäst,

so vui anders is des ned.

Da Besuch von da Maria

bei der Bas Elisabeth

 

und auf oamoi is ois anders

ois wias vorher gewesn war.

Aa de oide Gschicht aus Tutzing

redt davo. Is Eich des klar?

 

A Begegnung von zwoa Menschn

de verändert ganz, ganz vui.

So stehts drinna in der Bibel

und im Fischerhochzeits-Spui.

 

Schließlich warn de bestn Freind vom

Jesus aa scho Fischerleid.

Deswegn hättn unser Spui heid

ganz bestimmt recht sakrisch gfreid.

 

Hör ma oiso auf de Botschaft,

de die beidn Gschichtn ham

und ihr werds es seng, des lohnt si,

weil de passn ganz guad zam.

 

3. Wia’d Maria über’d Berg geht

werd da Weg bestimmt recht lang.

Sie is schwanger, kriagt a Baby,

und es is ihr Angst und Bang.

 

Weil sie is no ned verheirat.

Da werd tratscht und da werd gredt.

Deshalb brauchts a guade Freundin,

drum geht’s zur Elisabeth.

 

Na, da is koa Weg ned z‘ schwar

oder z‘ steil oder vui z‘ weit,

wenn ma auf an andern Menschen

si von ganzem Herzn gfreid.

 

Wer an andern braucht, der suacht’n

sogar jenseits vom Gebirg.

Leid, ganz ähnlich wars doch aa

mitm Gröber Michl und am Kriag.

 

Furchtbar warn de Zeitn damals,

ois Soldat in Russland drunt

Des war gar ned selbstverständlich

dass da oana wiederkummt.

 

4. So vui Buam hat ma daschossn,

so vui Schmerz hats jeds moi gebn,

wann da Kriag grausam und sinnlos

ausglöscht hod a Menschenlebn.

 

Doch der Fischerbua aus Tutzing

der hod Glück ghabt, überlebt

und so is der Gröber Michi

übern Berg. An weitn Weg

 

hod er jetzt bis in sei Hoamat,

zur Familie und zum See.

Ned bloß d‘ Fiaß sans, de da wund san

sondern aa sei Herz duad weh.

 

Werns mi überhaupt no kenna?

So zerlumpt wia i ausschaug?

Oder schickans mi glei weider?

Weil ma so am Kerl nia glaubt?

 

Tutzing is a bsonders Pflaster,

ja da leben de Leid recht gern

mit genügend Land und Zaster.

Kriag und Elend san dort fern!

 

5. So sinniert er, unser Michl,

und der Weg hoamzua werd lang.

So wia vorher da Maria

is eahm ganz schee angst und bang.

 

Wia d‘ Maria vor da Tür steht

kimmt d‘ Elisabeth glei raus,

griaßts und lacht und duads umarma

hoaßts willkommen in ihrm Haus.

 

Sie is aa in andre Umständ

und sie gspürt wia in ihrm Leib

ihr kloans Kind jetzt auffe, owe

umanandahupft voll Freid.

 

De bedeutsamen Momente

konn ma fei im Körper gspürn.

Des ist guad so. Weil mir Menschn

san ja mehr ois wia bloß Hirn.

 

Und d’Elisabeth de gspürt jetzt:

Des is d‘ Muadda von meim Herrn.

Drum duads beide selig preisn,

weil des hod a jeder gern.

6. Ganz so einfach is‘s fürn Michl

damals zerst amoi ned gwen.

Den zerlumptn, stingad Kerl do,

hod in Tutzing neamands meng.

 

Den hod koana selig priesn,

den hod neamands glei dakennt.

bis eahm – i moan fast, koa Zuafoi!-

d‘ Vroni übern Weg is grennt.

 

De Bierbichler Veronika

vom Kastulus in Ambach,

Da wern am Gröber Michael

sofort de starkn Knia schwach.

 

Er hätt’s oiwei scho gern verehrt,

nur sie hod ja nia meng.

Doch wo sa si jetzt de wiederseng

da is um oi zwoa gscheng.

 

Peng macht’s im Herzn – es is klar

De Liab triffts wia a Blitz

De zwoa san füreinand bestimmt.

Des is fei gar koa Witz!

 

7. So was gibts wirklich, aa no heid.

und mancher von Eich kennts:

As Äußere, des spuit koa Rolln,

weil drin im Herzn brennts.

 

De Vroni und der Michael

wern jetzt a Liebespaar.

Es hert si kitschig o, i woaß,

und trotzdem is des wahr:

 

De Liab ist stark, sie hod a Kraft

wia sonst fast nix im Lebn.

Da Herrgott selba gibt dazua

sein‘ väterlichen Segn.

 

Scho boid werd gheirat – so schee scho.

Mir feierns ja no heid.

Ganz Tutzing hod si mit dem Paar

unbandig narrisch gfreit.

 

Ganz Tutzing? Wirklich, des is wahr.

Sogar da Graf im Schloss

da oide Vieregg hockt jetzt nimma

drobn am hoha Ross.

 

8. De Gröbers hod er friara ghasst

weil de ham si ned duckt.

Drum hod er‘n Michi hart ogfasst

in Kriag hod er‘n neidruckt.

 

So machas des, de Mächtigen,

wohl auf da ganzn Welt.

Wer aufbegehrt, rebellisch is,

dem werd da Fuaß boid gstellt.

 

Doch jetzt erkennt da oide Graf

wos er boid ogricht hätt.

Für’s Biaßn, Umkehrn und Bereun

is’s aber nia ned z’pät.

 

So feiert selbst der reiche Mo

de Fischerhochzeit mit.

Er duad dazua, wos er hoid ko.

Des is a großa Schritt!

 

Ja, des erinnert mi fei scho

ans Liad von da Maria.

Habts es vergessen, ehrlich, wahr?

Na hoi ma’s nomoi fiara.

 

9.. Der Herr duad Wunder, les i da.

De Kloana macht er groß.

Wer Hunger ghabt hod, der werd satt.

De Reichn wern ois los.

 

De großn Leid verliern ihr Macht.

Wer niedrig war, kriagt Power.

A Graf is aa ned mehra wert

ois wia a kloaner Bauer.

 

Gott is barmherzig. Ja, er woaß

a jedes Menschenlebn

is wichtig, wertvoll und da dearfs

koa obn und untn gebn.

 

Wo immer ois si ummadraht,

wirkt Gott, ganz wunderbar.

So hat sie gsunga, die Marie,

der Geist des Herrn war da.

 

Merkts ihr wos, liabe Leid,

des is a starke Botschaft.

Ned bloß für’d Fischerhochzeit heid

hod de a Riesn-Strahlkraft.

 

10. Ja wanns nur wirka daad bei uns,

und überoi im Land.

Ausbeutung, Ungerechtigkeit

de waarn dann unbekannt.

 

An jedn daad ma respektiern

ganz wurscht, woher er kimmt,

De Flüchtling daad ma integriern,

de braucha des bestimmt.

 

Und daad ned schlecht redn

über Leid, de anders san wia mir.

Bloß weils a andre Hautfarb ham

und tringa Tee statt Bier.

 

Ma sollt an jeden Menschen gleich

und freindlich fei behandeln

ob er jetzt arm is oder reich

des konn si alles wandeln.

 

Aufs Herz kimmts o und ned aufs Geld,

und aa ned auf dei Hoamat

so sagt de Heilig Schrift.

Mir kummt’s fast vor, sie moanert,

 

11. mir solltn alle wia da Graf

a bissl uns verwandeln.

Und woacha wern, und mehra liabn,

ned egoistisch handeln.

 

Des waar a Sach, des waar a Schau.

dann waarn de Hochzeitsgäst

ned ummasunst heid in da Mess

no vor dem großn Fest.

 

Und wissts Ihr wos, de Botschaft guit

für alle, de’s heid hern.

Da muaß fei neamads extra drum

zuvor katholisch wern.

 

Da Luther Martin hods aa gwusst:

Die Bibel trifft de Herzn,

Drum lests es, Leid, dann geht’s eich auf

so liacht ois wia a Kerzn.

 

Obsd gar nix glabst, obsd luth‘risch bist

katholisch oder streng

Hauptsach du machst dei Herz weit auf

und siegst de Welt ned eng.

 

12. D’Maria und d’Elisabeth,

da Michl und sei Braut

und selbst da oide Vieregg-Graf

ham’s Lebn ganz nei oogschaugt.

 

So geht’s, Leid, wenn da göttlich Geist

an Menschn tiaf berührt

dann rührt si was, dann werd ma woach,

weil ma auf oamoi gspürt

 

und siegt, was wichtig is im Lebn.

D‘ Elisabeth und d‘ Vroni,

de ham uns vorg’macht wia des geht.

Drum glaub i fast, jetzt konn i

 

mei Predigt aufhörn,

moants des aa, Ihr Herrn und aa Ihr Damen?

Dann sprechts mit mir des letzte Wort

und sagts mitnander: AMEN.

 

 

 

 

 

Ulrike Wilhelm

 

 

 

 

 

Karfreitag 2017

Glaube Liebe Hoffnung

 

Liebe Gemeinde,

vor dem Altar hing das glänzende Tuch aus schwarzem Samt mit den vertrauten gestickten Motiven: Ein Abendmahlskelch, eine weiße Taube, vier Kreuze in den Ecken. Jetzt ist die Altardecke der St. Georgskirche in Tanta, nördlich von Kairo, blutbefleckt. Keine Woche ist es her, da hat sich dort während der Palmsonntagsmesse ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, mindestens 25 Menschen mit in den Tod gerissen, viele körperlich und noch viele mehr seelisch verletzt. Wenig später eine zweite Bombe in der Markuskirche in Alexandria. Auch dort Tote und Schwerverletzte.
Was für ein blutiger, entsetzlicher Beginn dieser Karwoche. Genau wie damals, als Jesus Christus gekreuzigt wurde, scheinen auch heute Hass, Gewalt und Brutalität unsere Welt zu regieren. Christen werden verfolgt, Kopten aus Ägypten und Jesiden aus dem Irak vertrieben, Juden verunglimpft, friedvolle Moslems in einen Topf geworfen mit fanatischen IS-Kämpfern. Viele schütteln nur noch den Kopf über Religionen. So war ein paar Stunden nach dem Anschlag am Palmsonntag in einem Online-Diskussionsforum folgendes zu lesen: Religion führt immer zu Krieg und nie zum Frieden. Zudem stelle man sich vor,- man hätte sich mit der Auferstehung Christi geirrt,-...das hieße 2000 Jahre zurück an den Start....

Blenden wir zurück: Die Jünger und Jüngerinnen damals waren entsetzt, verzweifelt und vollkommen desillusioniert. Ihr Meister, ihr Rabbi, ihr Jesus war der Gewalt der Mächtigen zum Opfer gefallen, ihre Hoffnung zerstört, ihr Inneres zutiefst verstört und verwirrt. Wie gelähmt waren sie durch die schreckliche Erfahrung des Todes Jesu am Kreuz. Sie hatten tödliche Brutalität gegenüber einem gewaltlosen, geliebten Menschen unmittelbar miterleben müssen. Blutbesudelt waren all ihre Träume von einer besseren, friedlicheren Welt. In keiner Weise konnten sie mit einer bevorstehenden Auferweckung rechnen. Tot ist tot. Das ist die Realität. Das war schon immer so gewesen.

Nur: Gott ist größer als alle Realitäten. Für ihn gelten die Grenzen der Erfahrung nicht. Seine Möglichkeiten übersteigen alles menschliche Denken, alle innerweltlichen Erfahrungsräume. Allerdings: Gott setzt diese Möglichkeiten nicht laut ein. Er lässt weder eine Bombe hochgehen noch sein Geheimnis platzen. Er macht es anders. Er wirkt im Hintergrund. Ein unbemerktes, stilles Geschehen, fast noch zu nachtschlafender Zeit, ohne Augenzeugen und deshalb von Anfang an umstritten war es, als Jesus auferstand. Und doch war das der wirkungsvollste Akt gegen Gewalt, Tod und Hass, den die Welt je erlebt hat. In ihm ist eine Kraft, die bis heute wirkt und die wir dringend brauchen.

Der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928 – 2000) hat dieses Hintergrund-Wirken Gottes einmal sehr eindrücklich dargestellt. In der St. Barbarakirche in Bärnbach bei Graz hat er einen Kirchenraum gestaltet, in dem sich hinter dem Altar folgendes Kunstwerk befindet (siehe oben):


Ein traditionelles, großes Holzkruzifix steht im Vordergrund. Der ausgemergelte, sterbende Christus hängt dem Betrachter gegenüber am Kreuz – so, wie wir ihn aus vielen Darstellungen in vielen Kirchen kennen. Unsere christlichen Augen haben sich in der Regel längst an solche Kreuze gewöhnt. So, wie wir uns beinahe schon an das Leid der Welt gewöhnt haben, an Terror und Gewalt, an blutige Opfer und unausweichliches Elend. Doch dann fängt Hundertwasser an, den Hintergrund dieser Kreuzesdarstellung ganz neu und ungewohnt zu gestalten: wild, lebendig und farbenfroh. Mit Kacheln verschiedener Farben und Größen, die eine große Strahlkraft entfalten. Die einen sehen in den silbrig glänzenden Elementen Lanzen, die sich auf den Gekreuzigten richten, als würde er bedrängt werden von allen Seiten. Andere entdecken eine riesige Ostersonne, die da im Hintergrund aufgeht. Sie sehen glanzvolle Strahlen aus der Mitte nach außen gehen, als würde das Sterben Jesu bereits im Licht einer glanzvollen Auferstehung geschehen.
Alle sehen das Blau in der Mitte des Strahlenkranzes. Hundertwasser war lange Zeit unzufrieden mit dem Blau und hat deshalb wochenlang damit experimentiert. Offenbar hatte der Künstler eine sehr genaue Vorstellung von Himmelsblau – und die musste umgesetzt werden. Es war ihm jedenfalls enorm wichtig, dass sich genau hinter dem Gekreuzigten der Himmel auftut.

Darin, liebe Gemeinde, steckt die alte Botschaft, die schon die Evangelisten trug, als sie vom Leiden und Sterben Jesu berichteten: Es gibt eine Wirklichkeit hinter allem Vordergründigen. Da ist eine lebendige Kraft hinter aller Schwäche. Die große, bunte Energie Gottes ist stärker als alles vordergründige Dunkel. Hinter der unausweichlichen letzten Enge des Todes öffnet sich der Himmel, ein Weg ins Weite tut sich auf. Tod und Gewalt haben doch nicht das letzte Wort. Jesus, der große Liebende, Heilende, Erlösende lebt. Er ist die personifizierte Hoffnung für diese Welt, auch wenn vordergründig alle Hoffnung am Kreuz stirbt.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk 15,34) so schreit Jesus am Kreuz, ehe er stirbt. So jedenfalls berichten es Markus, der älteste Evangelist und Matthäus. Die beiden jüngeren, Lukas und Johannes, scheinen diese Gottverlassenheit Jesu kaum ausgehalten zu haben. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, sagt Jesus im Lukasevangelium und bei Johannes ist sein letztes Wort: Es ist vollbracht. Da muss für diese beiden doch am Ende Vertrauen stehen oder die Erfüllung eines Lebenswerkes, irgendetwas Positives. Ich bin froh, dass Markus und Matthäus an dieser Stelle nicht harmonisieren. Sie erzählen das Kreuzesgeschehen genauso brutal, wie es ist. Es gibt nichts zu beschönigen an einem viel zu frühen, gewaltsamen Tod. Nicht bei Christus und nicht bei den vielen Millionen, die solche Tode seither gestorben sind und immer noch sterben. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist Realität, dass Menschen sich so fühlen und sie so schreien. Und es ist eine Tatsache, dass Glaube und Gottvertrauen genauso zugrunde gehen können wie die Opfer von Gewalt und Terror.

Und doch: Seit dem ersten Ostern hat sich etwas verändert. Der Schlange allen todbringenden Hasses ist der Kopf bereits zertreten. Sie schlägt wohl noch wild um sich mit ihrem Leib. Doch sie ist bereits besiegt. In der Auferweckung Jesu hat sich Gott selbst gezeigt – still zwar, aber doch viel mächtiger als alles. Gott hat den Weg Jesu bestätigt und bekräftigt: Nur die Liebe besiegt am Ende den Tod.
Deshalb können Christen Kruzifixe aufhängen. Und deshalb stirbt unser Glaube nicht, selbst wenn er von Gewalt und Verfolgung bedroht wird. Es ist interessant zurzeit: Selbst in Ländern, in denen das Christentum unterdrückt wird, wachsen christliche Gemeinden, und Menschen öffnen sich der Friedens- und Liebesbotschaft Jesu. Wer von uns hätte damit gerechnet?!

Auf unserer Landessynode in Coburg habe ich Ende März eine große Gruppe iranischer Flüchtlinge erlebt, die für uns gesungen und auch gebetet haben. Viele von ihnen sind schon getauft, manche haben diesen Schritt noch vor sich. Teilweise waren diese Geflüchteten bereits in ihrer Heimat heimlich in christlichen Hauskreisen gewesen. Sie hatten einzelne Kapitel der Bibel gelesen, die ihnen von Freunden aus Europa via Internet gesandt worden waren. Diese Menschen sagen uns von ihrer neuen Religion: "Das Christentum ist die Religion der Freiheit und der Liebe!" Das Zeugnis dieser jungen Christen hat mich sehr berührt. Es ist so gut zu sehen, dass auch heute staatliche Mächte keine Macht über die Herzen und Seelen der Menschen haben. Übrigens: egal zu welcher Konfession wir gehören - als Christen sind wir immer Protestanten. Protest bedeutet vom Wortsinn her eigentlich nicht ´gegen etwas sein`, sondern ´für etwas zeugen`. Wir Christen sind nicht nur Protestleute gegen Hass und Tod. Sondern wir bezeugen: Jesus lebt. Gott ist stärker als der Tod.

Nach wie vor sind wir zwar hilflos angesichts der Nachrichten über die Kämpfe in Syrien, über die Verfolgung von Christen in Ägypten, über islamistische Anschläge mitten in unserer Gesellschaft. Doch bei aller Brutalität und Gewalt dieser Welt gilt: unser Erlöser lebt. Übermorgen, in den Ostergottesdiensten, werden wir rufen: "Christus ist auferstanden." Und einander antworten: "Er ist wahrhaftig auferstanden." Die zerstörerischen Kräfte dieser Welt sind durch seine Auferstehung längst angezählt. Ob im Iran oder bei uns - überall, wo Menschen an ihn glauben, beginnen Liebe und Freiheit zu leben. So öffnet sich der Himmel leise im Hintergrund aller Kruzifixe, aller blutbesudelten Altäre und aller Menschen, die schreien: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist unsere Hoffnung, das ist unser Glaube, auf diese Liebe vertrauen wir. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ulrike Wilhelm

Invokavit

Versuchung

Liebe Gemeinde!

An diesem ersten Sonntag der Fastenzeit, wo es nun noch genau sechs Wochen bis Ostern sind, kreisen die Biblischen Texte ums Thema Versuchung. Wir haben das Evangelium gehört, die Versuchungsgeschichte Jesu. Sie steht ziemlich zu Beginn des Neuen Testaments (Mt 4,1-11). Ehe Jesus anfängt zu wirken, geht er in die Wüste, in die Einsamkeit, um sich vorzubereiten auf seine große Aufgabe. Dort begegnet er dem Teufel, den Versuchungen, jenen Kräften, die ihn abbringen wollen von seinem Weg.

Der Evangelist nimmt damit auf, was bereits im Alten Testament erzählt wird: Versuchungen, Zweifel, widergöttliche Stimmen, das Böse gehören von Anfang an dazu zur menschlichen Existenz. Ohne Brüche kein Leben. Ohne Grenzüberschreitungen kein Dasein. Oder, wie es in der Sprache des Alten Testaments reichlich hart heißt: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. (Gen8,21) Von Anfang an, so erzählt die Bibel, ist damit das Leiden Gottes an seinen Menschen verbunden. Diese Leidensgeschichte beginnt bereits im Paradies. Die Entwicklungen und Verstrickungen der Menschheit nehmen ihren Lauf, kaum dass die Welt geschaffen ist. Davon erzählt unser heutiger Predigttext aus dem 1. Buch Mose im 3. Kapitel:

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde,
die Gott der HERR gemacht hatte,
und sprach zu der Frau:
Ja, sollte Gott gesagt haben:
Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange:
Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt:
Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an,
dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau:
Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
sondern Gott weiß:
an dem Tage, da ihr davon esst,
werden eure Augen aufgetan,
und ihr werdet sein wie Gott
und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah,
dass von dem Baum gut zu essen wäre
und dass er eine Lust für die Augen wäre
und verlockend, weil er klug machte.
Und sie nahm von der Frucht und aß
und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon
und er aß.
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan
und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren,
und flochten Feigenblätter zusammen
und machten sich Schurze.

Und sie hörten Gott den HERRN,
wie er im Garten ging,
als der Tag kühl geworden war.
Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN
unter den Bäumen im Garten.
Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm:
Wo bist du?
Und er sprach:
Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich;
denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und der HERR sprach:
Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?
Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot,
du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam:
Die Frau, die du mir zugesellt hast,
gab mir von dem Baum und ich aß.
Da sprach Gott der HERR zur Frau:
Warum hast du das getan?
Die Frau sprach:
Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
Da sprach Gott der HERR zu der Schlange:
Weil du das getan hast, seist du verflucht,
verstoßen aus allem Vieh
und allen Tieren auf dem Felde.
Auf deinem Bauche sollst du kriechen
und Erde fressen dein Leben lang.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir
und der Frau
und zwischen deinem Nachkommen
und ihrem Nachkommen;
der soll dir den Kopf zertreten,
und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er:
Ich will dir viel Mühsal schaffen,
wenn du schwanger wirst;
unter Mühen sollst du Kinder gebären.
Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein,
aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er:
Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau
und gegessen von dem Baum,
von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -,
verflucht sei der Acker um deinetwillen!
Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren
dein Leben lang.
Dornen und Disteln soll er dir tragen,
und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Im Schweiße deines Angesichts
sollst du dein Brot essen,
bis du wieder zu Erde werdest,
davon du genommen bist.
Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Und er trieb den Menschen hinaus
und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim
mit dem flammenden, blitzenden Schwert,
zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Adam und Eva – diese beiden Namen sind Programm. Sie weisen darauf hin, dass es nicht um historische Figuren geht. Adam – das bedeutet schlichtweg Mensch, genau gesagt „Erdling“. Die Erde heißt im Hebräischen Adamah. Der Mensch ist Erdenbewohner, eine andere Heimat hat er nicht. „Von Erde bist du genommen, zur Erde kehrst du wieder zurück“ heißt es in der Bestattungsliturgie. Wir sind aus den Elementen der Erde gemacht. Außerhalb unserer Mutter Erde gibt es für keinen von uns Adamskindern Leben.

Und Eva, hebräisch „Hava“ meint ebenfalls mehr als ein Individuum. Dieser Name bedeutet einfach „die Lebendige“ oder auch „die Mutter allen Lebens“. Die griechische Übersetzung des Alten Testaments nennt sie „Zoe“ – und das heißt nichts anderes als Leben.

So ist zwar scheinbar von Einzelpersonen die Rede, aber wie so oft in heiligen Texten wird keine historische Realität erzählt, sondern eine Wahrheit, die tiefer reicht: der Mensch an sich, das Leben überhaupt ist bei Adam und Eva das Thema. Die alte Geschichte gewährt tiefe Einblicke in das Wesen des Menschen. Schon immer war und ist der Mensch so: fragend, wissensdurstig, neugierig, forschend, zweifelnd – und dann auch vorwitzig, risikobereit, verführbar, feige, Ausreden und Ausflüchte suchend, voller Scham und Schuld.

Auch die Schlange ist mehr als ein Tier. Sie stellt eine Stimme in uns dar, die den meisten von uns durchaus auch vertraut ist, selbst wenn wir uns bemühen, gute Christenmenschen zu sein. Die Schlange, wendig, leise, beweglich und listig wie sie ist, ist die Stimme des Zweifels an Gott: Sollte Gott gesagt haben? Sollte er das wirklich gewollt haben? Warum lässt er das zu?! Diese Schlangenstimme zischt auch einer Pfarrerin manchmal mitten ins Herz hinein, mitten im Alltag. Wenn ich die politische Entwicklung der jüngsten Zeit beobachte: immer mehr Abgrenzung und Nationalismus, unberechenbare Populisten an der Spitze, die Gefährdung Europas, die Gefährdung des Friedens. Oder wenn ich schmerzlich das Scheitern einer vernünftigen Asylpolitik feststellen muss, immer wieder die schrecklichen Bilder von den Menschen in den Booten im Mittelmeer, die Situation in den Lagern in Griechenland oder die Verzweiflung unserer Flüchtlinge hier in Tutzing, wenn sie – einer nach dem anderen – ihre Ablehnungsbescheide bekommen. Dann zischt die Schlange: Sollte Gott gesagt haben? Sollte er das gewollt haben? Welchen Sinn soll all das Leid haben, das über Menschen kommt?

Und dann verstünde ich ihn gerne, diesen Gott, wäre gerne wie er, wüsste, was böse ist und was gut. Euch werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist, verspricht die Schlange der Frau. Das ist die große Versuchung, eine große, verlockende Allmachtsphantasie: klug werden, allwissend, alles durchblickend, mächtig, bedeutend, einflussreich. Die ganze Skala des Wissens zwischen gut und böse kennen. Die Welt in ihrer Komplexität verstehen, eindeutig Position beziehen – nicht so, wie es uns oft geht, wenn wir nicht genau wissen, was gut und richtig ist. Weil es eben unklar ist. Weil ethische Positionen nicht immer leicht zu finden sind. Weil in vielen Fällen vieles dafür, anderes aber dagegen spricht. Und vielleicht, weil es in den wirklich großen Fragen unseres Lebens oftmals nicht einfach ein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Deshalb schreibt der Apostel Paulus wohl so knallhart und höchst realistisch: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich! (Röm 7,18f)

Nein, ich weiß eben nicht immer, was richtig ist und gut. Vor sechs Jahren hatten wir ein kurdisches Mädchen, Suna Ceven, nach Deutschland geholt und sie hier operieren lassen. Zunächst war alles gut gegangen, wir waren stolz, es geschafft zu haben und bekamen auch in der Presse viel Anerkennung. Nun hat Suna eine Infektion in der Hüfte. Wenn nicht etwas geschieht, so sagen die Ärzte, verliert sie ihr Bein. Manche meinen, im Nachhinein betrachtet sei es ein Fehler gewesen, das Mädchen her zu holen und zu operieren. Was ist richtig? Was falsch? Erneut stehen wir jetzt vor dieser schwierigen Frage. Morgen werde ich deshalb nach Augsburg fahren und Gespräche mit den Ärzten und der Verwaltungsleitung eines Krankenhauses führen.

Euch werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Ja, da bin ich schon gerne dabei, nach der Frucht zu greifen. Die verlockende, pralle Frucht, „eine Lust“, wie die Bibel sagt – sie ist beileibe nicht nur ein Symbol sexueller Verlockungen, wie es die Bilder zahlreicher Künstler uns nahe legen wollen. Es geht um lustvolle Weisheit, um verlockende Machtfülle. Wissen ist Macht, heißt es. Und Macht hat durchaus etwas Lustvolles, wenn nicht gar Erotisches. Das gesamte Know-How Gottes zur Verfügung haben, wissen, wie man handeln soll. Perfekt über das Leben Bescheid wissen und darüber verfügen. Das ist die eigentliche, die größte und gefährlichste Versuchung der Menschen. Genau davor warnt die uralte Geschichte. Ihr werdet aus dem Paradies geworfen werden, mahnt sie. Alle eure Ausreden und Ausflüchte werden euch am Ende nichts nützen. Ihr werdet euch schämen, werdet Schmerzen erleiden und ein anstrengendes Leben führen müssen. Das Paradies, der Zauber des Anfangs, die wunderbare Harmonie eurer Gemeinschaft mit Gott, geht euch verloren durch eueren Zweifel und durch euer Bestreben, so sein zu wollen wie Gott.

Nun, so weit sind wir wohl längst inzwischen. Die Cherubim stehen mit blitzenden Schwertern vor dem Eingang des Paradieses. Der Weg zum Baum des Lebens ist versperrt, auch wenn wir uns noch so bemühen. Wir verdienen unser Brot im Schweiße unseres Angesichts, wir gebären Kinder und neue Ideen unter Schmerzen. Und immer wieder erleben wir Scheitern und auch Schuld. Das Leben ist anstrengend, kompliziert, undurchsichtig und immer wieder voller Zweifel. Paradiesisch ist es nur noch in flüchtigen Momenten.

Und damit, liebe Gemeinde, müssten wir leben. Sie haben richtig gehört: müssten – nicht müssen. Denn Gott hat die Geschichte weiter geschrieben. Es gibt ein zweites Kapitel: Jesus Christus. „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis!“, heißt es in einem Weihnachtslied. Ja, die Geschichte Gottes mit uns Menschen endet nicht damit, dass wir aus dem Paradies geflogen sind. Mit Christus fängt Gott ganz neu an mit seiner Menschheit. Der Mensch gewordene Gott, der göttliche Mensch Jesus Christus öffnet die Tür wieder.

Auch in diesem neuen Kapitel, im Neuen Testament, ist es, wie gesagt, eine Verführungsgeschichte, die ganz oben steht, gleich nach der Taufe Jesu wird sie erzählt. Als wollte der Evangelist sagen: auch ein getaufter Mensch ist nicht frei davon, Verführungen zu erleben. Allerdings fällt – im Gegensatz zu Adam und Eva – Christus nicht herein auf die Stimme des Versuchers, auch wenn dieser es gleich drei Mal probiert: 1. Steine zu Brot machen. 2. Den Sprung in die Tiefe tun und bewahrt werden. Und 3. Die Welt besitzen, alle Reiche, alles. Das sind drei Varianten der einen Ur-Versuchung der Menschheit, der Versuchung der Macht: Ihr werdet sein wie Gott. Jesus, durch und durch Mensch, greift nicht nach dieser Frucht. Er bleibt Mensch. Er bleibt unten, in der Tiefe, in der Wüste, zwischen Steinen, hungrig, machtlos, Hitze und Kälte ausgeliefert – und später dem Spott seiner Gegner und den Waffen seiner Schächer ausgeliefert. Weg mit dir, Satan! sagt er zur zischenden Verführungsstimme der Macht. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! (2 Kor 12,9). Und er geht diesen Weg konsequent bis zum Ende, bis in den Tod. Er muss nicht werden wie Gott, muss nicht nehmen, was ihm verlockend angeboten wird. Ihm genügt sein Vater im Himmel. Ihm genügt sein Vertrauen auf Gott, trotz allem, was er an Widerspruch und Leid und Schmerz erlebt.

Das ist die Haltung, aus der heraus immer wieder Wunder möglich werden. Vertrauen auf Gott – trotz allem Undurchsichtigen und Schwierigen. Diese Haltung wollen wir auch im Blick auf die Behandlung der jungen Frau Suna Ceven versuchen. Ich bin zutiefst dankbar, dass unser Kirchenvorstand sich einstimmig hinter das Projekt gestellt hat. Und ich glaube und hoffe, dass wir mit Gottes Hilfe Wege finden werden, der jungen Frau erneut zu helfen. „Wer ist dein Nächster“, wurde Jesus einmal gefragt. „Der, der deine Hilfe gerade am dringendsten braucht“, antwortete er in der Geschichte vom barmherzigen Samariter.

Liebe, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft bahnen uns den Weg zurück ins Paradies. Nach der Passionsgeschichte, nach der Leidensgeschichte Gottes an seinen Menschen und der Leidensgeschichte des Menschen an seinem Gott, ist es Ostern geworden. Das Licht hat die Dunkelheit besiegt, die Liebe den Hass, das Leben den Tod. Aber halt – da bin ich ja schon fast in einer Osterpredigt!

Wir stehen heute am Beginn der Passionszeit. Der Leidenszeit – und der Zeit der leidenschaftlichsten Liebe Gottes. Wir gehen den leidenschaftlichen Weg der Passion Christi in den kommenden sechs Wochen mit. Ein Weg durch den Schmerz, durch die Widersprüche, durch alle Schwierigkeiten unseres Lebens hindurch Richtung Paradies. Ein zutiefst menschlicher Weg – und zugleich ein höchst göttlicher. Und Gottes Friede, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, dem paradiesisch Menschlichen. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

Sexagesimae

Wachsen

Liebe Gemeinde,
draußen ist noch Winter, das Ackerland teilweise mit Schnee bedeckt. In den Gärten sind die Rosen zugedeckt, die Obstbäume stehen kahl. Das Wachstum scheint jetzt völlig zu ruhen. Erscheint es uns da nicht seltsam, vom Säen und Ernten zu hören, während man selbst noch in der Winterruhe versunken ist? Die Natur ist erst in ein paar Wochen bereit, wenn die Tage länger werden und die Sonne an Kraft gewinnt. Und doch ist dies unser heutiger Predigttext.
Jesus spricht sehr oft in Gleichnissen zu seinen Jüngern. Bildreich erzählt er, um seinen Zuhörern greifbar zu machen, worum es ihm geht. Er möchte im eben gehörten Gleichnis nicht den großen Unterschied zwischen Samen und Pflanze herausstreichen und es geht ihm auch nicht um den Ernteertrag. Es ist das Gleichnis vom Wachsen der Saat – vom Wachsen der Saat ohne Zutun des Bauern.
Wann können wir nicht über das Wunder des Wachsens und Gedeihens besser staunen als beim Großziehen oder Beobachten von Kindern! Sprechen wir nicht oft von unseren Kindern als Sprösslinge, die wir aufwachsen sehen? Wie staunen wir, wenn wir als Tante oder Onkel nach längerer Zeit den prächtig entwickelten Neffen vor uns sehen oder teilhaben am Erwachsenwerden der Nachbarskinder? Viele Jahre der geduldigen Führung, Liebe, Arbeit, Fürsorge und manchmal auch Strenge sind nötig, um ein Kind großzuziehen. In der Entwicklung eines jungen Menschen gibt es aber auch Zeiten, in denen das Wachstum still zu stehen scheint oder auch tatsächlich still steht - denn kontinuierlich wächst nichts auf der Welt. Und nicht immer kommt das von uns Erhoffte dabei heraus. Das macht auch das Evangelium zum heutigen Sonntag deutlich, indem es darauf hinweist, dass Samen auf der Straße, auf hartem Stein oder unter Dornen meist nicht aufgeht.
Gerade während der Pubertät werden viele Eltern auf die Probe gestellt, sind mit ihrem Erziehungslatein am Ende. Manchmal ist Hilfe gefragt, manchmal aber auch einfach nur Vertrauen. Wir geben uns große Mühe bei der Erziehung unserer Kinder, aber letztendlich wachsen und entwickeln sie sich von alleine zu ganz eigenständigen Menschen. Wir staunen, wir dürfen hoffen und wir dürfen darauf vertrauen, welches unverwechselbare Wesen sich aus diesem kleinen Samenkorn entwickelt.
Ist es nicht auch in unserem eigenen Leben oft wie im Gleichnis? Wir haben irgendwo ein kleines Samenkorn ausgeworfen, oft ganz unscheinbar, kaum beachtet, vielleicht nur verloren? Und doch wächst im Laufe der Zeit, im Laufe unseres Lebens eine stattliche Ähre heran. Es kann ein kleines Gespräch sein, das den Anfang macht für eine neue Aufgabe. Ein Interesse, das plötzlich beruflich in eine neue Richtung führt. Eine Hilfeleistung, Hobby oder Ehrenamt, das sich weiterentwickelt, offen macht für Neues, neue Freundschaften entstehen lässt, manchmal dem Leben neuen Schwung verleiht.
Ich möchte Ihnen Mut machen. Und das gilt für jedes Lebensalter. Legen Sie kleine Samenkörner aus; und dabei gibt es keine Samenkörner, die zu klein, minderwertig oder es nicht wert wären. Vertrauen Sie darauf, dass sich etwas entwickelt! Das Spannende daran ist die Überraschung. Denn wir rechnen oft nicht damit, was sich aus solch kleinen Samenkörnern zu unserer Freude entwickeln kann.
Auch gibt es viele junge Menschen, die in unserer Gemeinde groß werden. In den letzten Monaten konnte ich feststellen, dass in den vergangenen Jahren auch hier viel gesät wurde: Beim Kindergottesdienst, in der Konfi-Arbeit, in der Ausbildung von Trainees zu Mentoren und im Wachsen vom Mentor zur Jugendleiterin. Überall wurde der Same ausgestreut, in der Hoffnung, dass etwas aus der Arbeit hervorgeht: nämlich Kinder und Jugendliche, die sich selbst entfalten, Selbstvertrauen entwickeln, christliche Werte in sich tragen, Verantwortung übernehmen und die mit einer lebensfrohen Grundhaltung das Gute im Blick behalten.

Liebe Gemeinde, nichts steht still: die Erde dreht sich, die Uhr tickt, die Mode wechselt und die Bäume zählen weitere Jahresringe. Wir haschen nach jeder Minute, die verstreicht. Alles muss sich lohnen, jede Arbeit soll sinnvoll erscheinen und wir wollen unsere Lebenszeit voll ausschöpfen. So will man es uns jedenfalls vielerorts glauben machen. Ich finde es schön, wenn wir unser Leben in die Hand nehmen und anpacken!
Doch darf man nicht vergessen, dass unsere menschliche Natur, die unabdingbar zu uns gehört und uns leitet, auch Zeiten der Einkehr, der Besinnung und des Stillstands vorsieht. Das können wir an den Jahreszeiten gut erkennen – wie die Natur im Frühjahr wächst und gedeiht, nach Wachstum strebt, im Sommer mit ihren Reizen nicht geizt, alles zur Reife bringt. Im Herbst ist die Zeit der großen Ernte, bevor die Natur sich in sich selbst zurückzieht, Kräfte sammelt, um über den harten Winter zu kommen, aber auch um in der Zeit des scheinbar vollkommenen Stillstands schon wieder den neuen Samen auslegt für das Aufbegehren im Frühling.
Jesus vergleicht das Wachsen der Saat mit dem Wachsen des Reiches Gottes. Ganz so optimistisch, wie wir auf die Kinder schauen, fällt der Blick auf das derzeitige Weltgeschehen, in dem selbst Glaubenskriege geführt werden, wohl nicht aus. Hier fällt es uns am schwersten, Spuren zu sehen. Aber dass wir es nicht sehen, heißt nicht, dass da nichts ist.
Das Reich Gottes ist Jesus ein großes Anliegen – im Neuen Testament lassen sich viele Aussagen Jesu darüber finden. Im Gleichnis vom Wachsen der Saat verweist Jesus auf das kommende Gottesreich, er verheißt es uns. So beten wir im Vater Unser „dein Reich komme“.
Jesus ruft damit Geduld. Er schiebt den Eiferern, die das Wachstum des Reiches Gottes nach ihren eigenen Vorstellungen manipulieren oder herbeizwingen wollen, einen Riegel vor. Der Mensch in seinem Übereifer, seinem Egoismus und seinem Machtgehabe wird ausgebremst. Religiöser Übereifer ist hier fehl am Platz. Jesus verspricht uns, dass wir letztendlich auf die Gnade Gottes vertrauen dürfen, dass sein Reich kommt. Dieser Ruf zur Geduld ist im Grunde ein Ruf in die vertrauende Nachfolge Jesu, auch durch das Nichtwissen und die Dunkelheit hindurch!
Es ist auch ein Zuspruch zum Glauben, dass Gott in wunderbarer Weise aus kleinsten Anfängen Großes erwachsen lässt. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht für uns noch etwas zu tun gäbe. Natürlich dürfen und müssen wir uns einbringen in dem Bemühen, das uns Mögliche zu tun, das Beste zu wollen, zum Wohle aller. Dieser Glaube schließt die Gewissheit ein, dass der Mensch das Seinige zur rechten Zeit dazutut. Dass der Mensch die ihm von Gott auferlegte Verantwortung über alle Dinge wahrnimmt und trägt.
Der Blick auf die Natur kann uns gelassener machen! In ein paar Wochen ist der Frühling da, die Spatzen pfeifen ihn uns herbei! Das Getreide wird wachsen, die Rosen werden blühen und die Apfelbäume werden Frucht ansetzen. Das Reich Gottes wächst, auch wenn es manchmal gar nicht danach aussieht. Die Erfahrung, dass bei erwachsenen Kindern schließlich doch vieles von der Erziehung zum Vorschein kommt, obwohl es lange nicht so aussah. Unsere Kirchenrenovierung, der Konfi-Eltern-Chor, die Jugendgottesdienste, das Reformationsjubiläum – dies alles sind Zeichen, dass etwas vorangeht, dass da etwas entsteht! Gott lenkt uns und hält uns in seiner Hand. Wir dürfen Jesu Verheißung vom Kommen des Reiches Gottes Glauben schenken. Gottes Zusage gilt! Wenn die Zeit reif ist, dann dürfen wir ernten, was wir gesät haben, dann wird die Frucht reif sein zur Ernte.
Amen.

Beatrix Bayerle

 

 

Letzter Sonntag n. Epiphanias

Freiheit

Liebe Gemeinde!

Wer darf welchen Boden betreten? Das ist zurzeit ein großes Thema. Menschen aus sieben Nationen dürften, ginge es nach dem Willen des amerikanischen Präsidenten, US-amerikanischen Boden nicht mehr betreten. Unter den Augen der Freiheitsstatue wird versucht, Reisefreiheit zu beschränken. Mauern und Grenzen, Quoten und Obergrenzen, Kontrollen und Restriktionen sind das neue Thema, nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns. Sicherheit und Freiheit – die beiden scheinen widersprüchliche Begriffe geworden zu sein. Entweder Sicherheit. Oder Freiheit. Beides zusammen geht nicht. Oder?

Die Geschichte, die wir heute als Predigttext aus der Bibel hören, führt uns mitten in dieses Thema hinein: Freiheit und Sicherheit. Sicherheit und Freiheit.
Sie spielt in der Frühzeit Israels, im 1300 oder 1500 vor Christus, ganz genau weiß das keiner. Sie handelt von Mose, dem großen charismatischen Führer Israels.

Reichlich wirr hatte sein Leben begonnen: Gewalt und Verfolgung, ein Körbchen im Nil, die Adoption durch eine ägyptische Prinzessin, Erziehung am Hof – und dabei immer wieder die Frage nach der Identität: Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Zu den Israeliten, diesem gequälten, unterdrückten Volk? Oder zu den Ägyptern – mit ihrem Reichtum, ihrer Kultur und ihrer Gewalt?

Als junger Mann beobachtet Mose eines Tages, wie ein Ägypter einen Israeliten brutal quält. In diesem Augenblick weiß er, zu wem er gehört, zu wem er hält. In einem Anfall von Rage und Rache bringt er den Ägypter um und muss fliehen. Im Land seiner Zuflucht, in Midian, lernt er eine junge Frau kennen, verliebt sich, heiratet sie und meint, nun sei endlich alles gut. Eine Beziehung, die Idylle einer kleinen Familie als Schutz vor quälenden Erinnerungen. Mose will vergessen. Er will ein Leben in Ruhe und Sicherheit führen.

Nur: Gott hat andere Pläne. Eines Tages geschieht eine seltsame Geschichte. Wir hören sie aus dem 2. Buch Mose im 3. Kapitel,Verse 1-14:

Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus
und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme
aus dem Dornbusch.
Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen,
warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen,
rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose!
Er antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen;
denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter:
Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks
und der Gott Jakobs.
Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der HERR sprach:
Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.
Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand
und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land,
in ein Land, darin Milch und Honig fließt…
Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist
und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen,
so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk,
die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose sprach zu Gott:
Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?
Er sprach: Ich will mit dir sein.
Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe:
Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast,
werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.
Mose sprach zu Gott:
Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen:
Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden:
Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?
Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.
Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen:
»Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Stellen Sie sich mal einen Menschen vor, der Ihnen auf die Frage: „Woher kommst du, wer hat dich geschickt?“, mit dem Satz antwortet: „Der »Ich werde sein« schickt mich.“ Wahrscheinlich würden Sie denken: „Der spinnt doch?!“
Mose wird es nicht anders gegangen sein. Er ist verwirrt und verunsichert. Er fühlt sich der riesigen Aufgabe, die auf ihn wartet, nicht gewachsen. Er hat Angst.

Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?
Eine bohrende Frage: Wer bin ich? Wie schwer kann die Aufgabe sein, die ich mir zutraue? Wie groß die, die mir zugemutet wird? Habe ich überhaupt die Fähigkeiten dazu? Das Durchhaltevermögen? Den Mut?

Die Antwort Gottes auf solche Fragen lautet nun nicht etwa: „Doch, du kannst das schon. Deine Kraft reicht. Du bist doch ein starker Kerl!“ Gottes Antwort lautet schlicht: Ich will mit dir sein.

So steht Mose auf dem dürren Steppengras, barfuß, ohne Schuhe, verletzlich. Er spürt die warme, trockene Erde, von der Gott sagt, sie sei heilig, unter seinen Fußsohlen. Er sieht die seltsame Erscheinung eines brennenden Dornbusches. Er hört die Stimme Gottes. Und er versteht erst einmal gar nichts.

Doch irgendetwas macht ihn dann doch stark in dieser verwirrenden Situation. Vielleicht, dass Gott ihn beim Namen ruft? Mose, Mose! Das tut ja gut, mit seinem persönlichen Namen gerufen, erkannt zu werden. Mose das bedeutet übersetzt: der Herausgezogene. Seine Adoptivmutter, die ägyptische Prinzessin, hatte ihn als Baby aus dem Wasser gefischt. Aber der Name Mose kann auch bedeuten: Der, der herauszieht, nämlich sein Volk aus dem Schlamassel. Es ist die Lebensaufgabe des Mose, seine Israeliten in die Freiheit zu führen. Dieser große Auftrag ist in seinem Namen von Anfang an angelegt wie ein geheimes Programm. Als Gott ihn jetzt beim Namen ruft, ist das vielleicht wie eine Erinnerung an seine eigentliche, große Lebensaufgabe. So etwas macht stark, wenn man spürt: Ja, das gehört zu mir. Das passt zu mir. Das bin ich.

Oder aber ist es der geheimnisvolle Name Gottes, der Mose stärkt? Ich werde sein, der ich sein werde. Ich bin der, als der ich mich für dich erweise. Ich bin da! Im Hebräischen heißt dieser Gottesname Jahwe. Den Juden ist dieser Name so heilig, dass sie ihn niemals aussprechen. Wenn Gott seinen Namen offenbart, offenbart er sich selbst damit, sagen sie. Ich bin da! Was für ein Name, was für eine Zusage!

Wir sind da doch im Bezug auf Gott nicht immer ganz so sicher. Gerade, wenn wir in einer Krise stecken und den Boden unter den Füßen zu verlieren, fragen wir: „Gibt es dich wirklich, Gott? Wo bist du denn? Warum mutest du mir so viel zu? Warum lastest du mir so viel auf?!“

Ich werde sein, der ich sein werde, sagt Gott. Ich höre diesen Namen wie eine Botschaft: Ich lasse dich nicht im Stich. Niemals. Du wirst mich kennenlernen. Ich werde da sein für dich – aber, wart‘s ab, ganz anders, als du es dir vorgestellt oder erwartet hast. Halte dich offen für mich. Bewahre dir deine Neugierde. Suche wach und aufmerksam die Zeichen meiner Gegenwart. Und du wirst merken: Ich bin da!

Es gibt Situationen im Leben, da wissen wir: „Ja, da war Gott da. Da habe ich ihn erlebt und gespürt. Da ist mir seine Führung ganz deutlich geworden.“ Oft erkennen wir das erst im Nachhinein. Solange der Dornbusch vor uns brennt, etwas Seltsames oder Belastendes geschieht, wir verwirrt, unsicher sind orientierungslos sind und uns überfordert fühlen angesichts einer großen Aufgabe, solange können wir Gott kaum darin erkennen. Aber hinterher, im Nachhinein, wird uns klar: Da war er wieder, der große Ich bin da. Was damals geschehen ist, war kein Zufall. Es hatte einen tiefen Sinn für mein Leben. Es gibt eine Führung. Mein Leben ist und bleibt geborgen in Gott.
Mose, der Herausgezogene, der Herausziehende trifft am brennenden Dornbusch auf den Ich bin da. Aus dieser feurigen Begegnung erwächst ihm die Kraft, seine Lebensaufgabe, seine Berufung, anzunehmen.

Wenig später wird er seinen Mann stehen – wird vor den mächtigsten Führer der Welt treten, vor den Pharao, und etwas Ungeheuerliches tun: Er wird diesem Herrscher ins Gesicht sagen, dass er auf einen Teil seiner Sklaven verzichten soll. Weil ein Ich werde sein, der ich sein werde – Gott das so befiehlt. Er wird ihm sagen, dass er das Volk Israel frei lassen soll.

Vor einigen Jahren, liebe Gemeinde, haben wir hier in Tutzing einmal ein Bibliodrama zu dieser Geschichte gemacht. Spielerisch und mit kreativen Methoden haben wir uns dem Brennenden Dornbusch angenähert. Dabei ist auch ein Rap entstanden, den möchten wir Ihnen jetzt gerne vorspielen:

Moses-Rap                                                                                                            (Musik hören)

Bei Moses klingelt das Telefon.
„Ok, kleinen Moment, ich komm ja schon.
Pronto. Wer isn dran?“
Am andern Ende spricht eine tiefe Stimme, ein Mann,
ruft ausm brennenden Dornbusch an.
Er sagt er ist Gott seit vielen vielen Jahren,
genau gesagt schon vor Abraham.
Moses soll jetzt zuhörn, er muss ihm was erklärn.

Moses steht die Angst im Gesicht.
Was will der Heilige von ihm, von ihm,
dem kleinen Schafhüte-Wicht?
„Ich weiß, wies unsern Leuten in Ägypten geht,
und du weißt es auch, Moses, also stell dich net
so an
und geh zum Pharao, Mann,
noch heute
und hole unsre Leute
weg aus der ägyptischen Fron.
Macht euch in die Wüste davon.
Es wird kein Zuckerschlecken
und manche werdn verrecken.
Bring sie, wenn du kannst, in das Land,
wo Milch und selbstverständlich Honig fließt,
auch wenn du keine Ahnung hast, wo das ist.
Ich zeigs euch schon, verlass dich drauf.
Aber – es wird ne Weile dauern.“

Moses schluckt und hat Fragen,
„Mann was soll ich sagen,
wenn unsre Leute fragen,
wer hinter dieser Sache steht,
von wem das Ganze ausgeht?
Mit wem sprech ich überhaupt?“
Da spricht der Heilige mit tiefem Sinn
„Ich bin der ich bin.
Ich bin, der ich bin.
Ich bin der, ich bin.
Wir kriegen das zusammen hin.“
„Okay, Alter, ich machs.“
sagt Moses, legt auf,
rennt zum Palast hinauf
und redet mit dem Pharao über die
Freiheit
Freiheit
Freiheit.                                              (Karl Wilhelm)

Freiheit! Knapp dreitausend Jahre nach Mose schreibt im Jahr 1520 Martin Luther eine seiner wichtigsten Schriften und nennt sie „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Luther reagiert damit auf die Bannbulle des Papstes, die ihn verurteilt und aus der Kirche ausschließt. Das „kleine Mönchlein“ stellt sich mutig den mächtigsten Männern seiner Zeit entgegen. Luther erklärt dem Papst, dem Kaiser und der ganzen Welt, dass es so nicht weitergehen kann mit der Kirche. Die Christen sollen sich endlich frei machen von unsinnigen Bindungen an Hierarchien, von all den Abhängigkeiten und Ängsten, die sie knechten. Allein an Christus und seiner Liebe soll christlicher Glaube orientiert sein. Wo die Kirche das vergessen hat, muss sie reformiert und geistlich erneuert werden, so Luthers tiefe Überzeugung.

Interessanterweise hat Martin Luther eine in manchem durchaus vergleichbare Lebensgeschichte hinter sich wie Mose: Auch er hat sich durchkämpfen müssen, durch seine Unsicherheit und seine Minderwertigkeitsgefühle, bis er endlich überzeugt ist, dass Gott ausgerechnet ihn für seine Pläne braucht. Ich bin getauft, schreibt Luther in der Zeit seiner höchsten Zweifel und Anfechtungen mit Kreide auf seinen Schreibtisch. Das ist die christliche Form des Ich bin da. Denn genau das feiern wir ja in der Taufe, dass Gott uns die große Zusage macht, uns nie mehr zu verlassen. Ich bin getauft. Gott ist da. Er wird der für mich sein, der er sein wird. Aus dieser Überzeugung gewinnt Luther die Kraft und das Selbstbewusstsein, sich für die Freiheit aller Christenmenschen einzusetzen. Sicherheit und Freiheit – für ihn sind die beiden keine Widersprüche mehr. Im Gegenteil, sie gehören zusammen. Wer sich sicher ist, Gott an der Seite zu haben, der ist zugleich frei.

Gott ist da. Er wird der für mich sein, der er sein wird. Vermutlich hat er noch ein paar Pläne mit uns, große oder kleine Aufgaben, die dem Leben Sinn verleihen. Eines Tages, liebe Schwestern und Brüder, werden wir dann hoffentlich ankommen an der Grenze des Landes, in dem Milch und Honig fließen. Mit diesem Blick in Richtung aufs gelobte Land können wir gut leben und eines Tages hoffentlich auch gut sterben. Wir werden dann hoffentlich sagen können: Es war gut, so wie es war. Unser Leben war nicht umsonst. Trotz aller Schwierigkeiten und Krisen, durch die wir gehen mussten, trotz aller Wüstenzeiten hat unser Lebensweg ein gutes Ende genommen. Das ist unsere Hoffnung. Das ist unsere Sehnsucht. Das ist unser Glaube. Das hilft und stärkt. Und der Friede des Ich bin da-Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Sicherheit und Freiheit in Jesus Christus. Amen.

Ulrike Wilhelm

4. Sonntag nach Epiphanias

Seesturm und Angst

Liebe Gemeinde,
was ist gleichzeitig das lebensnotwendigste und gefährlichste Element der Erde? – Wasser!
Ein Schluck Wasser auf einer trockenen Kehle sorgt für Energie, löscht den quälenden Durst und wirkt wie eine Erlösung an manch heißen Tagen. Ohne Wasser könnten wir nicht lange überleben, während ein paar Regengüsse zuviel ganze Landstriche verwüsten können. Wir haben das ja mit dem Starnberger See täglich vor Augen, wie er ruhig und still, romantisch daliegt, und wie aufgewühlt der See beim letzten Wintersturm war, den das Wettertief Egon hervorbrachte.
Und heute am 4. Sonntag nach Epiphanias? Wasser, wohin wir auch blicken. Wasser im Psalm und Wasser im Evangelium. Und dabei handelt es sich gerade nicht um Wasser als Quelle des Lebens. Wir hören heute vom Wasser in seiner stürmischsten Form.
Vier Wochen ist das Jahr alt und der erste Monat fast vorbei. Einer Kreuzfahrt gleich hat das neue Jahr die Anker gelichtet, Fahrt aufgenommen und vielleicht schon den ersten rauen Wintersturm erlebt. Was aber hält das Gemeindeschiff auf Dauer über Wasser und auf Kurs? Wonach richten Sie das Familienschiff aus, Ihr eigenes Lebensboot, wenn die Wellen sich haushoch türmen und dunkle Nacht ein Fahren auf Sicht unmöglich macht?
Die Bibel erzählt uns mit ihren Wasser- und Sturmgeschichten von der Liebe und Stärke Gottes. In den Stürmen dürfen wir Jesus unserm Herrn und Bruder nachfolgen. Lassen wir uns von den Stürmen und Gefahren des Wassers gefangen nehmen oder schauen wir voll Vertrauen auf Jesus?
Schauen wir mal, wie der Künstler Sieger Köder es dargestellt hat. Sie haben am Eingang eine Bildkarte erhalten. Die dürfen Sie jetzt in die Hand nehmen und in Ruhe näher betrachten. Welchen ersten Eindruck hat das Bild auf dich gemacht? Welche Farben wurden verwendet? Was siehst du?  Mit welcher Musik würdest du die Szene hinterlegen? Wo könnte sich die Szene abspielen? Wärst du selbst gerne dabei?

Der Maler macht es deutlich: Indem das Boot die untere Bildkante überschneidet, nimmt es den Betrachter mit in dieses Boot hinein und macht die Angst und das Tun der Jünger zu unserer Angst und Aktivität. Vieles wühlt auch unsere Seele auf. Manches überflutet uns sogar. Hektische Unruhe überfällt uns. Wir rudern mit voller Kraft, und doch scheint unsere Mühe umsonst. Wir schöpfen alle Möglichkeiten aus und sind am Ende selber erschöpft. Wir versuchen wie die Jünger damals mit stürmischen Gebeten Gott gnädig zu stimmen: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Rette uns!“ Pause
Geht es uns nicht oft so wie dem Jünger im grünen Hemd, der verbissen versucht, das Ruder in der Hand zu behalten – im wahrsten Sinne des Wortes! Der Jünger will sich nicht unterkriegen lassen, er will kein Spielball sein. Er will die Richtung bestimmen, meint, es besser zu wissen und gibt sein Bestes, zu seinem Ziel zu kommen. Das gebrochene Ruder macht seinen Willen deutlich. Der Jünger trägt Hoffnung in sich, wie die Farbe seiner Kleidung verdeutlicht. Pause
Ja, ich kann den Jünger gut verstehen – ich selbst harre der Dinge und gebe nicht so leicht auf. Das, liebe Gemeinde, hört sich ja erst mal recht positiv an. Doch die Gefahr ist groß, sich dabei zu verausgaben und am Ende ausgelaugt wie der Jünger in Rot, sich nur noch nach Halt suchend versuchen festzuhalten. Die Farbe rot symbolisiert aber auch den Überlebenswillen des Jüngers. Ihm ist sein Leben kostbar, er liebt sein Leben. Pause
Der dritte Jünger macht im Prinzip sinnlose Arbeit. Er schöpft mit einem Eimer das Wasser aus dem Boot zurück ins Meer. Dabei läuft es ja immer wieder unnachgiebig sofort zurück ins Boot. Trotzdem bemüht sich der Jünger. Seine Kleidung scheint mit dem Sturm eins zu sein. Der Mensch kämpft lebenslänglich mit seinen Ängsten und Zweifeln und versucht, sein Boot „frei“ zu halten. Angst vor Krieg und Terror, Angst vor Identitätsverlust, Angst vor dem Klimawandel, fehlender Gleichberechtigung, Unterdrückung, Versagensängste und Selbstzweifel, Zweifel am gesunden Menschenverstand. Die Liste ist lang mit Aufzählungen, vor denen wir Angst haben und verzweifeln könnten.

Provozierend heißt es von Jesus: „Er lag hinten im Boot und schlief“, gelassen – mitten im Untergang, die absolute Ruhe im Sturm; denn er weiß sich untrennbar verankert in der Hand Gottes, seines Vaters. Der ist seine Ruhe und Sicherheit. Und keine Macht der Welt wird ihn aus dieser Ruhe bringen. Nur wie schafft Jesus das? Weil er der allmächtige Gottessohn ist? Pause
Jesus können wir an der Spitze des Kahns entdecken, eingehüllt in leuchtendes Weiß. Wie eine Decke umschlingt es den schlafenden Mann. Ich glaube, dass Jesus sehr oft in seinem Leben an uns Menschen hätte verzweifeln können – wenn er nicht dieses absolute Gottvertrauen gehabt hätte! Jesus vertraute auf Gott, er hat sich auf ihn verlassen. Ich denke allerdings nicht, dass Jesus wirklich in dem Boot schläft, vielmehr betet er. Er ist Gott ganz nah, teilt ihm seine Sorgen, Bitten und Ängste mit und weiß sich getragen.
Und übrigens: Die Jünger hatten auch weiterhin Angst! Nur weil es Jesus so sagt, geht die Angst auch im vierten Kapitel des Markusevangeliums nicht einfach weg. Die Jünger damals, wie heute wir, haben trotz des Erscheinens Jesu weiterhin Angst und Zweifel. Das ist zutiefst menschlich.
Immer wieder gelingt es mir als gläubige Christin gerade NICHT, dass meine Angst verstummt, obwohl ich es mir geradezu verzweifelt wünsche. Darum geht es auch gar nicht: Nicht der Sieg über die Angst, sondern die Nachfolge unseres Herrn ist das, was hilft! Ich glaube, dass wir uns oft viel zu lange mit unseren Ängsten und Problemen beschäftigen, anstatt das Gute im Leben in den Blick zu nehmen, all das, was in unserem Leben gelungen ist, was uns geschenkt wird, was unser Leben froh und reich macht, und daran zu glauben.

Wo sind Sie vor Angst erstarrt und schauen nach Hilfe aus? Was könnte die Hilfe für Sie sein, liebe Gemeinde? Wo rudern Sie verzweifelt in Ihrem Leben, verausgaben sich und würden sich gerne auf Jesus neu ausrichten? Pause

Die Seesturmgeschichte macht deutlich: Tiefgründiger als der schlimmste Abgrund ist die bedingungslose Liebe und Treue Gottes. Gott lässt uns in keiner Gefahr allein. Mit ihm zusammen überleben wir alle Stürme und Ängste, sogar den Tod! Darauf sollten wir vertrauen, daran sollten wir glauben. Und dazu fordert uns Jesus direkt auf, indem er uns zwei Fragen stellt: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“
Wir feiern ja noch Epiphanias, das Wunder, dass Gott sich uns in Jesus als Kind offenbart und uns erschienen ist – freundlich, schöpferisch, treu, barmherzig, gnädig und voller Liebe! Danach sollten wir unser Leben ausrichten!
Sei getrost und fürchte dich nicht! Ich, dein Gott, bin bei dir und ich werde dich nicht verlassen!
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Beatrix Bayerle

 

 

3. Sonntag n. Epiphanias

Wunder

Joh 4,46-54 (Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten)

Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte.
Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum.
Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa gekommen war, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn der war todkrank.
Da sprach Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.
Der königliche Beamte sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!
Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.
Und während er noch hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt.
Da fragte er sie nach der Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.
Da merkte der Vater, dass es zu der Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.
Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.


Wer das Wort „Wunder“ googelt, liebe Gemeinde, der kann ein blaues Internet-Wunder erleben. Tausende von Seiten gibt es zu diesem Begriff, theologische, ja – aber auch Seiten, die Autos anpreisen oder Dienstleister, Reiserouten oder Diätpläne, Schönheitschirurgen oder Gartenbaubetriebe. Lieder, Gedichte, Theaterstücke und Bücher sind geschrieben worden über Wunder, so viele, dass man sich nur wundern kann. Aber wenn ich meine Schülerinnen und Schüler in der 6. Klasse frage, ob sie an Wunder glauben, sagen alle: Nein. Ein Wunder, das wäre doch das Sprengen aller Naturgesetze – an so etwas glauben wir nicht, wir sind doch vernünftige, moderne Menschen.

Die Geschichte aus dem Johannesevangelium erzählt nicht von einem Wunder, das die Naturgesetze sprengt. Keiner geht übers Wasser, niemand verwandelt Wasser in Wein. Es passiert nichts Unmögliches. Nur: ein Kind wird gesund. Es hat doch nicht sterben müssen. Das Fieber ist zurückgegangen. Der Bub hat es geschafft. Er ist auf dem Weg der Besserung. Eine Wundergeschichte? Oder eine Verwunderungsgeschichte? Weil fast keiner mehr damit gerechnet hatte? Vielleicht auch eine Verwundungsgeschichte? Weil es so wehgetan hatte, diese Krankheit hilflos mit anschauen zu müssen? Auf jeden Fall eine Geschichte, über die man sich wundern kann. Sie erzählt uns viel über Jesus. Und über die Kraft des Glaubens.

Aber der Reihe nach. Die Geschichte führt uns mit ihrem allerersten Satz in einen Ort, an dem Jesus sein allererstes Wunder getan hatte. Das Weinwunder. Das Festwunder: Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Das hatten die Leute nicht vergessen. Davon hatte man noch lang geredet in diesem kleinen Ort in der Nähe von Nazareth, dass der Zimmermannssohn damals die Party gerettet hatte. Wer weiß, wie. Begriffen hat das vermutlich keiner. Aber jetzt ist er wieder da, bekannt inzwischen und beliebt bei den einen, verhasst bei anderen.

Da kommt dieser Mann im Dienst des Königs, ein hoher Beamter also. Kein armer Schlucker, sondern sicher jemand, der genug Geld hatte, Ärzte zu bezahlen, der Zugang hatte zu den besten medizinischen Möglichkeiten. Alles hatte dieser Beamte wahrscheinlich schon versucht, um seinen Sohn zu retten, nichts wird ihm zu teuer oder zu viel Aufwand gewesen sein. Denn welchem Vater wäre es egal, wenn sein Kind todkrank daliegt? Da tut man alles. Da lässt man nicht locker. Da wäre man bereit, sein letztes Hemd zu geben, um das Kind, das man liebt, zu retten. Doch offenbar hatte nichts genützt. Kein Geld, keine Medizin, nicht einmal die guten Beziehungen zum König. Heilung ist nicht um jeden Preis zu haben. Das wissen auch heute viele. Auch wer noch so gut versichert ist, sich die besten Ärzte und die teuersten Therapien leisten kann, hat keine Garantie. Das Leben ist immer lebensgefährlich.

Der Vater des kranken Kindes bittet Jesus, doch herunterzukommen an den See Genezareth. 35 Kilometer sind das ungefähr von Kana, ein strammer Tagesmarsch. Immer bergab. Immer Richtung See. Dorthin, wo die Familien der Jünger lebten und Jesus sicher herzlich aufgenommen werden würde. Komm herab! bittet der Mann – ob er damit noch mehr meint als die geographischen Gegebenheiten? Lass dich herab, bitte, um uns zu helfen. Ich flehe dich an, nimm dich meines Sohnes an!

Ich denke bei der Szene an einen Film, der letztes Jahr im Kino lief: „Eine unerhörte Frau“. Eine bayrische Bäuerin spürt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht in Ordnung ist, das kleine Mädchen wächst nicht. Bei allen Ärzten blitzen sie aber ab, niemand nimmt die Mutter ernst. Unerhört finden alle, dass sie stört. Dass sie sich nicht abfindet mit Vertröstungen. Dass sie mit ihrer ganzen Kraft kämpft für ihre Tochter. Eine unerhörte Frau, die sich mit ungeheurer Energie für ihr Kind einsetzt.

Ihr geht es genau wie dem königlichen Beamten in unserer Geschichte: Sie blitzt erst mal ab.
Jesus spricht einen seltsamen Satz: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Da möchte man ihn doch rütteln und schütteln und sagen: Bei allem Respekt, Herr Jesus, jetzt geht es gerade mal nicht um Glauben. Jetzt sind keine religiösen Theorien gefragt, sondern Hilfe für das todkranke Kind. Überhaupt. Warum antwortest du im Plural, wenn da doch nur einer vor dir steht, der jetzt Hilfe benötigt. Schau doch nicht so über die Menschen hinweg. Ein Gefühl, eine Entrüstung, ein trotziger Protest, wie sie uns auch heute nicht fremd sind. Denn manchmal haben wir doch das Gefühl: Gott sieht uns doch gar nicht. Wir beten zwar, wenden uns an ihn, immer wieder, immer voller Hoffnung, voller Sehnsucht. Und trotzdem passieren so viele schlimme Dinge. Komm herab! Wende dich doch endlich uns zu. Neige deine Ohren zu meinem Schreien (Ps 88,2)! Trotzige, wütende Gebete gegen einen drüberstehenden, distanzierten Gott. So wie die Bäuerin in dem Film sich trotzig und wütend durchgekämpft hat zu den Ärzten. Bis nach Amerika ist sie geflogen mit ihrem letzten Geld und als sie den Spezialisten dann endlich entdeckt, gibt es kein Halten mehr: Sie fällt auf die Knie, weint, schreit, bittet so inständig, dass Arzt gar nicht mehr anders kann, als ihr die Operation ihrer Tochter zuzusagen.

Jesus wäre nicht Jesus, bliebe er in so einer Situation distanziert. Allerdings folgt er der Bitte des Vaters nicht so, wie dieser sich das vorstellt. Er macht sich nicht wie gewünscht auf die Wanderung nach Kapernaum. Er lässt sich nicht herumdirigieren, nicht einmal von der Verzweiflung eines Vaters. Stattdessen sagt er einen erstaunlichen Satz: Geh hin, dein Sohn lebt! Das ist keine ärztliche Heilung, vermutlich nicht einmal eine Fernheilung über 35 Kilometer hinweg. Aber es ist ein Satz, der von tiefem Glauben ans Leben zeugt. Von dem ganz tiefen Vertrauen, dass alles gut wird, dass das Leben siegt und das Kind lebt. Geh hin! sagt Jesus. Beweg dich. Geh zu der Person, die dich jetzt am dringendsten braucht. Wende du dich ihr zu. Du, geh hinab zum See Genezareth, mach dich auf den Weg. Du wirst sehen, es wird gut.

So wird ein von Angst gelähmter Vater in Bewegung gesetzt. Vielleicht ist das das eigentliche Wunder: Wenn jemand in Aktion kommt, etwas tut gegen Krankheit und Leid und Tod. Der Mann, so lesen wir glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Eine Tagesreise weit. Und als der Beamte heimkommt am nächsten Tag, laufen ihm seine Leute schon entgegen mit der frohen Botschaft: Dein Kind lebt! Was für ein Satz – für Eltern, die bangen. Was für ein Evangelium: Dein Kind lebt! Es ist besser geworden mit ihm, das Fieber ist vergangen, gestern etwa um die siebte Stunde kam die Wende. Der Vater rechnet nach: Das war die Stunde, in der er Jesus bekniet hatte, sein Kind zu heilen.

Kennen Sie das, liebe Gemeinde, seltsame zeitliche Überschneidungen von Ereignissen zwischen Menschen, die sich nahe sind? Da bleibt im Haus der Eltern eine Uhr stehen in dem Moment, in dem der Sohn verunglückt. Da fällt ein Bild von der Wand an einem Tag, wo ganz wo anders die Großmutter stirbt. Da rufen sich zwei in derselben Minute an, die monatelang nichts voneinander gehört hatten. Immer wieder gibt es solche Geschichten, als wären da unsichtbare, feine Drähte zwischen Menschen und Dingen, als wäre nichts, was geschieht, einfach Zufall. Erklärbar sind solche Ereignisse nicht. Aber es gibt sie. Sie stärken unseren Glauben. Wir ahnen in solchen Momenten, dass die sichtbare, vordergründige Realität längst nicht die ganze Wirklichkeit ist. Wenn die Kraft von Ereignissen oder Gedanken so groß ist, dass sie selbst über zeitliche und räumliche Dimensionen hinweg reicht, dann wird unser Vertrauen ins Leben gestärkt. So endet die Geschichte von der Heilung des Kindes folgerichtig mit den Worten: Und der Mann glaubte mit seinem ganzen Hause.

Was muss in unserem Leben passieren, dass wir glauben können? Welche Zeichen und Wunder brauchen wir, damit wir in Gott vertrauen können oder ins Leben oder in andere Menschen? Was braucht es, damit nicht die Angst die Oberhand gewinnt, sondern wir gut und gestärkt in den neuen Tag gehen können? Fragen, die vermutlich nur jeder und jede von uns für sich allein beantworten kann. All die unerhörten Frauen, all die königlichen Beamten, all die besorgten Eltern, all die Menschen, die sich nicht zufrieden geben mit der Welt, wie sie eben ist, sondern die sich sehnen nach Linderung, Heilung, Sicherheit und Frieden – all diese Menschen haben die Kraft, etwas zu verändern. Mit Gottes Hilfe muss die Welt nicht bleiben, wie sie ist. Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Ich sage jetzt bewusst noch nicht Amen. Heute gibt es noch ein P.S. unter diese Predigt. Ich möchte Ihnen nämlich von einem Mädchen erzählen, deren Familie gerade in einer ähnlichen Situation ist wie die Leute aus unserer Geschichte. Es geht um Suna Ceven. Wir hatten das Mädchen vor neun Jahren bei einer Gemeindereise in die Türkei kennengelernt. Suna lebt mit ihrer großen Familie in Dogobayazit, am Fuße des Ararat im äußersten Osten des Landes. Sie war mit einer falsch ausgebildeten Hüfte geboren worden, aber niemand hatte das erkannt oder behandelt. Es gibt dort keine Krankenversicherung und Sunas Familie ist arm. Somit lebte das Mädchen mit der Behinderung, die sie körperlich sehr einschränkte: nur mit Mühe konnte sie sich humpelnd vorwärts bewegen und die Ärzte prognostizierten, dass Suna in zehn Jahren im Rollstuhl sitzen und große Schmerzen aushalten müsse, wenn man nichts unternähme. So hatte unsere Kirchengemeinde damals zum Ziel gesetzt, Suna ein Leben in „aufrechtem Gang“ zu ermöglichen. Zwei Jahre lang sammelten wir Spenden und warben für unser Vorhaben. Benefizkonzerte wurden durchgeführt, Kollekten gesammelt, manche Menschen sammelten Spenden anlässlich ihrer Geburtstage oder gaben „einfach so“ etwas. So konnten wir die Sache eineinhalb Jahre später angehen. Am 7. Dezember 2010 operierten die Ärzte im Klinikum Rechts der Isar das Mädchen in einer komplizierten, mehrstündigen Operation; sie verlangten kein Honorar dafür! Eine komplett neue Hüfte und ein neuer Oberschenkelknochen wurden Suna eingesetzt. Ihr rechtes Bein war jetzt genauso lang wie das linke – doch sie musste in einem mühsamen Prozess erst ganz langsam wieder sitzen, stehen und gehen lernen. Nach einer mehrwöchigen anschließenden Reha-Behandlung konnte Suna im März 2011 schließlich in ihre Heimat zurückkehren.
Zunächst ging alles sehr gut, doch seit etwa zwei Jahren leidet die junge Frau zunehmend an Schmerzen und muss sich immer wieder in Behandlung begeben. Ihr Onkel, der in Deutschland lebt, schrieb dazu folgendes: „Der letzte Krankenhausaufenthalt Sunas dauerte 20 Tage. Sie wurde am 9. November entlassen. Seit über zwei Jahren hat sie Probleme mit einer Entzündung in der operierten Hüfte. Dier Ärzte sagen, dass die Entzündung durch lockere Schrauben entstanden sein soll. Diese müssten entfernt werden, ansonsten werden die Knochen angegriffen und es besteht die Gefahr, dass sie das Bein verliert.“
Es ist zu befürchten, dass die Möglichkeiten der Ärzte dort in der Ost-Türkei beschränkt sind und möglicherweise falsche Entscheidungen getroffen werden. Es wäre höchst tragisch, wenn sich nun nach all unserem Engagement und einem zunächst so erfolgreichen Verlauf nun eine Katastrophe anbahnen würde. Ich bin deshalb zutiefst dankbar, dass unser Kirchenvorstand in der Sitzung letzten Mittwoch beschlossen hat, dass wir uns dieses Falles erneut annehmen. Suna wird nach Deutschland kommen, hier untersucht und wenn nötig ein zweites Mal operiert werden. Das kann viel, viel Geld kosten. Und deshalb dieses P.S. Wenn Sie jemanden kennen, der Zugang hat zu einer Stiftung oder einer Hilfsorganisation, oder wenn Sie jemanden kennen, der eine kleine oder größere Summe hierfür spenden kann, oder wenn Sie selbst vielleicht so jemand sind, dann melden Sie sich bitte und kommen Sie auf mich zu. Wir haben viel Geld für unsere schöne neue Kirche ausgegeben. Jetzt sind wieder Menschen dran. Ich glaube daran, dass wir gemeinsam eine neue Wundergeschichte schaffen. Und sage deshalb jetzt: Amen.


Ulrike Wilhelm

 

 

Trauerfeier für Prof. Dr. Günther Gaßmann

„Damit sie alle eins seien!“ (Joh 17,21)


Ansprache zur Trauerfeier für Prof. Dr. Günther Gaßmann
am 18. Januar 2017 in der Christuskirche Tutzing


Liebe Frau Gassmann, liebe Söhne Philipp, Jakob und David, liebe Schwiegertöchter, Enkel und Verwandte des Verstorbenen, liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Trauergäste!

Günther Gaßmann hat Spuren hinterlassen, wichtige Spuren. In Eurer Familie, in seinen Kindern und Enkeln, weltweit in unserer Kirche, aber auch hier in unserer Gemeinde, und in unzähligen Herzen. Dankbar wollen wir ein paar dieser Spuren jetzt noch einmal miteinander betrachten. Ich werde sein langes, reiches Leben entlang gehen und ich lade Sie ein, dabei Ihren eigenen Erinnerungen an diesen ganz besonderen Menschen nachzuspüren.

Geboren wurde Günther Walter Hermann Gaßmann als zweites Kind der Eheleute Meta und Julius Gaßmann am 15. August 1931 in Bad Frankenhausen in Thüringen. Ob es ein Zufall ist? Diese Geburt fiel mit dem katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt zusammen. Außerdem verabschiedete an diesem 15. August 1931 die UdSSR ein Gesetz gegen den Analphabetismus. Ökumene und Bildung – zwei Leitsterne, die offenbar von Anfang an über dem Leben Günther Gaßmanns standen.

Eine gänzlich unbeschwerte Jugend war ihm nicht vergönnt. Er war noch klein, als seine ältere Schwester Susanne 9jährig verstarb. Dann kam der Krieg. Günther und seine Freunde fanden einmal ein abgeschossenes Flugzeug, sie erlebten Tote, Kriegsgefangene und den Einmarsch der Russen. Bilder, die sich tief eingeprägt haben. Nachdem Günther das Abitur in Sondershausen abgelegt hatte, entschloss er sich zum Studium der Theologie und ging zunächst nach Jena. Dort erlebte er, wie Kommilitonen unter Druck gesetzt wurden und wie wenig frei das Studium in der DDR war. Er fasste den Entschluss, in den Westen zu gehen. Es war eine Schlüsselszene seines Lebens, wie er damals mit einem Freund zusammen nachts über die Grenze ging, ohne Gepäck, ohne Geld, die Eltern und die Heimat zurücklassend, in die vollkommene Unsicherheit hinein. In einem Pfarrhaus fanden die beiden Unterschlupf. Von dort aus ging es nach Heidelberg zum Theologiestudium – und zum Geldverdienen nebenher in einer Schraubenfabrik. Es war Günthers Musikalität zu verdanken, dass er dann eine angenehmere Möglichkeit zum Geldverdienen fand: Als Pianist gründete er die „Stud-Swing“ Band. Die Studenten spielten begeistert und erfolgreich in amerikanischen und deutschen Lokalen. Wir haben die Set-Listen mit den Titeln noch angeschaut: „What’s this?“ „I wish you were here“ und vieles mehr.
Irgendwann stand ein junges Mädchen am Klavier, Ursula Kähler, die dem Pianisten die Noten umblätterte. In der Mensa hatte Günther ein Auge auf die Sprachenstudentin geworfen. Und kam immer wieder an ihren Tisch, um dort das Salzfass auszuleihen. „Der Salztheologe“ – so hatten sie ihn deshalb genannt. „Salz der Erde“ zu sein, hat Jesus seinen Nachfolgern ja schließlich aufgetragen. Sie beide kamen übers Salzfass zusammen und verlobten sich am 7. September 1956. Haben Sie das gewusst, liebe Frau Gaßmann, an Ihrem Verlobungstag hat die Bundesregierung die Sowjetunion aufgefordert, Verhandlungen über die Deutsche Wiedervereinigung zu führen. Bis dahin sollten noch viele Jahre vergehen. Aber ich finde es dennoch erstaunlich. „Damit sie alle eins seien“, haben Sie über die Todesanzeige Ihres Mannes setzen lassen. Dieses Verlobungsdatum passt perfekt dazu.

Günther ging nun für ein Jahr nach Oxford um dort zu promovieren. Die Ämterfrage in der anglikanischen Kirche hatte er sich als Thema gewählt. Sie waren zwischenzeitlich als Übersetzerin zum Ökumenischen Rat der Kirchen gegangen. Nach Ihrer Hochzeit am 3. Mai 1958 in Eckernförde kam ihr Mann dann für ein Jahr zu Ihnen nach Genf, um die Promotion dort abzuschließen. Sie haben die Arbeit getippt. Von Anfang an haben Sie beide sich beruflich perfekt ergänzt und gegenseitig gefördert. Danach ging es nach Heidelberg, wo Günther sein Vikariat absolvierte und eine Stelle als Studienleiter in einem ökumenischen Studentenwohnheim antrat. Immer ein ausländischer und ein deutscher Student wohnten da zusammen in einem Zimmer. Völkerverständigung an der Basis war das, nach den Wunden des Krieges. Auch Sie als junge Familie wohnten beengt, hatten wenig Geld und viel Arbeit und bekamen dort Ihre drei Söhne: Philipp (1960), Jakob (1963) und David (1965). Ich habe Sie gefragt nach Ihren frühen Erinnerungen an den Vater. Da tauchten schöne Bilder auf: Im Kindersitz auf dem Rad vorne drauf. Die elektrische Eisenbahn, die nur an Weihnachten aufgebaut wurde. Wagemutige Schlitten- und Bobfahrten bei den Winterurlauben in den Vogesen. Die sonntäglichen Kirchenbesuche, als Kinder manchmal langweilig aber doch eine unumgängliche Pflicht, denn der Vater hatte klare moralische Vorstellungen und konnte da durchaus unnachgiebig sein (Philipp: „Ich habe dabei meine Liebe zu Comics entdeckt!“). Und auch das gemeinsame Musizieren mit den Eltern, ein offenes, gastfreundliches Haus mit vielen Anregungen. Reiche, schöne Kindheitserinnerungen. Nach der Habilitation Ihres Vaters zogen Sie 1969 nach Straßburg, wo Günther Gaßmann bis 1976 als Professor am Ökumenischen Forschungsinstitut lehrte. Danach wurde er als Präsident des Lutherischen Kirchenamtes nach Hannover berufen. Bischof von Braunschweig hätte er nun werden sollen, aber er lehnte ab; sein Herz schlug nicht für ein hohes kirchliches Repräsentationsamt sondern für die Ökumene. „Damit sie alle eins seien“ war inzwischen sein Lebensmotto geworden. Und dem konnte er ab 1982 besonders viel Raum geben. Jetzt wurde er in den Ökumenischen Rat der Kirchen nach Genf berufen und wirkte dort als hoch geschätzter Direktor der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung. Die Liste seiner Gastprofessuren ist lang: Gettysburg und Yale in den USA, Slowakei, Estland, Lettland, Brasilien und immer wieder Rom. Die Liste seiner Reisen anlässlich von Vorträgen, Konferenzen oder offiziellen Besuchen ist noch viel länger: Er war Botschafter der Ökumene in Afrika, in Asien, Australien, Lateinamerika, Nordamerika, in der Karibik, im Mittleren Osten und natürlich in Europa in allen wichtigen Städten. Mit Bischöfen und Päpsten redete er. Sie haben mir Fotos gezeigt, die erzählen von seinem reichen beruflichen Leben, von seiner Beweglichkeit und seiner Reiselust. Da ist Günther Gaßmann 1995 im Gespräch mit Johannes Paul II anlässlich der Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ „Damit sie alle eins seien!“. Da sitzt er inmitten einer Gruppe schwarz gekleideter, ernst dreinschauender armenischer Bischöfe neben dem Patriarchen, er als einziger nicht in liturgischem Gewand sondern schlicht mit dem Anzug. Oder er zieht, angetan mit Blumenketten, in Bangalore, Indien den Vorhang von einer Marmorplatte, auf der sein Name groß eingraviert steht, weil er die Ehre hatte, dort die Martin Luther Library zu eröffnen. Oder man sieht ihn bei einem Gottesdienst unter freiem Himmel irgendwo in Afrika Abendmahl feiern mit den Menschen. Über all das hinaus hat er eine Vielzahl theologischer Bücher, Artikel und Vorträge geschrieben. Ein halber Karteikasten „Gaßmann“ findet sich in der Staatsbibliothek. Was für ein Leben! Was für eine unerschrockene Beweglichkeit, äußerlich und innerlich! Was für eine Fülle! Anstrengend war dieses Leben sicher auch. Auch für Sie, liebe Frau Gaßmann, die Sie Ihren Mann so treu begleitet, unterstützt und gefördert haben. Am Küchentisch haben Sie mit ihm die Aussprache trainiert, wenn er wieder mal eine Festpredigt auf Französisch zu halten hatte. Die Anstrengung hatte ihren Preis: 1992 erlitt er auf Zypern einen ersten Herzinfarkt. Er hörte auf mit dem Rauchen, aber das Herz blieb sein schwacher Punkt, auch, nachdem er 2015 einen Herzschrittmacher eingesetzt bekam.

Am Herzen lag ihm aber nicht nur seine weltweite Kirche, sondern auch seine Familie. Mit Hochachtung sprach er von seiner Frau und seinen Söhnen. Er liebte seine Enkel Lucien und Nathan, Ophelia, Natacha und Michael.

Nach seiner Emeritierung im Jahr 2005 waren Sie hierher nach Tutzing gezogen. Sie kannten unseren Ort über die Evangelische Akademie - und es war nicht nur für Sie ein Glücksfall, dass Sie spontan eine geeignete Wohnung fanden. Auch für unsere Gemeinde war es ein Glück und eine Ehre, dass Sie hierher gezogen sind. Herr Gaßmann war ein unglaublich hilfsbereiter, warmherziger, humorvoller Kollege. In Zeiten der Vakanz war der Professor sich nicht zu schade, die Ortspfarrerin unkompliziert zu vertreten. Gottesdienste hat er gehalten, ebenso Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Es gab bei ihm keinen Gottesdienst, in dem man nicht mindestens einmal herzlich gelacht hat. Mit seiner menschlichen, bescheidenen Art und seinem Humor ist er uns ans Herz gewachsen in diesen zwölf Jahren. Treu sang er im Kirchenchor und setzte sich als Leiter des Tutzinger Ökumenekreises besonders ein für einen respektvollen und zielführenden Dialog mit unseren katholischen Glaubensgeschwistern.

Am Sonntag, 8. Januar hat er hier – zusammen mit dem Abiturienten David Pförtsch und mir – seine letzte Predigt gehalten, eine Drei-Generationen-Predigt. Applaus hat er bekommen für seine Worte, die uns im Nachhinein wie ein Vermächtnis erscheinen: Geduld haben mit der Kirche, nichts übers Knie brechen, Gottvertrauen haben, auch wenn nicht alle wünschenswerten Erneuerungen sofort geschehen. Eine heitere Gelassenheit lag in diesen Worten, die Weisheit eines alten Menschen mit weitem Horizont und vielen Jahren Erfahrung. Wer dabei sein konnte, wird diese Predigt nicht mehr vergessen. Und wer nicht da war, kann sie auf unserer Homepage nachlesen.

Drei Tage später, am 11. Januar, starb Günther Gaßmann. Ein plötzlicher Herztod, abends, nach einem ganz normalen Tag, zu Hause in den Armen seiner Frau. Ohne Drama, ohne Notarzt, ohne Reanimation, Intensivstation und Kampf. In Frieden durfte er weggehen aus dieser Welt. So wie er bescheiden und in Frieden gelebt hatte. Gott sei Dank.

„Damit sie alle eins seien“ Das war sein Lebensmotto – in Bezug auf seine Familie und in Bezug auf seine Kirche, die Ortsgemeinde genauso wie die weltweite Ökumene. „Damit sie alle eins seien“ Dieses Wort stammt aus der Abschiedsrede Jesu im Johannesevangelium. Jesus weiß bereits, dass seine Stunde gekommen ist. Da betet er kurz vor seiner Gefangennahme im Garten Getsemane ein langes, eindrucksvolles Gebet. „Das hohepriesterliche Gebet“ ist es in meiner Bibel überschrieben. Ich lese ihnen aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums vor, die Verse 20 bis 23:
Ich bitte aber nicht allein für sie (für die Menschen, die du mir gegeben hast) sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,
dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
Jesus weitet in diesem Abschiedsgebet seinen Blick. Es geht nicht mehr allein um die Menschen, die ihm unmittelbar anvertraut waren, seine Jünger, seine Bekannten, seine Nachfolgerinnen. Nein, er weiß, dass der Glaube sich allein über diese Menschen verbreitet. Ich bitte auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, sagt er. Das sind Menschen, die er noch gar nicht kennt. Irgendwo da draußen in der Welt. Irgendwo in einer Zukunft. Menschen, die durch andere zum Glauben gefunden haben. Zum Vertrauen, zur Beziehung zu Gott. Menschen, wie Sie und ich. Für sie, für uns, bittet Jesus in seinem letzten Gebet vor seiner Gefangennahme. Er bittet um Einheit für all diese Menschen. Das ist sein heiliges Vermächtnis. Glaube in unterschiedlichen Traditionen darf und soll sein. Aber immer muss der Glaube sich als Teil eines großen Ganzen begreifen.

Günther Gaßmann hat das gewusst. Er hat sein Leben lang dafür gearbeitet. Für Dialog und Verständigung, für Respekt, Frieden und Liebe unter den Menschen. 247 unterschiedliche christliche Konfessionen aus 120 verschiedenen Nationen sind im Ökumenischen Rat der Kirchen vereint. Diesen bunten Haufen hat Günther Gaßmann geführt und dabei kennen, schätzen und lieben gelernt. In aller Verschiedenheit der Traditionen und Kulturen – wir Christen gehören einem Herrn, uns eint ein Glaube, eine Taufe, eine Hoffnung. Diese Hoffnung reicht zum Leben. Und sie reicht über den Tod hinaus. Jesus wurde gefangen genommen, direkt nach seinem Gebet, er wurde gefoltert und getötet. Es wurde ihm nichts erspart und nichts geschenkt. Doch das war nicht die letzte Wirklichkeit. So wie der Moment am Abend des 11. Januar und wie dieser Sarg und wie der Friedhof nachher nicht die letzte Wirklichkeit sein werden für Günther Gaßmann. Christus, den wir feiern im Namen unserer Tutzinger Kirche – und den wir in diesem Jahr 2017 gemeinsam und ökumenisch feiern wollen, dieser Christus hat gezeigt, dass Gott mächtiger ist als der Tod. Das ist unsere große, wunderbare Hoffnung als Christen.

In dieser Hoffnung lassen wir unseren Verstorbenen los. In Frieden und Gelassenheit. Mit der Geduld, dem Vertrauen und dem Humor, den er uns vorgelebt hat. Wer weiß, liebe Gemeinde, vielleicht schaut Günther Gaßmann längst aus einer ganz anderen Welt auf uns. Vielleicht sitzt er gerade irgendwo mit Apostelinnen, Päpsten und Patriarchen zusammen. Und muss lachen über unseren engen Horizont. Und schüttelt unmerklich und sehr liebevoll seinen Kopf über unsere Tränen, weil er doch weiß: Ob wir leben oder sterben, wir sind alle eins in Christus, unserem Herrn. Amen.

Ulrike Wilhelm

Drei-Generationen-Predigt

"Ein Licht ist aufgegangen"

Uli Wilhelm:

Liebe Gemeinde, es gibt Zeiten, da spürt man, wie man als Mensch zwischen Vergangenheit und Zukunft steht. Und wie beides immer schon da ist in der Gegenwart.

Wenn ich zum Beispiel in mein Elternhaus komme, dann kommt mir dort zwar alles irgendwie kleiner vor als früher – trotzdem springen mich geradezu die Gefühle früherer Zeiten an, als ich noch Kind war oder Jugendliche. Der Geruch dieses Hauses, das alte, vertraute Essgeschirr, Bilder, die seit Jahrzehnten am selben Platz hängen, der Baum im Garten – all das ruft mir die Vergangenheit überdeutlich wieder ins Bewusstsein. Andererseits schaue ich – zugegebenermaßen verstohlen - auch in die Zukunft. Meine Eltern sind jetzt beide Mitte achtzig. Ist dieses Haus überhaupt altersgerecht? Könnte ein Mensch im Rollstuhl dort noch leben? Wie lange wird es wohl noch so bestehen, dieses vertraute, lieb gewonnene Elternhaus? Was wird sich in Zukunft wohl irgendwann verändern müssen? Immer wieder ertappe ich mich beim Besuch meiner Eltern bei solchen Gedanken zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Wie im privaten Leben, gibt es solche Befindlichkeiten zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Einst und Später, auch in unserer Kirche. Wir haben uns gut eingerichtet, seit nunmehr fünfhundert Jahren, im Haus unserer evangelisch-lutherischen Volkskirche mit ihren Ämtern und Strukturen, ihrer Sprache und Verfassung, ihren Gewohnheiten und Macken. Das ist uns vertraut. Aber wir spüren, wie es gewaltig zu bröckeln beginnt. Im Jahr 2015 haben bundesweit 210.000 evangelische Christen unsere Kirche verlassen. Als wäre die ganze Stadt Erfurt geschlossen aus der Kirche ausgetreten. Allein in Bayern waren es im Jahr 2015 24.914 Personen, die unserer evangelischen Kirche den Rücken gedreht haben. Stellen Sie sich 55 randvoll besetzte ICEs vor, dann wissen Sie, wie viele Menschen allein in Bayern nichts mehr anfangen können mit uns. Was tun wir dagegen? Es müssten doch alle Alarmglocken schrillen. Wir müssen fragen: wie lange wird sie wohl noch bestehen, unsere vertraute, lieb gewonnene Volkskirche? Was wird sich verändern müssen?

Fragen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Da ist es gut, wenn wir heute zu dritt vor Ihnen stehen und diese Predigt halten: Pfarrer Dr. Günther Gassmann, mit viel Erfahrung mit dieser Kirche, schon rund 15 Jahre emeritiert. In Genf haben Sie lange für den Ökumenischen Rat der Kirchen gearbeitet. 347 verschiedene christliche Konfessionen aus 120 Ländern auf allen Kontinenten sind da vertreten! Da entwickelt man einen weiten ökumenischen Horizont und hat nie nur das eigene Land, sondern immer auch die weltweite Entwicklung der Kirche im Blick. Das, lieber Herr Gaßmann, zeichnet Sie besonders aus! Und David Pförtsch, 17 Jahre alt, Abiturient und noch in der Entscheidungsfindung, in welche berufliche Richtung es gehen wird. Du hast als Konfi- und LiBi-Leiter, als Vorsitzender unseres Jugendausschusses und als Sohn einer Kirchenvorsteherin viel Erfahrung gesammelt mit unserer Kirchengemeinde. Und wirst nun Deinen Horizont ebenfalls weiten. Nach dem Abitur gehst Du mit „Mission EineWelt“ in ein soziales Auslandsjahr nach Bolivien. Zwischendrin, altersmäßig und erfahrungsmäßig, stehe ich, seit fast dreißig Jahren im Pfarrberuf, elf davon in Tutzing und fast genauso viele Jahre noch vor mir, ehe ich pensioniert werde. Vergangenheit und Zukunft, Erfahrungen und Hoffnungen mit unserer Kirche, mit unserem Glauben, sind also auch in uns drei Personen gewissermaßen personifiziert präsent.

Der Predigttext für diesen heutigen 1. Sonntag nach Epiphanias bewegt sich interessanterweise ebenfalls eigentümlich zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Geschichte ist in meiner Bibel überschrieben mit den Worten: „Der Beginn der Wirksamkeit Jesu“. Da erwartet man viel Zukunft. Doch auch die Vergangenheit spielt eine wichtige Rolle – ausführlich wird ein Prophet zitiert, der viele Jahrhunderte vor Christus lebte. Aber hören Sie selbst. David liest uns den Abschnitt noch einmal vor, aus dem Matthäusevangelium im 4. Kapitel, die Verse 12-17:

David Pförtsch:

Als nun Jesus hörte, dass Johannes der Täufer gefangen gesetzt worden war,
zog er sich nach Galiläa zurück.
Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt
im Gebiet von Sebulon und Naftali,
damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht:
 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer,
das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,
das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen;
und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.« (Jesaja 8,23; 9,1)
Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen:
Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
(Mt 4,12-17)

 
Uli Wilhelm:
Eine Gefangennahme ist der Auslöser für das, was dann geschieht: Herodes Agrippa, der mächtige König, duldete es nicht, dass ihm ein dahergelaufener Prediger ins Handwerk pfuschte. Dass Johannes der Täufer ihn öffentlich kritisiert und behauptet hatte, er hielte sich nicht an Gottes Gebote, erboste ihn. So hatte er den Täufer kurzerhand ins Gefängnis werfen lassen.

Für Jesus war das sicher ein Schock. Schließlich war es Johannes, der ihn getauft hatte. Die beiden waren sich eng verbunden. Die Nachricht von der Gefangennahme des Freundes bedeutet einen tiefen Einschnitt für ihn. Jesus reagiert wie viele reagieren würden in so einer Situation: Er zieht sich zurück. Als nun Jesus hörte, dass Johannes der Täufer gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. Er geht nach Kapernaum, ans Ufer des Sees. Vielleicht, weil die Ruhe und der Frieden der dortigen Landschaft seiner Seele gut tun. Weil das Wasser etwas Beruhigendes hat. Vielleicht aber auch, weil er die Prophezeiung des Jesaja kennt: Dass das Licht dort seinen Anfang nimmt, im Lande Sebulon und Naftali, in Galiläa. Dort passiert, was der Prophet viele Jahrhunderte vorher ankündigte: Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen. Nicht in der heiligen Stadt Davids also, nicht dort, wo der König sitzt und der Kaiser seine Vertretung hat, nicht im mächtigen Jerusalem geht das Licht auf, sondern abseits der Macht. Typisch Gott, möchte man sagen – und fühlt sich erinnert an den Stall von Bethlehem. Wo es dunkel ist, bringt Gott das Licht. Wo Menschen in Finsternis und Verzweiflung leben, erleuchtet Gott sie. Wo alles aussichtslos geworden ist, wo Schatten des Todes herrschen, da beginnt die Veränderung zum Hellen.

Ein Licht ist aufgegangen! So behauptet die Prophezeiung, die Jesus so wichtig ist – an der Stelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, am Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit. Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen, so lesen wir. Seit der Zeit hat sich etwas verändert. Vielleicht ausgelöst durch den Schock, durch den Schmerz der Gefangennahme des Freundes.

Ich möchte Sie jetzt fragen, lieber Herr Dr. Gaßmann, ist Ihnen im Laufe Ihrer vielen Pfarrers-Jahre auch einmal „ein Licht aufgegangen“? Hat es Schlüssel-Erlebnisse gegeben, die Ihnen, vielleicht durch eine Krise hindurch, geholfen haben, das Licht Gottes zu sehen oder auch weiterzugeben? Und: Wie sehen Sie die Situation unserer Kirche zur Zeit? Sind wir schon „im Schatten des Todes“ bei all den vielen Kirchenaustritten? Was könnte da helfen?

 

Pfarrer Dr. Gaßmann:
1. Als älterer Mensch habe ich das Privileg, einen längeren Zeitraum zu überblicken. Auch bewahre ich einen größeren Erlebnisbereich in meinen Erinnerungen. Ich bin Zeuge und Beobachter, aber auch Mithandelnder.
2. Ich habe erlebt, wie sich an verschiedenen Orten und Zeiten auch in meinem Leben viel ereignet und verändert hat. So habe ich überraschende und unterschiedliche Entwicklungen im Verhältnis Evangelisch/Katholisch erlebt. Es waren stürmische und rasche, aber auch langsame und mühsame Entwicklungen (Beispiele). - Es waren Schritte des Kennenlernens, der Annäherung, des gegenseitigen Respekts, der Erkenntnis von Gemeinsamkeiten und das Erlebnis erstaunlicher Veränderungen bis hin zu gegenseitiger theologischer und praktischer Zusammenarbeit. So wurde aus alter Erstarrung eine neue Bewegung aufeinander zu mit gemeinsamen Schritten und Zielen (Beispiele).
3. So wurde mein Leben ungemein bereichert, und ich konnte immer wieder dazu beitragen, diesen Prozess voranzutreiben (Beispiele - z.B. Begegnungen mit zwei Päpsten, Vertretern konfessioneller Gemeinschaften, weltweite ökumenische Versammlungen, Mitarbeit in ökumenischen theologischen Kommissionen...).
Wie bei alten Menschen muss man auch in der Ökumene und in der eigenen Kirche Geduld haben.

Uli Wilhelm:
Vielen Dank. Geduld mit der eigenen Kirche haben. Vielleicht auch mit sich selbst. Ja, das wäre sicher oft gut. Ich selbst, das muss ich zugeben, bin nicht der aller geduldigste Mensch. Wenn ich etwas aufbauen will oder ändern, dann möchte ich in der Regel möglichst schnell erfolgreich sein. Dann geht es mir meistens zu langsam mit den Veränderungen.
David, wie ist das bei dir? Wo siehst Du Veränderungsbedarf bei unserer Kirche und was meinst Du, müsste geschehen, um die Krise zu überwinden?

David Pförtsch:

Wie muss sich die Kirche heute verändern: -> Zu Zeiten Luthers waren Ablassbriefe und „falsche“ Glaubensauslegungen das Problem <-> Heute muss die Kirche wieder attraktiver werden, vor allem für junge Menschen!
Attraktivität durch Inhalte: Evangelischer Glauben ist nicht nur alte Bibelverse und eineinhalb Stunden öden Gottesdienst jeden Sonntag… Die Kirche ist viel mehr: Sie ist Gemeinschaft, Lebensstruktur, Wissenschaft und Angebot zum Nachdenken über „Gott und die Welt“ -> Diese Inhalte müssen heutzutage durch eine „Reformation“ nach außen hin präsentiert werden und was noch viel wichtiger ist: Die Lehren des Glaubens und der Bibel sollten auch durch modernere Beispiele und zeitgemäße Anwendung der jüngeren Generation schmackhaft gemacht werden („stocksteife“ veraltete Kirche vs. Reformierte „coole“ Kirche) -> Ein Licht geht uns auf im Geiste!
Umsetzung dieser Reformation durch Anwendung von Technik: -> Zu Luthers Zeiten verbreitete der Buchdruck seine Thesen… Heutzutage kann man den evangelischen Glauben über (Soziale) Medien verbreiten, attraktiv machen und einfach näher an die Leute bringen (Erster weltweiter Jugendgottesdienst -> Katholiken machen es vor; medialer Auftritt der ev. Kirche (Websites, Facebook etc.). Auch in der Kirche bzw. in den Gottesdiensten kann Technik den Glauben attraktiver machen -> Beamer, Soundsystem (Anspielung auf unsere renovierte vielfältig einsetzbare Kirche!) Man bringt die Kirche zu den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, nicht andersherum! -> über Technik entsteht Austausch und Kommunikation über die Kirche
Konklusion: Geistige und technische Reformation für unsere evangelische Kirche im 21. Jhdt. nötig!


Uli Wilhelm:
Eine große Bandbreite haben wir da nun gehört – von der Forderung nach Geduld bis zur Forderung nach geistiger und technischer Reformation. Ich möchte noch einmal auf den letzten Satz in unserem Bibeltext zurückkommen: Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Das waren doch genau die Worte des Johannes am Jordan gewesen! (vgl. Mt 3,2!) Jesus nimmt also auf, was er in der Vergangenheit von Johannes gehört hat. Er stellt sich bewusst in die Tradition der Propheten und seiner alten jüdischen Religion. Jesus fängt nicht bei Null an, sondern baut auf das, was Menschen vor ihm gedacht und gesagt haben. Auch die Krise, die Gefangennahme des Johannes, hindert ihn nicht daran. Denn Jesus weiß: das alte Haus des Glaubens trägt und gibt Kraft wie ein vertrautes Elternhaus.
Allerdings lenkt er den Blick zugleich in die Zukunft: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Der Himmel steht uns noch bevor. Die Vollendung steht noch aus. Gott schenkt uns sein Reich, seine Kraft, seine Herrlichkeit. Darauf gehen wir in Zukunft zu. Ja, wir sollen Buße tun, unsere Kirche reformieren, umkehren, überlegen, was wir falsch gemacht haben und wo wir besser werden können. Aber all das, unser Denken und Handeln, unsere Geduld und unsere Ungeduld, stehen letztlich im Licht des großen göttlichen Versprechens: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Gott wird es recht machen, mit uns Menschen und mit seiner Kirche. Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, unsere Vergangenheit, unsere Zukunft und unsere Gegenwart in Christus Jesus. Amen.

 

Altjahresabend

„Woher, wo, wohin?“

Predigt im Gottesdienst zum Altjahresabend, Christuskirche Tutzing
zum Bild „Woher, wo, wohin?“ von Paul Klee – Predigt nach einer Idee von Christof Hechtel

 

 Liebe Gemeinde,

„Die Welt ist aus den Fugen“, so hört man derzeit immer wieder. Das zurückliegende Jahr war kein einfaches – ob wir in die Türkei schauen oder nach England, in die USA oder nach Syrien, ob uns der Terror in Brüssel, Nizza oder Berlin vor Augen steht, ob wir erschrocken die Flüchtlingsströme auf unserer Erde beobachten, oder den Klimawandel - den realen ebenso wie den weltweiten Aufwind eines neuen Populismus. Einfacher ist es nicht geworden mit unserer Welt. Wer an den Fortschritt der Menschheit geglaubt hatte, an eine Entwicklung zum Besseren, zum Humanen hin, dem oder der können im Rückblick auf das Jahr 2016 Zweifel kommen. Zweifel, die auch unseren Glauben als Christen betreffen.
Denn der ist ja nicht unabhängig von dem, was in der Welt geschieht. „Der liebe Gott hat 2016 offenbar ein Sabbatjahr eingelegt“, so hat mir kürzlich jemand gesagt. Ja, Gott scheint manchmal weit weg zu sein. Unbeteiligt, desinteressiert, fern. Als wäre er verreist. Als hätte er sich zurückgezogen von seinen Menschen.

Hören wir in das Gespräch zweier Menschen hinein. Wir haben es vorhin schon einmal gehört. Es stammt aus dem Psalm 121.

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“
Das ist die Stimme des fragenden, zweifelnden Menschen. Der ist sich nicht sicher, ob es Hilfe gibt. Er weiß nicht, woher sie kommen soll. Er sieht nur Berge vor sich, Berge von ungelösten Problemen und unüberwindbaren Hindernissen. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Darin steckt auch eine Sehnsucht. Die Sehnsucht, dass sich etwas bessern und es endlich wieder bergauf gehen möge. Aber sicher ist das nicht. Woher kommt mir Hilfe? Keine Ahnung. Ratlos und verloren fühlt man sich.

Doch dann kommt die Antwort:
„Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!“
Das ist die Stimme eines Menschen, der Erfahrungen gemacht hat mit Gott. Er hat eine Krise hinter sich. Er weiß, wie hilfsbedürftig und verzweifelt man sein kann. Aber er hat erlebt: es gibt Veränderung. Nichts liegt für immer fest. Es wird oft ganz anders, als man denkt. Gott kann Lösungen schicken, die hättest du niemals für möglich gehalten.

Zwei Seiten sind in diesem Gespräch. Es wäre zu kurz gegriffen, zu sagen: Da redet ein Zweifler mit einem Gläubigen. Vielmehr stecken beide Seiten in uns selbst, in unserem Erleben, in unserem Glauben: Eine fragende, nach Hilfe rufende, zweifelnde Seite – aber auch eine zuversichtliche, vertrauensvolle, gelassene. Beide Seiten kennen wir. Oft liegen die beiden hautnah zusammen. Sogar bei Jesus war das so: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schrie er in derselben Stunde, in der er am Ende sagen konnte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Welche Seite ist stärker in Ihnen heute Abend? Die zweifelnde oder die vertrauensvolle? Die, die schmerzlich auf das Jahr 2016 zurückblickt, weil da vieles weh getan hat, ein Konflikt, eine Krise, ein Abschied, eine Diagnose, eine Angst, eine Sorge oder sonst etwas, was Ihnen das Leben schwer macht? Oder gehen Sie vertrauensvoll ins Neue Jahr, optimistisch, gelassen und sicher, dass Gott Ihnen und Ihren Lieben auch weiterhin beistehen und helfen wird?

Werfen wir einen Blick auf die Postkarte, die Sie vor sich haben. Paul Klee hat dieses Bild 1940 gemalt, kurz vor seinem Tod. Ich finde beide Seiten auf diesem Bild. Und ich finde, dieses Bild passt zu einem Übergang. „Woher, wo, wohin?“ hat Klee dieses Werk betitelt. Lauter Fragen zwischen Zurückschauen, Innehalten und nach vorne blicken. Zunächst fällt das leuchtende, kraftvolle Blau auf. Es wirkt lebendig und vielschichtig, aber auch klar. Der Engel vor diesem Himmelblau sieht merkwürdig gekrümmt aus. Seine Flügel und sein Körper sind weiß, während sich auf seinem Gewand die Himmelsfarbe in einem zarten, hellen Blau spiegelt. Leichte, zarte, duftige Farben, dabei ist die Gestalt durchaus massiv, fast wuchtig. Der Engel scheint den Blick zu senken und nach unten zu schauen. Der Kopf ist dabei leicht nach hinten gedreht. Ein Blick nach Innen, nach Hinten? Anders als der Rumpf. Der ist dem Betrachter zugewandt und scheint still zu stehen. Offen, präsent, gegenwärtig. „Hier stehe ich“ scheint die Körpersprache dieses Teils zu sagen. Und ganz anders wiederum die Beine, die sind nämlich in Bewegung. Sie laufen. Dieser Engel tut also alles gleichzeitig: Zurück schauen. Stehen bleiben. Und weiterlaufen. Genau wie wir an diesem Abend, an der Schwelle zum Neuen Jahr.

Paul Klee (1879 – 1940) hat in den letzten beiden Jahren seines Lebens rund achtzig Engelsbilder gemalt. Er wusste, dass er aufgrund einer schweren Krankheit nicht mehr lange zu leben haben würde. Auch die politische Situation setzte ihm zu. Als „entarteter“ Künstler war er in die Schweiz geflohen und musste von dort aus die Entwicklung im nationalsozialistischen Nachbarland beobachten. Die Verfolgung aller Andersartigen. Den Beginn des Krieges. Viel Grund zum Schwarzsehen. Und dennoch – oder vielleicht gerade deswegen? - malt dieser Künstler einen Engel nach dem anderen, viele lustige und heitere, aber auch rätselhafte, beinahe dämonisch anmutende. Auch auf seinem letzten Werk, das man am Ende auf seiner Stafflei fand, noch unsigniert, ist auch wieder ein Engel zu sehen. Der Todesengel. In Paul Klees Nachlass fand man einen Zettel. Darauf standen folgende Worte:

Einst werd ich liegen
im Nirgend
bei einem Engel irgend.

Das also war die Zuversicht eines Künstlers, dem Gott in schweren Tagen vermutlich unbegreiflich, ungreifbar und weit weg gerückt schien: Dass da Engel sind, die uns begleiten, die uns leiten und immer wieder liebevoll auffangen, auch ganz am Ende, wenn es ins „Nirgend“ geht.

„Woher, wo, wohin?“ Die wichtigen Lebensfragen werden wir nicht alle lösen können. Rainer Maria Rilke hat einmal gesagt: „Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen … Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antwort hinein.“
Zurück schauen. Stehen bleiben. Weiterlaufen. Langsam hineinleben in die Antworten. Und mit offenem Herzen, wachen Augen und einem scharfen Verstand die Engel um uns aufspüren. Wenn wir das versuchen, werden wir mit dem Psalmbeter sagen können: „Unsere Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Und sein Friede, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Ulrike Wilhelm

Christvesper

„Geschenkt!“

 

Liebe Gemeinde,

wo ist der Zauber von Weihnachten hin? Was ist mit ihm passiert? Erschrocken und zutiefst entsetzt haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, wie ein verblendeter Fanatiker Menschen auf brutalste Weise umbringt, verletzt und schockiert - ausgerechnet auf einem Weihnachtsmarkt. Nicht nur Leben und Unversehrtheit sind ausgelöscht worden, sondern auch unser Gefühl dem Weihnachtsfest gegenüber wird verletzt. Kann man überhaupt noch feiern, kann man „frohe“ Weihnachten wünschen in diesen Tagen? Weihnachten – mitten im Schmerz, mitten in der Dunkelheit, mitten im Zweifel. Sollten wir es sein lassen? Oder sind wir etwa in unserer Verunsicherung und unseren Zweifeln der Krippe heuer sogar näher als früher?

Ich denke zurück an früher, als der Weihnachtszauber noch ungebrochen war. Monatelang hatten wir Kinder uns gefreut auf den einen großen Moment, wenn die Tür zum bis dahin abgesperrten Wohnzimmer endlich aufging, der Christbaum mit seinen brennenden Kerzen den Raum in warmes Licht und Tannenduft hüllte, die Krippe liebevoll aufgebaut war und manches kleine oder größere Paket verheißungsvoll unterm Baum schimmerte. Die Mutter las aus dem Weihnachtsevangelium, der Vater griff zur Gitarre und dann wurde gesungen, sich sofort auf die Geschenke zu stürzen, war ein No-Go (auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gab). Irgendwie stand die Zeit still in diesem himmlischen Augenblick – und sie hat sich mir tief ins Herz gegraben. Es war einfach alles gut. Nichts konnte mehr passieren. Geborgen, geliebt und durch und durch glücklich fühlte ich mich.

Ein paar Wochen zuvor, am 6. Dezember, war das ein bisschen anders. Auch da war die Familie zusammengekommen, auch da brannten Kerzen auf dem Adventskranz und es wurden Lieder gesungen. Aber uns Kindern war bang. Wann würde der Nikolaus wohl kommen und an die Tür poltern? Würde der große bärtige Bischof mit seiner tiefen Stimme genug gute Taten finden in seinem goldenen Buch, so dass er uns am Ende belohnen und sein Säcklein ausleeren würde? Oder waren wir doch nicht brav genug gewesen übers Jahr? Würde vielleicht sogar sein finsterer Begleiter, der wilde Krampus, uns in seinen Sack stecken und mitnehmen? Letztlich ging zwar immer alles gut aus – aber unheimlich blieb mir der Nikolaus doch. Da war mir das Christkind tausend Mal lieber.

Ich erzähle Ihnen von meinem persönlichen Erleben heute nicht, weil ich langsam älter und sentimental werde, liebe Gemeinde. Ich erzähle davon, weil ich viel später erst begriffen habe, wie viel Theologie darin steckt. Evangelische Theologie, genaugenommen. Denn ohne Martin Luther könnten wir Weihnachten in seiner Besonderheit vergessen. Bis zur Reformation war dieses Fest schlicht gefeiert worden. Geschenke gab es nicht, weder für Kinder noch für Erwachsene. Es war der Nikolaustag, an dem die braven Kinder etwas bekamen: Äpfel, Nüsse oder Kletzenbrot. Die Bösen aber wurden bestraft, mit der Rute verhauen oder vom Knecht Ruprecht tatsächlich in den Sack gesteckt und ein Stück mitgenommen. Fragwürdige pädagogische Maßnahmen – aber über Jahrhunderte üblich, wie sich an dem Gedicht des Grafen Franz von Pocci, der im 19. Jahrhundert hier am Starnberger See lebte, noch gut ablesen lässt:

Sankt Nikolaus und sein Knecht,
die kommen oft gerade recht;
denn, wenn die bösen Buben schrein,
steckt der sie in den Sack hinein;
die guten Mädchen oder Knaben,
die sollen Nüss und Äpfel haben;
zu sehen ist auf diesem Bild,
wie man bestraft die Buben wild.

Belohnung oder Strafe also. Je nachdem, wie sich ein Kind verhalten hat. Die himmlische Rechnung für deine Taten folgt auf den Fuß. Und so war der Nikolaus eine Art vorweggenommenes göttliches Gericht für Kinder geworden. Man sollte lernen, tugendsam zu leben, nur dann hatte man himmlische Belohnungen zu erwarten. Wer über die Stränge schlug, wurde bestraft. Diese Vorstellung des Entweder – Oder finden wir nicht nur in frühen Nikolausbräuchen, sondern im Bildprogramm zahlloser alter Kirchen: Am jüngsten Tag wiegt der Erzengel Michael die armen Seelen der Menschen und dann heißt es Hopp oder Topp - die einen gehen selig und von Engeln begleitet ins himmlische Licht hinauf, während andere von Teufeln ins Höllenfeuer gezerrt werden, wo unsägliche Qualen auf sie warten.

Jahrhunderte lang standen den Gläubigen solche Bilder vor Augen. Ihre Angst vor dem göttlichen Gericht wurde von der mittelalterlichen Kirche kräftig geschürt. Denn die Fasten- und Bußübungen der Menschen machten sie gefügig und ihre Ablasszahlungen, mit denen sie sich aus dem Fegefeuer freizukaufen hofften, spülten viel Geld in die Kirchenkassen.

Doch dann entdeckt der junge Augustinermönch Martinus Luther beim Studium der Bibel, dass dort von einem ganz anderen Gott die Rede ist: Ein Gott, der die Menschen liebt, gerade die Sünder, der sie nie aufgibt und immer wieder neu um sie wirbt. Ein geduldiger, ein gnädiger, ein liebender Gott. Kein himmlischer Erbsenzähler, der die guten und die schlechten Taten abwägt und dann jedem das Seine zuteilt. Jedem das Seine. Ein ungnädiger, ein teuflischer Spruch. Der lässt keinen Raum für Gnade oder Barmherzigkeit. Am Haupttor des Konzentrationslagers von Buchenwald hatten die Nazis ihn später angebracht.
Luthers Gott war anders. Sola Gratia. Nur durch Gnade, nur durch die Barmherzigkeit Gottes sind wir gerechtfertigt. Nicht unsere Leistung, nicht unsere guten oder schlechten Taten sind der Maßstab für Gott, sondern allein seine unendliche Liebe zu uns, zu jedem und jeder einzelnen.

Nur durch Gnade, nur durch den Glauben, nur durch die Heilige Schrift, nur durch Christus bekommt das Leben Sinn und Würde. Das ist die große reformatorische Entdeckung. Mit seinen 95 Thesen tritt Luther am 31. Oktober 1517 zum ersten Mal mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit.

Später, als er Familienvater geworden ist und seine neue Theologie landauf landab diskutiert wird, ist es Luther ein Anliegen, seine Erkenntnisse herunter zu brechen ins praktische Leben, in die Pädagogik, in den gelebten Glauben. So fängt er an, zu Weihnachten seine Familie zu beschenken. Die Geburt Jesu in Bethlehem, sagt er, ist keine einmalige Geschichte, sondern sie ist ein Geschenk, das ewig bleibt. Die Geschenke am Weihnachtsabend in der Familie sollen das eine große Geschenk hervorheben und unterstreichen: den menschgewordenen, zugewandten, liebenden Gott. Ganz nah soll der kommen in die Weihnachtsstuben der Menschen. An Weihnachten wollen wir das Kindlein wiegen, sagt Luther. Und in einer für einen Mann des 16. Jahrhunderts höchst unüblichen Innigkeit kann er von Weihnachten sogar als „Wygenachten“ sprechen. Denn in jedem Geschenk, das ein anderer, liebender Mensch uns macht, halten wir zugleich ein Stück der göttlichen Liebe Jesu Christi in unseren Händen. Die Liebe zwischen Menschen ist ein Spiegel der Liebe Gottes. Gott erreicht uns durch andere. Zärtlich und sorgfältig, so wie eine Mutter ihren Säugling hält, sollen wir daher umgehen mit der Liebe. Denn sie ist zart und empfindlich, fragil und verletzlich wie ein kleines Kind.
Was haben wir gemacht, liebe Gemeinde, aus dieser wunderbaren, wertvollen Entdeckung Martin Luthers? Hat uns seine Theologie des gnädigen, liebenden Gottes, als Menschheit weitergebracht? Geht es heute nicht schlimmer und gnadenloser zu auf unserer Welt als je zuvor? Die verletzten Kinder in Aleppo, die vielen Toten im Mittelmeer, die Opfer des Attentats in Berlin und all der anderen Terroranschläge weltweit, Hassparolen, neuer Nationalismus, neuer Egoismus. Eine gottlose Welt scheint diese Erde geworden zu sein. Der gnadenlose Umgang miteinander spiegelt sich nicht nur in Hasskommentaren oder Fake News im Netz, sondern auch in den Maßstäben, die wir einander täglich zumuten: Immer schneller, immer effektiver, immer leistungsstärker und perfekter durchgestylt muss unser Leben sein, damit wir es als gelungen betrachten. Selbstoptimierung heißt das neue Zauberwort und das umfasst unser ganzes Leben, von der vorgeburtlichen Diagnostik bis zum optimalen Schulabschluss, von der beruflichen Karriere bis zum Bankkonto, vom Zeitmanagement bis zum Diätprogramm, vom Fitness-Status bis ganz am Ende zu einem selbstbestimmten, schmerzlosen Ausscheiden aus dem Leben.
Selbstoptimierung, weil keine Gnade mehr Platz hat in diesem Leben? Wollen wir uns freikaufen von einer inneren Leere und Sinnlosigkeit, so wie der mittelalterliche Mensch sich einst durch den Ablass von seiner Angst freikaufen wollte? Höchste Zeit, dass wir Luther neu entdecken! Nicht gegen die Katholiken, nein, mit ihnen zusammen und zusammen mit allen suchenden, fragenden, sehnsüchtigen Menschen, die sich nicht abfinden wollen mit einer gnadenlosen, kalten Welt, in der das Schicksal Jedem das Seine zuteilt und am Ende Gewalt und Fanatismus das Sagen haben.
Fangen wir neu an, dem Evangelium Gehör zu schenken. Die Botschaft des Engels vom Frieden ertönt mitten in der Nacht. In die tiefste Dunkelheit kommt Christus. Er kommt verletzlich, als ein kleines, nacktes Kind. So verletzlich, wie Vertrauen und Liebe immer sind und bleiben werden.
Wenn Sie heute Abend das Glück haben, ein Geschenk eines lieben Menschen in Ihren Händen zu halten, oder einen Brief oder eine Karte oder einen lieben Weihnachtswunsch, dann machen Sie heute einmal ein Gedanken- oder besser gesagt, ein Herzensexperiment: Stellen Sie sich bitte vor, mit diesem Geschenk zugleich auch ein Stück der unendlichen Liebe Gottes in Ihren Händen zu halten. Luther sagt: Wir fassen keinen anderen Gott als den, der in jedem Menschen ist, der vom Himmel kam. Ich fange bei der Krippe an.
In diesem Sinne: Eine gesegnete Wygenacht! Amen.


Ulrike Wilhelm

2. Advent

Gerechtigkeit sprießt

 

Liebe Gemeinde,

Advent. Das verbinden wir mit Gemütlichkeit, Kerzenlicht, Tannenduft und Glühwein, mit Familientreffen und Vereinsfeiern, geschmückten Häusern und Lichterketten. Eine Zeit, die aufs Innere gerichtet ist, aufs Gemüt, aufs Gefühl – und in der folgerichtig für viele Menschen Erinnerungen eine wichtige Rolle spielen.

Advent. Das ist aber auch der Anfang des Kirchenjahres. Etwas Neues beginnt. Wir besinnen uns auf den Neuanfang, den Gott durch Jesus Christus mit der Menschheit gemacht hat. Und wir spüren, dass wir selbst Neuanfänge nötig haben in unserer Welt, mehr Menschlichkeit, mehr Frieden, mehr Gott.

Advent – eine Zeit, die in einer eigentümlichen Spannung steht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erinnerungen und Hoffnungen, zwischen trauter Innerlichkeit und dem Wunsch nach gerechten, friedvollen Lebensbedingungen für alle Menschen.

Diese Spannung spüre ich auch in dem heutigen Predigttext. Es ist ein Wort des Propheten Jeremia. Ich lese die Verse 5 bis 8 aus dem 23. Kapitel seines Buches:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr,
dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.
Der soll ein König sein,
der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.
Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird:
»Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr,
dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«
Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Es war eine dunkle Zeit, als diese Worte zum ersten Mal erklangen. Das einstmals blühende Land Israel war am Boden zerstört, die einstigen Reichtümer geplündert von den babylonischen Besatzern. Städte waren geschleift, der Tempel in Jerusalem niedergebrannt, Frauen vergewaltigt und Männer als Sklaven nach Babylon verschleppt worden. Aussichtslos war die Situation, alles kaputt, alles zerstört. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Jetzt noch glauben, dass wir das auserwählte Volk sind? Jetzt noch auf einen Gott hoffen? Wie denn?! Nicht nur im brennenden Jerusalem ist so gefragt worden, sondern auch in Verdun, in Dresden, in Aleppo. An so vielen Orten der Welt, wo es nur noch zum Heulen zugeht. Den „weinenden Propheten“ nennt man Jeremia deshalb auch. Er hatte vergeblich gewarnt, die Mächtigen hatten seine Worte nicht beachtet. Es war zur Katastrophe gekommen. Jetzt steht Jeremia vor den Trümmern. Das Elend, die Demütigung, die Aussichtlosigkeit setzen ihm genauso zu wie allen anderen Menschen auch. Und doch: Sein Name ist Programm. Jeremia – das bedeutet im Hebräischen „ Gott erhöht“. Gott führt wieder heraus aus dem Elend. Es geht aufwärts. Gott erhöht sein gedemütigtes, erniedrigtes Volk. Mitten in der Zerstörung, mitten in den rauchenden Trümmern verkündigt dieser verrückte Prophet voll Leidenschaft die schier unglaubliche Botschaft: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr! Eine Zeit, in der das Volk sicher wohnen wird, eine Zeit, in der ein gerechter König regieren wird. Eine Zeit, in der endlich Friede herrscht. So redet Jeremia, zögerlich zuerst und dann immer leidenschaftlicher. Doch – so wie die Leute ihm früher, als es ihnen gut ging und sie in Saus und Braus lebten, seine Warnungen nicht glaubten, so finden sie jetzt seine Verheißungen unangebracht und unglaublich. Das ist das Schicksal der Propheten, dass sie nichts gelten im eigenen Land. Dass man auf ihre Deutungen gerne verzichtet.

Soll man denn die Geschehnisse dieser Welt überhaupt deuten im Licht Gottes, von Seiten der Religion? Kann Sprechen im Namen Gottes politische Verhältnisse ändern? Sollen und dürfen die Religionsgemeinschaften sich einmischen in politische Debatten? Darüber gibt es ja zur Zeit eine heftige Debatte in unserem Land. Während der bayrische Ministerpräsident kürzlich beim Jahresempfang für Ehrenamtliche die Kirchen ausdrücklich ermutigte, sich in die politische Diskussion einzubringen („Politik wird besser, wenn sich viele einmischen!“ sagte er), ist sein Finanzminister der Meinung, Kirchen sollten sich bitteschön aus der Politik heraushalten, diese Fragen Fachleuten überlassen und stattdessen ihre eigenen Probleme lösen. Dass sich diese Probleme freilich oft genug überlappen, sieht Herr Söder erstaunlicherweise nicht – oder will es nicht sehen. Die Situation unseres jungen Senegalesen etwa, den wir ins Kirchenasyl genommen haben, damit er nach jahrelanger Flucht und Unsicherheit wenigstens jetzt für ein paar Monate in der Sicherheit unserer Kirche wohnen kann, die hat viel zu tun mit den politischen Verhältnissen auf unserer Welt, mit Ungerechtigkeit und mangelnden Perspektiven für die Menschen in Afrika. Sollten wir dazu nichts sagen? Sollten wir dazu schweigen?

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr,
dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.
Der soll ein König sein,
der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.

Die Sehnsucht nach einem Regenten, der den Menschen Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit bringt, war damals groß. Und sie ist auch heute groß. „It’s up to the American people to deliver justice at the ballot box“ – „Es ist am Amerikanischen Volk, jetzt an den Wahlurnen für Gerechtigkeit zu sorgen!“, so hatte Donald Trump im Wahlkampf gesagt. Ob seine Präsidentschaft einlösen wird, was er großmundig versprochen hatte, das wird sich zeigen. Im Lauf der Geschichte waren es jedenfalls selten die lauten, machthungrigen großen Männer, die zu mehr Gerechtigkeit und Humanität beigetragen haben.

Nicht im Tempel des Herodes, sondern im Stall von Bethlehem geschah deshalb die Zeitenwende. Genau das war das Bekenntnis der jungen Christenheit, dass mit Jesus der Spross aus der alten Wurzel des Geschlechts David aufgegangen ist. Aber wie armselig, wie bescheiden, wie leicht zu übersehen ist dieser Spross. „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart“ – auch heuer werden wir dieses Lied an Weihnachten singen. Auf zauberhaft poetische Weise erinnert es uns an die alte Weissagung der Propheten, dass der Wandel nicht anders geschieht als im Verborgenen, im Kleinen.

Noch ist es nicht so weit. Zwischen sehnsüchtiger Innerlichkeit und konkreter Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit feiern wir Advent. Zwischen Rückschau auf alte Zeiten und Blick in die Zukunft:

Siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr,
dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«
Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Der Prophet redet von einer Zeit, in der es nicht mehr um die ferne Vergangenheit geht („Damals, als der Herr Israel aus der Sklaverei befreit hat…“). Er redet von einer Zeit, in der man nach einer selbst erlebten Katastrophe wieder einen Neuanfang wagt, froh und dankbar ist und am eigenen Leibe, in der eigenen Seele, spürt: „Gott lebt. Er ist für mich da. Nach jener Zeit, in der ich nicht mehr bei mir und bei meinen Sinnen war, mich zerstreut, zerrissen, verstoßen, und am Boden zerstört gefühlt habe; hat er mich wieder aufgebaut, mich neu heraufgeführt ins Leben, mich wieder zusammengebracht, zentriert, auf die Füße gestellt, meiner Seele wieder Licht und meinem Herzen Hoffnung gegeben. Jetzt wohne ich sicher, jetzt geht es mir gut. Endlich!“

Vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen so eine Zeit im Leben schon einmal erlebt. Dann geben Sie Jeremia vermutlich recht und verstehen seine Zuversicht: Siehe, es wird die Zeit kommen. Es glaubt sich leichter und es tröstet sich leichter, wenn man selbst schon Krisen durchlitten und überwunden hat. Wer immer stabil in Sicherheit gelebt hat, tut sich womöglich schwerer. Unser Glaube lebt aus Erfahrung. Ob deshalb ältere Menschen häufiger in unseren Kirchen anzutreffen sind als die jungen?

Advent – eine Zeit der Spannung zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Erfahrung und Hoffnung, zwischen individueller Spiritualität und konkreter politischer Hoffnung auf Frieden, Gerechtigkeit und sichere Lebensbedingungen für alle Menschen auf unserer Welt. Advent – eine Zeit zwischen Rückschau und Erwartung, zwischen nach Innen hören und nach Außen handeln. Bleiben wir guter Hoffnung. Das Kind wächst heran. Der Spross ist so stark, dass er sogar den Asphalt durchdringt. Betonierte Verhältnisse werden der neuen Lebendigkeit weichen. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im gerechten Spross Davids, in Jesus Christus. Amen.


Ulrike Wilhelm

Gottesdienst für die VELKD

Liebe Gemeinde!

Gott kann machen, dass lange Verschlossenes aufgeht; dass Verstummte ihre Stimme wiederfinden.

Die Verheißung der Geburt eines Sohnes hatte Zacharias für Monate die Sprache verschlagen. Bis Elisabeth tatsächlich einen Sohn gebar. Und als sie ihn in den Tempel brachten, ihn zu beschneiden, findet Zacharias, das Kind Johannes in den Armen, seine Sprache wieder:


67 Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:
68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
69 und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils
im Hause seines Dieners David –
70 wie er vorzeiten geredet hat
durch den Mund seiner heiligen Propheten –,
71 dass er uns errettete von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund,
73 an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham,
uns zu geben,
74 dass wir, erlöst aus der Hand der Feinde, ihm dienten ohne Furcht
75 unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
76 Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest
77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk
in der Vergebung ihrer Sünden,
78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
79 auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Aus dem lange Verstummten bricht es hervor: das ganze Programm des Heils! Im Sprachklang der Prophezeiungen, die uns aus der hebräischen Bibel vertraut sind. „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht im Hause seines Dieners David…“ – Zacharias erinnert sich angesichts des Kindes Johannes an Gottes Taten, an das, was das Volk mit ihm erfahren durfte: Gott lässt die Seinen nicht allein. Wieder und wieder hat er das gezeigt, hat sich erwiesen als der, der die Macht des Heils aufrichtet: eine andere Macht, „nicht durch Heer und Kraft, sondern durch meinen Geist soll es geschehen“, hatte Sacharja den Verbannten gesagt.
Gott selbst gedenkt seines Bundes, er tut, wie er gesagt hat. „wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten – dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund, an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst (sind) aus der Hand der Feinde“.
I
Die großen Krisen des Volkes Israel klingen an: Geistlich und geistig haltlos. Fern von Jerusalem, fern vom Berg Zion, fern vom Tempel. Heimatlosigkeit und Sprachlosigkeit schienen sich auszubreiten und breiten sich unter dem römischen Joch wieder aus – Obdachlosigkeit in Sachen des Glaubens und der Hoffnung. Das Volk Gottes am Abgrund… Dann aber das prophetische Wort Zacharias: Gott verlässt sein Volk nicht. So oft es auch seinen Herrn verlässt. In „Barmherzigkeit“, in „herzlicher Barmherzigkeit“ wird er euch, will er uns auch jetzt begegnen. Barmherzigkeit „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe…auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“
So klingt Neuanfang. So beginnt Aufbäumen: dass angesagt wird das Kommen Gottes. Aufbruch braucht Ermutigung von Gott, dessen Wort tröstet und befreit. Aufstand braucht Erinnerung an die Zeit des gelungenen Auszugs in die Freiheit – vormals heraus aus der Knechtschaft in Ägypten. Glaubensgeschichte ist Auszugsgeschichte: Raus aus der Depression und hinein in eine neue Zukunft mit Gott – Erinnerung nach vorn – das ist in der Heiligen Schrift zu lernen und es wird da vorgelebt. Und genau darum, liebe Schwestern und Brüder, ist die Bibel das Glaubensbuch und Lebensbuch schlechthin – sie, die Bibel ist der Schatz der Kirche! Allein das Wort: sola scriptura. Der Glaubensschatz.
Gott hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils. So lesen wir wieder in der Lutherrevision 2017, nachdem die letzte Revision des Textes aus dem „Horn“ eine Macht gemacht hatte.
Das ist die Sehnsucht auch in unserer Zeit: dass einer kommen möge, mit starker Hand dazwischenfahren, ein Ende machen mit all der sinnlosen Gewalt – in Syrien und im Nordirak vor allem – aber auch im Heiligen Land. Dass ein Ende wird endlich mit der Knechtschaft derer, die ihre Heimat verlassen müssen, weil Diktatoren ihr eigenes Volk verfolgen; weil das Klima sich so verändert, dass in der Dürre nicht genug Nahrung wachsen kann; weil das Land ausgebeutet wird von fremden Mächten. Barmherzigkeit, herzliche Barmherzigkeit sollen erfahren alle, die nicht ein und aus wissen, die von der Hand in den Mund leben müssen – auch mitten in reichen Ländern. Barmherzigkeit ist angesagt – gewaltig und mächtig. Hell und strahlend.
II
Neu anfangen dürfen: immer wieder bricht diese Sehnsucht durch und immer wieder findet diese Sehnsucht Anlass. Ich erlebe das auch, liebe Schwestern und Brüder, als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, die weite Gebiete umfasst, in denen die Gegenwart Gottes über Jahrzehnte geleugnet und die Präsenz der Kirche bekämpft wurde – teils offen, teils verdeckt. Gerade bei denen, die uns Kirchenleute eher aus der Distanz wahrnehmen oder skeptisch sind gegenüber dem, was wir als Marschgepäck des Lebens ansehen, erlebe ich diese Erwartung und Sehnsucht. Auch die religiös eher unmusikalischen Zeitgenossen sind angerührt und umgetrieben von dem, was da sein könnte: Dass einer „Ja“ sagt zu mir. Nicht fragt: Woher? Warum? Sondern annimmt. Und mich so öffnet zu sprechen darüber: dass ich saß in Finsternis und Schatten des Todes.
Vor etwa einem Jahr wurde ich eingeladen von einem Gewerkschaftssekretär aus Schwerin. Ich dachte: der möchte mit mir über das kirchliche Arbeitsrecht sprechen – und ich bereitete mich ordentlich vor: Zahlen, Fakten… Noch während wir auf die Vorsuppe warteten, fing ich an, ihm das kirchliche Arbeitsrecht und nicht zuletzt seine Vorzüge darzustellen.
Mein Gastgeber war sichtlich genervt. Schließlich unterbrach er mich: „Herr Bischof, dazu habe ich Sie nicht zum Essen eingeladen. Ich wollte Ihnen schon immer einmal sagen: ich finde es vollkommen verrückt, dass Sie an einen Gott glauben, den Sie mir nicht beweisen können…!
Ich war zunächst sprachlos über diese Direktheit der Ansprache. Als einer, der im Westen aufgewachsen ist und in Hamburg Gemeindepastor war, habe ich wohl nie Abwehr erlebt oder verschlossene Türen; aber bestenfalls bin ich auf freundliche Gleichgültigkeit gestoßen. Dass mich aber einer, der sagt: ich bin Atheist! Dermaßen ernst nimmt und mich herausfordert, mich provoziert, über meinen Glauben Auskunft zu geben – das war mir neu.
Sofort befanden wir uns in einem sehr freundlichen, sehr ernsten Gespräch über das, was uns trägt, was wir hoffen, worauf wir bauen, wonach wir uns sehnen. Und ich lernte – hier wie an vielen Begegnungen, die folgten, ganz neu meinen Glauben zu buchstabieren, meine Traditionen neu zu begründen.
Und ich sah seine Sehnsucht, seine Neugier. Gott selbst entscheidet, auf welchen Boden fiel, was ich erzählte. Aber ist nicht auch dieser ein von Gott Gesandter? Ist nicht auch solche eine Situation eine, die uns in die Reform zwingt? Reform unseres Redens von Gott. Unseres Redens vom immer gleichen, vom immer Beständigen:

Advent: Gott kommt. Und genau dafür ist die eine Kirche Jesu Christi da, genau dazu sind unsere beiden Kirchen – um das Thema der folgenden Podiumsdiskussion aufzugreifen – gemeinsam herausgefordert in einer sich verändernden Welt: Zu verkündigen die Botschaft des Erbarmens und der Hoffnung, auszurufen und anzusagen die Zeit Gottes, die immer das Hier und Jetzt meint. Hinein gesagt in das Leben der Trauernden; hinein gerufen in das Leben der Hoffnungslosen, die nichts mehr erwarten für sich. Doch Gott kommt, das ist die Ansage: Er kommt gerade zu denen, die nicht ein und aus wissen. Er kommt – und Erbarmen liegt auch in der Ermutigung, zu widersprechen den lebensfeindlichen Mächten; Erbarmen liegt auch in Gottes Forderung, die Füße endlich auf den Weg des Friedens richten zu lassen – zu lassen: geschehen zu lassen.
In all dem wird sichtbar die Schutzkraft der lebensdienlichen Gebote Gottes, der ein Gott des Lebens ist. Ein Entwaffner, nicht ein Bewaffner! Die starke Hand eines Kindes in der Krippe – nicht die eines Machthabers, der seine Pax Romana herbeizwingen will. Einer, der uns verweist auf die Mühseligen und Beladenen, einer der in die Mitte stellt die Ausgegrenzten: Migranten. Hartz-IV Empfänger, die Mexikaner auf der anderen Seite des möglicherweise wachsenden Zaunes.
Gott selbst also: das Licht, das Leben ausleuchtet, damit es sich entfalten kann – in Frieden und Sicherheit und Liebe. Ein Licht aber auch, das in die Erkenntnis führt dessen, was dem Leben dient und dessen, was es bedroht.
III
„Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest.“

Es ist wunderbar, wie Lukas die beiden Lebensgeschichten von Johannes und Jesus parallel einfädelt. Wie er den einen in dem anderen aufweist und in beiden Gottes eigenes Gedenken und Ansage erkennen lässt.
„...du wirst dem Herrn vorangehen, seine Wege zu bereiten. Darin wird uns der Sonnenaufgang aus der Höhe besuchen, um denen aufzustrahlen, die in Finsternis und Todesschatten sitzen...“
Jesus und Johannes: beide verkündigen Buße und rufen zur Umkehr; beide sammeln Jünger um sich; beide sind in ihrer Zeit nicht nur Mahner, sondern auch Störenfriede der Mächtigen. Johannes landet als Querulant und Freigeist im Gefängnis, weil er nicht aufhört, auf Ungerechtigkeit, Vertreibung und Gottlosigkeit hinzuweisen. Schließlich wird er enthauptet.

Mit Johannes bekommt die Adventszeit ihren eigenen, eigentlichen Ton: nicht Lichterkranz, sondern Bärenfell; nicht Punsch, sondern Wasser; nicht „süßer die Glocken nie klingen“, sondern „Schlangenbrut und Natterngewächs“. Nicht “alles ist gut“, sondern: Buße, Umkehr!
Johannes: Rufer in der Wüste, ein Prophet, zu dem die Menschen strömen. Und Johannes redet dort draußen in der Tradition der Propheten deutliche Worte. Es packt ihn der Heilige Zorn, wenn er sieht, wohin die Menschen treiben ohne Gott. Johannes lässt nicht mit sich spaßen, wenn die Zeichen der Zeit nicht erkannt werden: „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet“. – Bruder Beintker hat heute Vormittag vom „beherzten Umgang mit dem, was uns trägt“ gesprochen!

Ich gestehe, liee Schwestern und Brüder, dass diese Worte des Johannes mir eher auf der Zunge liegen angesichts der Welt und angesichts der gefährlichen Populisten, als alles Wortgeklingel sonst.
Ihr, die ihr euch eingerichtet habt in Reichtum und Macht: denkt nicht, dass das Gott gefällt. Nein, auch mit der Taufe allein, mit dem Bekennen der Lippen allein ist es nicht getan. Gott will mehr: er will, dass wir unser Leben erneuern, täglich. Umkehr, so Karl Kardinal Lehmann gestern, zielt immer auf die Ganzheit des Lebens – auch des Lebens der Kirchen als Institutionen. Dass wir uns entscheiden, uns zur Entscheidung rufen lassen, welchen Herren wir dienen wollen, durch welche Türen wir treten und wem wir die Türen öffnen und welcher Macht wir den Weg bereiten! Johannes ist die wahre Adventsfigur, insofern die Adventszeit eigentlich eine Zeit der Buße, der Einkehr, der Umkehr ist. Wegweiser ist Johannes: da geht’s lang.

Johannes verweist auf den, der da kommen wird. Nicht von mir und meinem Tun hängt das Wehe und das Heil der Welt ab, sagt Johannes! Auch nicht von unseren beiden Kirchen hier und weltweit hängt das Heil der Welt ab – ein Glück, denn wir würden uns heillos verirren in Weltrettungsphantasien! Uns Menschen zu gute ist sie vergeben, die Rolle des Weltenretters: Jesus, der Christus ist es, der diesen Platz längst besetzt hat und heilvoll wirkt.
Und es ist wunderbar, das wir uns seit mindestens 50 Jahren auf dem Weg zur Gemeinschaft befinden und gelernt haben, unsere Kräfte zu konzentrieren auf das, was uns gemeinsam ist, was uns gemeinsam stärkt, hält, sendet. Das wischt den Schmerz über das T<rennende nicht weg; aber es gibt uns die Mitte zurück: Christus!

Advent: wir bekommen ein Bild davon, wie Gott sich diese Welt denkt, wie sie sein kann. Advent heißt: Mit Gott rechnen! Sein Kommen auf dem Zettel zu haben! Ihm also Raum und Zeit zu lassen, damit er hineinfallen kann in unser Denken und Tun! Advent heißt: Da kommt einer, der frei macht, der aufsperrt, der den Himmel aufreißt.

Das ist die wunderbare Botschaft im Advent: Wo unübersichtliche Herausforderungen uns ängstigen und unsere Schritte lähmen, werden unsere Füße auf den Weg des Friedens gerichtet. Wo Reform heute nötig ist, wird sie uns geschenkt von dem, der uns ein Horn des Heils aufgerichtet hat. Was verschlossen scheint, muss verschlossen nicht bleiben. Gott läßt uns dahinter schauen. Er läßt uns sehen, was offenbar ist: seinen Frieden, seine Gerechtigkeit, seine Menschlichkeit. Läßt uns all das sehen in dem Kind im Stall, dessen Eltern ebenfalls vor verschlossenen Türen erst stehen mussten, bevor ihnen aufgetan wurde.
Gott ist im Kommen. Er sieht, was hier geschieht. Er will nicht hinnehmen Leid und Elend, Blut und Mord und Flucht und Hass und Machtgier. Er kehrt sich nicht ab, sondern kehrt um – zu uns.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ – damit herein brechen kann das Licht aus der Höhe, damit es unsere Füße auf den Weg des Friedens ausrichte: Gott sagt sich an bei uns, damit wir unseren Weg gehen können, weil wir seinen erinnern; damit wir nicht Angst haben und Angst verbreiten müssen; damit aufleuchtet in uns und durch uns die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes.
„Denn er hat besucht und erlöst sein Volk!“ Amen.

 

Volkstrauertag 2016

Gute Aussichten

Liebe Gemeinde,

die gesamte Schöpfung seufzt, so hören wir vom Apostel Paulus. Ich kann Paulus verstehen in diesen dunklen Novembertagen. So geht es mir, wenn ich die Zeitung aufschlage, Nachrichten höre oder Bilder im Fernsehen sehe von Krieg und Gewalt, von Schmerzen und Hunger, von Verbrechen und Hass, von der neuen Macht des Populismus, von der Verschmutzung unserer Welt und den Tierarten, die aussterben. Oft kann ich nur noch seufzen, weil ich mich so machtlos fühle.

Aber nicht nur über globale Fragen seufze ich, sondern oft genug auch über Schicksale in meinem Umfeld, über das, was ich in meinem Beruf erlebe an Leid: eine unerwartete Krankheit, ein plötzlicher Tod, eine persönliche Katastrophe, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Die Menschen sind erschrocken, verunsichert und voller Angst - zugleich aber voller Sehnsucht, dass alles irgendwie gut werden möge. Ein tiefes Sehnen nach Frieden und Erlösung ist die andere Seite der Medaille auf der uns Angst und Schrecken entgegenleuchten.

Im Römerbrief entfaltet Paulus eine großartige Schau auf unsere Welt. Er sieht dabei nicht nur auf uns Menschen und unser Elend, auf die Fragen, die uns beschäftigen, sondern er weitet den Blick über menschliche Horizonte hinaus: Die ganze Kreatur, die gesamte Schöpfung seufzt, sagt er. Für ihn besteht ein enger Zusammenhang zwischen uns Menschen und den anderen Lebewesen: die Hunde und Katzen, die Pferde und Schafe, die Wale und Vögel, die Fische und Flöhe, ja selbst die Pflanzen, die Regenwälder und das Getreide, die Moose und Farne, Orchideen und Edelweiß, Korallen und Plankton. Alles gehört zu dieser seufzenden, leidenden Erde.

Da finde ich Paulus sehr modern, seiner Zeit ausgesprochen voraus. Denn lange Zeit hat der Mensch sich allein im Mittelpunkt gesehen, anthropozentrisch gedacht nach dem Motto: " Wir sind die wichtigsten. Uns ist die ganze Welt untertan. Was kümmert uns, ob Delphine sterben, wenn wir nur genug Geschäft machen mit Thunfisch? Was kümmert uns, wenn die Fichten ihre Zweige hängen lassen, wenn wir mit 180 über die Autobahn fegen können? Was kümmern uns die anderen? Hauptsache, uns geht es gut, Hauptsache, wir können uns selbst verwirklichen, unsere Geschäfte machen und viel Geld verdienen!" Dass dieses Denken in eine Sackgasse führt, haben wir in den letzten Jahren gelernt. Die Natur ist nicht einfach unsere Um-welt, sondern sie ist die Welt, die auch uns trägt und nährt. Und wenn wir zu massiv in ihre Zusammenhänge eingreifen, werden wir selbst die Leidtragenden sein. Wer ein Kind hat, das an Allergien, Neurodermitis oder Krupp-Husten leidet, weiß, wovon ich spreche. Und wer mit Menschen redet, die geflohen sind, weil ihr Land sie nicht mehr ernähren kann, der beginnt auch, zu verstehen. Wir Erdenbewohner, Menschen, Tiere, Pflanzen, stehen alle miteinander im Kontakt, in einer fragilen, gefährdeten Balance. Die droht zu kippen, wenn wir nicht aufpassen.

Aber Paulus sieht weiter: So furchtbar es manchmal zugeht auf unserer Welt, so schlimm die Leiden von Menschen und Tieren sein können, sie sind nicht alles und vor allem nicht das Letzte! Das ist die zweite große Aussage in unserem Predigttext: die ganze Schöpfung sehnt sich nach Frieden, nach Erlösung. Alle, sagt Paulus, selbst Tiere und Pflanzen, sehnen sich nach der Befreiung vom Irdischen, Diesseitigen, Sterblichen. In allen und allem steckt die Ahnung davon, dass das diesseitige Leben, die vordergründige Realität, nicht alles sein kann. Diese Ahnung verbindet uns als Christen miteinander. Sie verbindet uns aber auch mit den anderen Religionen dieser Welt. Und sie sollte eigentlich Konsequenzen haben für unser tägliches Leben. Allerdings fallen wir oft genug hinter sie zurück und leben, als gäbe es keinen Gott, keine Versöhnung, keine Erlösung.

So verplempern wir oft unsere Zeit mit Dingen, die sie gar nicht wert sind. Einer hat uns wehgetan oder beleidigt - was zieht das Energie von uns! Wie viel Gedanken und Phantasie verwenden wir darauf, Rache zu nehmen! Wie viel Vergeltung statt Versöhnung leben wir. Das ließe sich politisch durchbuchstabieren, aber auch ganz persönlich. Da sind Familien, in denen Kinder die Rachegefühle streitender Eltern ausbaden müssen. Da sind Nachbarn, die kein gutes Haar aneinander lassen und sich immer neu bekämpfen müssen. Da gibt es Leute, die ohne viel nachzudenken populistische Parolen gegen Flüchtlinge nachplappern und ihre Vorurteile kultivieren, ohne jemals mit einem dieser Menschen gesprochen zu haben.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir uns immer wieder hineinziehen lassen ins Ungute und Böse, in Strukturen, die nicht dem Leben dienen, sondern die Lebendigkeit abtöten. Oft genug sind wir dann nicht Fackelträger unseres Glaubens, sondern werden ganz unbewusst zu Ordensträgern des Todes und seiner Gesellen. Denn Tod, das ist doch nichts anderes als völlige Beziehungslosigkeit.

Das war zur Zeit des Apostels nicht anders. Die Paulusbriefe reden an vielen Stellen davon, wie auch die Christen in den jungen Gemeinden damals ihre Schwierigkeiten und Probleme hatten, wie sie immer wieder zurückgefallen sind in alte Strukturen - oder wie sie dann doch den politisch Mächtigeren nachgegeben und sich dem Kaiser unterworfen haben. Von Anfang an waren Christen nicht davor gefeit, selbst zu Gehilfen des Todes zu werden. Und trotzdem schreibt der Apostel:

Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Ja, es gibt furchtbares Leid auf der Welt. Es schreit zum Himmel, was hier passiert. Doch wenn wir diese Erfahrungen gewichten und sie der künftigen Herrlichkeit gegenüberstellen, dann , verspricht der Apostel, schrumpfen sie zusammen zu einem kleinen Häufchen Elend gegenüber der großartigen Herrlichkeit, die uns erwartet. Und diese großartige Zukunft, die hat bereits begonnen! Das ist wie bei einer Frau, die ein Kind bekommt. Es tut ihr weh, sie muss Schmerzen und Ängste durchleiden - aber wenn dann das Kind gesund in ihren Armen liegt, ist all das vergessen. Dankbarkeit und Glück wiegen viel, viel mehr als die Geburtsschmerzen vorher. Hier das Maß der Leiden, das manchmal sicherlich übervoll ist - dort aber das Übermaß der Herrlichkeit, Glück und Dankbarkeit, die kein Mensch überhaupt ermessen kann. Das sind die wahren Verhältnisse - jedenfalls für Menschen, die glauben.

"So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben" (Röm 3,28), schreibt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief- Dieser Satz, liebe Gemeinde, war der zentrale Satz für Martin Luther. Allein der Glaube, allein der gnädige Gott, allein Christus kann den Menschen selig machen, nicht die Werke. Diese Erkenntnis ist heilsam für uns und unsere Zeit, in der sich der blanke Materialismus mehr und mehr durchsetzt. Einem globalen Turbokapitalismus, einer Religion des totalen Marktes, die Millionen von Menschen in der Dritten Welt ausschließt und chancenlos lässt, müssen wir Christen weltweit und ökumenisch geschlossen widersprechen. Unsere Werte, die Achtung vor jedem Leben und die Nächstenliebe, lassen es nicht zu, dass wir schweigen zu der Entwicklung, die unsere Welt im Moment nimmt: die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer. Jesus Christus, selbst als armes Kind auf die Welt gekommen, hat nicht in den Palästen Politik gemacht. Er hat mit den Ausgegrenzten, Chancenlosen, mit den "armen Hunden" seiner Zeit an einem Tisch gesessen - und gerade so mehr bewegt als manche Theorie oder abgehobene politische Forderungen. Ob wir davon als Christinnen und Christen nicht eine Menge lernen könnten?

Die Welt verändern - das fängt immer im Kleinen an, immer heute, immer mit dem Menschen, der mir gerade gegenüber steht. Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes. Offenbaren wir uns doch als seine Kinder, wir Christen hier am Starnberger See. Erinnern wir - nicht nur am Volkstrauertag - an Leiden und Ungerechtigkeit in unserer Welt. Benennen wir, was falsch läuft und wo wir zu Gehilfen des Todes werden. Aber leben wir zugleich so, dass die Leute uns unser Vertrauen und unsere Hoffnung spüren können, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in dieser Herrlichkeit. Im Namen Jesu Christi. Amen.

Ulrike Wilhelm

21. Sonntag nach Trinitatis

Gut gerüstet


Liebe Gemeinde!


Sind Sie gut gerüstet für die Jahreszeit? Essen Sie genügend Vitamine, bewegen Sie sich an der frischen Luft, stärken Sie Ihre Abwehrkräfte, und haben Sie sich schon angemeldet für die Grippeimpfung beim Arzt? Wir wollen doch alle den überall lauernden Erkältungsviren gut widerstehen. Deshalb rüsten vernünftige Menschen sich entsprechend.
Um Abwehr geht es auch im heutigen Predigttext. Allerdings nicht um die Abwehr irgendwelcher Viren oder gesundheitlicher Gefahren. Nein, es geht um geistliche Abwehr. Um die Abwehr böser, teuflischer Kräfte. Um die Abwehr finsterer Mächte, die das Leben bedrohen und die uns noch weitaus stärker anfechten oder gar flachlegen können als es die schlimmste Erkältung tun könnte.
Ich lese Ihnen einen Abschnitt aus dem Epheserbrief im Neuen Testament vor. Dieser Brief wurde zwischen 80 und 90 n.Chr. in Kleinasien verfasst und kursierte als eine Art Predigtrundbrief in den Gemeinden, die Paulus gegründet hatte. Der Verfasser sieht sich in der Nachfolge des Paulus und hat deshalb, wie damals üblich, keine Hemmungen, sich selbst als Paulus auszugeben. Aber auch wenn wir es hier mit einem sogenannten „deuteropaulinischen“ Schreiben zu tun haben, ist dieser Brief bedenkenswert. Hören wir aus dem letzten, 6. Kapitel des Epheserbriefes die Verse 10 bis 17. In der folgenden Gute-Nachricht Übersetzung lautet die Überschrift:
Die Waffen Gottes
10 Noch ein letztes Wort: Werdet stark durch die Verbindung mit dem Herrn! Lasst euch stärken von seiner Kraft! 11 Legt die Waffen an, die Gott euch gibt, dann können euch die Schliche des Teufels nichts anhaben. 12 Denn wir kämpfen nicht gegen Menschen. Wir kämpfen gegen unsichtbare Mächte und Gewalten, gegen die bösen Geister, die diese finstere Welt beherrschen. 13 Darum greift zu den Waffen Gottes! Wenn dann der schlimme Tag kommt, könnt ihr Widerstand leisten, jeden Feind niederkämpfen und siegreich das Feld behaupten. 14 Seid also bereit! Legt die Wahrheit als Gürtel um und die Gerechtigkeit als Panzer an. 15 Bekleidet euch an den Füßen mit der Bereitschaft, die Gute Nachricht vom Frieden mit Gott zu verkünden. 16 Vor allem haltet das Vertrauen auf Gott als Schild vor euch, mit dem ihr alle Brandpfeile des Satans abfangen könnt. 17 Die Gewissheit eurer Rettung sei euer Helm und das Wort Gottes das Schwert, das der Geist euch gibt. (Übersetzung: Gute Nachricht)


Ganz schön martialisch, diese Sprache! Als käme sie direkt vom Kriegsgott der Römer, vom Mars: Waffen, niederkämpfen, siegreich das Feld behaupten, Panzer, Schild, Helm und Schwert! Das irritiert zunächst einmal. Haben wir nicht vorhin das Gegenteil gehört: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen (Mt, 5,44). Das waren sie doch, die Worte Jesu. Wie kommt da nun kaum zwei Generationen später jemand dazu, derart kämpferische Worte zu benutzen?

Glaube ist niemals unabhängig von der Zeit in der er lebt. Was wir erleben, die Freuden und die Bedrohungen, die guten und die beängstigenden Erfahrungen, prägt unser Denken, unsere Sprache und unsere Theologie. Das lässt sich an den biblischen Texten gut ablesen. Als der Epheserbrief geschrieben wurde, war die Situation der jungen Christen alles andere als einfach. 70 n.Chr. war der Tempel zerstört und der jüdische Widerstand niedergeschlagen worden. Es gab brutale Juden- und Christenverfolgungen unter Nero (54-68) zuerst und dann auch unter Kaiser Domitian (81-96). Die Hoffnung, dass Jesus Christus wiederkommen und sein göttliches Friedensreich gegen alle Staatsräson errichten würde, hatte sich verflüchtigt. Man war enttäuscht, gedemütigt und verfolgt. Der Autor des Epheserbriefes sitzt im Gefängnis, als er seine Zeilen schreibt. Er steht unter Druck, das spürt man seinem Brief ab.

Nicht nur in den ersten Jahrzehnten der Christenheit, auch heute unterliegt unsere Religion dem Wandel der Geschichte. Das Christentum hat sich verändert in den letzten Jahren. Wie waren wir alle friedensbewegt und pazifistisch in den 80er Jahren; „Schwerter zu Pflugscharen“ wollten wir schmieden und die friedliche Wende 1989 schien uns Recht zu geben. „Keine Gewalt!“ war der Ruf, der damals durch die Kirchen hallte. Doch heute? Die entsetzlichen Bilder aus Aleppo oder aus Afghanistan gehen uns schmerzhaft zu Herzen. Hilflos hören wir die Nachrichten vom vorrückenden IS, von Jugendlichen, die sich für diese Ideologie begeistern lassen, von immer neuen Terroranschlägen und immer neuer Gewalt. Für die 21 Millionen Flüchtlinge auf unserem Planeten haben wir keine dauerhaften Lösungen. Da möchte man sich manches Mal wünschen, der HERR selbst führe drein und machte endlich Ordnung. Und alte Psalmen, die wir in friedlichen Zeiten schon abgeschrieben hatten, sprechen uns neu aus der Seele:

Herr, gib dem Gottlosen nicht, was er begehrt!
Was er sinnt, lass nicht gelingen …
Das Unglück, über das meine Feinde beraten,
komme über sie selber.
Er möge feurige Kohlen über sie schütten,
er möge sie stürzen in Gruben,
dass sie nicht mehr aufstehen!
(Ps 140, 9-11)

Ja, der Ruf nach neuen Autoritäten angesichts einer unübersichtlich und oft auch unheimlich gewordenen Welt wird laut in diesen Zeiten. Nicht nur unter Christen, die nach einem starken Gott rufen, sondern auch unter den Menschen, die in der politischen Landschaft nach dem starken Mann schreien. Starke Männer haben ja derzeit Hochkonjunktur: Putin, Orban, Erdogan, Trump. Viel, oftmals zu viel, nehmen sich diese Herrschaften heraus – und das Volk lässt es zu. Deutsche die aus der eigenen Geschichte gelernt haben, sind besorgt über diese Entwicklung. Doch auch in unserem Land gibt es Leute, die nach dem starken Führer schreien und für amtierende Politiker nichts als Hass, Verachtung und Beleidigungen übrig haben. Wir haben das gesehen am 3. Oktober in Dresden.

Hier in Oberbayern sind wir da gewissermaßen noch auf einer Insel der Seligen. Aber schon im Norden Bayerns sieht es anders aus. Sabine Dresel, Diakonin in der oberfränkischen Kirchengemeinde Regnitzlosau schildert in einem Brief, den sie uns vor wenigen Tagen schrieb, die Situation:

„Die extreme Rechte wird im Großraum Hof und im Osten aktiver und sichtbarer. Die Aktionen werden mehr, die Sprache wird deutlicher, die Vernetzung verschiedener Gruppierungen läuft. Durch den Rechtspopulismus, der ja in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, finden sie auch dahin ihre Wege und einen guten Zugang. Gerade im Osten fallen ihre Parolen auf sehr fruchtbaren Boden. Rechtsextreme Äußerungen werden immer mehr gesellschaftsfähig. … Am 1. Mai 2016 war in Plauen eine Veranstaltung, die mir noch lange im Gedächtnis sein wird. Es waren sooo viele, die da rechte Parolen grölend oder sehr ruhig und diszipliniert im Gleichschritt durch Plauen marschiert sind…. Und gefühlt waren wir sooo wenige, die sich ihnen in den Weg gestellt haben. Der Bürgermeister hatte seine Bürger darum gebeten, wenn ihnen ihre Sicherheit lieb ist, daheim zu bleiben. Da ist Widerstand extrem schwer zu organisieren und durchzuhalten. … Es wird immer wichtiger, sich selbst im Klaren zu sein, wo man steht und warum, was man befürworten kann und was nicht und wo die eigenen Grenzen sind. Um dann mit dieser Klarheit über sich selbst auch nach außen zu gehen …. und deutlich Gesicht zu zeigen.“

Sind wir gerüstet, liebe Gemeinde, für die Herausforderungen dieser Zeit? Haben wir – als Einzelne, aber auch aus Kirche - die nötige Klarheit darüber, Position zu beziehen, auch dann, wenn es vielleicht unangenehm wird? Welche Vorsorge, welche Prävention betreiben wir gegen die dunklen Kräfte? Wie können wir bedrohliche, lebensfeindliche Mächte unserer Zeit abwehren?

Der Epheserbrief rät: Werdet stark durch die Verbindung mit dem Herrn! Lasst euch stärken von seiner Kraft!

Verbindung also. Eine Verbindung wie sie die Rebe zum Weinstock hat. Eine Verbindung zu Gott, die uns Kraft geben kann und uns stark macht. Die Grundlage für diese Verbindung legen nicht wir, sondern Gott. In der Taufe feiern wir das. Da bekommen wir seine wunderbare, große Zusage: Du bist mein geliebtes Kind. Ich werde Dich im Leben nie verlassen. Es wird Tage geben, da wirst Du mich nicht spüren können. Es wird vermutlich auch Phasen geben, da wirst Du nicht an mich glauben können. Vielleicht werde ich Dir irgendwann sogar gleichgültig sein. Trotzdem: Ich werde Dich, Menschenkind, nicht aus den Augen lassen. Dein Name ist und bleibt tief in mein Herz geschrieben.
Das ist eine wunderbare Zusage. Der Taufspruch für Karla, unser heutiges Taufkind, liest sich wie ein Antwort darauf: Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. (Ps 16,11) Das wünschen wir so einem wonnigen Kind, dass es ein Leben in Freude und Fülle führen darf und sein Lebensweg gut von Gott begleitet und geführt wird.

Der Epheserbrief fordert uns auf: Legt die Waffen an, die Gott euch gibt, dann können euch die Schliche des Teufels nichts anhaben. Gibt uns Gott in der Taufe Waffen, rüstet er uns in diesem Sakrament für die Kämpfe unseres Lebens? Was sind das für Waffen? Die Wahrheit ist ein Gürtel, lese ich da. Von allen Seiten soll sie uns umgeben. Die Gerechtigkeit ein Panzer, also ein Schutz. An den Füßen sollen wir uns kleiden mit der Bereitschaft, die Gute Nachricht vom Frieden mit Gott zu verkünden. Also weitererzählen vom Glauben, nicht verschweigen, was uns bewegt. Das Vertrauen auf Gott können wir hochhalten wie einen Schild, der uns den Weg durch gefährliche Zeiten ermöglicht. Die Gewissheit unserer Rettung sei unser Helm; unser ganzes Hirn sei eingebettet von dieser Gewissheit, unser Denken von ihr umhüllt. Und schließlich: das Wort Gottes das Schwert, das der Geist uns gibt. Das also sind die Waffen Gottes: Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Vertrauen, Gewissheit und Gottes Wort. Geistvolle Waffen sind das, keine stählernen. Waffen des Herzens, die uns wappnen für schwierige Zeiten der Anfechtung und der Verunsicherung. Die können helfen, wenn andere nach stählernen Waffen schreien: nach schärferen Gesetzen, nach mehr Überwachung, strengeren Strafen, stärkeren Männern, noch mehr Waffen.

Sind wir gut gerüstet für diese Zeit, liebe Gemeinde? Sind wir stark genug, die bösen Kräfte unserer Tage abzuwehren? Ich sage ja. Wir schaffen das. Denn wir sind getauft, wir sind geliebt, wir stehen nicht allein da. Am Wort Gottes können wir Christenmenschen unsere Herzenswaffen schärfen, in der Gemeinde gegenseitig unser Vertrauen stärken. Und unsere Verbindung zu Gott kultivieren, vielleicht ganz besonders in Zeiten, die nicht so einfach sind. Dann spüren wir hoffentlich den Segen Gottes, der auf unserem Leben liegt, wie Karlas Taufspruch verheißt: Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Ulrike Wilhelm

 

 

Berggottesdienst an der Tutzinger Hütte

Das Wort vom Kreuz


Liebe Gemeinde!

Ein böser Geist geht derzeit um in den Bayrischen Alpen. Angefangen hat es zu Pfingsten im Längental unterhalb des Braunecks, als bei der Dudlalm ein Kreuz umgehackt wurde. Am letzten Julisamstag hat ein Unbekannter auf dem Prinzkopf im Karwendel abends mit einem Beil auf das Gipfelkreuz eingeschlagen. Und Ende August wurde auf dem Scharfreiter das Kreuz ebenfalls mit einer Axt so schwer beschädigt, dass man es aus Sicherheitsgründen nicht mehr stehenlassen konnte. „Ein Christenhasser? Ein Kreuzhasser? Oder vielleicht ein Verrückter?“ so rätselt die Polizei und hofft auf künftige Beobachtungen aufmerksamer Wanderer.
„Kein Anlass zur Sorge“ lautete am 7. September hingegen die Überschrift im Starnberger Merkur. Groß war das Gipfelkreuz der Benediktenwand abgebildet; darunter stand: „Für die berühmte Benediktenwand sind die Mitglieder der Sektion Tutzing des Deutschen Alpenvereins zuständig. Angst ums Gipfelkreuz haben sie nicht!“
Keine Sorge, ich will Ihnen auch keine Angst um dieses eine spezielle Kreuz machen. Doch dass es Menschen gibt, die so voller Hass sind, dass sie auf Symbole einer Religion eindreschen müssen, beschäftigt mich doch. Seit längerem kennen wir die juristischen Auseinandersetzungen in unserem Land: Dürfen Kreuze in Schulzimmern hängen? In Kranken-häusern? In Gerichtssälen? Die Diskussion darum ist wichtig – genauso wichtig, wie Diskussionen um Burkas und Burkinis, um das Schächten von Tieren oder um die Beschneidung. Was darf, was muss eine Religion? Was soll und was muss eine andere tolerieren? Und was heißt „weltanschauliche Neutralität“, was heißt „Toleranz“, wo religiöse Symbole doch eine gesellschaftsprägende Wirkung haben? Das muss eine Gesellschaft diskutieren. Es ist gut, wenn Menschen sich damit auseinandersetzen. Die Kirche kann dabei ruhig im Dorf bleiben. Und das Gipfelkreuz – oder von mir aus auch die tibetischen Gebetsfahnen - bitteschön auf dem Berg. Hauptsache, wir reden in Frieden über die Dinge. Gerne auch im Streitgespräch. Aber ohne Gewalt.

Doch dann gibt es eben jene Fanatiker, die mit Hass und Gewalt gegen das ankämpfen, was ihnen nicht passt - aus welchen Gründen auch immer. Nieder mit der Religion und ihren Symbolen. Weg mit den Gefühlen der Menschen, mit der Ehrfurcht, mit der Achtung, mit dem Respekt. Null Toleranz. Was uns nicht gefällt, wird bekämpft, bekriegt, abgehackt und zerstört. Ein unheiliger Krieg gegen das, was anderen heilig ist.

Solcher Fanatismus ruft dann wiederum eine andere Seite auf den Plan, die nicht weniger gefährlich ist, vielleicht sogar noch gefährlicher:

Am ersten Septemberwochenende haben Mitglieder der sogenannten „Identitären Bewegung“ ein Fichtenkreuz auf den Scharfreiter geschleppt und dort oben aufgestellt. Im Internet kann man sehen, wie die jungen Männer sich dieser Aktion brüsten. Zugleich werden T-Shirts angepriesen mit der Aufschrift: „Deus Vult. Ecclesia Militans. Fidei Defensor.“ „Gott will es. Eine streitbare Kirche. Verteidiger des Glaubens“. Zugleich wird heftig gewettert gegen Flüchtlinge, Fremde und andere Kulturen. Die rechtsradikale Szene scheint sich neuerdings auf Kreuzzug zu befinden. Da kommt so ein Gipfelkreuz-Hasser gerade recht, damit man sich selbst in der Öffentlichkeit als gute, traditionsverbundene, ja sogar christliche Gemeinschaft in Szene setzen kann.

Nicht nur ein böser Geist ist es also, der da zurzeit umgeht. Es ist eine gefährliche Gemengelage aus einander widerstrebenden Geistern. Sie bekriegen sich gegenseitig. Es wird gekämpft - gegen und für das Kreuz. Von der Axt bis zur Videobotschaft auf Facebook – es sind alle Mittel recht.

Was, so frage ich mich, sagt Jesus Christus wohl zu all dem? Er, der am Kreuz sein Leben ließ, für den das Kreuz schließlich sein persönliches Schicksal wurde? Gehasst hat er es sicher auch, dieses brutale Folterinstrument, das er durch Jerusalem schleppen musste, an dem ihm seine Arme auseinandergerissen wurden und er gedemütigt und dem Spott preisgegeben die grausamen letzten Lebensstunden erleben musste. Ob er wohl Gipfelkreuze gemocht hätte?
In der frühen Christenheit jedenfalls gab es das Symbol des Kreuzes noch nicht. Da war es der Fisch, der als Erkennungszeichen der Christen diente. Oder das Christusmonogramm. Die ersten frühchristlichen Kreuze um das Jahr 500 waren meist reich geschmückte, gleichschenkelige Auferstehungs-kreuze, Zeichen des Triumpfes. Kruzifixe mit einem leidenden Christuskörper daran werden erst im Mittelalter, in der Zeit der Gotik, wichtig. Vielleicht, weil die Menschen selbst so viel zu leiden hatten damals. Auch viele Gipfelkreuze auf unseren Bergen haben mit Leidenserfahrungen der Menschen zu tun: viele wurden nach dem Krieg von Rückkehrern errichtet – aus Dankbarkeit für die überstandene Leidenszeit und in Erinnerung an gefallene Kameraden.

Als Christus auf Golgatha ans Kreuz geschlagen wurde, waren Kreuzigungen eine durchaus gängige Hinrichtungsmethode für Schwerverbrecher. Tausende wurden auf diese Weise im römischen Reich bestraft. Doch ein Schwerverbrecher war Jesus nicht. Sein Kreuz stand sozusagen inmitten sich widerstreitender Interessen: Da waren erstens die frommen Kreise der Juden, die Hohenpriester und Pharisäer, die Jesus der Gotteslästerung anklagten und ihn abgrundtief hassten. So vollmächtig hatte er von Gott geredet, dass sie ihn als einzige Provokation empfinden mussten. Da waren zweitens die Römer, die sich nur wundern konnten über so viel Gewicht einer Religion – und denen es in ihren besetzten Gebieten hauptsächlich um politische Ruhe ging - und um unterwürfige, potente Steuerzahler. Die wollten den Unruhestifter aus Galiläa loswerden. Und drittens gab es die Zeloten, Aufständische, die von Jesus erwarteten, dass er im Namen Gottes endlich Schluss machen würde mit dem politischen System der Unterdrückung und das Reich Gottes endlich auf diese Welt holen würde. Dass er das nicht getan hatte, erfüllte sie mit bodenloser Enttäuschung. Ein Versager, ein Nichtskönner, ein Sprücheklopfer war er in ihren Augen.

In dieser gefährlichen Gemengelage aus unterschiedlichsten religiösen und politischen Interessen wird Jesus schließlich Opfer. Zerrieben zwischen widerstreitenden Erwartungen, zerrissen von Fanatismus und Machtgehabe. Ans Kreuz geschlagen, gefoltert, getötet. Tot ist tot. Da gibt es kein Zurück mehr.

So dachten alle. Jesus selbst vermutlich auch. Nur Gott hatte andere Pläne. Alle menschliche Logik wurde an Ostern gewaltig durchkreuzt. Hören Sie, was der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: Das Wort vom Kreuz ist einen Torheit denen, die verloren gehen. Uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben: "Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen." (Jesaja 29,14) Wo sind nun die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo die Erforscher dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, hat durch ihre Weisheit Gott nicht erkannt. Deshalb beschloss Gott, durch die Torheit der Predigt die zu retten, die glauben. Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Denen aber, die berufen sind - Juden und Griechen - predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser als die Menschen. Und die Schwachheit Gottes ist stärker als es die Menschen sind. (1 Kor 1,18-25)

Im Schwachen ist die Kraft Gottes mächtig. Im Verachteten liegt der Triumph, in der Niederlage der Sieg. Das ist die göttliche Logik. Das ist der Weg Jesu Christi. Der gekreuzigte, scheinbar ohnmächtige Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Eine Kraft, die im Schwachen mächtig ist. Und die alles Machtgebaren dieser Welt sozusagen an der Nase herum ad absurdum führt.

Wer meint, mit der Axt Kreuze umschlagen zu können und damit das Christentum ernstlich zu gefährden liegt genauso falsch wie jemand, der das Kreuz benutzt, um primitive Hassbotschaften auf andere Kulturen oder Religionen loszuwerden.
Sobald das Kreuz funktionalisiert wird, funktioniert es nicht mehr.

Die Kraft Christi ist dort mächtig und wirksam, wo Menschen ihr eigenes Kreuz entdecken und ihm nicht ausweichen. Folge mir nach und nimm dein Kreuz auf dich! (Mk 10,21), sagt Jesus dem reichen Jüngling, der so hängt an seinem materiellen Besitz, dass er unfrei geworden ist. Folge mir nach und nimm dein Kreuz auf dich! sagt er vermutlich auch uns, wenn wir vor Entscheidungen stehen in unserem Leben, die Opfer verlangen, die uns nicht leicht fallen, bei denen wir unseren eigenen Egoismus zurückstellen und andere Werte oder andere Menschen in den Vordergrund rücken sollen. Teilen, Verständnis aufbringen, Toleranz üben, Provokation mit Liebe begegnen, Hass mit Humor, Fanatismus mit Realismus, Panikmache mit Gelassenheit.

„Kein Anlass zur Sorge“. Diese Überschrift im Merkur trifft so gesehen den Nagel auf den Kopf oder sozusagen mitten ins Zentrum des Kreuzes hinein. Unser Herr Jesus Christus hat am Kreuz aller Gewalt, allem Fanatismus, allem menschlichen Machtgebaren eine deutliche Grenze gesetzt. Warum also sollten wir uns noch sorgen? Lassen Sie mich enden mit einem Wort aus dem Petrusbrief: All Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch (2 Petr 1,7).

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Ulrike Wilhelm

 

 

Sommer-Predigtreihe "Reformatorische Reisen"

Unterwegs mit Stephanie Mackensen von Astfeld nach Barmen: Eine Reise in schwieriger Zeit.


„Wer ist der Herr Ihres Lebens, der Jude Christus oder der Führer Adolf Hitler?“, so fragte der Vorsitzende des Gauparteigerichts. „Jesus Christus ist der Herr meines Lebens“, antwortete Parteigenossin Nr. 1.333.527. „Und wenn Sie nun in Konflikt geraten zwischen den Geboten dieses Jesus Christus und den Geboten des Führers, wem würden Sie gehorchen?“ „Wenn ich in Konflikt geraten sollte, werde ich selbstverständlich den Geboten meines Herrn Jesus Christus gehorchen.“ Nach längerer Beratung teilte das Gauparteigericht der Angeklagten mit: „Der Gauleiter fordert Sie auf, freiwillig aus der Partei auszutreten.“ Darauf die Beklagte: „Dann bestellen Sie dem Gauleiter, ich hätte dasselbe Recht, in der Partei zu sein, wie er.“
Es war Stephanie Mackensen von Astfeld, die es wagte, in solchem Ton dem mächtigsten Mann der Provinz Pommern zu widerstehen. Zwischen 1933 und 1938 hat sie sich in herausragender Weise in der Bekennenden Kirche engagiert – also in dem Teil der evangelischen Kirche, der sich nicht gleichschalten und auf Linie der nationalsozialistischen Ideologie bringen ließ. Herausragend war das Engagement dieser mutigen Frau in einer Zeit, in der die meisten Menschen zu den Geschehnissen im Staat schwiegen. Außerdem war es höchst ungewöhnlich zu dieser Zeit, dass eine Frau ihre Rolle als Hausfrau und Mutter (sie hatte drei Kinder) verließ und sich für die Kirche und ihren Glauben in der Öffentlichkeit engagierte. Stephanie Mackensen von Astfeld war die einzige weibliche Teilnehmerin der Bekenntnissynode von Barmen. Sie war dabei, als ein wichtiger Bekenntnistext unserer Kirche verabschiedet wurde: die „Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen“ (siehe Evangelisches Gesangbuch S. 1577 ff.).
Mehr dazu später; zunächst ein paar biographische Daten: Stephanie, geb. von Renvers, war 1894 in Berlin auf die Welt gekommen und katholisch erzogen worden. Durch ihre Heirat mit dem preußisch-protestantischen Beamten Ferdinand Mackensen von Astfeld kam sie näher in Kontakt mit der evangelischen Kirche. Sie fing nun an, in gut reformatorischer Tradition intensiv in der Bibel zu lesen. Wie Luther fand auch sie über den Römerbrief den Zugang zu einer Theologie der Freiheit. Sie konvertierte zur evangelischen Kirche, während ihr Mann als Soldat im 1. Weltkrieg war. Die sozialen Probleme Deutschlands trieben sie in den folgenden Jahren um. Wie viele Menschen damals erhoffte auch das Ehepaar Mackensen von Astfeld von der NSDAP eine Lösung. Und so trat Stephanie am 1. Oktober 1932 der Partei bei. Sie schloss sich den staatstreuen Deutschen Christen an und wurde für diese Gruppe in die Pommersche Landessynode gewählt.
Im Laufe des Jahres 1933 aber begann sie immer stärker daran zu zweifeln, ob die Ziele der NSDAP mit einer christlichen Existenz vereinbar seien. Die Einschränkung politischer Rechte, die Verhaftungswelle gegen Oppositionelle, die Gleichschaltung der Presse, der Boykott gegen Juden, die Bücherverbrennung und der immer stärker werdende Führerkult waren Gründe, dass Stefanie Mackensen von Astfeld sich schließlich der Bekennenden Kirche zuwandte. Sie wurde Mitglied und später auch Geschäftsführerin des Bruderrates in Pommern, sie organisierte illegale Kollektensammlungen und unterstützte das illegale Predigerseminar, das Dietrich Bonhoeffer in Finkenwalde gegründet hatte, um junge, kritische Theologen auszubilden. Nach der Bekenntnissynode von Barmen nahm Stephanie Mackensen von Astfeld an weiteren Synoden teil. 1938 kam es zu einem gefährlichen Konflikt mit der NSDAP, nachdem sie sich in einem Brief an den pommerschen Gauleiter über dessen öffentliche Verunglimpfungen der Kirche beschwert hatte. Ihr Mann Ferdinand verlor durch das mutige Engagement seiner Frau im selben Jahr seinen Posten als Vizepräsident der Provinz Pommern. Eine politische Karriere und eine kritische Ehefrau waren damals schlicht unvereinbar.
Nach dem Krieg arbeitete Stephanie Mackensen von Astfeld im Predigerseminar der Evangelischen Kirche von Westfalen. Sie engagierte sich ehrenamtlich als Vorsitzende des Evangelischen Frauenbundes sowie in der Telefonseelsorge. Am 1. Februar 1985 ist sie 90jährig verstorben.
„Wer ist der Herr Ihres Lebens?“ Diese Frage aus dem Parteigerichtsverfahren gegen Stephanie Mackensen von Astfeld ist eine Frage, die auch für uns immer wieder hoch aktuell ist. Wer ist der Herr unseres Lebens? Ein politischer Führer, wie Hitler damals oder Erdogan heute, beansprucht diese Position in unserem Land Gott sei Dank nicht (mehr). Wenn wir aber Luthers Auslegung bedenken: „Woran du dein Herz hängst, das eigentlich ist dein Gott!“, dann fallen uns schnell Dinge ein, die einen gottähnlichen Status in unserem Leben bekommen haben: Hängt unser Herz nicht an Menschen? An unserem Partner oder unserer Partnerin, an unseren Kindern und Enkeln, an den Eltern, Geschwistern und Freunden? Hängt es nicht an unserer Heimat, unserem Ort, an unserem Haus? Hängt es nicht an unserer Mobilität, am Auto, an unserer Freiheit, zum Reisen oder Konsumieren? Hängt unser Herz nicht an unserer Lust, Dinge zu entdecken und zu besitzen, hängt es nicht an der Schönheit und Weite dieser Welt?
Wer ist der Herr unseres Lebens? An wievielter Stelle würden wir wohl Jesus Christus nennen, zu dem wir uns als Christinnen und Christen doch schließlich bekennen – im Gottesdienst an jedem Sonntag, wenn wir ein Kind in seinem Namen taufen, eine kirchliche Hochzeit feiern oder jemanden zu Grabe tragen? Welchen Stellenwert hat dieser Jesus Christus eigentlich in unserem Leben? Und welche Konsequenzen ziehen wir aus unserem Glauben an ihn? Wären wir – wie Stephanie Mackensen von Astfeld vor 88 Jahren – heute auch bereit, Unannehmlichkeiten für unseren Glauben auf uns zu nehmen? Das Ende unserer Karriere? Die Gefahr, angegriffen zu werden oder gar ins Gefängnis gesteckt? Wie viel wären wir eigentlich bereit, für unseren Glauben zu geben, zu opfern?
Diese Frage, liebe Gemeinde, hat uns in den letzten Jahrzehnten wenig bewegt. In Frieden und Sicherheit sind die meisten von uns groß geworden. Das Christsein gehörte irgendwie mit dazu, jedenfalls im Westteil unseres Landes, war aber vielfach auch Privatsache geworden. Über den Glauben redete man kaum. Ob man Gottesdienste besuchte und wie oft, blieb jedem und jeder selbst überlassen. Man sah es niemandem an, ob er Christ war oder nicht. Eine verschwommene Volkskirchlichkeit hatte klare Bekenntnisse scheinbar überflüssig gemacht. Und so haben wir heute eine Vielzahl von Zugehörigkeitsformen, von hoch engagierten Mitgliedern bis hin zu Menschen, die der Kirche längst den Rücken zugedreht haben, dann aber wollen, dass ihre Kinder getauft oder sie einst doch kirchlich beerdigt werden. Ich will das gar nicht werten. Aber ich denke, dass wir uns derzeit in einer gewaltigen Umbruchs-Situation befinden. Die selbstverständliche Volkskirchlichkeit geht mehr und mehr verloren. Es ist nicht mehr „normal“, in unserem Land Christ oder Christin zu sein. Während 1970 noch 94 % der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen angehörten, liegt der Anteil der Christen heute bei rund 60 %. In zehn Jahren wird die Mehrheit der Bevölkerung in unserem Land keiner Konfession mehr angehören.
Da haben wir das Wort wieder: „Confessio“ – auf lateinisch bedeutet das: Bekenntnis. Wer sich einer christlichen Konfession zugehörig fühlt, wird mehr und mehr bekennen müssen, warum er oder sie das tut. Denn „normal“ wird das andere werden, das weltanschaulich Freie, Ungebundene. Als Christen werden wir gefordert sein, unser Bekenntnis dann umso klarer zu formulieren. Bekenntnisse sind immer in Zeiten der Bedrohung entstanden. Wenn verloren zu gehen droht, was kostbar ist, wird es einem bewusster, was auf dem Spiel steht. Die Frage, wie viel wir für unseren Glauben eigentlich bereit sind, zu geben, wird sich in den nächsten Jahrzehnten sicher nicht nur finanziell stellen, wenn die Kirchensteuer womöglich eines Tages abgeschafft sein wird, sondern vor allem auch ideell.
Der Mord an Jaques Hamel, dem 85jährigen Priester, der am 26. Juli in Rouen von zwei neunzehnjährigen IS-Angehörigen während einer Messe ermordet wurde, war wie ein Warnzeichen. Es kann in Europa wieder gefährlich werden, sich öffentlich als Christ zu bekennen. Menschen, die sich bewusst zur Kirche halten, gehen ein Risiko ein. Die Zeit der Indifferenz ist vorbei. Klare Bekenntnisse und Mut werden wieder gefragt sein. Übrigens nicht nur auf christlicher Seite. In Frankreich und Italien haben sind nach diesem Anschlag zahlreiche Muslime der Empfehlung ihrer Dachverbände gefolgt und in christliche Gottesdienste gegangen. „Wir wollen zeigen, dass die muslimische Welt den Terrorismus verurteilt und die christliche Welt grüßen mit unserem Slogan: Beten wir alle gemeinsam”, sagte Präsident Foad Aodi, Italien. Nicht Christen gegen Muslime heißt die Front, sondern friedliebende, humane Menschen aller Religionen gegen die Menschenverachtung eines religiös verbrämten Fanatismus.
„Wer ist der Herr Ihres Lebens?“ Stefanie Mackensen von Astfeld antwortete auf diese Frage im Sinne der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Offenbarung Gottes anerkennen.“ (These 1, EG S. 1578)
In Barmen, wo sich im Mai 1934 die Synode der Bekennenden Kirche traf, waren diese Thesen intensiv diskutiert und verabschiedet worden. Als weibliche Delegierte war Stefanie Mackensen von Astfeld damals dabei.
Die Barmer Erklärung war ein klares Bekenntnis zu Jesus Christus – in einer Zeit, in der Hitler als totalitärer Führer alle Autorität für sich allein beanspruchte. Nein, setzte ihm die Synode entgegen, niemand auf der Welt, kein noch so mächtiger Mensch und kein System darf jemals göttliche Autorität und Zugriff auf die einzelne Seele für sich beanspruchen. Jesus Christus ist das eine Wort Gottes. Politische Macht ist niemals total. Der Glaube an Jesus Christus relativiert die Machtverhältnisse dieser Welt, und wenn sie noch so totalitär daherkommen. Wenn sie noch so brutal Menschen einschüchtern und sie unterdrücken wollen. Oder wenn die kalte, herz- und hirnlose Gleichgültigkeit einer ausschließlich am Geld orientierten Gesellschaft Menschen abstumpfen und wegschauen lässt.
Jesus Christus ist einen anderen Weg gegangen: Er hat die Kleinen und Schwachen seliggepriesen, hat sich mit den Sünderinnen und Aussätzigen seiner Zeit an einen Tisch gesetzt und das Brot mit ihnen geteilt. Durch seinen Tod am Kreuz hat er der Welt gezeigt, dass Gott mächtiger ist als alle Staatsgewalt, am Ende sogar mächtiger als der Tod selbst. Menschliche Regime, ob sie sich tausendjähriges Reich nennen, Terrormiliz oder eine postmoderne, materialistische Konsumgesellschaft, sind immer begrenzt. Die Liebe Gottes aber bleibt. Und sie bewahre unsere Herzen und Sinne in unserem einen Herrn Jesus Christus. Amen.


Ulrike Wilhelm

 

Liebe ...


Predigttext: Die Frage nach dem höchsten Gebot (Mk 12,28-34)

28 Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten,
der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten.
Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn:
Welches ist das höchste Gebot von allen?
29 Jesus aber antwortete ihm:
Das höchste Gebot ist das:
»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5.Mose 6,4-5).
31 Das andre ist dies:
»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18).
Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm:
Meister, du hast wahrhaftig recht geredet!
Er ist nur "einer", und ist kein anderer außer ihm;
33 und ihn lieben von ganzem Herzen,
von ganzem Gemüt und von allen Kräften,
und seinen Nächsten lieben wie sich selbst,
das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

 

Liebe Gemeinde!

Karl Valentin, so erzählt man, ist einmal in München umhergeirrt und hat beliebige Passanten angesprochen mit der Frage: „Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wo ich hin will?“

Mit feinem, subtilem Humor hat Valentin damals die Orientierungslosigkeit seiner Zeit aufs Korn genommen. Es war in der Zeit des Nationalsozialismus, die Gesellschaft war gleichgeschaltet worden. In Reih und Glied marschieren hieß es – und kaum einer hat mehr nach dem Willen des Einzelnen gefragt. „Können Sie mir sagen, wo ich hin will?“ Eine absurde Frage in absurder Zeit.

Am Abend des 22. Juli, als der Amoklauf in München die Menschen zutiefst verstört hat und schnelle, zum Teil falsche Botschaften auf Facebook und WhatsApp für zusätzliche Panik sorgten, haben Menschen vermutlich ähnlich gefragt: „Können Sie mir sagen, wo ich hin will?“ Wer kann mir Sicherheit geben, wie ich jetzt gut heim komme? In der allgemeinen Verwirrung sucht man Sicherheit. Ich muss wissen, was richtig ist. Wer kann mir dabei helfen?

Der Mann in der Geschichte, die wir vorhin gehört haben, fragt auch so ähnlich. Er sucht das Gespräch mit Jesus, weil er verwirrt ist. Schriftgelehrter ist er, ein gebildeter Mensch, der sich sein Leben lang auseinandergesetzt hat mit der Tradition und der Religion seines Volkes. Ein frommer Mann, der die Bibel besser als andere kennt. 613 Gebote und Verbote findet er in der Tora, im Gesetzbuch seiner Hebräischen Bibel. Er hat sie gelesen, studiert und meditiert und kennt die meisten Stellen auswendig. Und doch treibt ihn die Frage um: Was ist denn wichtig im Leben? Was zählt? Worauf kommt es letztlich an? Wohin will ich denn wirklich? Welches ist eigentlich das höchste Gebot von allen?

Jesus antwortet: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Diese Antwort weist in drei Richtungen: zu Gott hin, zu den Mitmenschen und zu dem Fragenden selbst. Drei Richtungen und doch eine Aufforderung, ein Imperativ: Liebe! Wenn du Gott finden willst, liebe! Wenn du zum Du finden willst, liebe! Wenn du dich selbst finden willst, liebe! Liebe ist der Schlüssel zum Glück, zum Sinn, zur Rettung in verwirrten Zeiten. „Ama et fac quod vis“, „Liebe und tu, was du willst“, sagt der Kirchenvater Augustin. Oder anders ausgedrückt: „Liebe! Und was immer du in Liebe tust, das ist richtig!“

Wenn man, so wie Sie, liebe Familien Menke und Ruess heute überglücklich ein gesundes Kind in den Armen halten darf, wenn es gut geht in der Ehe, in der Familie, zwischen den Geschwistern und mit Verwandten und Freunden, dann scheint eine solche Aufforderung ja fast unnötig zu sein. Dann ist die Liebe doch sowieso schon längst angekommen im Leben.

Freilich besteht das Leben nicht nur im Halten eines neugeborenen Kindes. Das andere kennen wir auch: Es gibt Momente. da fällt uns das Lieben unsäglich schwer! Gott lieben – obwohl er uns manchmal so fern und so fremd ist. Wo war er denn in Nizza und in München, so fragen sich viele. Wo ist er, wenn hunderte von Menschen im Mittelmeer versinken, wenn Gewalt und Terror oder politischer Totalitarismus immer wieder neue Opfer fordern? Gott lieben, das fällt schwer, mit solchen Bildern vor Augen. Oder: Den Nächsten, die Nächste lieben – auch den finster dreinblickenden Dunkelhaarigen dort im Zugabteil, mit seinem Bart und seinem Rucksack, dessen Aussehen mir Unbehagen macht? Oder die Nachbarin, die mir durch ihr Getratsche derart auf den Wecker geht. Oder, oder, oder … Wie kann ich so jemanden lieben? Und drittens: Mich selbst lieben – obwohl ich morgens, wen ich in den Spiegel schaue, mitunter zweifle: Bin das wirklich ich? Es sind nicht nur meine Falten, die mir zu schaffen machen, sondern viel mehr meine Macken und Unzulänglichkeiten, meine Launen und Ängste, meine Fehler und nein Versagen. Wie also geht das, mich lieben?

Liebe – ja, sie mag die Bestimmung unseres Lebens sein, doch oft genug schießen wir daran vorbei und schaffen es nicht, dieses Ziel zu erreichen. Ob es eine Urangst ist, die uns den Weg zur Liebe versperrt? Die Urangst, die uns leise aber eindringlich immer wieder ihre Zweifel einflüstert: Werde ich denn wirklich geliebt? Bekomme ich eine Antwort auf meine Liebe? Wenn ich das Wagnis eingehe, zu lieben, mich zu öffnen, werde ich dann auch entsprechend viel zurückbekommen? Oder stehe ich wieder vor einer neuen Enttäuschung, weil ich viel mehr investiert habe, als zurückbekommen? Lohnt sich diese Investition „Liebe“ überhaupt?

Solche Fragen in uns, liebe Gemeinde, machen die Liebe schnell zum Geschäft: Ich gebe dir das – und du gibst mir dafür jenes – dann sind wir beide quitt. Die Liebe wird zu einer Art Handelsware. Und viele von uns haben solchen Handel bereits früh im Leben gelernt: Zuneigung für Bravsein. Zufriedene Eltern für gute Noten. Belohnung für Leistung. Und eben Strafe und Ablehnung, wenn das Geschäft nicht zustande kommt. Doch ist das Liebe?!

Ich möchte mit Ihnen heute morgen vier Schritte gehen, liebe Gemeinde, vier Schritte, die uns helfen können, den Weg der Liebe neu in den Blick – oder besser gesagt; ins Herz - zu bekommen. Und ich lade Sie ein, diese Schritte mit zu gehen – mit Ihren eigenen Erfahrungen, mit Ihren Gedanken, Ihrem ganz persönlichen Glauben.

1. Schritt: Sich aufmachen in die Stille – Kraft schöpfen für die Liebe

Zu Beginn sind wir in aller Liebes-Regel zugeknöpft. Wir sind vorsichtig, zurückhaltend, abwartend. Klar – es gibt auch die Menschen, die sofort in Aktion gehen. Man kann jemanden „anmachen“ oder „aufreißen“ – aber bestimmt nicht gleich lieben. Lieben braucht Zeit. Es braucht Stunden des Alleinseins. Die Sehnsucht. Die Gedanken. Das Ruhigwerden inmitten der Unruhe. Nur wer allein sein kann, kann auch lieben. Und das gilt für jede Art der Liebe: die Liebe zum Partner, zur Partnerin, kann nur gelingen, wenn ich mit mir selbst zurechtkomme und nicht von ihm, von ihr, alles erwarte für mein Lebensglück. Die Liebe zu Mitmenschen kann ich nur leben, wenn ich mich auch hin und wieder von ihnen zurückziehen darf. Jeder, der in helfenden Berufen tätig ist, weiß, wie wichtig das ist, hin und wieder alleine zu sein und Abstand zu suchen. Danach gelingt Zuwendung wieder. Vielleicht hat Jesus deshalb gesagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, weil wir uns selbst eben auch wichtig nehmen dürfen und sollen mit unseren Bedürfnissen. Er selbst, so erzählt die Bibel, hat immer wieder die Einsamkeit gesucht, ist in die Berge gegangen zum Beten, hat den Abstand gebraucht. Das ist nichts Illegitimes - auch nicht für Menschen, die meinen, ohne sie ginge es nicht – daheim, im Beruf, im Bezug auf Freunde. Doch, es geht auch mal ohne uns. Wir dürfen Auszeiten nehmen. Es ist wichtig, uns zu Beginn der Urlaubszeit daran zu erinnern.

Mit der Liebe zu Gott ist es ähnlich. Auch sie braucht Zeit und Ruhe und kann nicht einfach nebenher laufen im Alltagstrubel. Sich bewusst hinsetzen. Einatmen und Ausatmen, dem Rhythmus des Herzens lauschen, still werden. Das tut gut. Plötzlich spüre ich, dass ich lebe. Dass ich da bin. Dass mir dieser Tag geschenkt ist, diese Menschen, die mir heute begegnen. Ich spüre mich – und ich spüre das Glück – und ich spüre das Du, das dahinter steht und nenne es Gott. In aller Bedrängnis, bei allen Anforderungen jeden Tag – es ist wichtig, sich solche bewussten Momente einzubauen. „Nimm dir jeden Tag eine Stunde Zeit zum Beten“, heißt es in einer Klosterregel. „Und wenn du besonders viel Stress hast, nimm dir zwei Stunden!“ Liebe braucht Stille, auch und gerade mitten im Stress.

2. Schritt: Sich anderen zuwenden – wache Aufmerksamkeit schenken

Das Wesen der Liebe ist Zuwendung. Mich dem anderen wach, aufmerksam und achtsam zuwenden. Hinhören, was er, was sie sagt. Nicht alles gleich besser wissen und kommentieren. Nicht lieblos kritisieren, Fehler suchen und dem anderen um die Ohren hauen, sondern Interesse zeigen. Interesse – dieser Begriff kommt aus dem Lateinischen und heißt wörtlich „Dazwischen sein“. Anteil nehmen. Nicht distanziert von außen betrachten und urteilen, sondern „dazwischen gehen“, mitten rein in das, was mein Gegenüber mir erzählt. Mich interessieren für den, für die andere. Das kann man üben. Nicht nur mit Menschen. Wache Zuwendung gibt es auch im Gegenüber zur Natur, zu Tieren, Bäumen, Blumen, den Wolken, dem Wasser, zu Licht und Schatten, zu Kunstwerken und zur Musik. Ein liebesfähiger Mensch ist in meinen Augen nicht nur ein Menschenfreund, sondern ein Liebhaber des Lebens selbst.

Das hört sich einfach an – ist es aber nicht. Im Vergleich zu Kindern haben wir Erwachsenen nämlich leider meist eine ganze Menge verloren. Wir haben das Staunen verlernt und häufig auch die Fähigkeit, uns einer Sache ganz versunken zuzuwenden. Wir tanzen zu oft auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig und verzetteln in all unseren Aufgaben und. Jesus hat den großen, gescheiten Leuten deshalb einmal ins Stammbuch geschrieben: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Reich Gottes kommen!“ (Mk 10,15)?

3. Schritt: Ablehnung aushalten – Vergebung erfahren

Keinem und keiner von uns bleiben Enttäuschungen erspart. Wo geliebt wird, wird auch gelitten. Erwartungen werden nicht erfüllt. Versprechen nicht eingelöst. Es gibt Brüche, Verletzungen, Missverständnisse, Konflikte. Es gibt Wunden, die nicht mehr verheilen. All das erleben liebende Menschen – all das gehört zum Leben dazu.

Und vielleicht ist das der Punkt, an dem es besonders wichtig ist, an Gott zu erinnern. In der Bibel lesen wir: „Gott ist die Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“, 1 Joh 4,16). Wenn das stimmt und wenn stimmt, dass der Schmerz eben auch zur Liebe gehört – wie viel Ablehnung, Schmerz und Enttäuschung muss sich dann in Gott angesammelt haben. Wie kann Gott leben mit all dem Schweigen, der Schuld, der Lieblosigkeit, den Zweifeln, der Angst?

Er kann es, weil es bei ihm nicht um das Geschäftsprinzip Liebe gegen Gegenliebe geht. Er rechnet nicht auf, was wir leisten, sondern stellt es den Menschen frei, Ja oder eben auch Nein zu ihm zu sagen. Das Kreuz Jesu ist für mich das beste Symbol dafür, dass Gott auch die schlimmste Lieblosigkeit, Fanatismus und Hass, Gewalt und Willkür, aushält und durchhält und am Ende wandelt in neues Leben. Diese Liebe ist nicht tot zu kriegen – das war die Erfahrung am Ostermorgen. Und zugleich steckt in dieser Erfahrung eine große Hoffnung: Auch wenn wir unsere eigene Lieblosigkeit nicht ungeschehen machen können, auch wenn wir leben müssen mit Unzulänglichkeiten, Schuld und Brüchen – es wird uns vergeben. Umgekehrt können auch wir denen, die uns weh getan haben, leichter vergeben. Ablehnung und Enttäuschung aushalten und als Teil der Liebe akzeptieren. Das macht uns sympathisch. „Sympathie“ – wieder so ein Wort, das uns von seiner Bedeutung her zeigt, worauf es ankommt. Wörtlich übersetzt bedeutet es Mit-Leiden. Sympathisch sind wir, wo wir das Leiden nicht ausklammern, sondern integrieren in unser Leben, in unser Lieben.

4. Schritt: Einheit suchen – Erleuchtung erleben

Liebe strebt nach Vereinigung. Körperlich, aber auch im übertragenen Sinne. Die Gräben zwischen Menschen, das Getrenntsein, die unsichtbaren Mauern wollen überwunden werden. Leben gibt es nur in Gemeinschaft. Ich möchte den Menschen neben mir verstehen. ein Gefühl von Zusammengehörigkeit erleben – nicht nur mit meinem Partner, mit meinen Kindern, sondern auch mit Freunden, mit Klassenkameraden und Arbeitskolleginnen, mit meinen Nachbarn und in meiner Kirchengemeinde, mit den Menschen in meinem Ort und meinem Land. Im Grunde mit der ganzen Welt. Wir Menschen leben doch verbunden miteinander; wir sind abhängig voneinander. Leben entsteht nur und Leben bleibt nur erhalten, wenn Menschen sich begegnen. Alles steht im Zusammenhang. Was immer wir tun. es hat Auswirkungen auf andere. Doch auch mit mir selbst möchte ich eins sein. Wir sagen: „mit mir im Reinen sein!“ Spüren, dass alles gut ist, wie es ist. Gerne leben. Erfüllt und mit Sinn. Dazu brauche ich das Gefühl, mit Gott vereint zu sein.

Mitten in den Bruchstücken, mitten in den Irrungen und Wirrungen unseres Lebens können wir immer wieder versuchen, uns die Offenheit für die Liebe, die Offenheit für Gott, zu bewahren. Und dann passiert es manchmal von ganz alleine: Es trifft uns wie ein Sonnenstrahl: warm und hell und voll von lebensspendender Energie. Dann irren wir plötzlich nicht mehr wie Karl Valentin herum, sondern wissen ganz genau, wo wir hin wollen. Gesetze, Gebote, Konventionen und Urteile werden überflüssig, sobald die Liebe unser Leben hell macht. Wo Gott, wo die anderen Menschen und wo auch wir selbst liebens-würdig bleiben, da wird die Welt einfach himmlisch. Und das Versprechen, das Jesus dem Pharisäer gegeben hat, gilt dann auch für uns: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Ulrike Wilhelm

"Eine runde Sache - Fußball und Gott"

Pfarrerin: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Lasst uns Gott in der Stille um rechtes Hören und Reden bitten.

(zwei Jugendliche beginnen während der Stille, im Mittelgang der Kirche einen Fußball hin und her zu kicken …)

Pfarrerin: Was macht Ihr denn da? Das ist doch eine Kirche und kein Fußballplatz!

(Jugendliche kicken weiter …)

J1: Ja, schon, aber das Fußballspielen liegt doch zur Zeit eigentlich
so richtig in der Luft!

J2: Und da haben wir uns gedacht, warum soll man nicht auch in der Kirche mal bisschen Spaß haben?

J1: Genau. Und heut Abend ist doch das Endspiel!
Da schauen doch bestimmt alle zu, oder?

J2: Also wir stimmen Euch jetzt einfach schon mal auf das Spiel ein!

Pfarrerin: Na, da habe ich ja Glück. Genau dasselbe wollte ich nämlich heute auch. Wisst Ihr, Fußball und Gott – die haben einiges miteinander zu tun.

J 1+2: Echt? Wie?

Pfarrerin: Na, dann müsst Ihr Euch jetzt mal setzen und zuhören. Meine Predigt habe ich nämlich heute genau mit diesem Gedanken überschrieben: „Eine runde Sache – Fußball und Gott“

(Jugendliche setzen sich …)

 

 

 

Tja, der Fußball, liebe Gemeinde. Werden Sie das EM-Endspiel zwischen Frankreich und Portugal anschauen heute Abend? Ich schon. Dass bei unserer Mannschaft „die Hand am Ball statt am Pokal“ war, wie die SZ formulierte und Deutschland am Donnerstag im Halbfinale rausgeflogen ist, hält mich nicht davon ab. Auch wenn ich mich sonst nicht als besonderen Fan bezeichnen würde, so eine Europameisterschaft fasziniert dann doch. Man konnte sich ja kaum entziehen in den letzten Wochen: In der Schule zocken die Kinder mit den Panini-Stickerbildern, die es schon seit Jahrzehnten gibt. In den Familien ist es Thema. Und sogar bei Besuchen im Krankenhaus haben mich Menschen auf Fußball angesprochen. Haben Sie es gesehen, wie Island die Engländer besiegt hat? Eine wahre David-gegen-Goliath-Geschichte! Oder: Das Elfmeterschießen im Viertelfinale Deutschland gegen Italien – ein Nervenkrimi sonders gleichen! Oder eben die unglückliche Niederlage unserer Mannschaft am Donnerstag. Der Hand-Elfmeter kurz vor der Pause. So eine Tragik! Gesprächsstoff gab und gibt es genug. Fußball verbindet Jung und Alt, Arm und Reich, Gebildete und Ungebildete, Einheimische und Flüchtlinge über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Über Fußball kann man fast mit jedem reden. Fast alle teilen dieses Thema.

Sie teilen und werden satt. Wir haben vorhin die Geschichte aus dem Johannesevangelium von der Speisung der 5000 gehört. 5000 Menschen waren damals gekommen, um Jesus zu hören, ihn zu erleben. 50.000 und mehr sind es heute mindestens, die in ein Stadion gehen. Auch sie wollen etwas Besonderes erleben. Sie haben Hunger nach dem Kick, nach Spannung. Sie dürsten nach intensiven Gefühlen. Sie lassen sich begeistern von dem, was da vor ihren Augen geschieht. Damals lagen fünf Brote und zwei Fische auf dem Gras. Heute ist es ein Ball und zweiundzwanzig Spieler, die sich um ihn mühen.

Und dann passiert das Wunder, mit dem keiner gerechnet hat. Dort am See Genezaret, teilen sie, was sie haben. Und siehe da, alle werden satt. Ein Wunder! Eines der wenigen, die alle Evangelisten im Neuen Testament gleichermaßen überliefern. Als wollten sie sagen: Diese Geschichte, Ihr Lieben, geht Euch alle an. Die zeigt, wie Jesus Christus ist: Er führt Euch vom Mangel zum Überfluss, vom Lebenshunger zum Sattwerden. von der Entbehrung zum Zufriedensein. Ein Wunder, wenn viele, viele Menschen das gemeinsam erleben und sich so etwas verändert in ihrem Zusammensein!

Auch im Fußball spricht man immer wieder von Wundern. Das „Wunder von Bern“ zum Beispiel. Dieses legendäre Fußballspiel im Jahr 1954 hat den Deutschen nach dem Krieg zum ersten Mal wieder so etwas wie kollektive Lebensfreude, Selbstbewusstsein und sogar ein wenig Stolz in die Herzen gezaubert. Gegen die favorisierte ungarische Mannschaft siegte die Deutsche Elf unter Bundestrainer Sepp Herberger mit 3:2 und wurde Fußball Weltmeister. „Der Titelgewinn“, so kann man bei Wikipedia lesen, „löste in Deutschland einen großen Freudentaumel aus. Neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs schien der Erfolg ein ganzes Volk aus den Entbehrungen und Depressionen der Nachkriegszeit zu reißen. Am Anfang des deutschen Wirtschaftswunders stehend, wird er deshalb gelegentlich als „die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland“ bezeichnet.“ Diese Einschätzung kann man teilen oder nicht, unumstritten ist, dass der Fußball eine Kraft hat, die weit über das eigentliche sportliche Geschehen hinaus reicht. Bis in die Seelen der Einzelnen und bis in politische Dimensionen hinein. Vor zehn Jahren, bei der Fußball-WM in Deutschland, hat man zum ersten Mal wieder Deutsche Fahnen auf den Straßen gesehen. Ein „Sommermärchen“ wurde diese WM genannt, weil sie gut 60 Jahre nach Kriegsende, gezeigt hat, dass es auch ein friedliches, fröhliches Nationalbewusstsein geben kann, das mit dem alten Nationalismus nichts zu tun hat. Damit hat Fußball etwas gemeinsam mit der Religion. Denn auch sie berührt, bewegt und begeistert und in der Tiefe – und sie kann auch im Großen, politisch, etwas verändern.

Was in einem Stadion passiert, das ist Kult. Da gibt es Liturgien und Opfer, Hingabe und Ergriffensein, Ekstase und Gericht. Wenn die Mannschaften auftreten, die Nationalhymnen gesungen werden und der Schiedsrichter das Los wirft, wer auf welche Seite spielt, ist dieser Ablauf immer gleich - wie der Beginn eines Gottesdienstes. Und dann gibt es – wie in der Liturgie – sogar Wechselgesänge. Etwa zwischen dem Stadionsprecher und der Masse. Wenn der Sprecher z.B. den Vornamen eines Spielers nennt – und darauf alle seinen Nachnamen aussprechen. Oder wenn das Torverhältnis zu ungunsten der gegnerischen Mannschaft verkündet wird und der Sprecher sagt: „Eins zu …“ und alle brüllen „Nuuulll!“ Das sind Rituale.

Im Lexikon heißt es: Rituale sind allgemeine soziale Phänomene, die vermögen, die Welt einfacher und handhabbarer zu machen und Entscheidungen erleichtern. Lebenshilfe also – bei aller Unübersichtlichkeit der Welt. In all den Unberechenbarkeiten und scheinbaren Zufällen des Lebens gibt das Ritual eine feste Ordnung: immer wiederkehrende Worte, Gebärden, Klänge. In unseren Gottesdiensten wiederholen sich viele Elemente: Gebete, das Glaubensbekenntnis, der Segen, um nur einige zu nennen. In diesem Ritual haben alle ihren festen Platz im Gefüge. Keiner verlangt etwa von Ihnen, dass Sie den Introitus vorsingen oder den Segen sprechen sollen. Unsere Rollen im Gottesdienst sind geklärt. Man weiß, was auf einen zukommt. Diese Sicherheit des Rituals sagt: Es ist alles gut. Hab keine Angst. Es kommt nicht darauf an, dass du heute besonders intelligent, charmant oder reaktionsschnell bist. Überlass dich einfach dem vertrauten Ablauf.

Um das zu erleben, gehen die einen in den Gottesdienst; andere vielleicht ins Stadion. Besonders eindrücklich ist ein Ritual, wenn es beides enthält: das Chaos und die Ordnungsmacht, die Gefährdung und die Bewahrung, den Zufall und seine Beherrschung. Das Spiel mit dem Ball bietet beides und wird dadurch so etwas wie ein Abbild unseres Lebens. „Der Ball ist rund“, hat Sepp Herberger einmal gesagt. Er meinte damit vermutlich, dass die Ballkugel der Inbegriff des Unwägbaren ist. Es ist ja auch faszinierend: So ein Fußball scheint manchmal geradezu zu tun, was er will: er prallt an die Innenkante des Torpfostens und berührt gerade eben noch die Linie: Tor! Kein noch so guter Ballartist kann solche Momente planen. Oder es läuft anders: der Ball rutscht im letzten Moment über den Spann und der Schuss geht himmelhoch in die Luft statt ins Tor – kein noch so hoch bezahlter Profi ist gegen solche „Fehler“ gefeit. Der Ball wird somit zum Symbol für das, was uns im Leben passieren kann: manchmal geht eben alles schief – und dann gelingen uns unsere Vorhaben wieder und alles geht gut. Vielleicht sprechen wir dann auch von einem „Wunder“. Oder wir „bekreuzigen“ uns, bedanken uns bei Gott, wie so mancher Fußballer nach einem glücklichen Torschuss.

Das macht die Faszination dieses Spiels aus: man weiß zwar nie, wie der nächste Spielzug aussehen wird und wie das Spiel schließlich endet. Aber eins ist immer klar: Die Kräfte, die unser Leben aus dem Gleichgewicht bringen und bedrohen, sind darin gebändigt und wir lernen, uns mit ihnen anzufreunden. Und genau dies ist der Zweck eines Rituals.

Neben dem Ritual entdecke ich auch noch so etwas wie Glauben beim Fußballspielen. Der große Theologe Paul Tillich hat den Glauben definiert als „Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“. Menschen sind in der Tat ergriffen davon, was auf dem Spielfeld geschieht. Von der größten Begeisterung, stürmischen Jubelschreien, Umarmungen unter wildfremden Leuten gehen die Gefühlsäußerungen bis zu Enttäuschung, Tränen, Wut und Leere. Die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen scheint abgedeckt zu sein in so einem Spiel. Und wenn dann der Schlusspfiff ertönt, schalten wir in der Regel den Fernseher noch nicht aus, sondern schauen uns noch ein paar Minuten an, was sich jetzt im Stadion abspielt: jubelnde oder trauernde Menschen, begeisterte und enttäuschte, singende und in sich gekehrte, stille. Die Gesten der Gewinner und der Verlierer werden zum Spiegel eigener Empfindungen, die wir aus unserem Leben kennen, wenn uns eben zum Jubeln ist oder zum Weinen.

Es stimmt wahrscheinlich gar nicht, dass es religiöse und nichtreligiöse Menschen gibt. Religion ist auch da, wo keiner sie vermutet und nur wenige sie so nennen. Sie gehört zum Menschen. Man kann sie nicht abschütteln oder ablegen. Die Frage lautet nicht: Bist du religiös oder nicht? Sondern: Welcher Religion gehörst du an? Wofür bringst du deine Opfer? Woran hängst du dein Herz? (Luther: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!)

Die formalen Parallelen: Rituale, Glaube, Bekenntnis, Treue sind das eine. Woran man glaubt und was es für ein Gott ist, den man verehrt, das ist das andere. Das haben wir Deutschen in unserer Geschichte besonders eindrücklich erfahren, wie Rituale und Werte wie Treue und Glaube auch missbraucht werden können. Wir sollten deshalb genau und kritisch hinschauen, was jeweils hinter einem Kult steckt.

Noch einmal bezogen auf den Fußball: da geht es natürlich um den Sieg. Siegen setzt Kämpfen voraus, hohe Anstrengung, Taktik und Konzentration. Man schenkt sich nichts. Wo es Sieger gibt, gibt es aber auch Verlierer. Und da sehe ich den großen Unterschied zu unserer christlichen Religion.

Ganz oben steht in unserer Religion nicht der Sieg, sondern die Liebe. Wir wissen: das Wesentliche im Leben können wir immer nur geschenkt bekommen. Jesus Christus war einer, der hat sich besonders den Verlierern zugewandt. Siege dürfen seiner Überzeugung nach nie auf Kosten anderer gehen. Lebensglück kann nur gewinnen, wer einwilligt in seine eigene Schwäche, seine Bosheit, seine Sterblichkeit. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat (1 Joh 5,4), heißt es im 1. Johannesbrief. Unser Glaube an den, dessen Kraft gerade in den Schwachen mächtig ist. Aus dem Kreuz, dem Zeichen der tiefsten Niederlage, ist später ein Hoffnungszeichen geworden. Verlieren im Sport kann eine Schule dafür sein. Auch aus einer Niederlage kann man aufrechten Hauptes herausgehen. Und ein fairer Gewinner lacht den Gegner nicht aus oder macht ihn nieder. In der Geschichte von der Speisung der 5000 gibt es keine Verlierer. Alle werden gleichermaßen satt in der Gegenwart Jesu Christi.

Warum also nicht auch ihm begeistert Hymnen singen? Warum nicht ihn lautstark loben und preisen? Warum die Lebensfreude und Begeisterung nicht auch mehr in unsere Kirchen holen, so wie unsere Jugendlichen den Fußball hereingeholt haben heute? Können wir nicht eine Kirche sein, die Menschen begeistert, berührt und verändert? Eine Kirche, die im Namen Gottes den Lebenshunger stillt und alle satt macht mit dem, was sie brauchen?

Wenn klar ist, wer ganz oben steht, wem eigentlich unser Herz gehört, dann können wir uns auch wieder begeistert der schönsten Nebensache der Welt zuwenden, dem Fußball. Ob wir verlieren oder gewinnen, dieser Sport fasziniert. Was die Kerle da auf dem Rasen zustande bringen, ist erstaunlich, unterhaltsam und vergnüglich. In diesem Sinne möchte ich die – etwas abgewandelten - Worte Jesu mit einem Satz von Sepp Herberger verknüpfen: Gebt dem Fußball, was des Fußballs ist und Gott, was Gottes ist! Denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre das Spiel unseres Lebens, unsere Herzen und unsere Sinne, in Christus Jesus. Amen.

 

Quasimodogeniti

Predigt am 03.04.2016 (Quasimodogeniti) in Bernried und Tutzing
Predigttext: 1 Petr 1,3

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1 Petr 1,3)

„Bergfilmer von Lawine lebendig begraben“, so lautete im Mai 2009 eine Schlagzeile. Der 55jährige Sepp Wörmann, Kameramann der Bergsteigersendung „Bergauf bergab“, war bei Dreharbeiten im Engadin auf 3000 m Höhe unter eine Lawine geraten. Als erfahrener Bergführer kannte er sich zwar bestens aus - ein solches Schneebrett aber hat er nie zuvor erlebt. Plötzlich "marschiert der ganze Hang", sagte er im Interview. Und schildert, wie er reagiert hat: Die Schi ausziehen, um nicht von ihnen nach unten gezogen zu werden. Und versuchen, mit dem Kopf oben zu bleiben. Sepp wird mitgerissen. Wie ein "Schwimmen in einer zähen Masse" erlebt er die Situation, bis die Lawine zum Stehen kommt. Einen Meter, schätzt der Familienvater, liegt er schließlich darunter. Graben ist zwecklos. Der zusammen gepresste Schnee über ihm ist so dicht und hart "wie Beton". Es gibt eine winzige Atemhöhle, er versucht, ruhig zu bleiben und erinnert sich an seinen Lawinenpieps mit dem Peilsender, den er in der Hosentasche hat. Ansonsten bleibt nur warten. Es ist nicht umsonst. Die Bergkameraden finden ihn und schaufeln ihn frei. Wenig später ist ein Hubschrauber am Unglücksort und fliegt die insgesamt drei Verschütteten ins nächste Krankenhaus. Da sie nur leicht unterkühlt sind, ist der Klinikaufenthalt schnell beendet - und Sepp kann abends seinen elfjährigen Sohn glücklich in die Arme schließen.

Diese Geschichte ist mir wieder eingefallen, als ich den Vers in der Bibel las, der heute unser Predigttext ist, an diesem Sonntag, an dem es ums Neuwerden, ums Neuanfangen, um Neue Geburt geht. Ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1 Petr 1,3)

Wiedergeboren nach seiner großen Barmherzigkeit. Ob der Sepp das so erlebt hat? Die Welt sei für ihn eine andere geworden, hatte er damals nachdenklich in einem Interview gesagt. Wie ist das heute, sieben Jahre später? Weil ich ihn kenne, habe ich ihn vorgestern angerufen. Sofort sind die Erinnerungen wieder da und er kommt ins Erzählen. Bewusster, intensiver und weniger selbstverständlich habe er das Leben seither wahrgenommen. Allerdings nicht unbedingt so, wie sein Freund, der am Sonntag nach diesem Unglück gleich in die Kirche gegangen sei zum Danke-Sagen und ziemlich fromm geworden sei. Sepp beschreibt sein Gefühl eher als Gefühl der Demut: Er habe gelernt, sich als einen kleinen Wassertropfen mitten im Meer des Lebens zu begreifen. Wann der Moment seiner Auflösung gekommen sei, habe nicht er in der Hand. Und damit ein Leben in Fülle gelingt, muss man nicht alles selbst in der Hand halten, sondern sich eben auch finden lassen. „Mut und Demut müssen sich paaren“ – so hat er das ausgedrückt.

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung. Da wird Gott gepriesen und gelobt. Seine Barmherzigkeit sieht der Autor des Petrusbriefes als Grund an für die neue, lebendige Hoffnung, die die Christen trägt. Doch anders als in der Lawinengeschichte ist es nicht ein menschliches Drama, auch nicht die Erfahrung von Todesnähe und Gefahr, die solche Hoffnung gebiert, sondern es ist die Geschichte Jesu Christi: Durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat uns Gott wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung. Da macht ein anderer, nämlich Jesus Christus, vor zweitausend Jahren eine solche krasse Erfahrung von Begrabensein und Wiederauferstehung – und ich als Mensch des 21. Jahrhunderts soll für mein Leben heute Hoffnung daraus schöpfen? Wie denn? Wie kann die alte, unglaubliche Ostergeschichte mir zu einer lebendigen Hoffnung verhelfen? Zu einer Lebensperspektive, die angesichts von allem Tod, aller Gewalt, aller Willkür der Mächtigen, aller Ohnmacht der Ohnmächtigen, sich nicht abfindet mit den festbetonierten Verhältnissen, sondern getragen bleibt von lebendiger Hoffnung? Was verbindet mein Leben als Christ heute mit dem Urdatum des Christentums, mit Ostern?

Es ist das Urdatum unseres Glaubens, liebe Gemeinde, der Tag, an dem wir zu Christen wurden. Es ist die Taufe. Diese heilige Handlung, die Christus selbst empfangen hat und für seine Freundinnen und Freunde gewollt hat, dieses Sakrament hat in der frühen Christenheit ausschließlich an Ostern stattgefunden. Am Tag der Auferstehung des Herrn wollte man den Menschen, die sich ihm anschlossen, eine ähnliche Erfahrung ermöglichen: Nach langer Vorbereitung legte der Täufling seine alten Kleider ab und ein weißes, lichtes Gewand an. Dann wurde er im Taufbecken tief untergetaucht. Dieses Untertauchen war wie eine symbolische Vorwegnahme des Todes. Ja, Menschenkind, du wirst eines Tages untergehen. Keinem von uns wird der Tod erspart. Aber so wie du aus der Taufe hochgehoben wurdest und aufgeatmet hast und dich erfrischt und rein fühlen durftest – so wird es auch nach dem Sterben mit dir zugehen: Du fällst niemals tiefer als in die Hände Gottes – und diese Hände werden dich ans neue, ewige Leben heben wie du einst aus der Taufe gehoben wurdest. Quasi modogeniti. Wie neu geboren bist du dann. Das ist der Name des heutigen Sonntags, des weißen Sonntags, an dem die Täuflinge vom Ostertag noch immer in ihren weißen Kleidern zum ersten Mal in den Reihen der Gläubigen Gottesdienst feiern durften. Der weiße Sonntag und Ostern, die Taufe und die Auferstehung. Diese beiden waren aufs Engste miteinander verbunden.

Heute ist das anders geworden. Wir taufen nicht nur an Ostern, sondern wann es eine Familie eben will. Wir tauchen einen Täufling nicht mehr völlig unter, sondern begnügen uns mit drei Händen voll Wasser. Und wir taufen Kinder, auch ganz kleine Säuglinge. Weil wir deutlich machen wollen, dass es nicht auf die Leistung einer Person ankommt, sondern dass sie ein wertvolles, geliebtes Gotteskind ist, selbst wenn sie noch nichts anderes kann als atmen, schlafen, schreien und in die Windel machen. So ist die Taufe im Lauf des Christentums vom Oster-Sakrament zu einem Sakrament der Liebe, der Zuwendung, der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Christen geworden. Dieser Bedeutungswandel ist nicht falsch, denn Ostern hat seine Wurzel ja auch in der Liebe Gottes zum Leben. Nur: die Ernsthaftigkeit, die Wichtigkeit, die Tiefe des Taufsakraments hat darunter womöglich gelitten. Das müssen wir uns immer wieder bewusst machen: Die Taufe ist mehr als ein nettes Aufnahmeritual in die Kirche. Sie ist die symbolische Vorwegnahme der Auferstehung: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Quasi modogeniti. Wie neu geboren sind wir durch unsere Taufe. Da hat uns am Anfang unseres Lebens das Licht Gottes schon berührt, als wir von den vielen Finsternissen der Welt noch gar nichts wussten. „ICH BIN GETAUFT“ soll Martin Luther in Zeiten der Anfechtung und der Unsicherheit vor sich auf den Schreibtisch geschrieben haben. Und in seinem kleinen Katechismus beschreibt er die Wirkung dieses Sakramentes so wunderbar:

Das bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten.; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe. (Ev. Gesangbuch S. 1561)

Täglich auferstehen! Täglich neu werden! Jeden Tag die Chance bekommen, Altes, Abgestorbenes hinter sich zu lassen und ein neuer Mensch zu werden. Das heißt Leben als Christ. Wachsen, sich verändern, alte, festbetonierte Verhältnisse verändern und Neues aufkeimen lassen. Leben eben, in all seinen Facetten. Ein Leben, in dem Mut und Demut sich paaren.

Und damit bin ich wieder bei Sepp Wörmann und seiner Geschichte. Er hat sich nicht selbst befreit aus der Lawine. Seine Arme waren wie einbetoniert. Er war im wahrsten Sinne des Wortes handlungsunfähig, konnte nichts tun, war der Situation völlig ausgeliefert. Und doch wurde er gefunden, weil er den Lawinenpiepser eingesteckt hatte. So ähnlich stelle ich es mir vor beim Sterben. Wir können es irgendwann nicht mehr aufhalten, wir können irgendwann nichts mehr tun, wir müssen loslassen uns hingeben wie ein Tropfen in den Ozean. Gut, dass wir dann das Signal bei uns tragen, das alle Sargwände und Urnentöpfe und Grabplatten durchdringt: Wir sind getauft. Wir sind geliebt. Wir sind nicht bestimmt für den ewigen Tod. Gott wird uns finden. Er wird uns retten. Und wir werden sein wie neu geboren, quasi modogeniti.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Lebendigen. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

 

 

Karfreitag

„Versöhnung!“

Predigt am Karfreitag, 25.03.2016 in Tutzing und Bernried

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber
und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu
und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt,
denn Gott ermahnt durch uns.
So bitten wir nun an Christi statt:
Lasst euch versöhnen mit Gott!
Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste,
für uns zur Sünde gemacht,
damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden,
die vor Gott gilt.

(2 Kor 5,19-21)

Ein Kreuz ist es mit dem Kreuz! Eine Zumutung: Schmerz und Folter, Schuld und Strafe, Leiden und Tod verbinden wir damit. Den Geruch nach Blut, das Dröhnen von Soldatenstiefeln, das Klirren von Schwertern und Lanzen. Gnadenlos die Willkür der Mächtigen; die Ohnmächtigen dagegen ausgeliefert an eine Grausamkeit, die vor nichts zurückschreckt. Eine Szenerie, wie sie sich millionenfach abgespielt hat in der Geschichte, von der Antike bis in die Moderne. Von Pilatus bis Freisler, von den Todesurteilen des Kaisers bis in heutige Flüchtlingslager, von den Amphitheatern Roms bis in die Brüsseler U-Bahn. Unschuldige werden zu Opfern, Blut fließt – und niemand kann den Sinn darin erkennen.

Niemand? Beim Kreuz Christi scheint das anders zu sein. Wir danken dir, Herrn Jesu Christ, dass du für uns gestorben bis und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut (EG 79,1) Dieses Lied aus dem 16. Jahrhundert bringt es auf den Punkt. Der Tod Jesu, so die Deutung der Christen von Anfang an, war eben nicht sinnlos, nicht umsonst. Sein teures Blut wurde vergossen, um Versöhnung zu bringen, ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Gott, zwischen Gott und Mensch. So drückt es auch Paulus aus: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber … und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung… Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Wie aber soll man sich solche Versöhnung vorstellen? Ist Gott wirklich so grausam, dass er nur durch das Blut eines Unschuldigen versöhnt werden kann? Was ist das für ein Gott, der das Opfer seines eigenen Sohnes nötig hat? Der Psychoanalytiker Tilmann Moser, 1976 bekannt geworden durch sein Buch „Gottesvergiftung“, hinterfragt kritisch, was am Karfreitag in den Kirchen gepredigt wird: „Seltsam, seltsam, keiner von den Predigern hat je Verdacht geschöpft, dass vielleicht nicht mit uns, sondern mit dir, Gott, etwas nicht stimmt, wenn du vor lauter Menschenliebe deinen Sohn schlachten musstest“.

Ein anderer Autor, der Schriftsteller Theodor Weißenborn, bringt ähnliche Zweifel am Geschehen in einem kurzen Gedicht zum Ausdruck:

Fataler Aspekt:
Seit er meinen Bruder kreuzigen ließ,
um sich mit mir zu versöhnen,
weiß ich,
was ich von meinem Vater zu halten habe.

Ja, in der Tat. Wenn Gott nur durch das Blut eines Unschuldigen versöhnt werden könnte, müssten wir ihn doch für ein Monster halten. Was wäre das für ein zerstörerischer Vater, der mit Liebe die größten Grausamkeiten begründet? Eine solche Versöhnung, das spüre ich deutlich, möchte ich nicht annehmen. Lieber bliebe ich unversöhnt mit einem solchen Gott. Unversöhnt, wie viele Menschen es ja sind mit ihrem Schicksal, mit Gott, mit dem Leben. Oder eben auch mit einer Kirche, die sich anstatt auf die Seite der Opfer im Lauf der Geschichte leider immer wieder hinter die Täter gestellt hat.

Und doch spricht Paulus von Versöhnung. Wie sollen wir das verstehen - wenn es denn nicht ums Aufrechterhalten einer antiquierten Opfertheologie geht und wenn wir den Ballast überkommener Sühnetraditionen abwerfen wollen?

Spüren wir einen Augenblick in uns hinein. Was schwingt für Sie mit bei dem Wort „Versöhnung“? Welche Gefühle, welche Erinnerungen kommen Ihnen da? Was steigt da auf an Erfahrungen, an Erlebnissen? Mir geht es so: unversöhnt sein, im Streit auseinandergehen, den Kontakt total abbrechen zu jemandem, weil ein klärendes Gespräch nicht mehr möglich ist – das gehört für mich zu den schwierigsten, unerträglichsten Erfahrungen im Leben. Abgetrenntsein, Abgeschnittensein von einer wichtigen Beziehung, von einem Menschen, der einem einmal viel bedeutet hat, getrennt auf eine uneinvernehmliche Art, ohne beiderseitiges Einverständnis, ungeklärt, fremd, unversöhnt eben - das kann eine Wunde bleiben, die bis ans Lebensende reicht.

Unversöhnt sein mit Gott – das ist ganz ähnlich. Da herrscht sozusagen Funkstille. Es gibt keinen Zugang zu ihm. Fremdheit und Distanz bestimmen die Beziehung. Die Worte zum Beten fehlen. Die Ohren hören nur, was man sowieso schon immer wusste. Die Sinne wollen sich nicht entflammen lassen, es gibt keine Leidenschaft mehr für Gott, er ist einem egal geworden. Wer sich Gott nie nahe gefühlt hat, für den mag dieser Zustand vielleicht normal sein. Wer aber je etwas geahnt hat von seiner Macht, wer je ergriffen gewesen ist von ihm, für den ist eine solche Distanz nur schmerzlich auszuhalten.

Die Ursache für diesen unversöhnlichen Zustand nennt Paulus Sünde. Dieses alte Wort meint nichts anderes als die Trennung von Gott. Der griechische Begriff für „Sünde“, „hamartia“, meint: Etwas nicht treffen, etwas verfehlen, etwas verlieren. Es hat also mit Beziehunglosigkeit zu tun. Sünde meint nicht unsere einzelnen kleinen oder auch größeren Fehler. Die begeht jeder und jede von uns. Damit können wir ganz gut leben. Sünde ist vielmehr eine Lebenshaltung, die meint, auf Beziehung verzichten zu können. Sie kommt zustande, wenn wir Gott seine Liebe, sein Dasein für uns und unsere ganze Welt nicht abnehmen. Wenn wir kein Vertrauen haben zu ihm, lieber selbst alles kontrollieren und durchschauen möchten. Sünde breitet sich dann aus, wenn wir, anstatt selbst etwas zu tun gegen Leid, Gott dieses Leid vorwerfen – als sei er der Verursacher. Wenn wir ihn anklagen, anstatt zu sehen, wie er sich neben und hinter alle Leidenden stellt. Den sympathischen, mitleidenden, mitgehenden Menschen-Gott machen wir zum distanzierten, fremden, unmenschlichen Gegenüber. Unversöhnt und kopfschüttelnd bis zur Halsstarrigkeit stehen wir ihm gegenüber. Das ist Sünde: Gott nicht treffen. Ihn verfehlen. Ihn verlieren. Luther hat das als „Verkrümmtsein des Menschen in sich selbst“ beschrieben. Der „homo incurvatus in se ipsum“ hat nur noch Augen für sich selbst, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, die eigenen Sorgen und Probleme. Er sieht nicht mehr auf. Weder auf Gott noch auf andere.

Und da ruft uns nun Paulus zu: Lasst euch versöhnen mit Gott! Er ermahnt, bittet und fleht geradezu, das Versöhnungsangebot Gottes doch endlich anzunehmen. So wendet sich das Blatt: nicht Gott braucht die Versöhnung, sondern wir können versöhnt werden. Wir sind die Unzugänglichen, die Stolzen, die Beziehungsflüchtigen. Wir glauben, ohne Gott doch genauso gut leben zu können. Er ist der, der ununterbrochen um uns Menschen wirbt. Die ganze Bibel ist Zeugnis davon: Lasst euch versöhnen mit Gott! Das heißt nichts anderes als: Lasst euch um Himmels Willen endlich wieder auf ihn ein! Gebt ihm wieder Platz in eurem Leben. Nehmt ihn mit hinein in euren Alltag, mitten rein in das, was euch beschäftigt und umtreibt.

So wird das Kreuz zu einem neuen Symbol. Nicht länger ist es das Symbol eines blutrünstigen Schlachtergottes. Sondern es wird zum Symbol eines grenzenlos solidarischen, mitleidenden Gottes. Kein Urteil ist ihm zu ungerecht, keine Enttäuschung zu fremd, kein Schmerz zu heftig, keine Einsamkeit zu kalt, keine Gottesferne zu groß, kein Tod zu bitter – dieser Gott geht mit hinein ins zutiefst Menschliche. Jesus am Kreuz – das ist der nahe Gott. Gott war in Christus, schreibt Paulus. Und er meint damit, dass Gott in diesem Menschen Jesus Christus die entscheidende Brücke gebaut hat zwischen Himmel und Erde, zwischen Hohem und Tiefen, zwischen Göttlichem und Menschlichen.

Wir können über diese Brücke gehen, liebe Gemeinde. Sie ist tragfähig. Unsere Trennung von Gott, die saubere Unterscheidung zwischen Gott und Welt, oben und unten, Heiligem und Profanen, wird aufgehoben, sobald wir dieser Brücke trauen und uns auf sie verlassen. Dann wird das Menschliche plötzlich göttlich. Und Gott unser naher, vertrauter Menschenbruder. Gottesdienst und Menschendienst werden eins. Himmel und Erde rücken ganz nahe zusammen. Diese Versöhnung hat am Kreuz stattgefunden. Bleibt nur noch die Bitte: Lasst sie euch gefallen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Denken, Wollen und Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Menschengott. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

Judika

Predigt am Sonntag, 13.03.2016 (Judika)


Liebe Gemeinde,

die Nachrichten der letzten Tage habe ich zum Teil als unerträglich empfunden: Menschen johlen und applaudieren, wenn ein Flüchtlingsheim brennt. Unser Bundespräsident wird ausgebuht und beleidigt, als er in Bautzen mit Menschen ins Gespräch kommen will. Ein Pfarrer hier in Oberbayern wird mit dem Tod bedroht, nur weil er die falsche Hautfarbe hat. Ein siebzehnjähriger Flüchtling springt bei einer Polizeikontrolle aus dem fahrenden Zug und ist sofort tot. Man freut sich über die Schließung der Balkan-Route, rühmt sich der gelungenen neuen Abschottungspolitik – und macht die Augen zu vor den Zuständen der Lager in Griechenland und in der Türkei. Von den Lebensverhältnissen der Menschen in den Ländern, aus denen sie fliehen, ganz zu schweigen.

Unerträglich sind diese Bilder und Nachrichten vor allem, weil ich mich so machtlos fühle angesichts von immer mehr Verrohung, Brutalität und Gewalt in unserem Land und auf unserer Welt. Was können wir tun? Wir sollen wir umgehen mit den Problemen, die früher weit weg waren – und uns plötzlich so hautnah sind: Flüchtlinge – Fremdenhass – Gewalt – Angst – Feindseligkeit …
Ein ungeheurer Druck liegt auf vielen Menschen – nicht nur auf den Politikern heute am Wahltag. Einfache Rezepte hat niemand – auch nicht die, die sich als Alternative sehen. Und viele empfinden die Gegenwart als eine dunkle Zeit.

Ich möchte Sie heute mitnehmen an einen Ort, an dem Jesus Christus Druck, Dunkelheit, Angst, Feindseligkeit und Gleichgültigkeit erlebt hat. In den Garten Getsemane, am Fuß des Ölbergs gegenüber von Jerusalem gelegen. Ich bekam diese Woche einen Ölbaumzweig aus diesem Garten geschenkt, es stehen ja noch uralte Ölbäume herum dort, angeblich bis zu zweitausend Jahre alt. Und es liegen noch die uralten Steine herum, von denen der Garten seinen Namen hat: שמנים גת Gat-Schemanim – Ölpresse heißt das auf Hebräisch, der Ort, an dem die Oliven zerquetscht und kaputt gemacht werden, damit gutes Öl daraus gewonnen wird. Ein Ort, an dem Druck Verwandlung herbeiführt.

Nachdem Jesus am Abend des Pessachfestes mit seinen Jüngern gegessen und getrunken hat, geht er in diesen Garten Getesmane, um zu beten. Er bittet seine besten Freunde, mit ihm wach zu bleiben. Doch so wie Menschen immer wieder ihre Augen zugemacht und geschlafen haben, wenn es ernst wurde, lassen auch die Jünger ihn allein und verschlafen den Ernst der Situation. Da ergriff ihn, wie die Evangelisten erzählen, Angst und Verzagen. Er wirft sich auf die Erde und ruft verzweifelt zu Gott: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so lasse diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Der Evangelist Lukas ergänzt: Und Jesus betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. Ein Jesus, der weint, der Angst hat, den das Grauen vor dem dunklen Todesschicksal zutiefst ergreift, ein schwitzender, zitternder, schreiender, todgeweihter Mann. Einsam und verlassen in der schlimmsten Stunde seines Lebens. Und doch führt der Druck Verwandlung herbei. Am Ende betet Jesus zu seinem Gott: „Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“
Was ist da geschehen? Was ist passiert, dass er sich nicht länger aufgelehnt, nicht länger gewehrt hat gegen sein Schicksal? Was hat die Wendung gebracht, von der Auflehnung zum Einverständnis, von der Rebellion zur Hingabe?

Der heutige Predigttext versucht – gut fünfzig Jahre nach Getsemane, also etwa um das Jahr 80 nach Christus, eine Antwort auf diese Frage. Ich lese aus dem Hebräerbrief im 5. Kapitel:

Als Jesus unter uns Menschen lebte,
schrie er unter Tränen zu Gott, der ihn allein vom Tod retten konnte.
Und Gott erhörte sein Gebet,
weil Jesus den Vater ehrte und ihm gehorsam war.
Dennoch musste auch Jesus, der Sohn Gottes,
durch sein Leiden Gehorsam lernen.
Nachdem er zu Gottes Thron zurückgekehrt ist,
ist er für alle, die ihm gehorsam sind,
zum Retter und Erlöser geworden.
(Hebr. 5,7-9 Übersetzung Gute Nachricht)

Da spüren wir schon die historische Distanz zum Geschehen. Die Situation wird kurz geschildert und dann gedeutet. Um Gehorsam geht es letztlich, meint der Autor des Hebräerbriefes: Gott erhört Jesu Gebet, weil Jesus ihn ehrt und ihm gehorsam ist … Nachdem er dann zu Gottes Thron zurückgekehrt ist, wird er für alle, die ihm gehorsam sind, zum Retter und Erlöser. In diesen Sätzen zeigt sich, wie sich in der frühen Christenheit Bekenntnisse herausgebildet haben. Die Geschichte Christi wird komprimiert zusammengefasst in prägnante Sätze: Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Er sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Solche Sätze entstehen, weil man es auf den Punkt bringen und – gerade in schweren Zeiten - immer wieder einprägsam wiederholen will: Christus ist der Retter und Erlöser für alle, die ihm vertrauen, die ihm nachfolgen.

Hier im Hebräerbrief finde ich aber noch einen interessanten Satz, der in andere Bekenntnisse keinen Eingang gefunden hat. Es ist ein Satz, in dem es um die Entwicklung und um die Veränderung Jesu geht: Dennoch musste auch Jesus, der Sohn Gottes, durch sein Leiden Gehorsam lernen.

Lernt man Gehorsam durch Leiden? Lerne ich Gehorsam, wenn ich schwer krank bin, einen geliebten Menschen verliere, wenn ich scheitere mit meinen Lebensplänen und Brüche oder gar Scherbenhaufen produziere? Erst einmal lernt man in solchen Situationen doch eher das Rebellieren oder das Resignieren. Man ist zornig, wütend und gekränkt. Oder man zieht sich in sich selbst zurück. Aber Gehorchen? Wem überhaupt? Gott? Dem Schicksal? Kann es darum überhaupt gehen, schicksalsergeben tragen, was einem aufgesetzt wird, ohne Aufmucken, ohne Protest, schlucken, was einem das Leben vorsetzt?

Ich glaube, das Wort Gehorsam wäre auf dem Hintergrund des Neuen Testaments so ganz falsch verstanden. Um blinde Schicksalsergebenheit geht es dabei nicht. Auch nicht um einen Kadavergehorsam, der über Leichen geht. Gehorsam, das heißt im Griechischen „hypakoae“ – das kommt vom Wort „akuo“. Sie kennen es von der „Akustik“. „Akuo“ meint „Hören.“ „Hypakuo“ ist sozusagen eine Steigerung des Hörens. Es meint das ganz aufmerksame Lauschen, das genaue Hinhören. Und dann eben auch das entsprechende Antworten: Das Erhören, das Aufmachen, das Folgeleisten, das Erwidern, die Resonanz auf das Gehörte.

War es diese Art von Gehorsam, die Jesus in der Nacht in Getsemane gelernt hat? War es dieses „hypakoe“, dieses besondere, gesteigerte Hinhören, das ihn von seinem ersten Gebet: „Herr, lasse diesen Kelch an mir vorübergehen!“ zu seinem letzten Satz gebracht hat „Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ Eine Veränderung in einer ungeheuren Drucksituation durch Lauschen? Durch Einsamkeit, durch Stille, nach Innen hören? Dadurch, dass man in einen Dialog tritt mit Gott und ihm Raum gibt im eigenen Inneren?

Wenn Menschen nahe am Tod sind, liebe Gemeinde, passiert genau das ganz häufig. Elisabeth Kübler-Ross hat es wunderbar beschrieben in ihren Büchern über die fünf Phasen des Sterbens. Man will es zunächst nicht wahrhaben, verdrängt den Ernst der Situation und lebt weiter, als wäre nichts geschehen. Die zweite Phase ist der Zorn. Man ist wütend, sucht die Schuld bei andern, beschwert sich über Ärzte und niemand kann es einem recht machen. Dann kommt die Phase des Verhandelns: man meint, sich noch eine Lebensspanne erkaufen zu können, wenn man dies oder jenes tut, von Behandlungen bis hin zu sozialem Engagement. Schließlich gibt es die Phase bodenloser Traurigkeit oder Depression, wenn man erkennt, dass es kein Zurück mehr gibt und realistisch vor dem schweren Abschiednehmen steht. Diese vier Phasen können sich unterschiedlich ausgeprägt mischen und an manchen Tagen auch wild durcheinander gehen. Eine Phase, die fünfte, aber kommt immer am Schluss. Erstaunlicherweise steht sie bei den allermeisten Sterbenden am Ende: Es ist die Phase der Zustimmung, des Einverständnisses mit dem Schicksal. Eine heitere Gelassenheit strahlen die Sterbenden dann oft aus. Manchmal geht es sogar lustig zu im Sterbezimmer. „Ich sag dem lieben Gott einen schönen Gruß von euch und reservier euch ein Platzl im Himmel. Ihnen auch, Frau Pfarrer“ hat einmal eine alte Frau gesagt, kurz bevor sie gestorben ist. Unvergesslich, solche Momente. Da verliert der Tod plötzlich seine Schrecken, das Sterben hat dann sogar etwas Schönes. Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus. So schreibt – geradezu mit einem spöttischen Unterton gegen die Mächte des Todes – der Apostel Paulus.

Nachdem Jesus Christus zu Gottes Thron zurückgekehrt ist, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, zum Retter und Erlöser geworden. So der Hebräerbrief.
Also geht es um unser Gehorchen. Um unser genaues Hinhören und Lauschen auf das, was wir von Christus vernehmen. Es geht um unsere Resonanz auf sein Wort. Es geht um unser Leben, was wir als Christen daraus machen. Gerettet, erlöst, beseelt und zufrieden werden wir, wann immer wir auf Christus hören, wann immer wir ihm gehorsam sind.

Die ganze Welt retten brauchen wir deshalb nicht. Weder als einzelne Menschen noch als Gemeinde. Aber orientieren müssen wir uns an seinem Wort, uns immer wieder neu ausrichten an ihm: Barmherzigkeit üben; Menschenliebe und Gastfreundschaft. Dabei nicht nur den Nächsten lieben, sondern auch den Fremden, den Unheimlichen, die Seltsame, die mit der anderen Kultur oder Religion. Den Geringsten Achtung entgegenbringen und denen, die großspurig tun mutig ihre Grenzen aufzeigen. So wie Christus das getan hat. Und wie er damals im Garten Getsemane den Kontakt zu Gott suchen, auch in dunklen Zeiten, gerade dann, wenn es schwer wird oder unerträglich.

Ich greife noch einmal zu meinem Ölzweig. Ein Symbol des Friedens ist er geworden, seit vor Urzeiten die Taube den Menschen auf der Arche Noah einen solchen Zweig gebracht hat. Hoffnung, trotz allem Untergang. Zukunft trotz aller Zerstörung. Leben trotz allem Tod. Halten wir daran fest.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 


Ulrike Wilhelm

Laetare

Predigt am 06.03.2016 (Lätare) in Bernried und Tutzing

Unser heutiger Predigttext steht im 2. Brief des Paulus an die Korinther im 1. Kapitel:

Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit
und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Trübsal,
damit wir auch trösten können,
die in allerlei Trübsal sind,
mit dem Trost,
mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Denn wie die Leiden Christi
reichlich über uns kommen,
so werden wir auch reichlich getröstet
durch Christus.
Haben wir aber Trübsal,
so geschieht es euch zu Trost und Heil.
Haben wir Trost,
so geschieht es zu eurem Trost,
der sich wirksam erweist,
wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch,
weil wir wissen:
wie ihr an den Leiden teilhabt,
so werdet ihr auch am Trost teilhaben.
(2 Kor 1,3-7)

Herr segne unser Hören und Reden. Amen.

„Darf’s ein bisschen mehr sein?“ So lautete die Überschrift eines Artikels in der Wissenschaftsbeilage der Süddeutschen Zeitung vom letzten Wochenende. Darin beleuchtete der Autor, welchen Druck viele Menschen sich mittlerweile machen, um gesund und fit zu bleiben. Haben wir genug verzichtet? Uns richtig ernährt? Genug Sport getrieben? Und uns tief genug entspannt? Es gibt ja inzwischen die tollsten Möglichkeiten zur Selbstoptimierung: Lifelogging Armbänder, Smart-Watches, Pulsuhren, Self-Tracker, Blutdruckmesser, Schrittzähler, Superfood usw. – und zu alledem die entsprechenden Computerprogramme, die uns unsere Daten in Kurven umsetzen und gleich Vorschläge zur weiteren Optimierung machen. Wenn wir nur vernünftig essen, nicht rauchen, nicht trinken, uns genügend bewegen und uns nicht ärgern, wenn wir den Anweisungen unseres persönlichen Computerprogrammes folgen, dann klappt schon alles. Dann werden wir Herren oder Herrinnen über unser Leben und unsere Gesundheit. Als Quantified Selfes vermessen und kontrollieren wir uns selbst und holen das Optimale heraus. Darf’s ein bisschen mehr sein – an Fitness, an Disziplin, an Selbstoptimierung?

Diese Art von neuem Gesundheits-Leistungsdruck in unserer Gesellschaft hält der Autor für eine Anmaßung. Denn, so schreibt er „Immer mehr Menschen verspüren den Druck, ihre Gesundheit unter Kontrolle zu haben und sich komplett dafür verantwortlich zu fühlen. Die Ursache für Befindlichkeitsstörungen aller Art und erst recht für ausbleibende Heilung schreiben die Menschen dann zwangsläufig sich selbst zu.“ Was, du bist krank? Dann hast du was falsch gemacht, heißt es.

Ich habe mich in den letzten Wochen in meiner Kur viel mit solchen Fragen beschäftigt. Warum hab ich sie denn, meine Rückenverspannungen und Schlaflosigkeiten? Warum ist die Frau am Nachbartisch wohl gar so dick? Warum findet der Mann, der mir gegenüber sitzt, zu keiner Lebensfreude, hat sich in seiner Depression so gut eingerichtet, dass er jeden neuen Tag bejammert? Alle selber schuld? Alle inkonsequente, gescheiterte Selbstoptimierer?

Oder ist es eben Pech, Schicksal oder gar von Gott so gewollt und uns auferlegt, wenn etwas an unserem Körper oder unserer Seele nicht perfekt funktioniert? Wenn wir unsere Grenzen spüren, Schmerzen haben, nicht unendlich belastbar sind oder unser Älter- und Schwächerwerden spüren? Klar können wir versuchen, möglichst vernünftig zu leben. Aber haben wir wirklich alles in der Hand?

Von Jesus wird erzählt, dass er und seine Jünger einmal einem blind geborenen Menschen begegnet sind. „Herr, wer hat gesündigt, dieser oder seine Väter, dass er blind geboren ist?“, fragen die Jünger. Und Jesus antwortet: „Niemand hat gesündigt. Doch sollt ihr sehen, wie die Macht Gottes an ihm offenbar wird.“ Und dann heilt er den Blinden.

Eine wunderbare Geschichte, sehr tröstlich für alle, die Gründe suchen für ihre Gebrechen. Nein, niemand hat gesündigt. Niemand hat etwas falsch gemacht. Aber der Weg für Gottes Wirken ist doch in jeder Sekunde frei. Er kann Veränderungen herbeiführen, Heilung, Stärkung, Trost und neues Leben. Vielleicht muss ja sogar manches kaputt gehen, damit Neues entstehen kann. „Wahrlich ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ So sagt Jesus im Johannesevangelium. Paulus drückt es so aus: Haben wir aber Trübsal, so geschieht es zu Trost und Heil.

Ganz realistisch sieht die Bibel, dass ein Leben ohne Brüche, ohne Schmerz, ohne Dunkelheit nicht zu haben ist. Und zugleich redet sie immer wieder davon, dass Gott selbst es ist, der in allem Schmerz Trost spendet: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13). So lautet unsere Jahreslosung für dieses Jahr 2016. Dennoch bleibe ich stets an dir. Du bist meines Herzens Trost und mein Teil (Ps 73,26). So heißt es im Psalm 73. Und im bekanntesten aller Psalmen, im Psalm 23 heißt es über Gott: Dein Stecken und Stab trösten mich (Ps 23,4)

Immer wieder haben Menschen Gott so erlebt: als Halt und Tost und Stärkung – gerade in Zeiten, in denen das Leben schwierig und mühsam wird.

Ohne Trost wäre das Leben trostlos. Trost braucht jeder und jede von uns: Große und Kleine, Männer und Frauen, Erfolgreiche und Gescheiterte. Trost brauchen alle, die ihren Weg suchen. Und alle, die zu kurz kommen oder schwach und krank sind, verunglückt oder wie auch immer unter die Räder gekommen. Trost brauchen die, deren Glück zerbrochen ist, die einen Menschen verloren haben – an den Tod oder ans Leben. Trost brauchen auch alle, die selber unterwegs sind als Tröster – ob als Eltern, als Lehrerinnen, als Freunde, Nachbarinnen, Krankenpfleger, Ärztinnen oder Seelsorger – immer wieder neue Trostvorräte sind gefragt für immer wieder neue Menschen und Situationen. Denn Trost wird gespendet, nicht gekauft.

Menschen, die diese Vorräte nicht haben, leiden darunter. Sind nicht recht bei Trost. Vielleicht ist das ja ein Schlüssel zum Verständnis für Leute, die uns seltsam und unverständlich, vielleicht sogar unheimlich erscheinen, dass sie letztlich nur ungetröstet sind. Nicht bei Trost, im Tiefsten ungetröstet bleiben,– das könnte ja die Ursache sein für manche Verrücktheit in unserer Gesellschaft.

Gelobt sei Gott,
der Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Barmherzigkeit
und Gott allen Trostes,
der uns tröstet in aller unserer Trübsal,
damit wir auch trösten können,
die in allerlei Trübsal sind,
mit dem Trost,
mit dem wir selber getröstet werden von Gott.


Wie aber bekommen wir die Fähigkeit zum Trösten, zum Zuhören, zum Mitweinen und Aushalten der untröstlichen Situationen? Wie füllt man die eigenen Trostvorratsspeicher immer wieder so weit auf, dass man weitergeben kann, wie Paulus es ausdrückt, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind?

Ich glaube, das Geheimnis ist, sich selbst immer wieder mal trösten zu lassen. Die eigenen Fragen und Grenzen, Zweifel und Inkonsequenzen, Unzulänglichkeiten und Brüche aushalten, gegenüber vertrauten Menschen aussprechen und sich dann trösten und stärken lassen im Namen Gottes. Es war eine starke Erfahrung für mich in den letzten Wochen, dass da Menschen waren, die gesagt haben: Ja, du darfst jetzt mal gehen, auf dich schauen, dich erholen. Ja, wir kommen auch ohne dich zurecht. Nein, keiner und keine ist so wichtig, dass es ohne ihn oder ohne sie nicht geht. Und es war eine starke Erfahrung, dass mein geistlicher Begleiter in der Kur ein wacher Zuhörer und starker, guter Tröster war. Ein pensionierter Pfarrer mit einer Supervisionsausbildung. Supervision – das heißt: Mit ein wenig Abstand darauf schauen, was ist. Überblick gewinnen und neue Perspektiven, vielleicht sogar Super-Visionen. Mir haben die Gespräche gut getan, ich habe mich verstanden, getröstet und bestärkt gefühlt. Die Worte „Trost“ und „trauen“ haben in unserer Sprache ja auch die gleiche Wurzel. Womöglich ist ein offenes, gutes Vertrauensverhältnis die beste Basis für Trost.
Darf’s ein bisschen mehr sein? Dann noch einmal Paulus:

Denn wie die Leiden Christi
reichlich über uns kommen,
so werden wir auch reichlich getröstet
durch Christus.
Haben wir aber Trübsal,
so geschieht es euch zu Trost und Heil.
Haben wir Trost,
so geschieht es zu eurem Trost,
der sich wirksam erweist,
wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch,
weil wir wissen:
wie ihr an den Leiden teilhabt,
so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

In der Passionszeit meditieren wir Christen den gekreuzigten, leidenden, ohnmächtigen Christus. Den, der nicht drüber steht, sondern der ganz herunter gekommen ist ins Elend, in die schlimmsten Schmerzen, die tiefsten Abgründe des Menschseins. Sein tiefes, inwendiges Verstehen ist wie eine große, innige Umarmung. Ihm, der von Gott erzählt hat als von einem Vater, der seinem verlorenen Sohn mit weit ausgebreiteten Armen entgegenkommt, ihm hat man am Karfreitag die Arme auseinandergezerrt, um ihn ans Kreuz zu schlagen. Ihn, der gesagt hat: Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Ihn hat man am Ende mit weit ausgebreiteten Armen sterben sehen. Als wäre dies seine ureigenste Tostgeste, diese weit ausgebreiteten Arme. Als wollte er – mitten im Schmerz - sagen: Darf’s ein bisschen mehr sein an Liebe und Trost und Weite?

Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, damit wir bei Trost bleiben. Amen.

Uli Wilhelm

 

 

Epiphanias

„Und sie taten ihre Schätze auf …“  -   Drei-Generationen-Predigt zu Mt 2,9-10

von und mit Pfr. i.R. Günter Gaßmann (84), Marc Mancioc (14) und Pfrin. Ulrike Wilhelm (55)

 
Teil 1: Einleitung

Uli Wilhelm:
Liebe Gemeinde!
„Heilig drei König“, sagen wir zum heutigen Feiertag hier in Bayern. Dabei ist von drei Königen in der Bibel gar nicht die Rede. Von weisen Männern wird vielmehr erzählt. Wie viele Männer waren das wohl? Wie alt sind sie gewesen? Wir wissen es nicht. Jedenfalls sind diese Weisen gekommen, um dem neugeborenen Christuskind ihre Ehre zu erweisen. Von Anfang an hat das Kind in der Krippe hat eine Bedeutung, die weit über den unmittelbaren Familienhorizont und auch weit über den eigenen Kulturkreis hinaus reicht. Bis ins Morgenland! Dort hatten sie den besonderen Stern entdeckt und daraus geschlossen: Ein ganz besonderer, ein besonders bedeutungsvoller Mensch muss geboren worden sein. Weil weise Menschen nie auf der Stelle hocken bleiben sondern beweglich sind, haben sie sich aufgemacht. Sie sind dem Stern gefolgt, über viele, viele Kilometer. Noch einmal hören wir, wie Matthäus das beschreibt:


Günter Gaßmann:
Als sie den Stern sahen, wurden die Weisen hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. (Mt, 2,9-10)

Marc Mancioc:
Aha, jetzt ahne ich, warum man sagt: „Heilige Drei Könige“. Drei Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Aber drei Geschenke heißt ja nicht unbedingt, dass es drei Männer gewesen sein müssen. Also bei mir war an Weihnachten nicht zu jedem Geschenk ein anderer Mensch da. Aber das ist ja wahrscheinlich gar nicht wichtig, wie viele es waren. Hauptsache, sie haben gefunden, was sie suchten.

Teil 2: Der Stern, dem wir folgen

Uli Wilhelm:
Um das zu finden, sind die weisen Männer aus dem Morgenland einem Stern gefolgt. Das hat bei uns die Frage ausgelöst: Wem folgen wir eigentlich in unserem Leben? Was tun wir, um Christus zu finden? Ich habe deshalb diese beiden Männer hier, Herrn Gassmann und Marc Mancioc danach gefragt. Herr Gassmann stammt aus Thüringen. Er ist Pfarrer und Hochschullehrer. Seit ungefähr 10 Jahren lebt er hier in Tutzing im Ruhestand und ist mit seiner Frau sehr aktiv in unserer Gemeinde. Oft hat er Gottesdienste gehalten. Aktiv singt er in unserem Kirchenchor: Marc ist genau 70 Jahre jünger, also 14 Jahre alt. Er ist letztes Jahr in unserer Gemeinde konfirmiert worden und engagiert sich seither in unserer Gemeinde. Ich möchte Euch fragen: Was ist Euer Stern? Wem folgt Ihr im Leben, um Christus zu finden?

Marc Mancioc:
Ich habe letztes Jahr den Konfirmanden-Kurs hier gemacht. Er war cool. Viele jugendliche Mentoren haben uns begleitet. Es war ein gutes Gefühl, so miteinander unterwegs zu sein. Und Kirche war gar nicht altmodisch oder steif. Deshalb habe ich beschlossen: Ich höre nicht auf nach der Konfirmation. Ich mache den Trainee-Kurs, die Ausbildung zum Jugendleiter und werde selbst. Meiner Gemeinde stelle ich Zeit und Kraft zur Verfügung. Das tue ich eigentlich für Christus. Ich möchte anderen Jugendlichen gerne zeigen, dass sich der Glaube an ihn lohnt.

Günter Gassmann:
Bei mir war das ganz anders, damals vor 65 Jahren. Ich war schon dabei, bei Glauben und Kirche. Am Sonntag marschierten wir regelmäßig zum Gottesdienst. Ich war in einem evangelischen Jugendkreis. Damals, in der DDR, hatte das Nachteile, gab uns aber das Gefühl, dass wir nicht angepasst waren. Ich hatte Interesse an theologischen Fragen, aber hatte Scheu, meinen Glauben öffentlich zu bekennen.
Eines Tages besuchte uns unser Gemeindepfarrer. Und noch an der Haustür -ich vergesse die Szene nicht - sagte er zu mir: „Gaßmann, Sie sollten Theologie studieren, Sie sollten Pfarrer werden!“
Da wurde mir eine Tür geöffnet. die ich selber nicht zu öffnen wagte. Was ich mir selbst nicht zu sagen wagte, wurde mir hier von außen her zugesagt - und ich willigte ein. Ja, das war mein Weg in die Zukunft.

 


Teil 3: Sternstunden im Leben

Uli Wilhelm:
Die Weisen folgten einem Stern. Sie hatten ein Ziel. Sie wollten den neugeborenen König unbedingt sehen. Was willst Du, Marc, und was wollen Sie, Herr Gassmann, denn unbedingt noch sehen oder erleben im Leben? Was ist der Leitstern, dem Sie folgen? Was treibt Dich, Marc, im Leben eigentlich an?

Marc Mancioc: Meine Leitsterne, das sind meine Vorbilder. Das sind Personen, die es weit gebracht haben. Zum Beispiel Leute aus meiner Familie, zu denen ich hinauf blicken kann. Ich möchte noch so viel in meinem Leben erleben dass ich es gar nicht in Worte fassen kann!

Günter Gassmann:
Ich habe in meinem langen Leben erstaunliche Veränderungen in den ökumenischen Beziehungen zwischen den Christen erlebt. Als ich etwa 5 Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir: Junge, spiel nicht mit katholischen Kindern! 25 Jahre später "spielte" ich in meiner ökumenischen Arbeit mit katholischen Theologen und Bischöfen aus aller Welt. Mit ihnen hatte ich enge, freundschaftliche Beziehungen. Wunderbare Erfahrungen bereicherten mein Leben. Was wollte ich mehr?!
Was ich noch erleben möchte? Dass der Papst und evangelische Christen gemeinsam das Abendmahl feiern: Geeint, versöhnt. Wir sind auf dem Weg.

Uli Wilhelm:
Die Weisen aus dem Morgenland waren sich nicht ganz sicher, wo sie hingehen sollten. Sie probierten es sicherheitshalber mit dem, was sie schon kannten und gingen ins Haus des Königs nach Jerusalem. Nur: Dort war das Kind nicht. Offenbar lässt sich Gott nicht im Gewohnten finden. Auch nicht in der Sicherheit eines Herrscherhauses.
Um das Göttliche zu finden, muss man ins Ungewohnte, ins ganz andere. Die wahren Sternstunden spielen sich draußen ab, außerhalb der Stadtmauern. In der Weite. Im Neuen. Im Ungewohnten und Außergewöhnlichen.

Günter Gassmann:
Ich habe so eine Sternstunde auch einmal erlebt: Mit einem Schulkameraden hatten wir DDR-Kids beschlossen, die enge und bedrückende DDR zu verlassen und in den "Westen" zu fliehen. Ein befreundeter Diakon zeigte uns den Weg in der dunklen Nacht: Da geht es lang, quer über Felder und Wiesen. Die Grenze war noch nicht befestigt. Wir marschierten los und sahen dann nach 30 Minuten westdeutsche Posten. Wir atmeten auf, wir waren "Drüben", wir waren im Westen - und über uns leuchteten die Sterne der gemeinsamen Nacht: Ost und West, wir waren in Freiheit. Wir erlebten die Sternstunde unseres Lebens. Frei ...

Uli Wilhelm:
Eine eindrucksvolle Geschichte! Wie ist das mit Dir, Marc? Hast Du auch schon eine echte Sternstunde erlebt? Einen Moment, in dem Du sicher warst: Jetzt ist Gott da! Hier kann ich ein Stück von ihm erleben oder begreifen!

Marc Mancioc:
Eine absolute Sternstunde war die Geburt meiner kleinen Schwester. Damals war ich 11 Jahre alt (Erzählung davon …)

 


Teil 4: Geschenke für Christus

Uli Wilhelm:
Dann erlebt man also so eine Sternstunde – eine gelungene Flucht in die Freiheit. Oder das tiefe Berührtsein durch ein Kind, ein neues Leben. In der biblischen Erzählung endet die Sternstunde aber nicht in dem Moment, als die Weisen angekommen sind. Sie endet auch nicht mit dem Gefühl der Freude oder des Staunens, sondern sie geht weiter:

Als sie den Stern sahen, wurden die Weisen hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein … und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Die weisen Menschen fallen also nieder vor dem Kind. Sie geben ihre Größe auf und sinken auf die Knie. Eine Demutsgeste. Zugleich die einzige Möglichkeit, einem Kind zu begegnen. Man muss sich bücken, um ein Baby zu sehen. Mit einer hoch-näsigen, darüberstehenden Erwachsenen-Haltung kann man keinem Kind begegnen. Dann fangen die weisen Männer an, zu beten. Sie huldigen dem Kind, loben und preisen es. Aber auch damit noch nicht genug. Jetzt bringen sie dem Kind auch noch etwas ganz Konkretes: Sie tun ihre Schätze auf und schenken Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Das sind ja ganz verschiedene Gaben – mit ganz verschiedenen Bedeutungen:

Gold ist etwas Kostbares. Es steht für die materielle Welt, für irdischen Wohlstand, Reichtum und Lebensmöglichkeiten. Menschen haben immer wieder Gold und Geld hergegeben, um Armut zu lindern. Auch, um Kirchen prachtvoll auszustatten (Das sieht man ja auch hier in unserer neuen Kirche!). Viele Menschen spenden an Weihnachten, zum Beispiel für Brot für die Welt. Oder für die Kirche. Die Welt braucht freigiebige Menschen, die teilen, was sie haben und etwas davon gerne herschenken.

Marc Mancioc:
Weihrauch wird in vielen Religionen verwendet, auch in der katholischen Kirche. Er steht für die geistige, die religiöse und spirituelle Welt. Eine Wirklichkeit, die wir zwar wahrnehmen, aber nicht festhalten können. Weihrauch riecht gut, aber der Rauch verfliegt schnell. Genau wie religiöse Gefühle. Wir müssen unseren Glauben sozusagen immer wieder neu entzünden.

Günter Gassmann:
Die dritte Gabe der Weisen ist Myrrhe, das heißt das Harz des Myrrhe-Baumes. Die Wortwurzel „MYRR“ bedeutet „BITTER“. Über Jahrtausende hat man dieses bittere Harz zum Einbalsamieren von Toten verwendet. Bei der Kreuzigung hat man Jesus mit Myrrhe vermischten Wein zu trinken gegeben. Myrrhe steht für das Leiden, für das Schwere und für den bitteren Tod, der uns ja allen irgendwann bevorsteht.

Uli Wilhelm:
Gold, Weihrauch und Myrrhe also bringen die Weisen dem Christuskind: das Materielle, das Spirituelle und das Leiden. Auch wir dürfen unsere Schätze an die Krippe bringen: unser materiellen Güter, unsere religiöse Suche und spirituellen Talente, aber auch unseren Schmerz und das Bittere in unserem Leben.
Das interessiert mich jetzt zum Schluss noch: Was bringen wir eigentlich heute Christus an seine Krippe mit? Was legen wir ihm an die Krippe, was legen wir ihm heute ans Herz? Welche Hoffnungen, welche Sorgen, welche Gaben bringen wir dem Christuskind mit an diesem Heilig-Drei-König-Tag 2016?

Marc Mancioc: Von mir erhält das Christuskind Hoffnung, die Hoffnung dass die Menschen aufhören sich zu bekriegen und verstehen, dass Krieg keine Probleme löst. Die Hoffnung, dass die Menschen verstehen, dass es egal ist, was man für eine Hautfarbe hat oder wie man aussieht, egal wie groß oder klein man ist. Jeder Mensch ist einzigartig so wie er ist und jeder hat das Recht in Frieden und ohne Angst zu leben. Das möchte ich dem Christuskind in die Krippe legen.

Günter Gassmann:
Ich habe die Erfahrungen eines langen Lebens, die Einsichten und Gedanken vieler Begegnungen mit anderen Menschen mitgebracht. Diesen Reichtum lege ich dem Christuskind zu Füßen. Doch es sind nicht meine Gaben allein - sie sind eine Antwort auf das, was ich in meinem Leben von Gott empfangen habe. Ich gebe zurück und schenke wieder, was ich empfangen habe. Meine Gabe ist so auch Gottes Gabe.

Uli Wilhelm:
Ich persönlich würde dem Christuskind heuer mein Staunen mitbringen. Das Staunen über die vielen kleinen und großen Wunder in meinem Leben. Auch über diese schöne neue Kirche, die uns alle so freut.
So stehen wir heute da. So standen die Weisen damals an der Krippe, jeder mit seinem eigenen Erleben. Jeder mit seiner eigenen, einzigartigen Geschichte. Und jeder mit den Gaben, die er oder sie eben zu bringen hat. Ich bin sicher: Wir sind alle gut aufgehoben bei diesem Kind. Es wird uns annehmen, wie wir sind – und zugleich wird es unsere Wege zurück in den Alltag verändern. Im letzten Satz seiner Erzählung schreibt Matthäus: Die Weisen zogen auf einem anderen Weg wieder in ihr Land. Andere Wege, neue Möglichkeiten, sinnvolle Veränderungen im Leben. Dieses Kind eröffnet sie jedem und jeder von uns. In dieser Hoffnung und in Christus verbunden sprechen wir gemeinsam: AMEN.

 

 

Predigt zur Jahreslosung 2016

Motiv: Stefanie Bahlinger

Weißt du noch?
Damals.
Hingefallen – wunde Knie – aufgeschürfte Hände.
Und sie war da.

Arme, die dich umschließen,
Worte, die die Seele streicheln.
Eine Hand, die dir Halt gibt.

Längst bist du groß geworden.
Nimmst dein Leben selbst in die Hand.
Gehst deinen eigenen Weg.
Tröstende Mütter scheinen von gestern.

Die Sehnsucht aber ist geblieben.
Nach Geborgenheit.
Nach Nähe.
Nach Halt.

Menschenhände haben ihre Grenzen.
Sie sind nicht für immer da.
Gottes Hand bleibt.

Er ist da.
Er hält dich.
Er tröstet dich.
Wie eine Mutter.

(Dieter Braun)

 

 

Mit diesen Worten von Dieter Braun möchte ich Sie, liebe Gemeinde, hinführen zu der Jahreslosung dieses Neuen Jahres 2016: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Wir kennen das: Wenn ein Kind von seiner Mutter oder seinem Vater tröstend in die Arme genommen wird, dann ist alles nicht mehr so schlimm, der Albtraum, der Nachtschreck oder das aufgeschlagene Knie. Alles, was so katastrophal war, relativiert sich. Das Kind atmet auf, es beruhigt sich und bald lächelt es wieder. Eine solche Szene habe ich vor Augen, wenn ich das Versprechen Gottes höre: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Nun sind Geschichten zwischen Eltern und Kindern freilich nicht immer ganz spannungsfrei. Es gibt auch Phasen der Entfremdung, der Enttäuschung, des Unverständnisses. Das war auch in der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel so. „Kinder Gottes“ nannten die Israeliten sich ja. Zur Zeit Jesajas, im 6. Jahrhundert vor Christus, lief die Geschichte Gottes mit seinen Söhnen und Töchtern alles andere als glatt und einfach. Aus einer hoch brisanten politischen Lage hat sich eine Katastrophe entwickelt: Jerusalem, die geliebte Stadt, wird zerstört; die Kinder Gottes werden aus ihrer Heimat in die Gefangenschaft weggeführt. Von Gott verlassen, vergessen und bestraft fühlen sich die Kinder Israels. Freilich hindert diese Tatsache Gott nicht daran, an seinem Volk festzuhalten. In einem weiten Bogen entfalten die Prophetenworte jener Zeit in immer neuen Bildern und Vergleichen Gottes Treue zu seinem Volk. Sie gipfeln in der Ankündigung des zukünftigen Heils für Jerusalem und in dieser Zusage: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“.

Das ist mehr als ein „Alles wird gut“. Gott sieht die zerbrochenen Herzen und Hoffnungen. Er nimmt das Scheitern, das Elend, die Scham und die Verzweiflung seiner Kinder ernst und macht sie zu seiner eigenen Sache. Das ist ja eben das Besondere an einer Mutter: dass sie mitfühlen kann, sich einfühlen in ihr Kind, bis ins Körperliche hinein nachvollziehen, wie es dem kleinen Wesen, das sie geboren hat, geht. Wie eine Mutter erbarmt sich Gott seiner Kinder. Dieser Vergleich ist einmalig. In einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen weit weniger gelten und weitaus weniger Rechte haben als Männer, wird der große Gott hier mit einer Frau gleichgesetzt. Ohne jegliche Rücksicht auf gesellschaftliche Konvention beschreibt der Prophet hier eine Seite Gottes, die das Weibliche, das Zärtliche, Innige, Zugewandte und Mütterliche stark macht.

Der Trost einer Mutter ist ja geradezu lebensnotwendig für ein heranwachsendes Menschlein. Es geht nicht um Vermeidung von Schmerz, es geht vielmehr um die Herausbildung von Grundvertrauen - trotz aller schweren, verstörenden Erfahrungen, die jemand im Leben macht. Trost ist dabei zum einen befreiend: Der oder die Getröstete bekommt wieder Luft zum Atmen. Zum anderen gibt Trost wieder Grund unter die Füße. Letztlich dreht sich alles um die Frage: Wer gibt mir Halt? Was trägt mich eigentlich - im Leben und im Sterben?

Wie kann ich getrost leben - gehalten und frei, trotz aller Verletzungen, trotz aller Schrecken?

Getrost leben - mit festem Grund unter den Füßen und zugleich mit einem weiten Horizont.
Beide Aspekte finde ich in der Grafik von Stefanie Bahlinger, die Sie auf der Rückseite des kleinen Kalenders finden, den Sie in der Hand halten. Zwei Kreise überschneiden sich da: Einer ist nach links unten, der andere nach rechts oben gerichtet. Ihre Schnittmenge ist eine goldene Ellipse. Sie ist die leuchtende Mitte des ganzen Bildes. Wie eine Diagonale liegt sie zwischen zwei schemenhaften Figuren. Beide zusammen vergegenwärtigen zwei Seiten von Gottes Trost.

Die eine Seite beugt sich nach links unten und umarmt eine große dunkle eckige Fläche. Gott selber ist der – oder soll ich sagen – die Tröstende. Gott sieht das Dunkel, die lebensbedrohliche Not, das, was uns immer wieder Angst macht im Leben.

Ich kenne solche dunklen Seiten doch. Wenn ich meine, Gott kümmert sich nicht um mich, jedenfalls nicht so, wie ich es für richtig halte. Wenn meine Ängste stärker sind als mein Vertrauen in Gottes Nähe. Wenn ich mir einbilde, alles im Griff zu haben und selbst am besten zu wissen meine, wie die Dinge laufen sollen. Oder wenn ich mich meines Versagens und meiner Abgründe so schäme, dass ich mich am liebsten aus allen meinen Aufgaben zurückziehen möchte. All das wird umfangen von einem warmen, glühenden Rot. Es sieht aus wie ein „Backofen voller Liebe“. So hat Martin Luther einmal Gottes Zuwendung zu uns Menschen umschrieben.

Die zweite, fast spiegelbildlich nach oben rechts gerichtete, Figur zeigt die andere Seite des göttlichen Trostes. Diese Seite hat mehr Leichtigkeit. Gottes Trost befreit und entlässt in die Weite. Er heilt und erneuert die zerstörte Gemeinschaft mit seinem Volk und eröffnet ihm zugleich neue Perspektiven.

Getröstete Menschen geraten in Bewegung. Innerlich und äußerlich. Die Flügel erinnern an den Heiligen Geist, der wird ja oft als Taube dargestellt. Ruach heißt der Geist im Alten Testament. Ein weibliches Wort übrigens: die „Geistin“ wörtlich übersetzt. Die hebräische Sprache ist da sehr lautmalerisch. Ruach – da atmen wir auf, da geraten unsere Lungenflügel und unser Zwerchfell in Bewegung und werden weit. Ruach - das ist die geistreiche Trösterin, die weibliche Seite Gottes, die uns berühren und dann weit und weich machen kann.

Im Ganzen betrachtet bilden die beiden sich überschneidenden Kreise ein Kreuz mit weichen Rundungen. An den Leib einer Schwangeren können wir dabei denken, an neu entstehendes Leben. Das dunkle Loch des Todes wird überstrahlt von der Himmelsfarbe, vom Gold der Verheißung. Am Kreuz hat Jesus Christus alle dunklen Mächte der Welt besiegt. Auch den Tod. Seine Auferstehung lässt hoffen, was Jesaja schon anklingen lässt: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen …“. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung, wird das noch weitergeführt: „ …und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.“

Sind solche Worte nur Trostpflaster, die schlimme Erfahrungen und Verletzungen beim Volk Israel damals und bei mir heute nur überdecken? Vertröstungen, die mich in meinem Alltag nicht erreichen? Ich glaube es nicht. Dazu bin ich zu oft an Gräber gestanden, ohne noch eigenen Trost zu haben. Dann habe ich die alten Worte gelesen vom neuen Himmel und der neuen Erde – und es ist mit Händen zu greifen, nein, mit Herzen zu erleben, wie solche Worte tragen.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, sagt Gott.
Wenn wir ihn beim Wort nehmen, werden sich uns neue Horizonte auftun. Für unser eigenes Leben und für andere trostbedürftige Menschen. Wie die kleinen goldenen Punkte und Striche, die die Künstlerin über ihre Grafik verteilt, kann der Trost sich ausbreiten im Hier und Jetzt. Im Heute und im Morgen. Und an jedem Tag dieses Neuen Jahres, der uns geschenkt wird. Die goldene Ellipse, das Zeichen für den himmlischen Trost Gottes, ist wie ein Auge: Gott sieht mich, selbst wenn ich ihn in meiner Not vergesse. Im Sehen bleibt er nicht bei sich selbst, sondern er verteilt seine Himmelsfarbe, gibt sie hin, gibt sich selbst hin für seine Menschen – so dass wir getröstet und gestärkt, geliebt, beruhigt, neu auf unsere Beine gestellt und vielleicht sogar beflügelt werden.

Stecken oder kleben Sie sich diesen kleinen Kalender irgendwohin, wo er Ihnen in diesem Jahr öfters begegnet: In den Geldbeutel oder die Brieftasche. An Ihre Kühlschranktüre oder den Badezimmerspiegel. Dann werden Sie – zusammen mit uns anderen, die wir das so machen, jeden Tag neu daran erinnert: Mit Gott in meinem Leben bin ich ganz bei Trost.

Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Ulrike Wilhelm (auf der Grundlage einer Meditation von Renate Karnstein)

 

 

1. Advent

Kircheneinweihung

Liebe festliche Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Schönheitsoperationen, Fettabsaugen, Liftings und Unterspritzungen sind heute an der Tagesordnung. Männer und Frauen versuchen mit allen Mitteln, wie man gerne sagt, „frischer“ auszusehen. Das beginnt manchmal schon im zarten Alter von 18 Jahren. Dass eine Dame von 85 ihr Aussehen deutlich verjüngt, hatte ich vor der Einladung zu Ihnen noch nie gehört. Die Christuskirche sieht jetzt moderner, offener und leichter aus. Ja, wirklicher frischer. Man könnte direkt ins Grübeln kommen… Allerdings – das zeigt die Wiedereinweihung Ihres wunderschönen Gotteshauses – wollten Sie anders als manche Zeitgenossen die Spuren des Lebens, der Erfahrungen, die Erinnerungen an Leid und Glück, an Ankunft und Abschied, an Begrüßung und Segen keinesfalls verwischen oder gar tilgen.

Ihre Kirche ist nicht starr oder maskenhaft geworden, sondern ein Muster an lebendiger zeitgenössischer Architektur und Kunst. Ein Raum, in dem die Erinnerung wachgehalten, die Tradition immer neu vergegenwärtigt und die Gegenwart sorgsam bedacht und bebetet wird. Ein Raum, der zukunftsorientiert ist. In der feinen Broschüre zur Renovierung steht über die virtuelle Erstbegegnung mit der neuen Kirche zu lesen: „ Wir stellen zunächst einmal fest, dass alles aussieht wie immer. Das ist unsere Tutzinger Christuskirche, wie sie uns seit vielen Jahren vertraut ist, ein schlichtes, längliches Gebäude mit schönen Proportionen…“ Und dann kommen, wir sehen es nun tatsächlich, die Aha-Erlebnisse: Warme Holztöne, helle Wände, eine beleuchtete Decke und schlichte Formen. Licht, mobile Prinzipalia aus Eichenholz und Messing.

Künstler und Architekten haben alles getan, um dieser Kirche innen eine neue, faszinierende Gestalt zu geben, sie ins rechte Licht zu setzen. Die Architekten Guggenbichler, Netzer und Schneeberger, der Bildhauer Christian Hörl – sie haben es vermocht, die Botschaft, das Leben dieser Kirche neu in Szene zu setzen. Christuskirche. Was sagt denn unser Herr von sich selbst? Ich bin der Weg, ich bin das Licht, ich bin die Tür… Die Tür in dieser Kirche ist erhalten geblieben – ein Sinnbild dafür, dass nichts verloren geht von dem, was hier gedacht, gefühlt, gesprochen und getan wurde. Ihre persönlichen Erinnerungen sind und bleiben in diesem Raum, verbunden mit der Eingangs- und Ausgangstür. Ich bin der Weg. Beweglich sind die Hauptstücke dieser Kirche, beweglich Bänke und Hocker.

Sinnbild für eine mobile, dynamische Kirche, die nicht auf sich selber sitzen bleibt, sondern unterwegs ist und zugleich auf einem festen Fundament ruht. Ich bin das Licht … Man kann sich schon verlieben in diese Lichtskulptur, in die anziehenden Spiele von Helligkeit und Gold, dem Symbol für die Herrlichkeit Gottes. Jesu Wort: Ich bin die Auferstehung und das Leben kommt einem in den Sinn, die Hoffnung darauf, dass wir in Ewigkeit geborgen sind. Eine wahrhaft lichtvolle Aussage inmitten der Herausforderungen der Zeit, die sich in diesem Raum widerspiegelt. Was für eine wundervolle Kirche! Sie würde den Altvorderen auch gefallen. Der Bund Deutscher Architekten schrieb im Februar 1930 an einen meiner Vorvorgänger – übrigens mit der entzückenden Anrede „Seiner Hochwohlgeboren“:

„Wie wir erfahren haben, soll in diesem Jahr in Tutzing eine neue Kirche erbaut werden. Inanbetracht der Bedeutung des reizenden und vielbesuchten Kurortes am Starnberger See bitten wir zur Erreichung eines der Evangelisch.-Luther. Konfession würdigen Gotteshauses für die Projektierung einen kleinen Wettbewerb unter evangelischen Architekten veranstalten zu wollen.“ Ich finde, dies ist auch bei der Renovierung gelungen. Und hier wird es gewiss auch keinen Streit geben wie damals, als man zahllose Schreiben hin und her sandte, in denen es um den Kruzifixus ging, den der eine Bildhauer als sein Kunstwerk genauso aufgehängt haben wollte wie ein anderer Künstler den seinen. Beide am selben Kreuz. Man liest dann erstaunt im Brief eines Oberkirchenrates: „Der Christus des Herrn Bauer muss wieder weg.“

Und: “Ich will mich … noch erkundigen, ob das Kreuz schon da war, ehe der Christus bestellt wurde, oder ob bei der Fertigung des Christus auch schon mit dem Kreuz gerechnet wurde“. Interessante theologische Gedanken. Auch die, dass die Gemeinde den ersten Christus heftig ablehnte – mit der Begründung, sie wolle „kein Kunstwerk, dass einer Kunstanschauung in 50 Jahren entspricht“, sondern „einen Christus, der sie jetzt erbaut“. Mein Vorvorgänger verstand das voll und ganz. Er meinte sogar, der eine Christus sehe aus wie ein Asthmatiker in schwerem Krampf. Andere Werturteile und Vorhaben will ich lieber nicht weiter erwähnen. Der Christus ist in Unterfranken gelandet. Kunst ist nie unumstritten. Auch die tonale nicht, denn von der Grundsteinlegung berichtete der Oberkirchenrat, dass ein Marsch statt der gewünschten Choräle gespielt wurde.

Von der Einweihung vermerkte er: „Der Gesang des neuen Kirchenchores war etwas schmerzhaft; er hätte besser nach der ersten Strophe aufgehört. Dagegen waren einzelne gute Stimmen dabei, die als Quartett zusammengefaßt Erfreuliches hätten leisten können.“ Könnte ich jetzt nicht so sagen. Insgesamt muss es fast so schön gewesen sein wie heute, denn das Tutzinger Tagblatt schrieb: „Ein klarer Morgen ließ die Sonne auf die golden glitzernde Zwiebelkuppel der neuen Christuskirche fallen… Dazu hatten die Berge ihre Föhnherrlichkeit angelegt und leuchteten in der scharfgezeichneten Pracht ihres Gesteins und ihrer Schneefurchen über den See.“ Wir können diesen Tag der Wiedereinweihung nach 85 Jahren ebenso genießen. Jetzt, wo ein langer Prozess des Nachdenkens und Entscheidens zu einem ästhetisch hinreißenden Ergebnis gekommen ist.

Ihre Kirche ist ein geistliches Zuhause, dass uns vermittelt: Gott ist in höchsten Glücksgefühlen, in tiefster Verzweiflung und Trauer uns nahe. Das brauchen wir, um die Wucht wunderbarer wie schrecklicher Erfahrungen tragen zu können. Kirchen sind die Gebäude, in denen Leben tief gefühlt und zur Sprache gebracht wird. Paare werden gesegnet für ihren Lebensweg, Kinder und Erwachsene getauft und konfirmiert, Jubiläen wie Goldene Hochzeiten oder Silberne Konfirmationen gefeiert, Schuld - kollektive und individuelle – wird bekannt und ihr wird göttliche Vergebung zugesprochen, Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. Ich habe leidenschaftlich gerne hier meine Schulgottesdienste gefeiert, als ich am Tutzinger Gymnasium unterrichtete. Und die Gäste unserer Akademie fühlen sich in diesem Gotteshaus ebenso wohl wie ihr Direktor.

Ihre Christuskirche ist ein Ort, an dem sich Leben verdichtet: Seit 85 Jahren finden Menschen hier irdische Heimat in der Zuversicht, dass es ein himmlisches Zuhause gibt. Kirchen sind Orte für das Leben in seiner Vielfalt, mit seinen glänzenden Seiten und den rabenschwarzen Schatten. Sie symbolisieren die menschenfreundliche Herrschaft Gottes. Wir lieben das ganze Leben und seine Freiheit! Der auferstandene Jesus Christus als Fundament. Das meint fest gegründete Offenheit für andere Menschen. „Es gibt keine andere Ursache, Kirchen zu bauen, als dass die Christen zusammen kommen, beten, Predigt hören und Sakramente empfangen können“ hat Luther gesagt. Sich versammeln, taufen, trauen, konfirmieren, den letzten Weg mitgehen und segnen, ist Ausdruck von Ehrfurcht vor Gott.

Ihm klagen wir unser Leid. vor ihm dürfen wir unsere Freude ausbreiten. Seine Botschaft wird uns immer wieder neu gesagt und an seiner Gegenwart haben wir sinnlichen Anteil. Als Kind bin ich gerne in die katholische Dorfkirche gegangen, weil es da so viel zu sehen, zu riechen und zu entdecken gab. Kirchen strahlen auf ihre je eigene Weise den Glauben aus, wie er verstanden wurde und wird. Im Bibelwort, das ich für Ihren Festtag ausgesucht habe, heißt es:

Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.
Nun, Gott Israels, las dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörest das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.
1. Könige 8,22-24.26-28

Salomo zeigt sich in seinem Tempelweihgebet einsichtig. Er beschreibt Gott als verlässlich und treu, zugleich im umfassenden Sinn als unfassbar. Martin Luther ist ihm da nicht unähnlich. Er weiß, dass es ein Missverständnis wäre zu glauben, dass nur in Kirchen wahrer Gottesdienst gefeiert wird. Er sagt: „Wo der böse Geist gewahr würde, dass wir das Gebet üben wollen, wenn es gleich unter einem Strohdach oder in einem Saustall wäre, ... würde er sich weit mehr vor diesem Saustall fürchten als vor allen hohen, großen, schönen Kirchen, Türmen, Glocken, ... wo solch ein Gebet nicht drin ist“.

Gott lässt sich nicht an einen Ort binden, er ist hier, aber auch anderswo zu finden. Umgekehrt: Was Sie in der Christuskirche bedenken, reden, singen, beten und planen, hat Wirkung. Luther hat wertgeschätzt, was Kinder, Männer und Frauen außerhalb der Kirche in ihrem Leben und Beruf Gott, den Nächsten und sich selbst zuliebe tun. Salomon verweist in seinem Gebet darauf, dass die Himmel und aller Himmel Himmel Gott nicht fassen können. Und trotzdem ist er mitten unter uns. Er ist gegenwärtig in Köpfen, in Herzen, überall da, wo Menschen so leben, dass an ihnen und durch sie etwas von der Liebe und der Leidenschaft unseres Gottes sichtbar wird. Er ist gegenwärtig, wenn Menschen wie Sie, liebe Schwestern und Brüder, sich für ihre Kirche und damit für die Welt engagieren.

Mit all unseren Aufgaben und der Verantwortung, die uns aufgebürdet ist, brauchen wir Orte wie Ihre wunderschöne Christuskirche. Wir brauchen ihr Dach über unserem Kopf, offene Türen, Wände zum Anlehnen, Bänke zum Ausrasten, Gänge zum Herumgehen. Wem die Welt offen steht, der braucht ein Zuhause, Orte, an die man rückgebunden ist, an denen man sich geborgen fühlt. Wo man Asyl findet, wenn man sich exiliert, aus dem Paradies vertrieben fühlt. Uns wird zugemutet, wahrer Mensch zu sein: Selber denken, reden und handeln, sich und andere nicht bloß zu tolerieren, sondern sie anzunehmen und dem Tod in seiner vielfältigen Gestalt zu widerstehen. Wir sollen ein selbständiges, selbst bewusstes geistliches Leben führen. Die Auseinandersetzung mit Problemen, die unser Land und andere belasten, gehört hierher.

Gott ist Mensch geworden – damit hat er in seiner Person die ausschließliche Aufmerksamkeit vom Jenseits in das Diesseits hinein gelenkt. Kriege, Vertreibung und Flucht - es sind Veränderungen im Gang, die unsere Welt nicht mehr die alte sein lassen. Da fällt es nicht leicht, von der Anwesenheit Gottes mitten unter uns zu sprechen. Aber zum christlichen Glauben gehört beides hinzu: Klare, realistische Weltsicht und zugleich die Fähigkeit, Träume zu haben und Visionen zu entwerfen. Gott ist Mensch geworden, hat das Leiden dieser Welt geteilt. Wer an ihn glaubt, wendet sich dieser Welt uneingeschränkt zu, ohne im Vorfindlichen aufzugehen, ohne die Hoffnung auf Veränderung aufzugeben. Kirchen sind Orte der Ehrfurcht, aber die Menschen in ihnen sind nicht geistesabwesend.

Sie sind geistesgegenwärtig, realitätsbewusst voller Zutrauen auf das, was uns von Gott her einfallen kann für diese Welt. Kirchen sind Orte der Geborgenheit und der Zuflucht, aber die Menschen in ihnen verlieren sich nicht in Kuschelecken. Wir sind mit unseren Kirchen Teil dieser Welt. Aber unser Glaube kann sich nicht mit dem zufrieden geben, was halt so ist. Unsere Kirchen können und sollen der Ort sein, an dem Menschen ihren Wert spüren, ihre Gaben und Fähigkeiten schätzen und ihre Schwächen sehen lernen. Ein Ort, an dem das ganze pralle Leben Platz hat mit Liebe und Zorn, Lachen und Weinen, Danken und Klagen, Fragen und Antworten, Reden und Schweigen… Eine irdische Heimat für alle Sinne samt dem Verstand - mit weitem Blick auf das zukünftige, ewige Zuhause.

Und manchmal ganz einfach menschlich irdisch mit dem Wunsch, es möge noch mehr Geld einkommen – weiterhin auch für Sozialprojekte, den evangelischen Kindergarten und die Jugendreferentenstelle, wie es Pfarrerin Wilhelm umsichtig in der Festbroschüre schrieb. Der Verein „Bausteine“ und die Gemeinde haben schon Sensationelles geleistet. Auktionen, Verlosungen, Flohmarkt und andere Verkäufe. Ich durfte mitmachen – und war froh, dass ich nicht auf dem Flohmarkt landete oder beim Angebot alter Einrichtungsgegenstände. Ich durfte zum Kaffee einladen. Frau Pfarrerin Wilhelm, liebe Uli, ich bin auch künftig mit dabei, wenn ihr mich braucht. An dieser Kirche hängen auch für mich lieb gewordene Erinnerungen, die ich in die neue Gestaltung gut und gerne mit hineinbringen kann.

Liebe Tutzinger Geschwister, damals, bei der Einweihung vor 85 Jahren, am 8. Dezember 1930, hatte Reichspräsident Hindenburg eine Altarbibel als Geschenk übermittelt, in die er eine Widmung geschrieben hatte. Er wünschte, dass in der Gemeinde stets wachsen möge die christliche Gesinnung, die brüderliche Eintracht und das vaterländische Besorgtsein. Dafür gab es wahrlich Grund genug. Ich wünsche uns allen – gerade angesichts der Aufgaben, die sich uns stellen - weiterhin die Gabe, ehrfürchtig mit dem Leben in dieser Gemeinde umzugehen und sich ergreifen, packen zu lassen vom guten Geist Gottes. Ich wünsche Ihnen viele Anlässe zum Jubeln und Jubilieren – in Ihrem persönlichen Leben und im Miteinander der Gemeinde. Mein Herz gehört Ihnen sowieso – darüber hinaus wünsche ich Gottes Segen für Sie alle. Amen.

 

 

21. Sonntag n. Trinitatis

Liebe Gemeinde,

es geht heute um einen Bibeltext, der schon zweitausendfünfhundert Jahre alt ist – und trotzdem eine ganze Menge aktueller Fragen in uns zum Klingen bringt. Es geht um Exil und um Integration fremder Menschen in einer Gesellschaft. Es geht um Gewalt, um Krieg, um falsche Versprechungen und um verlässlichen Frieden. Und es geht darum, mitten in einer aufgeheizten politischen Lage, mitten in den Turbulenzen des Lebens die Frage nach Gott nicht zu vergessen.

Es ist ein längerer Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jeremia. „Der weinende Prophet“ wird Jeremia genannt, denn er musste eine der schwierigsten Geschichtsepochen des Volkes Israel miterleben, die es gab: Das Land wurde von den Babyloniern überfallen. Jerusalem, die geliebte Stadt, wurde zerstört, der Tempel niedergebrannt, die gesamte Oberschicht ermordet oder als Sklaven verschleppt nach Babylon. Dort brauchte man billige Arbeitskräfte zum Bau der Kanäle. Was lag näher für den Babylonischen König Nebukadnezar, als Sklaven zu erbeuten, die Menschen der umliegenden Länder waren ihm dafür gerade recht. Eine schlagkräftige Armee hatte er noch dazu. So war er nach Israel einmarschiert. Das Jahr 586 vor Christus hat sich tief ins kollektive Gedächtnis des jüdischen Volkes gegraben. Ein Katastrophenjahr. Alles verloren, alles zerstört, nichts mehr, wie es war. Jeremia hatte lange zuvor schon gewarnt vor der Katastrophe, aber seine Worte waren auf taube Ohren gestoßen. Man hatte solche Hiobsbotschaften nicht hören wollen. Man hatte sich politisch etwas vorgemacht und Illusionen hingegeben. Jetzt stand man vor den Trümmern. Und da schreibt der Prophet jenen Menschen, die ihn zuvor nicht ernst nehmen wollten, einen Brief ins Exil. Ich lese aus dem 29. Kapitel des Jeremiabuches:

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:

So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:
Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;
nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.
Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.
Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.
Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.
Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Das fällt als erstes auf, dieses Ich habe euch wegführen lassen! Da sitzen die Israeliten an den Wassern Babylons und weinen. Ihre Heimat haben sie verloren, ihren Tempel, die Möglichkeit, ihre Gottesdienste zu feiern und ihren Glauben zu leben. Von Gott im Stich gelassen fühlen sie sich und weit entfernt von ihm. Und da schreibt nun Jeremia: „Das war der Wille Gottes. Er hat euch wegführen lassen. Nicht Nebukadnezar, nicht die Babylonier, nicht die Feinde haben letztlich diese schwierige Situation verursacht. Nein, der Herr der Geschichte ist und bleibt Gott. Niemand anders als er hat die Fäden in der Hand. Es wird seinen Sinn haben, dass ihr nicht weitermachen konntet wie bisher. Ihr wart zu satt geworden, zu unbeweglich. Selbstverliebt in euren schönen Tempel habt ihr zwar den Kult gepflegt doch anderes vergessen: die Witwen und Waisen, die Hilfsbedürftigen und Elenden. Ja, Gott selbst hat euch weggeführt. Denn man muss vielleicht weg sein, um sich selbst neu zu finden. Die Krise ist zugleich eine Chance zum Neuanfang!“

So würden Jeremias Worte womöglich heute klingen. Da können wir fragen: Wie ist das heute? Die großen Wanderungsbewegungen unserer Zeit, die vielen Menschen, die es nicht mehr aushalten in ihren Ländern, die Millionen von Flüchtlingen auf unserer Erde – werden die denn auch von Gott weggeführt? Werden sie zu uns geführt, damit uns die Augen endlich aufgehen über die Ungerechtigkeit unserer Welt? So lange haben wir die doch schon gespürt, wenn wir die Zeitung gelesen haben. Wenn wir im Fernsehen die Bilder gesehen haben von hungernden Menschen oder von kaputten Häusern, zerstört von Waffen, an denen unsere Industrie gut verdient hatte. Wenn wir auf Reisen bettelnden Kindern begegnet sind oder die Berichte gelesen haben über die Auswirkungen des Klimawandels. Satt und unbeweglich sind wir trotzdem geblieben. Wir wollten nicht auf unseren Lebensstil verzichten. Jetzt kommen sie zu uns, die Menschen, die das nicht mehr aushalten. Die Armut, die es ja längst schon gab, rückt uns in Gestalt der Geflüchteten plötzlich ganz nahe. Sie bekommt ein Gesicht – in den Fremden, die jetzt auf einmal in unserem Ort sind. „Flüchtlingskrise“ heißt es überall, doch diese Krise ist eine Riesenchance.

Eine Chance, dass uns die Augen aufgehen und das Herz. Eine Chance, dass wir nicht einfach weitermachen wie bisher, sondern anfangen, Themen wie Armut, Krieg oder Klimawandel endlich ernst zu nehmen. Und wenn wir das tun und nicht weiter verdrängen, was uns belastet, dann werden wir selbst glücklicher. Vor ein paar Tagen war es in der Zeitung zu lesen: „Der Psychotherapeut, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz glaubt, dass ehrenamtlicher Einsatz für Flüchtlinge glücklich macht. Anderen mitmenschlich zu helfen sei nicht primär eine Last, sondern ein Glück.“(Sonntagsblatt, 18.10.2015) Eine These, die so mancher aus unserem mittlerweile 220 Menschen umfassenden Unterstützerkreis sicherlich unterschreiben könnte.

Der Herr hat euch wegführen lassen, glaubt Jeremia. Was, wenn wir anfingen, diesen Satz auf die Flüchtlinge in unserem Land zu beziehen? Es ist Gott selbst, der hinter euch steht. Es ist Gott, der will, dass ihr uns die Augen neu öffnet. Es ist der Herr der Geschichte, der uns in diesen Zeiten ein neues Zusammenleben zumutet und zutraut. So wie damals auch schon:

Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch... Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.

Ein Integrationsprogramm par excellence ist das. Häuser bauen, Gärten anlegen, Beziehungen aufbauen und pflegen, Kinder bekommen und gemeinsam erziehen. Sich bunt durcheinander mischen und miteinander das Beste der Stadt, das Beste eines Ortes suchen. Da gibt es nicht mehr „Wir“ und „Ihr“, da sind die Zugehörigkeiten nicht mehr klar voneinander getrennt, sondern es geht nur gemeinsam. Das Beste einer Stadt suchen, das Beste eines Ortes entdecken und miteinander pflegen, jeder und jede mit den eigenen Fähigkeiten. Das hieße Zusammenleben.

Wir sind noch weit davon entfernt. Solange in Jerusalem oder in Köln Messerattacken stattfinden, weil jemand anders denkt. Solange, so wie letzten Montag in Dresden, öffentlich bedauert wird, dass es keine funktionsfähigen KZs mehr gibt, solange ist die Vision von einer gemeinsamen menschlichen Zukunft noch weit von der Wirklichkeit entfernt. Hass, Ausländerfeindlichkeit, blinde Ignoranz oder gar der rassistische Traum von einem reinen weißen (oder soll ich sagen braunen?) Deutschland sind böse Gegenkräfte. Auch solche hat es immer schon gegeben. Noch einmal Jeremia: Lasst euch durch die falschen Propheten, die bei euch sind, nicht betrügen. Hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.

Eine klare Positionierung. So klar sollten auch wir Christen in diesen Tagen Position beziehen gegen alles und alle, die unsere Werte von Demokratie und Humanität in den Dreck ziehen wollen. Es heißt wachsam sein. Im Großen und auch im Kleinen. Es heißt Zivilcourage zeigen, gegen Diskriminierung und rassistische Anfeindungen. Es steht viel auf dem Spiel. Auch die Glaubwürdigkeit unserer Religion. Eben weil wir unsere Wurzeln im christlichen Abendland sehen, weil wir uns an den Werten Jesu Christi orientieren, wollen wir keine Zäune, keine Ausgrenzung und keine fremdenfeindliche Stimmung in unserem Land.
Ich bin ein Fremder gewesen, sagt Jesus Christus, und ihr habt mich aufgenommen. Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Mt 25,35c.40b)

Eine große Verheißung: Er selbst ist da, wo Fremde aufgenommen und freundlich empfangen werden. Am Hauptbahnhof in München. In den Polizeistuben und Ämtern, wo die Flüchtlinge anständig behandelt werden. In den Deutschkursen, die ehrenamtlich inzwischen fast jeden Tag in unserem Gemeindehaus stattfinden, in der Kleiderstube, in den Schulklassen und Kindergartengruppen, in denen die Kinder aus Afghanistan jetzt lernen, im gemeinsamen Singen, im Feiern und im Beten – überall eben, wo Menschen sich umeinander bemühen.

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, auf das ihr wartet… Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden...

Was für eine wunderbare Aussicht am Ende von Jeremias Brief: Die Gefangenschaft wird enden. Es wird Friede sein. Wir werden ihn, Gott selbst, endlich gefunden haben nach all den Turbulenzen unseres Lebens. Und es wird gut sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

19. Sonntag nach Trinitatis

Heute geht es um eine Männergeschichte, liebe Gemeinde. Nicht nur, weil es ausschließlich Männer sind, die darin eine Rolle spielen. Sondern vor allem, weil da viel Typisches - und zugleich auch ganz Besonderes - für Männer und von Männern vorkommt.

Unsere Geschichte spielt in Kapernaum, jenem kleinen Städtchen am Nordrand des Sees Genezareth, in dem Jesus häufig gewesen war. Jünger hatte er dort berufen, wichtige Predigten gehalten und Menschen geheilt. Jetzt kommt er nach einiger Zeit der Abwesenheit mal wieder in diese Stadt. Kaum hat es sich herum-gesprochen, dass er wieder da ist, beginnt das Gedrängel. Alle wollen ihn sehen. Die Menschen drängen sich in das Haus, in das Jesus gegangen ist. Immer mehr Leute kommen. Alle wollen sie dabei sein, wenn er mal wieder zu ihnen spricht. Dicht an dicht sitzen sie, auch noch draußen vor der Tür. Ihre Erwartungen an Jesus sind hoch. Ich sehe ihre nachdenklichen Gesichter vor mir, ihre geröteten Wangen, ihre glänzenden Augen, ihr Wissen, dass es jetzt um etwas Wesentliches geht. Eine Atmosphäre der Konzentration. Vor lauter Spannung und Aufmerksamkeit könnte man eine Stecknadel fallen hören.

In dieser Situation nun passiert etwas Ungeheuerliches. Man hört seltsame, dumpfe Geräusche. Schritte, mehrere, von oben, vom flachen Dach des Hauses. Dazu klingt es, als würde ein schwerer Sack gezogen und geschleift. Putz rieselt herunter. Alle richten die Blicke nach oben. Gespannt, entrüstet, kopfschüttelnd. Das darf doch nicht wahr sein. Wer steigt uns da aufs Dach? Wer wagt es, den Meister in seiner Rede zu stören? Beharrlich kratzt und scharrt es. Jetzt sind sie an dem Palmgeflecht angelangt, das die Lehmdecke hält. Ein Messer wird von oben durchgestoßen und durchtrennt die Palmruten. Grell dringt Sonnenlicht durch den schmalen Spalt. Wenig später ist ein Loch daraus geworden. Man sieht Gesichter, dort oben. Jetzt ist es endgültig vorbei mit der Ruhe. Erschrocken, feindselig und neugierig starren alle auf die skrupellosen Eindringlinge.


Von oben wird eine Pritsche herabgelassen, an vier Seilen, mühsam und vorsichtig. Ein Bündel Mensch liegt darauf. Ein Kranker, sichtlich gezeichnet, stumm, unfähig, sich zu bewegen. Dem armen Kerl da scheint das Schicksal übel mitgespielt zu haben. Man sieht es: er ist gelähmt. Die Spannung steigt. Hälse recken sich. Jeder will es sehen: was tut Jesus jetzt? Ob er mehr zu bieten hat als schöne Worte?

Ich lese Ihnen gleich vor, wie die Geschichte weitergeht. Einen Moment lang bleibe ich freilich hängen an der Frage: Wie ist das denn heute eigentlich, wenn jemand Hilfe braucht? Welche Wege gibt es, wenn einer nicht mehr weiter kann? In unserer Geschichte lässt der Gelähmte sich tragen von vier Freunden. Vier Schlepper, im wahrsten Sinne des Wortes, die ihn, den unbeweglichen, starren, hilfsbedürftigen Menschen, den Problemfall, miteinander packen. Es ist ja gar nicht so leicht, Menschen mit ernstlichen Problemen zu ertragen, weder in der Familie noch im Freundeskreis noch politisch. Die Flüchtlingskrise zeigt das im Moment sehr deutlich. Fremde Menschen mit Problemen aufzunehmen und gemeinsam zu tragen, das kann eine schwere Last sein für alle Beteiligten. Für die Träger, aber auch für die, der es ihnen schwer machen. Denn wer getragen wird von anderen, der ist auch abhängig von ihnen. Abhängig zu sein, angewiesen auf andere, das passt schlecht zu dem Männerbild, was in vielen Köpfen und Herzen noch immer herumgeistert: das Bild vom einsamen Kämpfer, vom starken, freien Helden, der sich auf eigene Faust durchboxt und erfolgreich durchs Leben schlägt.

Einer Umfrage nach, liebe Gemeinde, geben 80% der Männer in Deutschland an, keinen richtigen Freund zu haben. Sie müssen mit sich selber klar kommen. Oder eine Frau ist zuständig dafür, dass der Gefühlshaushalt halbwegs stimmt. Mir fallen Bilder ein, aus Urlauben im Süden: Männer sitzen in griechischen Cafés beieinander und reden, ganze Nachmittage lang. Oder in Frankreich, wie sie da stundenlang auf dem Dorfplatz Boule spielen miteinander. Ich vermute, dort würden weniger Männer angeben, keinen Freund zu haben. Interessant: man hat nachgewiesen, dass in diesen Ländern Herzkrankheiten wesentlich seltener sind. In Spezialkliniken für Herzkranke wird jetzt auch bei uns eine sogenannte "Mittelmeerdiät" angeboten, weil man vermutet, dass die Ernährung in diesen Ländern viel ausmacht, das viele frische Obst, Salate und Olivenöl. Aber womöglich ist das nicht ausreichend. Eine Mittelmeerdiät für die Seele möchte ich allen wünschen, die einsam und verbissen und ohne Freunde ihren Kampf ausfechten. Lass los, möchte ich ihnen sagen, lerne die Tugend der Gelassenheit. Bleib liegen, halte Siesta, wenn du nicht mehr kannst. Träum oder spiel oder ratsch mal wieder, so lange du Lust hast dazu. Und du wirst sehen: Freunde kommen dann ganz von selbst. Nicht sofort vielleicht, aber es wächst etwas an Verbindung und Beziehung, wenn du auch diese Seite des Lebens ausprobierst und nicht den einsamen, gestressten Alleskönner spielst.

Die Männergruppe aus unserer Geschichte jedenfalls wendet viel Kraft und Phantasie auf, um dem Freund, dem es so schlecht geht, zu helfen. Nachdem sie auf dem normalen Weg nicht vorankommen, lassen sie sich etwas Neues einfallen. Frech, skrupellos und zielsicher. Völlig egal, was die Leute reden oder denken. Der Freund braucht Hilfe, also muss gehandelt werden. Indem die Männer das Dach aufgraben, öffnen sie Schutz, Sicherheit und Geborgenheit der Menschen im Haus. Das Haus ist nicht mehr ganz dicht. Ein Problem von außen dringt hinein. Unübersehbar.

Ich hab Ihnen die Geschichte aus der Bibel so erzählt, wie ich sie mir vorstelle. Jetzt lese ich Ihnen vor, woher ich sie habe. Aus dem Markusevangelium im zweiten Kapitel: Nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Da versammelten sich so viele, dass sie nicht alle Platz hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vier Männern getragen. Und weil sie ihn wegen der Menge nicht zu ihm bringen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war, machten ein Loch und ließen die Schlafmatte herunter, auf der der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es saßen aber einige Schriftgelehrte dabei und dachten in ihren Herzen: Wie kann der so reden? Er lästert ja Gott! Wer kann denn Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, was sie bei sich dachten, und sagte zu ihnen: Was denkt ihr da in euren Herzen? Was ist leichter? zu dem Gelähmten zu sagen: dir sind deine Sünden vergeben - , oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Matte und geh! Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben - sagte er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm deine Matte und geh heim! Und er stand auf, nahm seine Matte und ging sogleich vor aller Augen hinaus, so dass sie sich alle entsetzten, Gott priesen und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen!
(Mk 2,1-12)

Was die Männer da tun, betrachtet Jesus nicht als Störung oder Provokation. Im Gegenteil, er sieht darin einen Ausdruck ihres Glaubens. Viele denken ja, Glaube sei eine inwendige, ganz intime Angelegenheit des einzelnen Menschen. Eine Geisteshaltung, die sich im verschlossenen Herzenskämmerlein zwischen mir und Gott abspielt. Der Evangelist Markus würde da vermutlich widersprechen. Für ihn ist der Glaube eine ganz aktive Hoffnung auf Veränderung. Glauben heißt, sich nicht mit Tatsachen abfinden. Es heißt solidarisch gegen Resignation zu arbeiten. Seinem Gott aufs Dach steigen, so lange bei ihm anklopfen und nachbohren, bis sich etwas tut!

Ein solcher Glaube hilft nicht nur dem einzelnen Menschen, sondern ich vermute, er würde uns allen zusammen guttun. Gerade heute, in unserer gesellschaftlichen Umbruchssituation braucht es Menschen, die positiv an die Veränderung glauben, Leute, die mit Phantasie und Solidarität für mehr Gerechtigkeit, Toleranz und Beweglichkeit arbeiten. Und es braucht Christen, die es Gott ans Herz legen, wenn etwas scheinbar aussichtlos und starr und erlahmt ist.

Was macht Jesus? Er sagt zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. So was! Da haben diese Männer Heilung erwartet und erfahren Vergebung. Ist Vergebung denn so wichtig? Was hilft sie dem Freund, wenn er weiterhin gelähmt bleibt? "Hauptsache Gesundheit!" "Alles Gute, vor allem natürlich, dass du gesund bleibst!" Wer kennt solche Wünsche nicht? Die Gesundheit steht bei uns hoch im Kurs, heute wahrscheinlich sogar noch höher als zur Zeit Jesu.

Männer, so habe ich gelesen, verbinden mit Gesundheit offenbar ganz besonders körperliche Fitness, Leistungsfähigkeit, Kraft und einen attraktiven, muskulösen Körper. Männlichkeit und Gesundheit - das gehört eng zusammen. Entsprechend schwierig wird es manchmal, wenn einer seinen Mann nicht mehr stehen kann. Krankheit wird gleichgesetzt mit Schwäche und Versagen und gilt als unmännlich. Ein kranker Mann leidet also nicht nur im körperlichen Sinn, sondern auch in seiner männlichen Psyche - und wirkt häufig entsprechend gekränkt und grantig.

Die Erfahrung von Ärzten und Psychologen ist es, dass Männer im Fall einer Erkrankung viel weniger bereit sind, den Zusammenhang zwischen Körper und Seele zu sehen. Die Verbindung von Lebensweise oder Belastung und Krankheit wird von ihnen weitgehend ausgeblendet, davon können die Ärzte und Therapeuten in Höhenried zum Beispiel ein Lied singen.

In unserer Geschichte ist das anders. Jesus spricht die Sünden des Kranken an. Und er spricht ihn los davon. Damit spricht er damit eine tiefere Dimension der Krankheit an. Er geht - wie ein guter Arzt - vom Befund aus in die Tiefe. Die Geschichte des Menschen wird wichtig, die Zusammenhänge, aus denen heraus er krank geworden ist. Das muss freilich nicht unbedingt eine einzelne, konkrete Verfehlung gewesen sein!

 

Einmal wird erzählt, dass Jesus den Zusammenhang von Sünde und Krankheit sogar abstreitet. Als er angesichts eines Blindgeborenen nach Schuld gefragt wird, antwortet er: Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden! Krankheit ist also nicht Ausdruck der Sünde. Trotzdem kann Sünde krank machen! Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben:
In der Zeitung war vor einiger Zeit zu lesen:
Weltweit sind inzwischen 40% aller Todesfälle auf Umweltverschmutzung zurückzuführen. Die Klimaveränderung auf unserer Erde, die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden schwächen den menschlichen Organismus und machen ihn anfälliger für Krankheiten. Zur selben Zeit schönt die Autoindustrie unverfroren ihre Abgaswerte.

Ob da nicht ein Zusammenhang besteht? Könnte es sein, dass Männer leichtfertiger und unbedachter um mit der Natur umgehen, weil ihnen der Zusammenhang zum eigenen Körper, zum eigenen Leben weniger bewusst ist?

 

Wenn Jesus dem gelähmten Mann seine Sünde vergibt, ohne dass er ihn überhaupt gekannt oder je mit ihm geredet hätte, dann ist das die Aufforderung: Setz dich mit Schuld und Belastungen auseinander. Schau hin, was dich krank macht. Versuche, der Ursache auf den Grund zu kommen. Reiß eine Öffnung auf in die Tiefe deines Lebens, ins Unbewusste und Dunkle - so wie die Freunde vorher für dich das Loch im Dach geöffnet haben. Lass Licht hineinfallen in diese unbekannten Gefilde. Überprüfe in diesem neuen Licht dein Verhältnis zu der Welt um dich herum, zu den Menschen und zu Gott! Du wirst sehen, das ist heilsam!

Steh auf, nimm dein Bett und geh! Mit diesen Worten fordert Jesus den Kranken auf, sich jetzt auch körperlich zuzutrauen, was innerlich bereits geschehen ist. In Bewegung kommen, die Kraft finden zum Gehen, die alte Lähmung überwinden. Das ist das Heilsame an Jesus, dass er den Menschen Selbständigkeit zutraut. Vor mir sehe ich, wie der Mann sich aufrappelt, unsicher und langsam zuerst noch, aber allmählich immer stärker von dem Vertrauen getragen, dass alles gut wird. Er klemmt sich die Pritsche unter den Arm, an der noch die Seile der Freunde hängen und wankt hinaus, in die Freiheit. Sein Bett, an das er jahrelang gefesselt war, kann er dabei noch nicht loslassen. Als würde er sich noch klammern an das Symbol seiner Lähmung. Noch ist ihm die Last nicht völlig genommen. Immer noch hat er zu tragen an seiner Krankengeschichte. Mir scheint, als hätte Markus, indem er die Einzelheit mit dieser Pritsche beschreibt, sagen wollen: Wunder dauern länger, selbst bei Jesus. Heilung - das ist immer ein Weg, ein Prozess. Doch wer sich auf den Weg macht, der wird mit Gottes Hilfe gesund werden. Und sein Friede, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, der alle unsere Lähmungen heilt. Amen.

 

Sommerpredigtreihe

Sommerpredigtreihe 2015 „Bild und Bibel“
Predigt über Gen 15,1-6 und das Bild „Sternennacht“ – Vincent van Gogh
(gehalten am 09.08.2015 in Feldafing/Pöcking; 16.08.2015 Bernried/Tutzing; 23.08.2015 Berg; 30.08.2015 Starnberg)

Liebe Gemeinde!

Was ist Ihre größte Sehnsucht?
Innerer Frieden? Einem ganz bestimmten Menschen nah sein können? Einen besonderen Ort kennenlernen, ein ganz bestimmtes Ziel erreichen? Oder möglichst zufrieden und gesund alt werden? Menschliche Sehnsucht kann vielfältig sein. Eines machen viele, die Sehnsucht haben: Sie blicken in den nächtlichen Himmel. Für die einen ist der Mond ein Bote ihrer Liebe. Andere glauben an die Kraft des Wünschens wenn sie eine Sternschnuppe über den nächtlichen Himmel sausen sehen. Und es gibt Geschichten, die erzählen davon, dass Verstorbene wie Sterne am Himmel auf uns herunterschauen und wir sie spüren können, wenn wir sehnsüchtig ins nächtliche Firmament schauen.

In den Sternenhimmel möchte auch ich heute mit Ihnen zusammen blicken. Und zwar mit zwei faszinierenden Personen: mit Abram (später Abraham genannt), der für drei Religionen, für Juden, Christen und Moslems ein „Urvater des Glaubens“ ist. Und mit dem berühmten niederländischen Maler Vincent van Gogh.

Fangen wir mit dem Älteren der beiden an. Ein rechtschaffener Mann war er. Ein lebenserfahrener Mensch mit Prinzipien, und doch flexibel. Im fortgeschrittenen Alter hatte er sich auf den Ruf Gottes hin aus seiner Heimat im Zweistromland aufgemacht und war nach Kanaan gezogen und später weiter nach Ägypten. Er hatte Konflikte konstruktiv gelöst, am Hof des Pharao ebenso wie beim Streit um Land mit seinem Neffen Lot. Und er war reich geworden. Eine Sehnsucht freilich blieb ihm und seiner Frau Sara unerfüllt: Die beiden hatten keine Kinder. Dabei war ein Sohn in der patriarchalischen Gesellschaft des Orients vor viertausend Jahren das wichtigste Lebensziel überhaupt. Einen Sohn zu haben, bedeutete, dass man weiter lebte, einen Erben hatte, jemanden, der aufbauen konnte, was man angefangen hatte. Ein Sohn bedeutete Zukunft, Leben, Sinn. Wer keine Kinder hatte (oder nur Töchter), dessen Leben blieb ein unvollendetes Fragment.

Und so bleibt Abram trotz seines sonstigen Reichtums im Inneren unglücklich und voller Sehnsucht. Wir lesen davon im 15. Kapitel des 1. Mosebuches:

Nach diesen Geschichten begab sich's,
dass zu Abram das Wort des HERRN kam in einer Offenbarung:
Fürchte dich nicht, Abram!
Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.
Abram sprach aber:
HERR, mein Gott, was willst du mir geben?
Ich gehe dahin ohne Kinder
und mein Knecht Eliëser von Damaskus wird mein Haus besitzen.
Und Abram sprach weiter:
Mir hast du keine Nachkommen gegeben;
und siehe, einer von meinen Knechten wird mein Erbe sein.
Und siehe, der HERR sprach zu ihm:
Er soll nicht dein Erbe sein,
sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein.
Und er ließ ihn hinausgehen und sprach:
Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen?
Und sprach zu ihm:
So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! 
Abram glaubte dem HERRN
und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.

Da steht Abram unter dem gewaltigen orientalischen Sternenhimmel und fasst plötzlich wieder Vertrauen, dass das Wunder doch noch geschehen kann: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne, hört er Gott sagen. Kannst du sie zählen? Natürlich nicht, wer könnte das? Hunderte, tausende sind es. Ein wildes, unüberschaubares und sich ständig veränderndes Funkeln und Glimmen. So zahlreich, sagt Gott weiter, sollen deine Nachkommen sein!  Unüberschaubar, die nach dir kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu fassen. Abram wird vermutlich bewusst, dass nicht er das Geheimnis des Lebens in der Hand hält, sondern dass er nur ein kleines Rädchen im großen Plan Gottes ist. Man kann sich klein fühlen und zugleich getröstet unter einem Sternenhimmel, denn man ahnt plötzlich, wie klein und relativ die eigenen Lebenssorgen sind und wie groß die Wirklichkeit, die es darüber hinaus noch gibt. Abrams Reaktion auf diese Erfahrung ist Vertrauen. Das ist in der biblischen Sprache dasselbe Wort wie Glaube: Abram glaubte dem HERRN, steht da. Er vertraute ihm. Er vertraute dem Leben und darauf, dass es doch noch seinen Sinn bekommen würde. Und dann macht Abram eine Erfahrung, die viele machen: Nicht im verkrampften Wünschen und Wollen liegt die Kraft, sondern im Loslassen, im Vertrauen, in der Hoffnung: Gott wird es schon gut machen für mich. Aus diesem Vertrauen heraus geschieht es dann, dass er noch Kinder bekommt, zwei Söhne mit zwei verschiedenen Frauen: Seine Magd Hagar gebiert ihm Ismael, den fromme Moslems als ihren Stammvater bezeichnen, während Abrams Frau Sara in hohem Alter noch Isaak das Leben schenkt, auf den die Juden sich berufen. Eine große Patchworkfamilie entsteht: Moslems und Juden sind Geschwister, das sieht die Bibel nicht anders als der Koran. Traurig nur, wie die Brüder im Lauf der Geschichte bis zum heutigen Tag ihre Konflikte immer wieder ausgetragen haben!

Konflikte in einem Familiensystem – das führt uns zum zweiten unserer heutigen Sternengucker, zu Vincent van Gogh. Auch er war ein Mensch voller Unruhe und Sehnsucht. Auch er hat vermutlich oft in den nächtlichen Sternenhimmel geblickt. Ein Resultat davon haben Sie in Ihren Händen, sein berühmtes Bild „Sternennacht“ aus dem Jahr 1889. Heute hängt es im Museum of Modern Art in New York und wird dort unter dem Titel „The Starry Night“ gezeigt.

Auf den ersten Blick sehen wir: Hier geht es um weit mehr als um die naturgetreue Abbildung eines nächtlichen Sternenhimmels. Eine unglaubliche Dynamik steckt in diesem Bild, eine Bewegung die sich aus dem Inneren des Künstlers heraus auf die Leinwand entwickelt. Die Farben dieses Himmels sind vielfältig: weiß, gelb, orange, türkis, grün und blau in verschiedensten Abstufungen, dazu ein tiefes Schwarz. Dieses dunkelste Element dominiert freilich nicht im Himmel, sondern unten auf der Erde, in dem Berg rechts, in den Häusern und vor allem in den geradezu auflodernden Zypressen links im Bild. Der Himmel dagegen ist bunt, voller Bewegung und Licht, von leuchtenden Bändern und Wirbeln durchzogen, mit einem Mond, der seinen eigenen Schatten ins Himmelslicht wirft, dazu zehn unterschiedlich helle und große Sterne, die so etwas wie eigene Zentren oder Welten bilden. Der aufgewühlte Himmel kontrastiert mit der Stille des Dorfes.
Kein Mensch ist auf dem Bild zu sehen. Es scheint, die Menschen in ihren kleinen Häusern würden das nächtliche Schauspiel schlafend versäumen. Von allen Gebäuden ragt nur der Kirchturm des Dorfes in der Mitte des Bildes hinauf und berührt so die himmlische Region immerhin mit seiner Spitze. Die Kirche – oder ist es das Gebäude direkt neben ihr? Ein Pfarrhaus vielleicht? Oder ein Kloster? – ist denn auch am hellsten von allen Gebäuden dargestellt. Die gewaltige Zypresse links im Bild züngelt dagegen wie eine dunkle Feuerzunge bis zur Spitze des Sternenhimmels empor. In den Mittelmeerländern gilt die Zypresse als Baum des Todes und der Trauer – man findet sie häufig auf Friedhöfen. Das geht zurück auf eine antike Geschichte, in der ein trauernder Knabe, der sich das Leben nehmen will, durch Apoll in eine Zypresse verwandelt wird.
Ist also vorne links ein Friedhof symbolisiert? Ist es die Todeserfahrung, oder die Todessehnsucht, die einen dem Himmel am nächsten bringt? Lassen wir diese Frage offen.
Jedenfalls sehen wir hier ein Bild voller Kraft, voller Kontraste, voller Dynamik. Für mich sehr anziehend – und zugleich hat es etwas Beängstigendes und Erschreckendes.

Vincent van Gogh hat es in Saint-Rémy in der Provence gemalt. Dort wurde er in den Jahren 1889 bis -90 in der Psychiatrischen Klinik des örtlichen Klosters behandelt. Der Patient hatte dort nicht die Möglichkeit, ins Freie zu gehen um zu malen. Den Sternenhimmel hat er vermutlich nur durch die vergitterten Stäbe der Nervenheilanstalt sehen können. Kein Wunder, dass ihm die Häuser in dieser Situation klein und eng erschienen, der Himmel dagegen weit und bunt.
Warum war der geniale Maler dort? Woran litt er?

Van Goghs Leben war schwierig, von Anfang an. Er war der Sohn eines evangelischen Pastors und seiner Frau und wurde am 30. März 1853 geboren, auf den Tag genau ein Jahr nachdem die Mutter ihr erstes Kind, ebenfalls Vincent genannt, tot geboren hatte. Von Anfang an Ersatz sein für einen verstorbenen Bruder. Seinen Namen tragen. Der Zweitgeborene und doch der Älteste von 6 Kindern. Familiensystemisch ist das ein extrem schwieriger Start ins Leben. Und schwierig sollte es weitergehen: als 11Jähriger wird Vincent weggegeben in ein Internat, leidet furchtbar unter der Trennung, arbeitet später in verschiedenen Kunstgalerien, verliebt sich wiederholt extrem unglücklich, sucht Halt in der Religion, betreibt Bibelstudien und ist als wenig erfolgreicher Hilfsprediger und Sprachlehrer in London und Belgien tätig. Seine ersten Zeichnungen finden keinerlei Anerkennung, Vincent stürzt in Armut ab, lässt sich mit einer alkoholkranken Prostituierten ein, bekommt verschiedenste gesundheitliche Probleme. Unterstützt wird er allein noch von seinem Bruder Theo, mit dem Rest der Familie ist das Verhältnis zerbrochen. An seinem 32. Geburtstag wird sein Vater beerdigt, Vincent verzichtet auf das Erbe und schlägt sich als Künstler durch, er lernt Impressionisten kennen und ist fasziniert. Nach einem Streit mit Gauguin schneidet sich Vincent an Weihnachten 1888 einen Teil seines Ohres ab. „Le fou roux“, der „rothaarige Verrückte“ wird er genannt und schließlich in das Asyl für Geisteskranke in Saint-Rémy gebracht. Mehrmals versucht er dort, sich durch das Schlucken von Farben und Terpentin zu vergiften. Nur noch in Begleitung darf er malen – in dieser Zeit entsteht das Sternennacht-Bild. Ein Jahr später nimmt er sich das Leben, jagt sich eine Kugel in die Brust und verstirbt am 29. Juli 1890 mit nur siebenunddreißig Jahren. Er hatte wohl kaum geahnt, wie sehr seine Bilder später Menschen berühren und in ihren Bann ziehen würden. So sehr, dass nicht nur Höchstpreise auf Kunstauktionen damit erzielt, sondern sogar Lieder über ihn und seine Bilder geschrieben würden.

(Lied: Vincent, Don Mc Lean, siehe Anlage unten)

Was ist ein erfülltes Leben? Was gibt einem Leben Sinn? So grundverschieden die Biografien Abrahams und van Goghs sind, so grundverschieden unsere Biografien sein mögen: Der Blick in den Himmel macht klar, es liegt nicht allein an uns, ob wir ein sinnerfülltes, gutes Leben führen können. Die entscheidenden Dinge werden uns geschenkt: das Leben selbst, die Menschen, denen wir begegnen, die Zeit, die wir zur Verfügung haben, die Talente und die Verrücktheiten, die uns in die Wiege gelegt sind. Nichts davon haben wir selbst gemacht, auf nichts davon haben wir Anspruch. Der alte Mann, der noch Kinder zeugt, der junge Mann, der sich das Leben nimmt: beide haben sie gelitten, geliebt, gehofft und geglaubt. Und beide waren voller Sehnsucht, nicht nur nach dem Leben, sondern auch nach Gott.
In einem Brief an seinen Bruder Theo äußert Vincent van Gogh einmal die Absicht, „schwierige Szenen aus dem Leben“ zu malen. Und er schreibt weiter: „Dies hält mich nicht davon ab, ein unbändiges Verlangen nach – soll ich das Wort sagen? – nach Religion zu haben. Dann gehe ich in die Nacht hinaus, um die Sterne zu malen.“
Vincent van Gogh hat es gespürt, genau wie Abraham: Gott lässt sich finden, manchmal mitten in der Nacht. Oder vielmehr: Er findet uns in all den Umnachtungen unseres Lebens, auch einst im Tod, wann und wie auch immer der uns begegnen wird. Nicht auf unsere Leistung kommt es am Ende an, sondern auf unser Vertrauen. Sola fide, allein durch den Glauben, werden wir selig, so hat Luther das ausgedrückt.
„Starry, starry night“ – vielleicht denken Sie daran, wenn Sie in den nächsten Tagen oder Wochen mal wieder in den Sternenhimmel blicken: Auch einem schwierigen, verrückten Leben gilt Gottes himmlische Zusage: Fürchte dich nicht! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn!
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, dem menschgewordenen Gottvertrauen. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

 

 

Liedtext:

Sternenübersäte Nacht.
Bemalst deine Farbpalette mit Blau und Grau,
schaust hinaus in einen Sommertag
mit Augen, die die Dunkelheit in meiner Seele kennen.
Schatten auf den Hügeln.
Skizzierst die Bäume und die Narzissen.
Fängst mit Farben die Brise und die Winterkälte
über dem verschneiten, leinenweißen Land ein.

Jetzt verstehe ich,
was du versucht hast, mir zu sagen,
wie du für deinen gesunden Verstand büßen musstest,
wie du versuchtest, sie von ihren Ketten loszureißen.
Sie hörten nicht zu, sie wussten nicht, wie.
Vielleicht werden sie jetzt zuhören.

Sternenübersäte Nacht.
Flammende Blumen, die hell lodern,
wirbelnde Wolken in violettem Dunst,
die Vincents porzellanblaue Augen widerspiegeln.
Farben, die ihre Schattierung verändern.
Morgendliche Felder mit bernsteingelbem Getreide.
Wettergegerbte, vom Schmerz gezeichnete Gesichter
werden unter den liebenden Händen des Künstlers geglättet.

Jetzt verstehe ich,
was du versucht hast, mir zu sagen,
wie du für deinen gesunden Verstand büßen musstest,
wie du versuchtest, sie von ihren Ketten loszureißen.
Sie hörten nicht zu, sie wussten nicht, wie.
Vielleicht werden sie jetzt zuhören.

Denn sie konnten dich nicht lieben,
aber dennoch blieb deine Liebe aufrichtig.
Und als in dieser Sternennacht
keine Hoffnung mehr in Sicht war,
nahmst du dir das Leben, wie es Liebende oft tun.
Doch ich hätte dir sagen können, Vincent,
dass diese Welt niemals für jemand so Schönen wie dich

gedacht war.

Sternenübersäte Nacht.
Porträts, aufgehängt in leeren Sälen.
Rahmenlose Köpfe an namenlosen Wänden
mit Augen, die die Welt betrachten und nicht vergessen können,
genau wie die Fremden, die du getroffen hast:
Die zerlumpten Männer in zerlumpten Kleidern,
ein silberner Dorn an einer blutigen Rose,
liegen zermalmt und gebrochen auf dem jungfräulichen Schnee.

Jetzt, glaube ich, weiß ich,
was du versucht hast, mir zu sagen,
wie du für deinen gesunden Verstand büßen musstest,
wie du versuchtest, sie von ihren Ketten loszureißen.
Sie hörten nicht zu. Sie hören noch immer nicht zu.
Vielleicht werden sie es niemals tun.

(Don McLean: Vincent)

6. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde!

Wie wird jemand ein kluger Mensch? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten.

Zum Beispiel soll er – möglichst bis zur Einschulung – folgende Fähigkeiten entwickeln: „Selbstwahrnehmung. Motivationale, kognitive und physische Kompetenz. Lernmethodische Kompetenz, Widerstandsfähigkeit und soziale Kompetenzen wie die Entwicklung von Werten und Orientierung, die Fähigkeit und Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme sowie die Fähigkeit und Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe.“ So steht es im Bayrischen Bildungs- und Erziehungsplan, dem alle Kitas in unserem Land verpflichtet sind und nachdem auch unsere Erzieherinnen in unserem evangelischen Kindergarten „Arche Noah“ arbeiten. Kluge, lebenstüchtige Kinder braucht unser Land, denn Kinder sind die Zukunft. Deshalb sollen sie möglichst viel lernen. In der Schule geht das weiter. Übervolle Lehrpläne, ständige Leistungserhebungen, der Druck, dass das Kind doch unbedingt aufs Gymnasium müsse, Stress und Prüfungsängste schon im Grundschulalter. Dann die höheren Schulen: In der 6. Klasse, sollen die 11- und 12jährigen Kinder in Biologie etwa Körperbau, Ernährungsstrategien und Verhalten von Fischen, Amphibien, Reptilien und Vögeln kennen, sie sollen Wirbeltiere klassifizieren, über Photosynthese Bescheid wissen und Einblick in die Bionik bekommen - um nur ein paar Bereiche dieses zweistündigen Faches herauszugreifen. Weitere Anforderungen für Realschulabschluss oder Abitur erspare ich Ihnen jetzt, auch von der Uni will ich schweigen. Wenn ein junger Mensch dieses ganze System durchlaufen hat und mit Mitte zwanzig ins erwachsene Leben tritt, ist er dann klug?

Nein, sagen wir und spüren: Klugheit ist mehr als bestandene Prüfungen oder angelerntes Wissen. Damit ein Mensch klug wird, braucht es Erfahrung. Lebenserfahrung. Erst wenn Wissen durch Erfahrung gesättigt wird, wird es zur Weisheit. Erst wenn jemand gebangt, gelitten, geliebt, gelacht, gezecht, geträumt und gebetet hat, erst wenn er oder sie verwundet, verzweifelt, verloren, verliebt und verzückt war, erst wenn Tiefen und Höhen durchschritten wurden, Himmlisches und Höllisches durchlitten, erst dann kann jemand so etwas wie Lebensweisheit gewinnen: Aus Erfahrung wird man klug, heißt es.

Allerdings gilt auch das nicht immer. Es gibt Menschen, die werden durch ihre Erfahrungen immer weiter hinuntergezogen, es gelingt ihnen nicht, dem Strudel von Verzweiflung oder Gewalt zu entgehen. Wer je mit Gefangenen gesprochen hat, weiß, wovon ich rede. Oder die vielen anderen, die offenbar auch nicht klug werden aus Erfahrung, sondern immer wieder trinken, Drogen konsumieren, Glücksspiele brauchen oder ihre Lebenszeit schlichtweg im Fernsehsessel totschlagen. 

Klugheit – sie muss also noch mehr sein als Wissen und Erfahrung. Aber was? Die Bibel gibt eine bedenkenswerte Antwort – und zwar in einem alten Lied, das von der Vergänglichkeit redet, im Psalm 90,12. Da heißt es: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Ach du liebe Zeit, sagt jetzt vielleicht mancher, muss die Pfarrerin heute mit dem Sterben anfangen, an diesem herrlichen Sommertag?

Ja, ich muss. Denn vermutlich liegt genau darin ein Schlüssel zur Klugheit. Wir Menschen in der Mitte des Lebens sind in der Regel ja Weltmeister im Verdrängen des Sterbens. Wir schieben dieses Thema gerne weit weg von uns. Alte und Sterbende überlassen wir am liebsten Spezialisten in Pflegeheimen oder Hospizen, den Gedanken an den eigenen Tod denken wir extrem ungern. Wer von Ihnen hat schon ein Testament gemacht, eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht ausgefüllt? Ich kenne viele, da liegen die Formulare in der Schublade. „Das müsste ich jetzt mal angehen“, denkt man, aber das Ding bleibt liegen. Weil es eben so unangenehm ist, sich damit auseinanderzusetzen: Will ich einmal künstlich ernährt und mit Flüssigkeit versorgt werden? Wer soll entscheiden, was wann geschieht? Will ich verbrannt werden oder im Sarg bestattet? Wie stelle ich mir meine eigene Beerdigung vor? Ach, dann schiebe ich die Formulare doch wieder zurück in die Schublade. Jetzt brauche ich das doch noch nicht!

Immer wieder komme ich in Familien, in denen ein alter Mensch verstorben ist. Sie glauben nicht, wie oft ich dann schockierte Menschen erlebe, die sagen: „Damit hätten wir niemals gerechnet!“ Selbst wenn der Mensch weit jenseits der 80 war und schon lange krank. Wie gut funktioniert Verdrängung. Wie gut sind manche darin, sich vorzumachen, dass sie ewig leben.

Genau dagegen setzt die Bibel ein Gegengewicht. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Klug, nicht panisch. Weise, nicht dümmlich. Voller Leben, eben weil wir wissen, dass der Tod uns blüht.  

In der Taufe hat man genau das früher zelebriert. Man hat damals die Menschen in Flüssen getauft oder später in Baptisterien, einer Art Schwimmbecken mit riesigen Becken. Ganz untergetaucht wurden die Täuflinge ins Wasser: das war eine vorweggenommene Todeserfahrung. Denn das Wasser nimmt uns die Luft, es wird uns eng. Wer untergeht, stirbt. Die vielen Badeunfälle heuer haben uns das erschreckend vor Augen geführt. Der Täufling damals wurde wieder herausgezogen aus dem Wasser. So hat sich für ihn geradezu körperlich die Hoffnung auf Auferstehung eingeprägt: So, wie du in der Taufe untergegangen bist und wieder aus der Taufe ans Licht, an die Luft, ans Leben gehoben wirst, so wird dich auch Gott eines Tages aus dem Dunkeln ins Licht holen und es wird neu, unvorstellbar neu weitergehen. An Ostern wurden die ersten Christen deshalb getauft: Ostern, das Fest des Lichtes und des Sieges über den Tod. Sieg ist freilich etwas anderes als Verdrängung. Sieg braucht Auseinandersetzung und Kampf. Christus, der „Erstling unter den Auferstandenen“, wie Pauls schreibt, ist dem Sterben nicht ausgewichen, er hat am Tod gekämpft und gelitten – und am Ende in der Niederlage gesiegt: Gekreuzigt, gestorben und begraben. Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Harte Worte mutet uns dieses Bekenntnis zu. Sie sind die Fortsetzung des Psalmwortes:

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Das ist die Sprache Luthers. Wörtlich übersetzt steht da: „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz bekommen.“ Die Tage zählen – haben Sie das schon einmal gemacht? Mit hat vor ein paar Jahren einmal ein Kirchenvorsteher zum Geburtstag gratuliert, ich habe abgewunken und gesagt, ich hätte doch heute gar nicht Geburtstag. Da zog er eine Marmelade heraus, auf deren Etikett stand: Uli zum 18.000. Geburtstag. Ich habe nicht schlecht gestaunt. Inzwischen habe ich herausgefunden, wie man das ganz einfach ausrechnen kann: Beim Tageszähler im Internet. Da gibt man zwei Daten ein und erhält das Ergebnis Sekunden später. Heute, übrigens, ist der 486. Geburtstag unseres Taufkindes Alba, während ich schon meinen 20.079. feiern kann.

Die kleine, lustige Spielerei macht uns eines deutlich: Wir haben viele Tage zur Verfügung. An welche dieser Tage können wir uns noch erinnern? Welche sind uns im Gedächtnis geblieben oder im Herzen? Welche haben wir festhalten können in Briefen, Fotos, Erinnerungsstücken, Kalendereinträgen oder Tagebuchgedanken? Und welche sind einfach verschwunden im Dunst der Vergangenheit? Wie viele Tage bleiben uns wohl noch? Und wie können wir sie sinnvoll füllen, so dass wir am Ende unserer Tage zufrieden auf unser Leben zurückschauen und sagen können: Es war gut so. 

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Dietrich Bonhoeffer, der seinen eigenen frühen Tod deutlich vor Augen hatte, hat diese Perspektive aufgegriffen. Er schreibt einmal: „Klug ist, wer die Wirklichkeit in Gott sieht.“ Um diesen Blickwinkel geht es letztlich: Die Wirklichkeit in Gott. Erkennen, dass ich mein Leben nicht aus mir selbst habe, sondern dass es mir verliehen und anvertraut wurde als eine kostbare und einzigartige Leihgabe. Diese Leihgabe ist begrenzt. Alles was ich habe, habe ich immer nur auf Zeit. Eines Tages werde ich mein Leben wieder zurücklegen in die Hände dessen, der es mir verliehen hat. Das eigene Leben in der Hand Gottes zu sehen, diese Perspektive erst macht uns weise. Nicht der ist klug, der das meiste Wissen anhäuft, die meisten Daten sammelt, sich die größte Machtfülle aneignet oder das größte Waffenarsenal besitzt, sondern wer „das Letzte vom Vorletzten unterscheidet“, wie Bonhoeffer das ausdrückt. Die Wirklichkeit dieser Welt in all ihrer Begrenztheit unterscheiden von den letzten Dingen, die ganz in Gottes Hand sind, das also wäre Klugheit.

Mit einer kleinen Geschichte möchte ich enden. Man erzählt, dass Martin Luther eines Tages an einem Bauernhaus vorbeigekommen sei, auf dem folgender Spruch stand:

Ich komme und weiß nicht, woher.

Ich lebe und weiß nicht, wie lang.

Ich sterbe und weiß nicht wann.

Ich gehe und weiß nicht wohin.

Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.  

Luther hat diesen Spruch daraufhin angeblich so umgedichtet:

Ich komme und weiß wohl woher.

Ich lebe und Gott spricht wie lang.

Ich sterbe – und Christus sagt, wann.

Ich gehe und weiß wohl wohin.

Mich wundert, dass ich noch traurig bin.

Lassen Sie uns also fröhlich miteinander das letzte Wort dieser Predigt sprechen: Amen. 

Ulrike Wilhelm

Predigt zur Konfirmation

Als Jesus am See Genezareth entlangging, sah er zwei Brüder: Simon, der später Petrus genannt wurde, und seinen Bruder Andreas. Sie waren Fischer und warfen gerade ihre Netze aus. Da forderte Jesus sie auf: "Kommt mit mir! Ich will euch zeigen, wie ihr Menschen für Gott gewinnen könnt." Sofort ließen die beiden Männer ihre Netze liegen und gingen mit ihm. Nicht weit davon entfernt begegnete Jesus am Strand zwei anderen Fischern, den Brüdern Jakobus und Johannes. Sie saßen mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und flickten Netze. Auch sie forderte Jesus auf, mit ihm zu gehen. Da verließen sie das Boot und ihren Vater und gingen mit Jesus.

(Mt 4,18-22, Übersetzung „Hoffnung für alle“)

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Geschwister, Patinnen und Paten, Großeltern und alle, die Sie gekommen sind, um heute mit zu feiern!

Es gibt Augenblicke im Leben, die verändern alles. Nichts ist mehr wie zuvor. Eine Liebe auf den ersten Blick zum Beispiel. Oder die Geburt eines Kindes. Oder, wenn jemand aufbricht – so wie der Fischer vom Starnberger See, der auf einmal alles Bisherige hinter sich lässt und anfängt, die Welt zu entdecken.

Die Geschichte von der Berufung der Jünger aus dem Matthäusevangelium erzählt genau von so einem Augenblick. Alles wird anders für die Fischer vom See Genezareth. Sie tun zunächst, was sie seit jeher getan haben, was ihre Väter sie gelehrt haben: werfen die Netze aus oder flicken sie, richten ihr Leben ganz aus nach dem Rhythmus der Natur. Der See, der Fisch, ihr Broterwerb ist es, der das Leben bestimmt. So wie heute noch: Schule, Ausbildung, Noten, der Beruf, das Auskommen, das Einkommen, die Karriere. Der tägliche Kampf eben, die Routine, das Normale.

Doch dann gibt es Momente, da wird plötzlich alles anders.

Einer hat die Idee: „Wisst ihr was, ich muss was ganz anders machen! Aufbrechen, Abenteuer erleben, mir neue Horizonte erschließen, raus aus dem Alltag, raus aus der Geborgenheit des Altbekannten!“ Der Fischer Karl im Spiel unserer Mentoren hat genau das gemacht. Er ist aufgebrochen. Hat alles hinter sich gelassen und faszinierende Dinge erlebt: Schönes, das gute Essen in Japan zum Beispiel – aber auch Schmerzliches, die Piranha-Bisse am Amazonas. Und er hat Fremdes entdeckt unter der Oberfläche: den Hammerhai, den Schwertfisch, die Seekuh …

So ist das, wenn man sich aufmacht und sich neue Horizonte erschließt: Es gibt tolle, bereichernde Erfahrungen und auch schmerzliche. Und auf jeden Fall jede Menge zum Staunen.

Für die Jünger, die früher Fischer gewesen sind, war das übrigens genauso. Bestimmt war es toll und aufregend, das Alte hinter sich zu lassen und jetzt plötzlich mit Jesus durchs Land zu ziehen. Erleben, wie er auf Menschen wirkt, seine Worte in sich aufnehmen. Dabeisein, wenn Heilung geschieht oder Provokation der Mächtigen. Bestimmt war dieses Leben oft aber auch anstrengend: nicht wissen, wo man schläft, sich immer wieder neu auf Menschen und Situationen einstellen und oftmals angefeindet oder für verrückt erklärt zu werden.

„Was, du bist in der Kirche? Lässt dich konfirmieren? Und sagst, dass du als Christ leben willst? Sag mal, spinnst du eigentlich? Das liegt doch heutzutage gar nicht mehr im Trend. Ist doch total uncool!“ Ja, stimmt. Als cool gilt es in unserer Gesellschaft, bei den Netzen zu bleiben, viel Geld abzufischen, möglichst viel Profit zu machen. Ein tolles Abitur. Ein erfolgreich abgeschlossenes Studium. Auto, Haus, Bankkonto, Karriere – dazu gut aussehen und möglichst viele Freunde auf Facebook. Das sind die Werte, die für viele ganz, ganz oben stehen.

Und da kommt dieser Jesus daher und ruft uns weg von den Netzen des Alltags. "Kommt mit mir! Ich will euch zeigen, wie ihr Menschen für Gott gewinnen könnt.", sagt er. In der Luther-Übersetzung steht da: „Ich will euch zu Menschenfischern machen!“ Damit kommt ein ganz neuer Wert ins Spiel: Menschen für Gott gewinnen. Sie erinnern an diesen Gott, der unser Leben in der Hand hält, gerade in den Grenz-Situationen - wie wir es vorhin gebetet haben: Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten… Da ist diese tiefe Ahnung von Geborgenheit mitten in der Freiheit. Diese Geborgenheit, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, kann euch niemand geben als Gott allein. Nicht die Eltern und Eure Familien, nicht der schulische oder berufliche Erfolg, nicht der dicke Geldbeutel oder das super Aussehen. Gehalten, getragen sind wir am Ende allein von Gott. Deshalb ist in der Sprache der Bibel, im Griechischen, das Wort für „Glauben“ genau dasselbe wie das für „Vertrauen“. Wer vertraut, in sich selbst, in die Menschen, mit denen man zu tun hat, oder ins Leben, der kann auch Vertrauen zu Gott entwickeln. Dieses tiefe Gottvertrauen, nennen wir es Urvertrauen, hilft uns enorm im Leben. Und dieses Vertrauen brauchen wir besonders, wenn wir die Netze hinter uns lassen und aufbrechen wollen zu den Abenteuern unseres Lebens.

Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, seid jetzt in einem Alter, wo man die Netze der Väter und Mütter allmählich hinter sich lässt. Wo man anfängt, eigene Entscheidungen zu treffen. Manchmal passen die den Eltern nicht. Manchmal müssen alle Kompromisse machen. Und manchmal knirscht und kracht es auch gewaltig. Liebe Eltern, das müssen Sie aushalten und durchstehen. Auch in solchen Situationen des Loslassens ist Gottvertrauen gefragt. „Unser Kind ist nicht nur unser Kind, sondern auch ein Kind Gottes“, so haben Sie es in der Taufe bekannt. Eine Probe aufs Exempel für diesen Glauben ist die Pubertätszeit, wenn die Kinder scheinbar alles über Bord werfen, was man ihnen mitgeben wollte und die Eltern spüren, dass ihr Einfluss nur noch begrenzt ist.

Vermutlich ging es damals auch nicht ohne Konflikte, als die Jünger alles stehen und liegen ließen und sich dem Wanderprediger Jesus anschlossen. Das wird den Familien nicht unbedingt gepasst haben. Jesus nachfolgen ist keine harmlose, lockere Angelegenheit. Das kann schwere Entscheidungen beinhalten, vielleicht auch schmerzliche.

Aber eines können wir noch lernen aus dieser Geschichte: Jesus hat nicht einen einzelnen Menschen berufen, sondern mehrere. Die Jünger waren als Gruppe unterwegs. Einer allein kann den Glauben nicht leben oder Menschenfischer werden. Es braucht Freunde dazu, andere, die unsere Werte teilen, die mitmachen, mitdiskutieren, die sich als „Menschenfischer“ miteinander vernetzen um sich den Herausforderungen der Welt gemeinsam zu stellen.

An unseren Mentorinnen und Jugendleitern kann man das gut sehen. Sie sind eine tolle Gemeinschaft, mit viel Power und Kreativität. Aber sie kreisen dabei nicht nur um sich selbst, sondern tut auch viel, um andere zu gewinnen. Ihr Engagement im Konfi-Kurs oder ihr Anspiel heute sind Beispiele. Auch das geplante Fest mit den Tutzinger Flüchtlingen aus Syrien nächste Woche ist so ein Beispiel.

Menschenfischer für Gott werden wir dann, wenn es uns gelingt, in unserer Gesellschaft zur Sprache zu bringen, dass es eine Wahrheit gibt, die unter aller vordergründigen Realität liegt. Der Blick unter die Oberfläche offenbart nicht nur Hammerhaie, Schwertfische und Seekühe, sondern vor allem den lebendigen Gott, der unser aller Leben trägt und hält.

Dem Fischer Karl ist es durch seine Erzählungen gelungen, auch den anderen Kollegen Lust zu machen, zu neuen Ufern aufzubrechen. Okay, der Gardasee erst mal, und nicht gleich der Amazonas. Aber immerhin.

Wir in unserem Team hoffen, dass wir auch Euch ein bisschen Lust machen konnten, aufzubrechen in ein lebendiges, abenteuerliches Leben als junge Christen – mit viel Gemeinschaftserlebnissen, mit Gottvertrauen und Vertrauen zueinander und mit einem staunenden Blick unter die Oberflächen des Lebens. Brecht auf, als Gesegnete Gottes, dann werdet Ihr selbst zu Menschenfischern werden. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

Predigt zum Sonntag Kantate

Liebe Gemeinde!

Wild sieht es zur Zeit aus rund um unsere Christuskirche: die Bagger stehen im Pfarrgarten, haben einen Graben ins Erdreich gezogen für die Heizungsleitungen, der Kirchenraum ist leer und staubig, ein Bauzaun riegelt den Zugang ab. Die Pfarrerin lernt viel über Architektenverträge, Sicherheitsbestimmungen, Bauwesenversicherungen und Handwerksbetriebe. Und die Gemeinde muss einige Einschränkungen hinnehmen. Viele von uns sehnen den Tag herbei, an dem wir unsere schöne neue Kirche einweihen dürfen: endlich dann mit Lautsprecheranlage und behindertengerechtem Zugang, endlich mit einem Mittelgang, bequemeren Bänken und mehr Licht. Ein Selbstzweck ist so ein Kirchenumbau nicht. Wir haben ihn nicht in Angriff genommen, weil wir so gerne bauen. Vielmehr möchten wir künftigen Generationen einen Raum bieten, in den Menschen gerne kommen, um das Wort Gottes zu hören und gemeinsam zu singen und zu beten.

Räume schaffen, in denen Menschen Gott nahe sein können. Einen Raum haben, in dem Gott wohnt, ein Haus Gottes, einen besonderen, dem Alltag enthobenen Raum. Das wollten Menschen in allen Zeiten und Kulturen.

Wir haben heute einen Predigttext, der genau diese Tatsache beschreibt. Er stammt aus dem 2. Buch der Chronik, einem alttestamentlichen Geschichtsbuch, das die Geschichte Israels von seiner religiösen, kultischen Seite her beleuchtet. Tauchen wir ein in das 10. Jahrhundert vor Christus, etwa ums Jahr 950. Salomo, der Sohn des Königs David und seiner Frau Batseba, hatte die Regentschaft übernommen und damit die riesige Aufgabe, die Hauptstadt Jerusalem auch zu einer religiösen Hauptstadt zu machen. Mit riesigen personellen und finanziellen Anstrengungen und bestens vernetzt mit Baumeistern der umliegenden Länder baut Salomo einen prachtvollen Tempel für Jahwe, den Gott Israels. Wir hören nun – im 5. Kapitel des 2. Chronikbuches - die Geschichte von der Einweihung dieses grandiosen, weltberühmten Bauwerks. Und Sie werden gleich merken, dass Einweihung hier mehr heißt als die Fertigstellung eines Baus:

Salomo versammelte alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids...
Und es versammelten sich beim König alle Menschen Israels zum Fest…
Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf …
Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen. …

Soweit der erste Teil unseres Predigttextes. Sie haben gehört: man feiert nicht, dass die Mauern fertiggestellt sind, sondern man feiert, dass die Bundeslade hinaufgebracht wird zum Tempel. Das ist ein Behältnis, in dem die beiden Tafeln liegen, die hunderte von Jahren zuvor Mose vom Berg Horeb im Sinai mitgebracht hatte: Die „Tafeln des Bundes“, wie sie genannt werden, und auf denen der wichtigste Text steht, den Israel kennt: die Zehn Gebote:

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.
Du sollst den Feiertag heiligen.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.

Essentielle Regeln. Grundlegend für ein gelingendes Zusammenleben der Menschen, für Werte und Menschenrechte, für Achtsamkeit und Respekt. „Tafeln des Bundes“ werden die Tafeln mit diesen Geboten genannt, weil es um mehr geht als um das Zusammenleben der Menschen. Es geht auch um die Beziehung zu Gott. Im Zusammenleben der Menschen untereinander spiegelt sich das Verhältnis zu Gott. Die Zehn Gebote sind Bundesworte. In ihnen ist Gott selbst präsent. Deshalb sind die beiden Tafeln für die Israeliten ein heiliger, ein verehrungswürdiger Gegenstand. Sie repräsentieren den Willen und das Wort Gottes. Wenn die Bundeslade mit den beiden Tafeln nun endlich in den Tempel kommt, ins Allerheiligste dort, dann hält Gott sozusagen selbst Einzug in sein Haus. Dann erst ist er da und nimmt Wohnung im Tempel. Erst mit seinem Wort ist auch Gott in einem Gebäude, das Menschen für ihn gebaut haben.

Doch betrachten wir die beiden Tafeln dort in der Bundeslade ein wenig näher. Erinnern Sie sich? Es sind nicht die Originale. Während Mose auf dem Berg Sinai gewesen war, waren die Menschen unten im Lager ungeduldig geworden. So wie Menschen oft ungeduldig werden miteinander und auch mit Gott: Wo bleibt Mose so lange? Was soll das, uns so lange allein zu lassen? Wir brauchen was Greifbares, keinen undurchschaubaren Gott irgendwo oben auf den Bergen oder irgendwo im Bewusstsein unseres Anführers Mose. Nein, etwas Greifbares, Begreifbares soll es sein. So redeten sie und machten sich in gemeinsamer Anstrengung ein Götterbild, ein goldenes Kalb. Schön sieht es aus, kostbar und strahlend, aus dem Gold aller geschmolzen, was für ein Symbol. Ein wilder Tanz ums goldene Kalb hebt an. Als Mose vom Berg herunterkommt, ist er entsetzt. Wie kann das Volk Gott derart verraten? Wie können sie so dumm sein, etwas Sichtbares zu ihrem Gott zu erklären?! Wütend stößt Mose das Kalb vom Thron, zerbricht die beiden Tafeln und mischt seinen Leuten den Staub ins Trinkwasser, damit sie sich ihren bitteren Verrat buchstäblich auf der Zunge zergehen lassen können. Ein archaischer Ritus der Buße. Bitter. Und schwer zu schlucken.

Später gibt es neue Tafeln. Das sind dann die, die in die Bundeslade gelegt werden. Und doch wissen alle, sobald sie an die Tafeln denken: Das ist nicht das Original. Unser Bund mit Gott ist nicht ungebrochen. Wir sind schuldig geworden. Von Anfang an ist das der Makel daran, dass wir Menschen es eben nicht schaffen, den Geboten Gottes zu entsprechen. Ständig übertreten wir sie. Ständig missachten wir den Willen unseres Herrn. Ständig brechen wir ihm die Treue. Diese Erkenntnis liegt sozusagen von Anfang an mit in der Bundeslade. Diese Selbsteinsicht schwingt mit, sobald die Zehn Gebote irgendwo erklingen.

Und trotzdem wird gefeiert an diesem Tag der Tempeleinweihung in Jerusalem. Die Schuld ist da und das Versagen – aber zugleich eine unbändige Freude. Und da kommen wir jetzt zum zweiten Teil unseres Predigttextes und damit zur Musik. Denn es ist ein kleines Musik-Wunder passiert an diesem besonderen Tag in der Geschichte Israels. Hören Sie, wie es weitergeht im 5. Kapitel des 2. Chronikbuches:

Alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
Und es war, als wäre es "einer," der trompetete und sänge, als hörte man "eine" Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

Also: ganz Jerusalem ist voll Musik an diesem Tag: Zimbeln, Harfen, Trompeten, Saitenspiel und Gesang. Ein wildes Durcheinander vermutlich, wie es eben zugeht an großen Festen mit vielen Menschen und Musikgruppen. Und dann dieses Musikwunder in dem Moment, als man den Psalm 106 zu singen beginnt: »Danket dem Herrn, denn er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig« Da hört sich der Gesang plötzlich an wie aus einem Munde: als wäre es "einer," der trompetete und sänge, als hörte man "eine" Stimme loben und danken dem HERRN. Jeder, der Musik macht, weiß: es gibt solche Momente. Momente, wo einfach alles passt: Alles harmoniert, alles ist aus einem Guss. Alles passt. Gänsehautmomente sind das. Oder: Wolkenmomente, wie die Heilige Schrift sagt: da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke. Die Wolke ist seit der Zeit des Mose ein Zeichen für die Gegenwart Gottes. In einer Wolke war der Herr seinem Volk bei der Flucht aus Ägypten vorangezogen. Wann immer die Israeliten die Wolke sahen, wussten sie: Er ist da. Der Blick in den Himmel, in die Natur, kann Menschen sicher machen: Wir sind begleitet und behütet. Er, der Himmel und Erde gemacht hat, wird auch unseren Fuß nicht gleiten lassen und der Israel behütet, schläft nicht. Eine Wolke ist etwas Veränderliches, etwas Unverfügbares. Man kann sie nicht haben, nicht gestalten, nicht festhalten, nicht beeinflussen. Sie kann ganz verschiedene Gestalten haben. So ist das mit Gott vermutlich auch: er lässt sich nicht „haben“. Er lässt sich nicht halten oder ein für allemal klar definieren. Wie die Wolken hat Gott verschiedene Erscheinungsformen. Und doch ist er da. Spürbar nah und ganz real.

Interessant ist in unserer Geschichte, was nun erzählt wird. Nämlich, dass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes. Ja, wenn Gott selbst da ist, dann braucht es keine Priester oder Pfarrerinnen mehr. Die Auslegung seines Wortes wird dann überflüssig. Denn er selbst erfüllt die Herzen seiner Menschen, ganz stark und unmittelbar. Ohne Vermittlung und Predigt, ohne stellvertretende Gebete oder irgendwelche rituellen Handlungen.

Nur: immer bleibt die Wolke nicht im Tempel. Weder damals noch heute. Irgendwann steht die gebrochene Gottesbeziehung wieder im Mittelpunkt: die beiden Tafeln, die Gebote, eine Ethik des Zusammenlebens, die Moral. Und dann braucht es uns Theologen scheinbar doch wieder: zum Auslegen, zum Erinnern, zum Mahnen, zum Trösten und zum Gebet: Ach Gott, komm doch wieder in dein Haus, so wie du damals gekommen bist bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem. Erfülle auch heute deine Tempel (ob wir sie Kirchen nennen, Synagogen oder Moscheen) mit deinem Geist. Sei uns nah. Lass uns feiern, beten und singen, bis wir deine Gegenwart spüren. In aller Gebrochenheit, in aller Unzulänglichkeit unseres Lebens, bei allem Unglück und Elend, was auf dieser Welt geschieht, schenke du uns Momente, in denen uns der Himmel offen steht. Nicht nur bei der Einweihung einer Kirche, sondern mitten im Gewühl des Alltags.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

Predigt zum Karfreitag

Überall sind sie zu sehen: als Schmuckanhänger, Ohrringe, Tattoos, auf Gipfeln, an Wegkreuzungen, an Straßenrändern, auf Kirchtürmen, Fahnen und Gräbern. Die vielen Kreuze erinnern an das eine Kreuz Jesu. Wie war das damals bei seinem Sterben? Wir haben unsere eigenen inneren Bilder davon, geprägt durch Geschichten, Kunstwerke und Filme. So unterschiedlich diese Bilder sind, so unterschiedlich sind vermutlich auch unsere Deutungen über das, was damals geschehen ist, am ersten Karfreitag der Weltgeschichte.

Ein solches deutendes Bild zeichnet uns der Evangelist Lukas im 23. Kapitel seines Evangeliums. Ich möchte ihnen seine Schilderung in drei Abschnitten vorlesen:

1.
Als sie an die Schädelstätte kamen, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu.

Das Volk stand von fern und sah zu. Es sah zu, so wie wir heute auch zuschauen bei den entsetzlichen Bildern unserer gegenwärtigen Welt: die Trümmer des zerschellten Flugzeuges in den französischen Alpen, trauernde Menschen… Oder Hungernde, Kinder, die geschändet und ermordet werden, gefesselte Geißeln kurz vor ihrer Hinrichtung… Oder Opfer von Attentaten und Gewalt, Verkehrstote oder Menschen auf Intensivstationen, schwebend zwischen Leben und Tod. Wir schauen zu. Manchmal zutiefst entsetzt, berührt und voller Mitleid. Und dann wieder abgestumpft, distanziert und träge. Was soll man auch tun, als zuschauen? Man kann ja doch nichts ändern von fern.

Das Volk stand da und sah zu. Das Drama am Karfreitag hat seine Zuschauer. Von Anfang an. Sie betrachten, was sich da abspielt: Drei Menschen werden zu Tode gequält, der Hitze preisgegeben, den Fliegen, dem Spott. Eine sadistische Szene. Das Unglück anderer hat offenbar eine ganz besondere Wirkung: Ekel und Anziehung zugleich. Und vermutlich auch das Aufatmen: Gott sei Dank hat es nicht mich getroffen.

Am Karfreitag steht der Blick auf das Kreuz Jesu im Mittelpunkt. Wir schauen zu. Wir schauen hin. Nicht aus Sensationslust. Sondern weil wir fragen: Wie ist es mit uns am Karfreitag? Sind wir mehr als Zuschauer eines fernen Geschehens – oder betrifft uns das Sterben Jesu in unserer Existenz? Wie sind wir beteiligt? Was an der Kreuzesszene betrifft, berührt oder verändert uns? Was an diesem Geschehen lässt uns Gott oder die Welt oder uns selbst besser verstehen?

Zunächst fällt auf: Jesus wehrt sich nicht gegen sein Todesurteil. Er läuft nicht davon, versucht nicht, seine Haut zu retten. Nicht einmal zornig scheint er zu sein auf die Verantwortlichen. Sie wissen nicht, was sie tun, sagt er. Ihr unbewusstes Handeln bestimmt sie. Jesus kennt dieses Handeln schon. Er kennt das Denken und Fühlen der Leute, ihre Traditionen und festgefahrenen Normen. All das hatte er gewaltig verunsichert. Durch ihn waren alte Überzeugungen ins Wanken geraten. Dass einer von einem grenzenlos gütigen, liebenden Gott sprach, passte nicht ins Konzept. Deshalb nagelten sie ihn fest am Karfreitag: „Da bleibst du jetzt gefälligst hängen! Du drängst dich nicht mehr in unser Leben. Du redest nicht mehr dazwischen! Du wirst dich nicht mehr in unsere Politik einmischen, auch nicht mehr in unseren Gottesdienst. Du wirst unsere Bankgeschäfte nicht mehr kritisch kommentieren. Und unseren Umgang mit Fremden auch nicht. Alles bleibt, wie es ist. Und du, du bleibst da hängen!“

Wer Jesus so festnagelt, liebe Gemeinde, ist in bester Gesellschaft, bis heute. Das herzige Jesuskind von Bethlehem taugt zum Ankurbeln des Geschäftes, aber der blutende, gefolterte Mann auf Golgatha? Igitt! Lasst ihn im Herrgottswinkel oder von mir aus auf der Bühne in Oberammergau. Da gehört er hin, da soll er bleiben. Aber im Leben? Nein, da brauchen wir so eine Elendsgestalt nicht. Weihnachten feiern? Okay. Aber Karfreitag und Ostern? Also, bitte! Das lassen wir mal lieber sein. So weit ist es schon in Deutschland, dass Umfragen zufolge nur noch die Hälfte aller Menschen überhaupt die Bedeutung von Karfreitag und Ostern kennt. Auch so kann man Jesus festnageln am Kreuz.

Umgekehrt nagelt uns nicht fest darauf, dass wir unser Leben weitgehend ohne ihn führen. Die, die ihn loshaben wollen, nimmt er in seinen letzten Minuten ganz besonders ins Gebet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Bis zum Ende denkt er mehr an die Menschen, die ihn festnageln, als an sich selbst. Und er fragt nicht: „Was ist mit mir?“, sondern: „Was wird aus ihnen?“ Bis zum Ende hat er Hoffnung für die Menschen, die ihn aus ihrem Leben verbannen wollen. Er hat Hoffnung für seine Gegner. Er hält es für möglich, dass ihnen die Augen aufgehen und das Herz. „Vergib ihnen“, das heißt doch: Du bist nicht festgenagelt auf deine Vergangenheit. Du kannst dein Leben, dein Bewusstsein, dein Herz immer noch ändern, kannst dich öffnen und weit aufmachen. Du kannst neu anfangen. Jederzeit. Genau für diese Haltung hat Jesus sich kreuzigen lassen.

Lesen wir weiter aus der Geschichte im Lukasevangelium:

2.
Das Volk stand von ferne und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König.
Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Wenn wir an Karfreitag denken, steht dabei meistens nur ein Kreuz, das Kreuz Christi, vor unseren Augen. Heuer fällt mir besonders auf, dass das falsch ist. Da sind noch zwei andere zu Tode gequält worden dort auf Golgatha. Als sollte von Anfang an berichtet werden: Christus ist kein Einzelfall. Sein Kreuz steht mittendrin unter den Kreuzen anderer Menschen. Die beiden Schächer (ein veraltetes Wort für Räuber, Verbrecher), die da mit ihm leiden und sterben, gehören dazu zum Karfreitag. Jesus ohne Menschen an seiner Seite ist nicht vorstellbar. Die Liebe existiert nicht für sich, nicht abstrakt, sondern immer nur in Beziehung. Und so entspinnt sich ein seltsames Gespräch dort an den Kreuzen, zwischen den beiden Schächern und Jesus:

Hilf dir selbst und uns, fordert einer der beiden Männer. Bist du nicht der Christus? Und er gibt die Antwort schon durch seine Art, zu fragen: Nein, du bist es nicht. Du bist genauso machtlos wie wir. Du kannst nichts ungeschehen machen, nicht zaubern, das Rad nicht zurückdrehen. Du hängst genauso tief drin im Schlamassel wie wir!

Da mischt sich der andere der beiden ein: Fürchtest dich denn nicht vor Gott? fragt er den Spötter. Vermutlich haben die beiden ein ähnliches Vorleben. Doch dieser Mann sieht sein Kreuz als logische Folge seiner Taten: Wir empfangen doch nur, was unsre Taten verdienen, sagt er. Er sieht den Zusammenhang zwischen seinem Scheitern und seiner Schuld. Im Augenblick des Sterbens weicht er seiner Schuld nicht länger aus, will nicht das Rad zurückdrehen, sondern bekennt, was er getan hat. Dieser aber, der in der Mitte, hat nichts Unrechtes getan, sagt er. Was für ein rührendes Bekenntnis: Er hat nichts Unrechtes getan!

Und trotzdem wird der Unschuldige gekreuzigt und stirbt den Tod eines Schwerverbrechers mitten unter anderen Verbrechern. Das ist kein göttlicher Regiefehler, sondern hat eine tiefe Bedeutung. Der zweite Schächer muss das gespürt haben: Jesus, sagt er, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! bittet er Jesus. Der antwortet: Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Was für ein Satz für einen Sterbenden, der nichts mehr gut machen kann, keine gute Vorsätze mehr fassen, sich bei niemandem mehr entschuldigen, keine Gelegenheit mehr hat, irgendetwas zu tun nach einem verfehlten Leben. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein, sagt ihm Jesus. Das heißt doch: Du kommst an bei Gott, trotz deiner ganzen miesen Vergangenheit, deinen Fehlern und deinem missglückten Leben.

Heute. Heute noch das Paradies! Das gilt für Sterbende, für die Menschen in dem abgestürzten Flugzeug, für die Gefangenen des IS, für Sterbende auf Operationstischen und in Hospizen. Heute noch das Paradies! Das gilt letztlich für alle, die Christus vertrauen. Wenn du dich im Vertrauen auf dieses Kreuz in der Mitte zu deiner Vergangenheit stellst, dann kannst du von ihr loskommen. Deine Fehler müssen nicht ewig an dir kleben und dich belasten. Du darfst frei sein und neu anfangen. Das Kreuz Christi zieht dich mit in ein neues Leben. Ein Leben, das Zukunft hat und paradiesisch ist, selbst wenn du nach menschlichen Maßstäben gescheitert bist!

Ich lese den letzten Abschnitt aus dem Kreuzigungsbericht des Lukas:

3.
Und es war schon um die sechste Stunde, da kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Finster wird es auf einer Welt, in der Unschuldige zu Tode gequält werden. Ob es eine Sonnenfinsternis war, ähnlich der, die wir neulich erlebt haben: fahles Licht, sinkende Temperatur, seltsame Stimmung? Oder ist die Finsternis für Lukas ein Bild für das innere, seelische Geschehen? Es sind ja die finstersten Momente in unserem Leben, wenn uns der Verlust eines Menschen schwer trifft oder wir schockiert und traumatisiert werden durch Gewalt.

Weiter schreibt der Evangelist: Der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Dieser Vorhang trennte im jüdischen Tempel das Allerheiligste vom Profanen, den Ort der Anwesenheit Gottes von dem Bereich, der außerhalb des Heiligen lag. Der Vorhang reißt, das meint: Vorbei ist es jetzt mit der Trennung zwischen Gott und Mensch. Es gibt keinen abgeschirmten, isolierten, göttlichen Bereich mehr. Heilig und profan – dieser Gegensatz war einmal. Jetzt verflüchtigt sich das Heilige, drängt aus dem Allerheiligsten hinaus zur Schädelstätte und zeigt sich gerade dort. Gott wird sichtbar im zutiefst Menschlichen. Wer auf den sterbenden Christus schaut, kann Gott darin entdecken. Einen Gott, der auf alle Macht verzichtet und sich hinabbegibt ins schlimmste denkbare Elend. Einen Gott, der hautnah gerade bei gequälten, verzweifelten und todgeweihten Menschen ist. Im German Wings Airbus war er ebenso wie bei allen anderen Menschen, die auf unserer Welt ausgeliefert, missbraucht und gequält werden.

Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! ruft Jesus am Ende. Ein letzter Ausdruck des Vertrauens und der Hingabe an Gott. Die anderen Evangelisten berichten anders: Bei Matthäus und Markus stirbt Jesus mit einem lauten Schrei, während Johannes ihm als letztes Wort in den Mund legt: Es ist vollbracht. Jeder hat seine Sichtweise auf Christus und auf sein Sterben. Und das ist gut so. Denn Wahrheit gibt es immer nur in der Zusammenschau unterschiedlicher Perspektiven und nie nur aus einem Blickwinkel heraus. Lukas beschreibt das Sterben im Vertrauen auf Gott, der das Leben, den Geist, die Seele eines Menschen bergen wird am Ende. Eine kostbare Vorstellung, die beim Leben und beim Sterben helfen kann.

Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! erkennt kurz darauf ein römischer Hauptmann. Die erste Reaktion auf Jesu Tod kommt von einem der Täter, von einem, der die Weltmacht Roms repräsentiert. Kein Gläubiger, kein Freund, kein Vertrauter, sondern ein beinharter Soldat sagt diesen Satz. Er zeigt damit, dass dieses Sterben alle Rüstungen, Machtspiele und Fassaden durchdringen und überwinden kann. Der römische Hauptmann ist berührt von diesem Tod. Er nimmt damit vorweg, was später geschieht: der Glaube an den Gekreuzigten wird das römische Reich berühren und umkrempeln.

Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Wenn ich mich selbst an die Brust schlage, verweist das auf mein Innerstes, mein Herz, mein tiefstes Ich. Im Judentum war es eine altbekannte Geste, sich zum Zeichen der Selbsterkenntnis, der Reue und der Umkehr an die Brust zu schlagen. Ich habe erkannt. Ich will etwas anders machen. Ich will neu werden. Das drücken die Menschen aus mit dieser Geste. Lukas zeigt damit, dass nicht nur der römische Hauptmann berührt war vom Geschehen, sondern auch die umstehenden Menschen. Dieser Tod lässt nicht gleichgültig. Er verändert etwas. Wer ihn beobachtet, erkennt: es gibt Situationen, da kann ich mich nur noch Gott in die Arme werfen. Spirituelle Umkehr und Erneuerung – das können Menschen noch heute erleben durch den Blick auf das Kreuz Christi.

Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles. Das fällt auf: der römische Hauptmann redet, die frommen Juden schlagen sich an die Brust. Aber von den Bekannten und Freundinnen Jesu, von seinen Nachfolgern, wird keine Reaktion berichtet. Sie sahen das alles. Sonst nichts. Jedenfalls fürs erste. Nicht besonders spektakulär, diese Reaktion. Wir können darüber spekulieren, warum das so war: der Schockzustand, die Angst, selbst verfolgt zu werden, die Lähmung, wenn alles erst einmal zusammenbricht. Und wir sehen sie dastehen, starr, mit großen Augen und schweigen.

Am Freitag vor einer Woche, als die Osterferien in den Schulen begannen, unterbrach eine Durchsage der SMV die letzte Unterrichtsstunde am Gymnasium Tutzing. „Das Flugzeugunglück in Frankreich hat uns alle schockiert“, sagte eine Schülerin, “zumal eine ganze Schulklasse dabei ausgelöscht wurde. Wir bitten euch jetzt, eine Minute lang der Opfer zu gedenken und zu schweigen.“ Eine große Stille trat ein im ganzen Schulhaus. Selbst die albernsten Schüler wurden ruhig und nachdenklich. Gut hat diese Stille getan, kostbar war sie. Schweigend aufs Kreuz schauen. Auf das eine Kreuz Jesu oder die vielen der Welt. Ich lade Sie ein, dass wir das jetzt auch tun und eine kleine Zeit der Stille halten.

(Stille)

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

Predigt zum Sonntag Judika

Liebe Gemeinde!

Als Mutter von Zwillingen konnte ich es früher häufig erleben: Jeder will der erste sein, der wichtigste, der stärkste. Keiner kann es gut ertragen, wenn der andere mehr Aufmerksamkeit bekommt. Dann wird gestört, geschwindelt, verleumdet und manches Mal auch erbittert gekämpft.

Was sich im täglichen Kleinkrieg unter Geschwistern abspielt, lässt sich auch in größeren Zusammenhängen beobachten. In der Kirchengemeinde zum Beispiel. Da fühlt sich einer auf den Schlips getreten, weil „nur“ jemand aus dem Besuchsdienstkreis zum Geburtstag des Vaters kam und nicht die Pfarrerin selbst. Oder jemand anders meint, dass seine ehrenamtliche Arbeit zu wenig wertgeschätzt wird. Oder ein dritter fühlt sich nicht ernst genommen, weil er in einer Abstimmung unterlegen ist. Und dann kann es mitunter heiß hergehen. Noch schlimmer sind die Kämpfe um Macht und Aufmerksamkeit im ganz Großen. Wir können das in der Politik derzeit gut beobachten, ob es um den Konflikt zwischen dem griechischen Finanzminister und dem unseren geht. Oder um die Machtfrage in der Ukraine und das Gebaren des russischen Präsidenten, der sich auf der Weltbühne so gern als starker Mann inszeniert.

Festgefahren und verbohrt ist da manche Front. Kein Ausweg ist in Sicht. Jeder will Recht behalten, jeder will der Beste, der Erste sein, keiner der Brüder kann nachgeben. Die Wahrheit wird dann oft genug verdreht. Es geht um Macht und Einfluss, um Rechthaben und Sieg.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, die ist geradezu ein "Muss" für jeden, der sich mit Konflikten und ihrer Bewältigung befasst - ob im Kleinen oder in großen politischen Zusammenhängen. Eine Machtkampfgeschichte, die sich mitten unter den Jüngern Jesu abspielt. Sie haben recht gehört! Unter jenen Männern, die später mit Heiligenscheinen dargestellt worden sind, unter den engsten Freunden Jesu, gab es offenbar auch schon Spannungen, Intrigen und Machtkämpfe. Wie Jesus mit diesem Krieg im Kleinen umgeht, was er da sagt und tut, kann jedem und jeder nur dringend ans Herz gelegt werden - zur Nachahmung empfohlen! Hören Sie aus dem 10. Kapitel des Markusevangeliums die Verse 35 bis 45:

Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, gingen zu Jesus und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, worum wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit! Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir!

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer der erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,35-45)

Die Brüder Jakobus und Johannes gehören zum engsten Freundeskreis Jesu. Heute ist die Gelegenheit ist günstig: sie sind mit Jesus allein. Da versuchen sie, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Die Konkurrenz hört nicht mit, da kann man den Chef, den Meister schon mal um ein Pöstchen bitten, der einen aus der Masse der anderen heraushebt. Die Bitte um himmlische Ehrenplätze ist typisch für menschliches Denken. Die beiden Brüder tun das zunächst wie Kinder: "Versprichst du uns was?" fragen sie ihren Meister - ohne zu sagen, worum es ihnen eigentlich geht. Jesus lässt sich nicht ein auf solche Spielchen. "Sagt schon", fordert er die beiden auf, "was wollt ihr?" Schmeicheleien, Raffinessen und Intrigen sind überflüssig. Im Umgang mit Jesus braucht man keine Tricks. Da ist es völlig in Ordnung, direkt auszusprechen, was man will.

Doch genau das fällt anscheinend schwer. Man hat Angst oder es ist einem peinlich, direkt zu sagen, was Sache ist, deshalb druckst man herum. "Was willst du?" Diese Frage kann einen ja ganz schön in Verlegenheit bringen. In einer Schulklasse, wenn einer immerzu stört und provoziert. In einer Partnerschaft, wenn einer sich immer mehr zurückzieht. In der Familie, wenn immer einer die Rolle des schwarzen Schafes spielt und aus der Reihe tanzt und alle ganz verrückt macht. Im Beruf, wenn jemand es nötig hat, ständig schlecht von anderen zu reden und über sie herzieht und kein gutes Haar an ihnen lässt. Oder auch in der Politik, wenn etwa ein Journalist sich nicht zufrieden gibt mit vordergründigen Floskeln, sondern nach den Hintergründen fragt und sie aufdeckt. "Was willst du? Worum geht es dir wirklich? Was ist los mit dir?" So eine Frage kann gefährlich werden. Weil sie aufdeckt. Weil sie Hintergründe in den Blick nimmt. Weil sie versucht, in die Tiefe zu sehen.

Die Jünger rücken jetzt heraus mit der Sprache. Sie sprechen ihre Sehnsucht aus: "Lass uns sitzen zu deiner Rechten und zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit!" Um diesen Satz zu verstehen, müssen wir wissen, wie vor 2000 Jahren Feste gefeiert wurden: Ganz vorne an der Tafel, links und rechts vom Gastgeber, saßen immer die Ehrengäste. Die Plätze waren reserviert für Leute, die besonders wichtig waren und denen der Gastgeber eine besondere Ehre erweisen wollte.

Das geht Jakobus und Johannes durch den Kopf. Hatte Jesus nicht oft von so einem Festmahl geredet, wenn er den Leuten das Reich Gottes vor Augen malte? Eine große Tafel, an der sie alle beieinander sitzen und feiern würden. Alle würden dort eingeladen sein - selbst die im letzten Moment hergelaufenen, die von den Straßen und Zäunen. Dann musste es aber doch auch Ehrenplätze geben, für die besonders Verdienten. Für die, die schon lange dabei sind. Und das waren die beiden doch schließlich. Nach Petrus und Andreas waren sie die ersten gewesen, die Jesus als Jünger nachgefolgt sind. Ein Wort von ihm, das hat damals genügt um ihr ganzes Leben umzukrempeln. Seither haben sie ihm immer die Treue gehalten. Zum Kreis seiner engsten Vertrauten haben sie gehört und ganz besondere Momente seines Lebens miterleben dürfen, was längst nicht alle der zwölf Jünger von sich behaupten konnten. Jakobus und Johannes waren neben Petrus die einzigen, die Jesus auf den Berg mitgenommen hat, auf dem er dann verklärt wurde. Nur sie waren mit dabei, als er einmal ein junges Mädchen, das Töchterlein des Jairus, vom Tod auferweckte. Solche gemeinsamen Erlebnisse schmieden zusammen. Das ist etwas ganz besonderes. Das muss sich doch auszahlen!

So denken sie, die beiden Jünger. Sie sind dabei in guter Gesellschaft mit vielen Menschen, die seither immer wieder versucht haben, sich einen Ehrenplatz im Reich Gottes zu sichern. Die konkrete Vorstellung dieser beiden von einem Platz an der Festtafel Jesu ist dabei ja nur ein Bild. Jemand anders denkt vielleicht an einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens. Denn das Reich Gottes, hat Jesus gesagt, ist doch schon unter uns, hier, auf dieser Welt. Wenn ich also reich bin, gesund und glücklich - wäre das nicht ein Ehrenplatz? Wieder andere sehen ihren ganz besonderen Platz bei Gott darin, dass sie Ansprüche auf Hilfe in schweren Situationen geltend machen. Ich habe mich doch immer bemüht, mein Gott. Ich bin ein anständiger Mensch gewesen, hab versucht, ein guter Christ zu sein. Also lass mich jetzt bitte nicht im Stich. Lass mich wieder gesund werden. Lass mich noch nicht sterben! So können Gebete klingen, die versuchen, eine Rechnung mit Gott aufzumachen. Oder noch krasser: Wir sind doch die, die den wahren Glauben haben, Herrgott nochmal, dann schenk uns jetzt auch den Sieg in diesem Krieg! So wurde gebetet vor hundert Jahren – und jeder war dabei der Ansicht: Wir haben recht. Auf unserer Seite steht Gott.

Nein, sagt Jesus dazu. Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Ihr ahnt nicht, dass es bei Gott ganz anders zugeht. Menschliche Maßstäbe und Berechnungen zählen bei ihm nicht. Er ist keine jenseitige Lebensversicherung, in die man nur lange genug einbezahlen muss um dann eine entsprechende Gewinnausschüttung zu genießen. Weder Ansprüche noch Forderungen könnt ihr einklagen. Die Nähe zum Heiland lässt sich nicht erkaufen oder verdienen. Der Platz an seiner Seite kann nicht reserviert werden - auch nicht von den allerfrömmsten, auch nicht von denen, die womöglich ganz besondere Erlebnisse mit ihm hatten.

Jesus wendet sich an seine beiden Freunde. Ganz direkt fragt er Jakobus und Johannes: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Könnt ihr mein Schicksal teilen? Könnt ihr ermessen, was da vor euch liegt an Schmerz und Demütigung und Verrat und Abschied? "Ja, das können wir!" antworten sie im Brustton der Überzeugung. An Selbstsicherheit mangelt es den beiden nicht. Das erzählt übrigens auch der Evangelist Lukas an anderer Stelle: da wurde Jesus und seinen Freunden in einem Dorf einmal keine Gastfreundschaft gewährt. Jakobus und sein Bruder waren so wütend über die ungastlichen Leute, dass sie Jesus fragten: "Herr, willst du, dass wir Feuer vom Himmel fallen und sie verzehren heißen?" (Lk 9,54) Von sich und ihren Kräften überzeugt scheinen die beiden gewesen zu sein. Und dazu recht aufbrausend. Vielleicht hatte Jesus ihnen deshalb einmal den Namen "Donnersöhne" gegeben. Und so poltern sie drauf los: Klar können wir den Kelch trinken. Unannehmlichkeiten haben wir noch nie gescheut. Und schließlich haben wir die Power, auch mal in einen sauren Apfel zu beißen.

Fast ironisch scheint es mir, liebe Gemeinde, was der Evangelist ein paar Kapitel später erzählt, als es noch einmal um einen bitteren Kelch geht. Ich meine die Szene im Garten Getsemane, am Abend vor der Verhaftung Jesu. Wieder so ein besonderer, intimer Moment, wo nur Petrus, Johannes und Jakobus bei Jesus sind. Er braucht sie, wie man enge Freunde eben braucht in schweren Nächten, in denen man mit sich und Gott ringt und Blut und Wasser schwitzt vor Angst. "Bleibt doch wach und betet mit mir", bittet Jesus die Freunde. Aber sie schaffen es nicht. Der Schlaf überwältigt sie. Der Geist mag willig sein, aber das Fleisch ist schwach. So scheitert ein gemeinsames Trinken des bitteren Kelches bereits daran, dass die Jünger den Augenblick verschlafen, in dem Jesus den Kelch anzunehmen beginnt. So kann es gehen: man nimmt sich viel vor, man spuckt große Töne und donnert in der Gegend herum, was man alles kann und leistet und vorhat - und dann kommt eben doch alles anders. Nicht einmal die engste Beziehung zu Jesus schützt einen offensichtlich davor. Und nicht einmal Heilige sind dagegen gefeit.

Jesus jedenfalls hat seine Bedenken. Ob die beiden wirklich wissen, was das heißt: den Kelch trinken? Ob sie sich im Klaren sind, dass das heißen kann, lächerlich gemacht zu werden, Spott zu ertragen, Verfolgung und Gewalt - bis hin zum Tod? Ihr werdet meinen Kelch trinken, sagt Jesus schließlich. Als richte er seinen Blick über die unmittelbare Zukunft hinaus, in die Zeit, in der er nicht mehr greifbar sein wird und die junge Christenheit schwer unter Verfolgungen leiden wird. Die beiden Donnersöhne werden davon nicht verschont. Der Ältere, Jakobus, stirbt als erster der zwölf Apostel den Märtyrertod. Sein Bruder Johannes erleidet ein grausames Martyrium, überlebt aber und stirbt hochbetagt - übrigens als einziger der zwölf Apostel - einen natürlichen Tod.

Welchen Platz haben die beiden wohl schließlich bekommen im Reich Gottes? Spekulationen anzustellen, bringt nichts. Mein Bild vom Reich Gottes möchte ich Ihnen aber doch verraten, liebe Gemeinde. Ich denke, wenn das Reich Gottes so ist, wie Jesus es beschrieben hat, Glück und Freude und überschäumendes Leben in Fülle, wenn das Reich Gottes so ist, dann findet jeder und jede einen angemessenen Platz darin. Dann ist es ein für allemal vorbei mit unseren kleinkarierten menschlichen Vorstellungen von oben und unten, von wichtig und unwichtig, richtig und falsch. Bessere und schlechtere Plätze wird es nicht mehr geben, nur noch Ehrenplätze. Alle werden geehrt und geliebt und wichtig sein. Keiner mehr und keiner weniger. So jedenfalls stelle ich es mir vor. Bis es soweit ist, muss sich mein Blick freilich auf diese Welt beschränken.

Da sehe ich, wie Jesus auf geradezu geniale Weise mehrere Etappen der Konfliktbewältigung mit den Donnersöhnen hinter sich gebracht hat: Er hat die beiden zuerst einmal von ihrer kindischen Verhaltensweise abgebracht, hat sie als Erwachsene gefordert und Klarheit geschaffen. Er hat ihnen zugehört, ihre Gefühle ernstgenommen aber zugleich freundlich und bestimmt Schluss gemacht mit ihren Illusionen und ihrem Größenwahn.

Jetzt aber werden die anderen Jünger aufmerksam. Sie sind wütend auf die beiden, die ihre Abwesenheit ausgenutzt hatten und hintenherum ihre Ziele durchsetzen wollten. Jesus ruft sie alle zu sich, wird nun weiter erzählt. Alle Kontrahenten an einen Tisch - nur so löst sich ein Konflikt. Reden, sich in die Augen schauen, einander anhören und offen miteinander streiten. Das wäre Konfliktbewältigung im christlichen Sinne. Was wäre das für ein Segen, wenn es gelänge, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen: Arbeitslose mit Aufsichtsräten, Europäer mit Russland, die Troika mit Griechenland, Christen mit Muslimen und Juden. Oder – heute Mittag versuchen wir das – die Menschen in einer Gemeinde. Auch wenn die Meinungen über manche Themen auseinander gehen: Jeder Schritt aufeinander zu ist ein Beitrag dazu, dass Menschen einander besser verstehen. Jedes Gespräch ist ein kleiner Schritt zum Frieden.

Als Jesus alle seine Streithansel beieinander hat, redet er Klartext: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer der erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Mk 10,42-45)

Das hat er die ganze Zeit, auch während des Konfliktes unter und mit den Jüngern, selbst getan: gedient. Er hat ihnen gedient, indem er viele Eigenschaften an den Tag gelegt und Licht ins Dunkel gebracht hat. Aufmerksam, sensibel, realistisch, weitblickend, deutlich, freundlich, warmherzig verhält sich Jesus. Dienen heißt also nicht: zu Kreuze kriechen, angepasst, unterwürfig, ohne eigene Meinung sein. Nein, um "christliche Sklavenmoral", wie sie Nietzsche den Christen einst vorgeworfen hat, geht es nicht. Menschen, die im Sinne Jesu dienen, tun das hoffentlich geistvoll, selbstbewusst, voller Engagement und Liebe. Wer dient, gibt Gott und den Menschen die Ehre, nicht selbstherrlich, aber sich seiner selbst bewusst und dankbar.

Jesus ist mit seinem Leben und mit seinem Tod dafür eingetreten: Buben und Mädchen, Frauen und Männer, Fromme und Nicht-Fromme, seine engen Freunde und die, die ihm fern stehen, auch die Anhänger anderer Glaubensrichtungen, alle sollen sie als freie Geschöpfe Gottes ihren Platz auf der Erde haben. Mitten im Leben und doch himmlisch nah bei Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft und weiter als unsere Rangstreitigkeiten und Konflikte, bewahre unsere Herze und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ulrike Wilhelm

 

Predigt zum Jahresschlussgottesdienst

Liebe Gemeinde,

„Ein gutes, gesegnetes, glückliches Neues Jahr!“ wünschen wir einander an diesem Abend und in dieser Nacht. Der Jahreswechsel ist eine besondere Zeit. Wir schauen zurück – und voraus. Wir ziehen Bilanz – und haben Vorsätze. Vergangenheit und Zukunft berühren sich an diesem Abend. Die Silvesternacht ist eine Art von Türschwelle. Wir treten von einem Raum in einen anderen. Der Raum, aus dem wir kommen, heißt „das alte Jahr“. Er ist hell erleuchtet und wenn wir zurück schauen, entdecken wir viel. Der Raum, in den wir gleich treten, „das neue Jahr“ liegt noch im Dunkeln. Wir wissen nicht, was uns darin erwartet. Und es gibt keinen Lichtschalter. Erst im Hineingehen wird sich auch dieser Raum erhellen, Schritt für Schritt.

So stehen wir jetzt auf der Silvesterschwelle. Zuerst also der Blick zurück. Was war das für ein Jahr, dieses 2014? Was ist alles geschehen in diesem Zeitraum? In unserem persönlichen Leben, Schönes, Schweres, Bindungen, die sich gefestigt haben oder gelöst, Menschen, die wir kennengelernt haben und andere, die wir loslassen mussten, Erlebnisse, die uns belastet oder bereichert haben, Momente des Herzklopfens – vor Angst oder vor Glück. Innere Bilder, die wir mitnehmen aus diesem Jahr 2014, aus unserem Alltag, dem Beruf, der Familie oder von Reisen oder ganz besonderen, intensiven Momenten. Und diese persönlichen Momente sind ja oft geknüpft an die Verhältnisse um uns her: Was in der Familie geschieht oder im Freundeskreis, bei Bekannten oder bei uns am Ort, in unserem Land oder weltweit, das lässt uns ja schließlich nicht kalt. Waren Sie also glücklich im zurückliegenden Jahr? 

Vielleicht erinnern Sie sich: Die Jahreslosung für 2014 lautete „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28). Waren Sie Gott nahe in diesem Jahr? Hat er Sie berührt, gepackt, gebeutelt oder ganz sanft und ruhig geleitet? Haben Sie ihn kaum oder ganz deutlich spüren können? „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ Wir haben unseren ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Gemeinde im letzten Jahr zu Weihnachten einen kleinen Kalender geschenkt mit dieser Aufschrift. Und wir haben angeregt, jeden Tag einen Satz oder ein Wort hineinzuschreiben: Was hat mich heute glücklich gemacht?

Ich selbst habe das getan – und ich muss sagen, das war eine sehr gute Übung. Auch an Tagen, an denen ich es schwer hatte, abends zu überlegen: Was war gut heute? Wo war ich glücklich? Wofür kann ich heute Abend meinem Gott Danke sagen? Manchmal waren es nur Kleinigkeiten: Der erste blühende Magnolienbaum im März. Ein Kind, das mir im Juli ein selbstgemaltes Bild schenkt. Die anregende Andacht einer Kollegin auf einer Konferenz im Oktober. Momente, die ich vermutlich vergessen hätte, wenn sie nicht festgehalten worden wären. Manchmal waren es aber auch große Glücksmomente: Dass sich ein Krankheitsverdacht nicht bestätigt hat – die große Erleichterung nach dem Gespräch mit dem Arzt. Oder ein phänomenales Gospelkonzert, eine landschaftlich großartige Bergtour, der Besuch einer besonderen Kirche auf einer Reise. Unvergessliche Momente, die sich auch ohne das Büchlein sicher tief eingeprägt hätten. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ Sind wir in kleinen oder großen Momenten von Glück Gott nahe? Oder ist dieser Satz genau anders herum gemeint: Auch wenn gerade alles andere als glückliche Lebensumstände herrschen, auch wenn äußerlich alles schiefgeht, auch wenn ich nicht weiß, welchen Glücksmoment ich am Ende eines Tages aufschreiben sollte – es kommt darauf nicht an. Was zählt, ist allein die innere Nähe zu Gott. Ein tiefes Gehalten- und Getragensein, gerade in schweren, unerträglichen Zeiten.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich kenne beides. Das Gefühl tiefer Dankbarkeit in Erlebnissen von Glück und Zufriedenheit. Aber auch das Ringen, das Flehen, das verzweifelte Beten, wenn etwas schwierig ist und mich zutiefst besorgt. Dann wird mein Glaube besonders wichtig. Dann brauche ich Gott erst recht als Gegenüber. „Jetzt bist du dran, lieber Gott!“, bete ich dann manchmal. „Ich bin am Ende meiner Kraft oder meiner Weisheit oder meiner Geduld. Mach du es, wenn du willst, dass es geschieht.“ Und oft habe ich dann Wunder erlebt. Auch in diesem vergangenen Jahr. Unsere bevorstehende Kirchenrenovierung war so ein Beispiel. Da hat die Landeskirche ihre Bedarfszuweisung deutlich erhöht: von 80.000 auf 250.000 Euro  - ein Quantensprung! – so dass wir im kommenden Jahr endlich mit der Umsetzung beginnen können. Ich hatte einen Brief geschrieben, der mag wichtig gewesen sein. Aber noch wichtiger, da bin ich überzeugt, war unser Beten. Wenn ihr nur Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, hat Jesus gesagt, so könntet ihr Berge versetzen. Die geistige, geistliche Kraft, unser Beten und unser Wollen können Wunder bewirken. 

Damit bin ich beim Blick in den vor uns liegenden Zeitraum. An der Schwelle des Jahres stehend schauen wir nicht nur zurück, sondern auch voraus ins neue Jahr, in die Zukunft. Undurchsichtig liegt sie vor uns. Was wird werden? Was werden wir erleben, persönlich, in unserer Familie, in dieser Kirchengemeinde, in unserer Welt? Was wir im Evangelium vorhin gehört haben, klingt noch nach: Seid bereit! Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint! (Lk 12,40). Sicher wird es Überraschungen geben im neuen Jahr. Wir werden Menschen begegnen, von denen wir jetzt noch gar nichts wissen. Wir werden Situationen erleben oder Nachrichten hören, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Und Gott wird uns auf seine Weise treffen und anrühren. Vielleicht tritt er genau dann in unser Leben, wenn wir überhaupt nicht mit ihm rechnen. Seid bereit! Sagt Jesus. Und ich glaube nicht, dass er damit meint, wir müssten jede Sekunde unseres Lebens wachsam, vorsichtig und präsent sein. Vielmehr geht es um eine innere Bereitschaft: Ja, ich rechne mit dir, Gott. Ich weiß, dass du mich überraschen kannst. Ich mache mein Herz und meine Sinne auf für dich, damit ich deine Zeichen entdecken, lesen und für mich deuten kann.

Jemand, der das in sehr schweren Zeiten und bis zum Ende konnte, war der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer. Es ist nun genau sechzig Jahre her, da hat er im Dezember 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel heraus seiner Verlobten Maria von Wedemeyer einen Weihnachtsbrief geschrieben. „Ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen", schreibt Bonhoeffer, als „Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister“. Und dann kommen die Zeilen, die seither so viele Menschen getröstet und gehalten haben. Erst gestern, bei der letzten Beerdigung dieses Jahres,  hat eine Freundin der Verstorbenen die Worte Bonhoeffers vorgetragen:

Von guten Mächten treu und still umgeben 

behütet und getröstet wunderbar, - 

so will ich diese Tage mit euch leben 

und mit euch gehen in ein neues Jahr. 

Von guten Mächten wunderbar geborgen 

erwarten wir getrost, was kommen mag. 

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, 

und ganz gewiss an jedem neuen Tag. 

 
Seit einem halben Jahr war Bonhoeffer inhaftiert, täglich den Schikanen des Unrechtsregimes ausgesetzt. Er war sich vollkommen klar über den Ernst der Lage. Der Krieg tobte. Andersdenkende und Andersgläubige wurden verfolgt, es war eine gnadenlose Zeit. Bonhoeffers Bruder Klaus und sein Schwager Hans von Dohnanyi waren ebenfalls inhaftiert, sein Bruder Walter war gefallen, seine Zwillingsschwester Sabine war mit ihrem jüdischen Mann ins Ausland geflohen. Extreme Belastungen für die Psyche eines Menschen. Und dennoch kann Bonhoeffer am Anfang des Weihnachtsbriefes an seine Verlobte schreiben:

„Noch keinen Augenblick habe ich mich allein und verlassen gefühlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler…, Ihr seid immer ganz gegenwärtig. […] Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“

Ja, das brauchen wir: Bewahrung, Behütetsein, Geborgensein, was auch immer uns erwartet im kommenden Jahr. Mögen wir erleben und spüren: Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Amen.

Predigt in der Christvesper

Liebe Weihnachtsgemeinde!

Friede auf Erden! Friede allen Menschen, die guten Willens sind. Friede den Neugeborenen, Friede den Müttern, die keine Herberge finden, die unter unsäglichen Bedingungen ihre Kinder bekommen und aufziehen müssen, Friede den hilflosen Vätern, Friede den Hirten draußen im Dunkeln, den Nachtarbeitern, den Besitzlosen, Benachteiligten. Friede den Flüchtlingen. Friede den Verfeindeten, den Verhärteten, den Extremen. Friede allen Menschen auf  Erden. Was für eine Verheißung! Stark, einleuchtend wie der Stern von Bethlehem – und zugleich scheint sie uns so unrealistisch! Denn wir wissen schließlich, wie unfriedlich und grausam es zugeht auf unserer Welt.

Ich möchte Ihnen heute zeigen, dass die  weihnachtliche Friedensverheißung doch nicht unrealistisch ist. Lassen Sie sich mitnehmen ins belgische Flandern. Dort waren mein Mann und ich heuer auf Spurensuche unterwegs. Vor hundert Jahren ist sein Großvater  dort als 21Jähriger umgekommen. „Gefallen“, wie es beschönigend heißt. Wir haben sein Grab gesucht und gefunden. Ein bewegender Moment war das, auf dem Soldatenfriedhof von Langemark. 44.000 deutsche Soldaten sind dort begraben. Wir haben viel gelernt auf dieser Reise über den „Großen Krieg“, wie man den Ersten Weltkrieg damals nannte. Überall entlang der ehemaligen Frontlinie sieht man noch Spuren: Schützengräben, Bunker, Soldatenfriedhöfe mit abertausenden von Gräbern, Museen und Erinnerungsstätten. 17 Millionen Menschen haben in diesem unsagbar grausamen Krieg zwischen 1914 und 1918  ihr Leben gelassen.

Als wir an einem Nachmittag unweit der Nordseeküste mit dem Rad unterwegs waren, stießen wir bei Nieuwpoort  auf ein Kunstwerk, das sofort ins Auge fiel. Sie sehen ein Foto davon auf Ihrem Liedblatt: Drei lebensgroße Oberkörper von Soldaten, die jeweils auf einem Drahtgeflecht sitzen, einer Art „Käfig“. Jeder der drei trägt eine andere Uniform. Der rechte ist ein Engländer, in der Mitte ein Franzose und links, mit Pickelhaube und Brille, ein Deutscher. Die drei schauen sich an, agieren miteinander. Der Franzose schenkt ein, der Engländer bietet Zigaretten an, der Deutsche reicht seine rechte Hand. In der Mitte sieht man einen kleinen Christbaum stehen, ein glänzender Stern oben drauf. Ein kleines Schild daneben verrät den Namen des Kunstwerkes:  „Verbrüderung“. Ein Künstler namens William Livermore hat die Skulptur geschaffen, um an ein Ereignis zu erinnern, das Geschichte schrieb – und zwar genau heute vor hundert Jahren, in der Nacht vom 24. auf  25. Dezember 1914. Der Weihnachtsfriede – mitten im Krieg.

Ich möchte Ihnen diese Wundergeschichte erzählen. Schauen wir also 100 Jahre zurück  in den Kriegswinter 1914.  Es ist lausig kalt. Die Soldaten hocken in eisigen Schlammlöchern, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Bis Weihnachten würden sie wieder zurück sein, hatte es anfangs geheißen. Doch der Krieg hatte sich festgefressen. Inzwischen war klar: ein kurzer Feldzug würde das nicht werden. Die Fronten waren verhärtet. Das Töten wurde mechanisiert. Das fürchterliche Artilleriegedröhn und das Trommeln der neuen Maschinengewehre drangen tief in die Seelen. Wer sich zuerst bewegte, wer irgendwo sichtbar wurde, wurde von Scharfschützen abgeschossen. Ein Rückzug wurde verboten. So blieb nur Abwarten, in eisiger Kälte an dieser eingefrorenen Westfront. Und nun stand Weihnachten vor der Tür.  Der Papst hatte um Waffenstillstand gebeten. Dieser Wunsch wurde von allen Kriegsparteien einhellig abgelehnt. So verbittert man sich bekämpfte, darin war man sich einig:  Der Krieg sollte unbedingt weitergehen.

So auch in einem kleinen Frontabschnitt in Flandern, wo Deutsche, Engländer und Franzosen sich in ihren Stellungen  in nur 50 Metern Entfernung gegenüber liegen. Zwischen den feindlichen Linien, im Niemandsland, liegen Tote, teils mit Schnee bedeckt.

Der Morgen des 24. Dezember verheißt einen klaren Tag.  Der ständige Schneefall hat aufgehört. Eine unwirkliche Stille tritt plötzlich ein. Kein Laut ist zu hören. Kein Schuss fällt mehr. Irgendwer fängt da plötzlich an, zu summen: Stille Nacht, heilige Nacht. Silent Night, Holy night. Auf beiden Seiten ist dieses bekannte Lied jetzt auf einmal zu hören. „Merry Christmas“ schreibt einer auf ein Schild und hält es aus dem Schützengraben. „Frohe Weihnachten!“ rufen andere. Und dann treten erste mutige Männer hinaus ins Niemandsland. Unbewaffnet sind sie, sie wollen nur die Toten bergen. Als sie beerdigt sind, auf beiden Seiten, gibt es kein Halten mehr. Die Soldaten beginnen miteinander zu sprechen. Sie zeigen sich Fotos ihrer Liebsten.  Geschenke werden ausgetauscht. Tabak gegen Weihnachtsgebäck,  britischer chocolate cake gegen bayerisches Bier. Abends werden Kerzen angesteckt, und Weihnachtslieder gesungen. Ein gemeinsamer Weihnachtsgottesdienst wird gefeiert. Der deutsche Regimentspfarrer betet Psalm 23 – der Herr ist mein Hirte –auf Englisch, dann spricht der englische Kollege die Worte auf Deutsch. Es dauert nicht lange, und aus den zaghaften Annäherungsversuchen im Niemandsland sind freundschaftliche Kontakte geworden:  Menschen, die ein paar Stunden zuvor noch Feinde waren, singen gemeinsam, sie spielen Fußball, trinken Bier. Zwei Tage lang geht das so. Und es bleibt kein kleines Häuflein, das dieses Weihnachtswunder erlebt, sondern der ungeplante Friede verbreitet sich. Mindestens 100.000 Soldaten, sagt uns die heutige Forschung, haben an dem spontanen, nicht verordneten Waffenstillstand teilgenommen.

Viele Soldaten haben in Briefen an ihre Angehörigen von diesem Ereignis berichtet. “Die herzbewegendste Weihnachtsgeschichte unserer Zeit“, schrieb einer. Ein anderer: „Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte. Wir waren glücklich wie die Kinder“. Ein Skeptiker: „So etwas wird man wohl nie wieder sehen. . .“ Und einer schreibt seiner Frau: „Stell dir vor. Während du zu Hause Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden zuvor noch zu töten versucht hatte.“

Einer der Briefschreiber war ein späterer Nobelpreisträger, der Chemiker Otto Hahn. 1914 war er Leutnant und kommandierte eine Einheit in Südbelgien. Über den legendären Weihnachtsfrieden schreibt er am 25. Dezember 1914 an seine Frau:

„Es geschah etwas ganz Seltsames. Ich glaube, ich darf es gar nicht erzählen; Ich bin überzeugt, die höheren Vorgesetzten unterdrücken es, aber es ist wahr. Ein bayrischer Jäger machte den Anfang, nachdem die Engländer gegenüber „Fröhliche Weihnachten“ gerufen hatten und nachdem Leute von uns einen Christbaum an einem Stab aus dem Graben herausgestreckt hatten. Der bayrische Jäger kroch vor ... Er kam zurück mit Cigaretten und Tabak. Er ging wieder hinüber und brachte mehrere schottische Hochländer … mit, die vor unserem Graben halt machten. Unsere Leute gingen zu ihnen. Kein Schuss wurde abgefeuert. Es wurden Cigaretten geraucht, es wurden Lichter auf den Rand des Grabens gestellt, man unterhielt sich. Man unterhielt sich nicht nur gestern abend, sondern auch heute. Offiziere unseres Regiments gingen hinüber, die Männer kamen in Trupps heraus. Der Krieg war aufgehoben. Es ist heute noch kein Schuss gefallen hier. . . Soll man sich nun über all das freuen, oder soll man entrüstet sein? Ich selber freue mich im tiefsten Innern über diesen Frieden ... Äußerlich halte ich den Leuten Vortrag, dass man das nicht dürfe, auch nicht an einen Weihnachtstag. Es sei zu gefährlich und so weiter. Innerlich halte ich es für wunderschön!“

Otto Hahns Vermutung war richtig: Die Oberste Heeresleitung unterdrückte jede Meldung über den Weihnachtsfrieden. Am zweiten Weihnachtsfeiertag bereits wurde der Waffenstillstand massiv verboten. Das zarte Pflänzchen des Friedens wurde von den gewaltigen Stiefeln schnell wieder totgetreten.  Der Wirklichkeit gewordene Weihnachtstraum fiel den grausamen Gesetzen der Welt zum Opfer. Nur zwei Tage dauerte dieser spontane Friede 1914. Dann wurde es wieder dunkel in den Schützengräben und vermutlich vor allem in den Herzen der Soldaten. Die Welt war wieder, wie sie ist: unbarmherzig, verhärtet, grausam.

Weitere Friedensschritte wurden nicht gegangen damals. Man blieb unbeweglich. Vermutlich hat der Künstler William Livermore deshalb nur die Oberkörper der drei Soldaten modelliert. Die Verankerung auf dem Boden, die Tiefe, die Umsetzung in konkrete Schritte fehlt. Drahtgeflechte, die aussehen wie Käfige, tragen die Oberkörper. Weil die Menschen Gefangene ihrer Situation waren. Und sich wie Otto Hahn innerlich freuten, aber faktisch nicht weitermachen und den Frieden durchhalten konnten gegen den Befehl von oben.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. So lautet die Weihnachtsbotschaft der himmlischen Heerscharen in der Nacht von Bethlehem. Vor genau hundert Jahren ist in den Schützengräben Flanderns ein Stück davon aufgeleuchtet. Und doch war es allzu schnell wieder vorbei damit.

Genauso ist das mit dem Frieden: er ist ein kostbares Gut, steht aber zugleich immer in Gefahr, verloren zu gehen und anderen, scheinbar höheren Zielen zum Opfer zu fallen. So war das nicht nur vor hundert, sondern auch vor zweitausend Jahren. Die Friedensverheißung der Engel war kaum verklungen, als das neugeborene Kind beinahe schon Opfer eines machtgierigen Herrschers wurde. Nur die Flucht konnte die heilige Familie retten vor dem blutigen Fanatismus des Herodes. Auch heute bleibt vielen Chancenlosen nur die Flucht. Auch heute ist der Friede fragil und gefährdet. Nicht nur Palästina,  in Syrien oder der Ukraine. Sondern auch bei uns, wo Menschen zündeln mit Brandbeschleunigern wie in den Flüchtlingsunterkünften von Vorra oder mir Worten wie „Islamisierung Europas“. Wie schnell kippt da der Friede da um! 

Auf den Koppelschlössern der Deutschen im Ersten Weltkrieg standen die Worte „Gott mit uns!“ Es waren freilich nicht die Deutschen, die diesen Satz erfunden haben, sondern er stammt aus der Bibel. Immanuel heißt das auf Hebräisch. Mit uns ist Gott. Der Prophet Jesaja  hatte diese Worte bezogen auf ein Neugeborenes: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären. Den wird sie nennen Immanuel“ (Jes 7,14) Ein Kind also, das Frieden bringen wird. Mit Krieg hat dieser Immanuel so wenig zu tun wie ein Säugling mit Maschinengewehren, Handgranaten oder Giftgas. Leider ist das unter Christen allzu oft vergessen worden, nicht nur im Ersten Weltkrieg. Unsere Religion ist immer wieder missbraucht und pervertiert worden. Mit dem Ruf „Gott mit uns“ sind Soldaten in Kriege geschickt worden, auch von Kirchenfürsten. Leider.

Heute Abend, liebe Gemeinde, stehen wir als Menschen um die Krippe, die das Glück haben, in einem Land leben dürfen, das nun seit fast sieben Jahrzehnten Frieden genießt. Wir stehen um das neugeborene Kind, um diesen Immanuel, in dem der große Gott sich so klein und verletzlich und nah gemacht hat. Das ist die Botschaft von Weihnachten: im Zarten, im Kleinen, im Gefährdeten, im Verwundbaren – da ist Gott. Da kommt er uns nah, wo wir selbst unsere Verwundbarkeit, unsere Angst, unsere Verletzlichkeit zeigen und nicht mehr die großen Macker markieren. Er ist bei denen, die aus den Schützengräben kriechen, weil ihre Sehnsucht nach Frieden größer ist als ihr Hass auf den Feind. Er ist bei denen, die etwas riskieren, um auf andere zuzugehen. Er ist bei denen, die sich für den Schutz des Lebens einsetzen, für Dialog und Gastfreundschaft, für Menschenwürde und Solidarität. 

Friede auf Erden! Friede allen Menschen, die guten Willens sind. Was für eine Verheißung! Es ist an uns, sie wahr werden zu lassen. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem Immanuel. Dann wird Gott mit uns sein. Amen.

Ulrike Wilhelm

Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr

Liebe Gemeinde,

"Wir warten dein, o Gottes Sohn" - Konnten Sie das Lied eben (EG 152) aus vollem Herzen mitsingen? Geht es Ihnen ähnlich wie dem Liederdichter Philipp Friedrich Hiller im Jahr 1767: Sie warten auf eine Begegnung mit Christus, Sie leben in der Gewissheit, dass diese Begegnung bevorsteht und Sie freuen sich so sehr darauf, dass Sie es in manchen Momenten kaum noch erwarten können? Dann darf ich Ihnen zu Ihrem festen Glauben gratulieren und Ihnen sagen, dass der Predigttext des heutigen Sonntags wohl kaum für Sie geschrieben ist. 

Sollte es Ihnen aber eher wie mir gehen, liebe Gemeinde, dann spitzen Sie die Ohren. Denn ich glaube, der heutige Predigttext hat Leuten wie uns eine ganze Menge zu sagen. Wir haben uns gut eingerichtet in unserer Welt. Wir haben es uns gemütlich gemacht in unseren Häusern und unseren Beziehungen. Wir hängen an dem, was wir uns verdient haben. Wir träumen unsere Träume, versuchen, unsere Hoffnungen zu leben, schmieden unsere kleinen oder auch größeren Pläne für die Zukunft. Als Christinnen und Christen versuchen wir unseren Glauben, so gut es eben geht, in unser Leben zu integrieren: wir lesen ab und zu in der Bibel, beten, wenn unser Herz voller Glück ist oder voller Schmerz und gehen hin und wieder in den Gottesdienst. Aber warten wir wirklich auf Gott? Erwarten wir eine baldige Begegnung mit ihm? Können wir aus vollem Herzen mitsingen "Wir warten dein, o Gottes Sohn" - wo wir doch so gerne leben in dieser Welt und oft mehr an ihr hängen als an ihm, an Christus. 

Unser Predigttext aus dem 1. Thessalonicherbrief im 5. Kapitel redet vom Ernstfall. Hören Sie, was der Apostel Paulus da schreibt:

Von den Zeiten und Stunden, liebe Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr - dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. 

Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die anderen, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. (1 Thess 5,1-6)

Wie ein Dieb in der Nacht, schreibt Paulus, wird der Tag des Herrn kommen. Der Tag, an dem es kein Entrinnen mehr gibt, keine Flucht, dieser Tag wird die Welt unvorbereitet treffen, sozusagen eiskalt erwischen. Genau wie es manchen Menschen geht, wenn das Unglück sie überfällt. Ein kleiner Knoten, kaum spürbar - und plötzlich ist man mittendrin in einer Geschichte aus Angst und Bangen, Hoffnung und Verzweiflung, Operationen und Bestrahlungen und Chemotherapie, ausgeliefert und dem Tod ganz nah. Oder: eine kleine Missstimmung, kaum wahrnehmbar - und plötzlich bricht alles heraus, der ganze angestaute Frust, die Enttäuschung, die Aggression, die Unehrlichkeit vieler Jahre - die Beziehung zerbricht; ratlos und enttäuscht steht man vor einem Scherbenhaufen. Oder: ein kleiner Moment, kaum der Rede wert, in dem die Konzentration nicht da war, und da passiert der Unfall, der alles, alles verändert. Eiskalt erwischt werden - das ist eine schockierende Erfahrung. 

Der Autor unseres Predigttextes, Paulus, hat diese Erfahrung auch gemacht. Gut eingerichtet war er ja gewesen, als Pharisäer bestens etabliert, bekannt als fanatischer Kämpfer für seinen jüdischen Glauben, gnadenlos gegen alle, die sein System gefährdeten. Scheinbar unumstößlich waren sein Glauben, Denken und Handeln. Fest meinte er im Sattel zu sitzen. Doch auf seinem Weg nach Damaskus erwischt es ihn eiskalt. Nein, nicht es, sondern Gott. Er schmeißt ihn um, wirft ihn aus der Bahn, konfrontiert ihn knallhart "Saul, Saul, was verfolgst du mich?" hört Paulus Christus sagen - und fällt daraufhin in eine dreitägige Blindheit, eine Dunkelheit, die erst durch die heilsame Berührung des Christen Hananias wieder von ihm genommen wird. Und da sieht Paulus sein Leben ganz neu. Er ist Christus begegnet, plötzlich, unvorbereitet, eiskalt erwischt. Der Schock, den eine solche Begegnung erst einmal auslöst, die Finsternis, die Verzweiflung, die Unsicherheit - das mündet in ein Leben in neuem Licht, in einen Glauben, der ohne Gewalt und Fanatismus auskommt, in eine Liebe, die Riesenkräfte freisetzt, in eine völlig neue Lebendigkeit. Das war die Erfahrung des Paulus. Ähnliches erzählen manchmal Menschen, die eine schwere Lebenskrise hinter sich gebracht haben: Die Zeit, in der alles durcheinander geraten ist, in der man nicht mehr sah, wie es weitergehen soll, in der man völlig am Boden war oder ganz ins Bodenlose gestürzt ist - die hat einen verwandelt, das Leben neu gemacht, bewusster, tiefer, näher bei Gott.

Paulus benutzt noch einen anderen Vergleich:

Wenn sie sagen werden: es ist Friede, es hat keine Gefahr, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen.  

Gerade, wenn wir uns sicher fühlen, uns fest eingerichtet haben in unseren Verhältnissen, gerade dann kann sich plötzlich etwas verändern. Wir können überfallen werden von Veränderungen wie eine schwangere Frau von den Wehen. Sie weiß ja seit längerem, dass neues Leben in ihr entsteht, dass etwas Großartiges im Kommen ist. Sie erlebt, wie das Kind in ihrem Leib heranwächst. Ganz langsam macht es sich bemerkbar, verschafft sich Raum. Die ersten Bewegungen sind noch ganz zart; später strampelt das Baby kräftig. Und obwohl der Termin längst errechnet und die Frau auf die Geburt vorbereitet ist, kommt die erste Wehe überraschend, überfallartig und bringt - trotz guter Hoffnung und freudiger Erwartung - wohl immer auch Schmerz und Erschrecken mit sich. Es ist soweit. Es wird ernst. Es gibt kein Zurück mehr. Das neue Leben will geboren werden, durch Schmerzen, Ängste und Ungewissheit hindurch. 

Und wenn es dann überstanden ist und das Kind ist da und die Mutter hält es im Arm - dann ist der Schmerz vergessen und weicht einem großen Glück und einer Dankbarkeit, die tiefer reicht als alle Schmerzen vorher. Das Leben ändert sich von Grund auf, wenn so ein kleiner Mensch geboren wird. Vieles wird anders, manches ganz neu.

So wird es sein, sagt Paulus, wenn der Tag des Herrn kommt - ganz egal, ob wir uns diesen Tag als "Jüngsten Tag" vorstellen oder als den Tag unseres Todes: es wird eine überraschende, schmerzliche, unausweichliche Situation für uns sein, die doch Neues gebiert und durch den Tod und die Dunkelheit und die Angst und den Schmerz ins Leben hinein führt. Lassen Sie mich an dieser Stelle Martin Luther zitieren, liebe Gemeinde. In seinem Sermon von der Bereitung zum Sterben nimmt er im Jahr 1519 das Bild aus dem Thessalonicherbrief auf:

Der Weg des Sterbens ... ist nit lang und es geht hier zu, gleichwie ein Kind aus der kleinen Wohnung seiner Mutter Leib mit Gefahr und Ängsten geboren wird in diese ... weite Welt. Also geht der Mensch durch die enge Pforten des Tods aus diesem Leben; und wiewohl ... die Welt, darin wir jetzt leben, groß und weit angesehen wird, so ist es doch alles gegen den zukünftigen Himmel viel enger und kleiner denn der Mutter Leib ... Darum heißt ... Sterben ein neu Geburt. Aber der enge Gang des Todes macht, dass uns dieses Leben weit und jenes eng dünkt. Drum muß man das glauben und an der leiblichen Geburt eines Kindes lernen .... Im Sterben muß man sich der Angst erwehren und wissen, dass danach ein großer Raum und Freud sein wird.  (zit. nach EEK, 3. Aufl. 1977, S. 530) 

Paulus nun geht freilich noch einen Schritt weiter. Von den Wehen überfallen werden oder vom Dieb in der Nacht überrascht, eiskalt erwischt werden, das kann passieren, weiß er. Aber Paulus meint, als Christen könnten wir uns zusätzlich wappnen, könnten sozusagen besser in eine solche Situation hineingehen wie Menschen, die sich nie damit auseinandergesetzt haben. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tags, schreibt er. So lasst uns nun nicht schlafen wie die anderen, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 

Wenn damalige Hörer diese Sätze hörten, wussten sie sofort, worauf Paulus anspielte, nämlich auf die Taufe. Der Begriff "Kinder des Lichtes" stammte aus der Taufliturgie des jungen Christentums. Wenn jemand sich Christus anvertraute, der von sich gesagt hatte, dass er das Licht der Welt sei, dann wurde dieser Mensch durch die Taufe zu einem Sohn oder einer Tochter dieses Lichtes. Ein Rest dieser Symbolik ist auch heute noch lebendig, wenn wir bei einer Taufe eine Taufkerze entzünden oder einem Kind ein weißes Taufkleid anziehen. Licht, Wärme, Farbigkeit, Strahlen, Reinheit, Transparenz - das sind Begriffe, die Christen von Urzeiten her auszeichnen sollen - im Gegensatz zu finsteren Machenschaften und dunklem, undurchsichtigen Verhalten. 

Warum, so können wir nun fragen, sollen aber nun die Kinder des Lichtes, die Getauften, besser vorbereitet sein auf den kommenden Tag des Herrn, auf das Sterben und eine Begegnung mit Christus? 

Paulus war ein erfahrungsorientierter Mensch. Und zu seiner Zeit war die Taufe noch eine Erfahrung, die ganz existentiell den Tod berührt hat. Man tauchte den Täufling drei Mal tief und mit dem ganzen Körper unter Wasser - in einer Zeit, als die wenigsten schwimmen konnten und das Wasser überwiegend als bedrohlich erlebt wurde. So wie du hier untergehst und die Angst und den Schrecken und die Atemlosigkeit unter Wasser spürst, so wirst du auch eines Tages sterben, war die Botschaft. Aber so wie du in deiner Taufe wieder heraufgezogen wirst, wieder ans Licht kommst in Gottes Namen, wieder zu Luft findest, so wird es dir auch nach deinem Tod gehen: Gott reißt dich neu ins Leben hinauf. Die Bedrohungen liegen hinter dir. Du kannst aufatmen und neu weiterleben. 

Aus seiner Erfahrung heraus setzt Paulus die Taufe regelrecht gleichmit dem Tod. Im Römerbrief schreibt er: Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind, sind in seinen Tod getauft? So sind wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten ... auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Röm 6,3-4)

Heute ist das anders. Aus dem Untertauchen sind drei Hände voll Wasser geworden. Und trotzdem macht uns die Taufe stark. Gestern in unserem Konfirmandenkurs haben wir über die Taufe geredet, wie sie uns verbindet mit Gott und wie sie uns stärkt. Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden haben sich auf die Suche gemacht nach ihren Taufsprüche aufgeschrieben und haben sie mit leuchtenden Farben zu Papier gebracht. Ein paar von diesen einleuchtenden, stärkenden Bibelworten hören wir jetzt… (Konfirmanden lesen ihre Taufsprüche vor)

Worte, die uns stark machen. Die Taufe, die uns Kraft gibt fürs ganze Leben. 

Nüchtern und realistisch können wir mit der Tatsache der Endlichkeit unseres Lebens umgehen. Und das ist not-wendig im wahrsten Sinne des Wortes - gerade in einer Gesellschaft, die Altern und Tod geradezu perfekt verdrängt. Jugendlichkeit, Fitness, Aktivität, das ist es, was zählt. Schon träumt man von den Möglichkeiten der Gentechnik - und wer nicht ins Bild einer perfekten, gesunden Gesellschaft passt, der wird eben abgeschoben. Oder ausgegrenzt.

Gut, dass es Menschen gibt, die uns die Augen öffnen. Der Fotograf Thomas Braner und meine Kollegin Edith Öxler, Altenheimseelsorgerin, möchten das mit der Ausstellung hier in der Christuskirche tun: „Ebenbilder Gottes“ heißt die Ausstellung. Sie zeigt alte, demenzkranke Menschen. Schauen Sie die wunderbaren Gesichter an, lesen Sie die herrlichen Gespräche. Die alten Menschen, auch wenn sie verwirrt und vielleicht schon nahe an einer anderen Welt sind, strahlen eindrucksvoll eine große Würde aus. Ein Stück Himmel begegnet uns da. In jedem Menschen steckt nämlich ein Ebenbild Gottes.

Wachsam und nüchtern leben empfiehlt Paulus. Eigentlich genügt es, mit offenen Augen und mit offenem Herzen zu leben. Die schönen, geschenkten Augenblicke im privaten und im öffentlichen Leben voll auskosten. Das Schwere tragen. Und in keinem Moment vergessen, dass es Gott ist, der unser Leben so gewollt und geschaffen hat und der es eines Tages wieder zu sich nimmt.    

Das wäre jetzt ein schöner Zeitpunkt, um Amen zu sagen, finden Sie nicht? Dann könnte es aber sein, dass jemand aus der Kirche geht und sich furchtbar unter Druck gesetzt fühlt. Allzeit bereit müssen wir sein, hat die Pfarrerin heute gesagt, nüchtern, wachsam, realistisch, jeden Moment für den Ernstfall gerüstet. Sollten Sie meine Predigt so verstanden haben, möchte ich Ihnen gerne noch ein inneres Bild mitgeben. Ich schenke Ihnen das Bild einer nächtlichen Szene im Garten Getsemane. Jesus kniet da, unter Ölbäumen und betet. Er spürt, dass es ernst wird und dass er sterben wird. In seiner Angst bittet er seine engsten Freunde, doch mit ihm wach zu bleiben und zu beten und ihm beizustehen. Doch was machen sie? Sie schaffen es nicht, kapieren nicht, worum es geht, lassen sich überwältigen von Müdigkeit, machen die Augen zu vor dem Ernst der Lage und schlafen ein. Von wegen wachsam und nüchtern und bereit. Auf diese Gestalten, liebe Gemeinde, auf diese Schlafmützen, gründet Jesus Christus seine Kirche. Mir scheint, er hat geahnt, dass wir die Forderungen eines Apostels Paulus nicht in jedem Augenblick werden erfüllen können. Und trotzdem baut er auf uns. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft und wichtiger als unsere Wachsamkeit, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

Ulrike Wilhelm

Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis

Liebe Gemeinde!

Am Freitag vor einer Woche hatte die Süddeutsche Zeitung in ihrem Magazin ein „verstörendes Interview“ abgedruckt. Der 22jährige Islamist Erhan A. aus Kempten stand Journalisten Rede und Antwort über seine Motivation, für den IS, den „Islamischen Staat“ zu kämpfen. Erschreckende Sätze waren da zu lesen: „Demokratie und Islam, das ist wie Feuer und Wasser. Es ist nicht miteinander vereinbar“. Oder: „Ich folge Allahs Gesetzen blind!“ Oder: „Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den Islamischen Staat stellt.“ Der junge Mann ist inzwischen von der Polizei festgenommen worden. Er sitzt im Gefängnis und soll abgeschoben werden.

Das Problem aber ist damit nicht gelöst: Allein aus Deutschland sollen sich seit Beginn der Kämpfe bereits mehr als vierhundert junge Männer den IS-Milizen angeschlossen haben, bereit, den „Märtyrertod“ zu sterben und bereit, über Leichen zu gehen.

Sie fühlen sich berufen. Sie meinen, die einzig wahre Form des Islam zu vertreten. Und sie haben Vorbilder, Osama Bin Laden zum Beispiel. 

Verstört, verwirrt, bestürzt nehmen wir solche Äußerungen zur Kenntnis. Nicht nur wir, sondern auch die vielen Muslime weltweit, die ihre Religion friedlich und tolerant leben. Mit solchen Radikalen will man nichts zu tun haben. In allen drei Moscheegemeinden in Kempten hatte Erhan A. Hausverbot. Und Deutschland will ihn nun abschieben in die Türkei. Hilflose Gesten. Ein wenig nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – aber dieses Vorgehen allein wird kaum dauerhafte Lösungen bringen. 

Warum erzähle ich Ihnen das heute, liebe Gemeinde? Weil unser Predigttext auch von jemandem stammt, der wegen seiner Glaubenseinstellung im Gefängnis sitzt. Und der trotzdem weiter agitiert, Briefe schreibt, Kontakte hält und unerschrocken für seine Überzeugung eintritt. Weil er sich berufen fühlt. Sie ahnen es vermutlich schon, es geht um Paulus. Um das Jahr 70 wartet er in Rom darauf, dass ihm der Prozess gemacht wird. Aus dem Gefängnis schreibt er mehrere Briefe, darunter den an die Gemeinde in Ephesus in Kleinasien. Paulus war es, der diese Gemeinde gegründet hatte. Sie lag ihm am Herzen und so schreibt er einen Brief, der eher einer Predigt gleicht. Hören wir aus dem Epheserbrief im 4. Kapitel die Verse 1 bis 6; ich lese aus der Übersetzung „Gute Nachricht“:

Nun bitte ich euch als einer, der für den Herrn im Gefängnis ist: Lebt so, wie es sich für Menschen gehört, die Gott in seine Gemeinde berufen hat. Erhebt euch nicht über andere, sondern seid immer freundlich. Habt Geduld und sucht in Liebe miteinander auszukommen. Bemüht euch darum, die Einheit zu bewahren, die der Geist Gottes euch geschenkt hat. Der Frieden, der von Gott kommt, soll euch alle miteinander verbinden. Ihr alle seid ja ein Leib, in euch allen lebt ein Geist, ihr alle habt die eine Hoffnung, die Gott euch gegeben hat, als er euch in seine Gemeinde berief. Es gibt für euch nur einen Herrn, nur einen Glauben und nur eine Taufe. Und ihr kennt nur den einen Gott, den Vater von allem, was lebt. Er steht über allen. Er wirkt durch alle und in allen. 

Jemand wie Erhan A. könnte Anfang und Ende dieses Abschnittes vielleicht sogar auch unterschreiben: Lebt so, wie es sich für Menschen gehört, die Gott in berufen hat. Und: Ihr kennt nur den einen Gott, den Vater von allem, was lebt. Er steht über allen. Was zwischen diesen Sätzen steht, unterscheidet sich freilich gründlich von jeglicher radikal fundamentalistischen Haltung: Da ist von Freundlichkeit die Rede, von Liebe, Geduld und einem göttlichen Frieden, auch von geistvoller Hoffnung und einer Einheit, die alle miteinander verbindet.

Das Gegenteil also von Rechthaberei, Intoleranz und einander die Köpfe ein- oder abschlagen. Nun sollten wir uns nicht einbilden, liebe Gemeinde, das das nun eben der Unterschied sei zwischen Muslimen und Christen: die einen radikal und fanatisch, die anderen tolerant und friedliebend. Nein, solches Schwarz-Weiß-Denken wird weder der Geschichte noch der Gegenwart gerecht. Christen haben im Lauf der Kirchengeschichte bis in die Neuzeit hinein unsägliche Gräueltaten vollbracht – ich nenne nur als Stichworte Kreuzzüge, Inquisition, Kolonialismus, die „Deutschen Christen“ im Nazideutschland oder die Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten in Irland. Und ich verweise auf Texte wie die Deklaration der Imame im Kreis München, die am 21. September zu den jüngsten Ereignissen schrieben:

Weil wir Muslime sind, sind wir entsetzt über die Verbrechen, die im Namen unserer Religion im Irak und in Syrien begangen werden, verurteilen entschieden alle abscheulichen Taten, wie die Vertreibung von anders denkenden und anders glaubenden Menschen, barbarische Hinrichtungen von Journalisten, Geiseln oder Gefangenen und betrachten all das dezidiert als ebenso unislamisch wie unmenschlich!Wir sind zutiefst traurig über die Zerschlagung der uralten Tradition des Miteinanders im Nahen Osten, wo Menschen unterschiedlichen Glaubens und vielfältiger Kulturen seit Hunderten von Jahren zusammenleben.“

Also: Friede, Einheit, Liebe - all diese Werte, die da im Epheserbrief beschworen werden, sind letztlich keine Werte, auf die wir Christen allein uns berufen oder gar etwas einbilden können. Sei bleiben eine Mahnung für jeden Menschen, so verschiedenartig wir alle sein mögen in unseren Lebenshaltungen, politischen Anschauungen oder Religionen. Die Lutherübersetzung macht das mit einem Satz aus unserem Predigttext besonders deutlich: Ertragt einander in Liebe! So heißt es da. Es ist schon wahr, manchen Menschen gegenüber geht es schlicht ums Ertragen und ums Aushalten. Nicht jeden werde ich verstehen, nicht zu jeder eine tiefe emotionale Bindung aufbauen können. Die Verschiedenheit von uns Menschen kann nicht nur faszinieren, sondern auch erschrecken. Oder verstören, wie besagtes Interview. Was heißt das aber dann im Sinne des Paulus: einander in Liebe zu ertragen? Wie sollen wir um Himmels Willen denn umgehen mit solchen irregeleiteten Fanatikern wie Erhan A.?

Ein einfaches Rezept gibt es wohl nicht. Aber es gibt Erkenntnisse, dass es den jungen IS-Kämpfern letztlich weniger um Religion geht als um Anerkennung, um Beachtung, um einen Freundeskreis, für den man wichtig ist. Es geht um Aufmerksamkeit und Schlagzeilen, um die Bewegung vom Underdog zum Topkämpfer, um Abenteuer und Risiko. Ein gefährliches Spiel. Aber auch eines, dem man dauerhaft vielleicht den Boden entziehen könnte, durch gute Bildungsprogramme, einen wohldurchdachten islamischen Religionsunterricht an Schulen, durch Begegnungsprojekte und interreligiöse Aktivitäten. Auch dadurch, dass unsere Gesellschaft diesen oft ausländisch stämmigen jungen Menschen zeigt: Ihr seid wichtig für uns, wir brauchen euch. Ihr bekommt euren Platz und eure Anerkennung mitten in unserer Gesellschaft und braucht nicht als verdächtige Randsiedler zu leben. Hier könnt ihr euch einen Namen machen und Anerkennung finden. Ihr braucht dazu weder Heldentaten noch Gräueltaten im  Orient zu verüben. Wir achten euch und eure Religion – erwarten im Gegenzug freilich auch, dass ihr unser Grundgesetz achtet.

Von einer solchen Haltung sind wir oft noch weit entfernt. Hier sehe ich jede Menge zu tun für Politik und Wirtschaft. Aber auch für uns als Kirchen, liebe Gemeinde. Denn wir stehen in der ersten Reihe, wenn es zum Beispiel darum geht, Flüchtlinge in unsere Orte zu integrieren und ihnen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.

Noch einmal die Worte aus dem Epheserbrief:

Erhebt euch nicht über andere, sondern seid immer freundlich. Habt Geduld und sucht in Liebe miteinander auszukommen. Bemüht euch darum, die Einheit zu bewahren, die der Geist Gottes euch geschenkt hat. Der Frieden, der von Gott kommt, soll euch alle miteinander verbinden.

Es gibt viel Gelegenheit, jeden Tag, diese Ratschläge des Paulus auszuprobieren. Sie sind und bleiben eine Herausforderung für uns alle.

Noch ein Gedanke zum Schluss:  Wir haben im Evangelium gehört, wie Jesus die Kanaanäerin, die sich da hilfesuchend an ihn wendet, erst einmal abwimmelt. Zuerst antwortet er ihr kein Wort. Dann sagt er ihr, der Ausländerin, klipp und klar, dass er nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt sei. Mich hat diese Geschichte früher immer völlig schockiert. Das hat nicht gepasst zu meinem Bild von Jesus Christus, der doch die grenzenlose Liebe Gottes verkörpert!

Doch Jesus war, dogmatisch gesprochen, eben nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch. Und zum Menschsein gehören Grenzen. Vielleicht war er in diesem Moment genervt, dass da schon wieder jemand was von ihm wollte. Vielleicht wollte er mit dieser Frau nichts zu tun haben, weil sie ihm unsympathisch war oder allzu fremd. Vielleicht war er schlicht müde. Aber dann – und das ist das Tolle an der Geschichte – wird er durch ihre Beharrlichkeit fähig, seine Grenzen zu erweitern. Sie lässt sich nicht abwimmeln. Sie bleibt dran. Sie lässt sich nicht demütigen von ihm sondern bleibt klar bei ihrem Ziel: Sie will, dass ihre Tochter gesund wird. Und sie glaubt unzerstörbar fest daran, dass Jesus das Kind gesund machen kann – allen kulturellen, religiösen, nationalen oder persönlichen Grenzen zum Trotz. Frau, dein Glaube ist groß, sagt Jesus ihr schließlich. Dir geschehe wie du willst! (Mt 15,28). Und ihr Mädchen wird gesund. 

Inzwischen liebe ich diese Geschichte sehr. Denn hier begegnet mir ein Jesus, der dazulernt. Einer, der in der Begegnung mit einer Ausländerin seine eigenen Grenzen erweitert. Ein Jesus, der tut, was er sich zuvor nicht vorstellen konnte. Er lässt Vorurteile fallen und lässt sich berühren. So geschieht Heilung. So werden Menschen gesund an Körper und Seele. So wird Liebe ganz konkret. Er hat es uns vorgemacht, liebe Schwestern und Brüder. Jetzt sind wir dran. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus und einer Liebe, die dazulernt. Amen.

Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis

Einführung der Konfirmanden

Liebe Gemeinde,

„Sorgt euch nicht!“ haben wir vorhin im Evangelium gehört. Klingt gut, aber geht das im Alltag? Wer von Euch macht sich niemals Sorgen? (Melden) Niemand?! Natürlich. Ein neues Schuljahr hat angefangen. Werde ich es schaffen? Wie wird die Zeit im Konfi-Kurs? Werde ich da einen guten Stand haben in der Gruppe, werden mich die anderen mögen? So fragen Jugendliche. Wir Erwachsenen haben andere Sorgen: beruflicher Stress, gesundheitliche Probleme, Beziehungsschwierigkeiten, Sorgen um alte Eltern oder pubertierende Kinder. Und auch die derzeitige weltpolitische Lage gibt ja durchaus realistischen Anlass zur Sorge. Wir kennen es alle: unser Seufzen, unser Grübeln, unsere Sorgenfalten, die schlaflosen Nächte, die ungelösten Konflikte, all die persönlichen Sorgen eben. Und da sagt Jesus: „Sorgt euch nicht!“? Ist das nicht ein Appell, den er sich hätte sparen können? Allzu naiv und ziemlich realitätsfern?

Kommen wir auf diese Frage später zurück. Ich möchte Ihnen nämlich zuerst eine Abenteuergeschichte vorlesen. Hauptperson ist ein Gefangener. Nämlich der Apostel Paulus. Er war Missionar in Sachen Christentum, hat überall von Christus erzählt, ist herumgereist, hat Gemeinden gegründet – und er hat Unruhe gestiftet. Denn für einen Christen kam es nicht mehr in Frage, den römischen Kaiser wie einen Gott zu verehren. So gab es Unruhen, Unfrieden und viele Sorgen für alle, die sich damals dem Christentum zuwandten. Irgendwann wurde Paulus dann gefangen genommen. Der Prozess sollte ihm gemacht werden – und zwar im Zentrum der Macht, in Rom. Ein römischer Hauptmann namens Julius sollte ihn zusammen mit einigen Freunden in die Hauptstadt bringen. Flugzeuge oder Eisenbahnlinien gab es noch nicht, also nahm man ein Segelschiff. Und zwar im Herbst. Keine allzu angenehme Situation für alle Beteiligten. Denn im Herbst gibt es Stürme auf dem Mittelmeer. Aber hören wir selbst, was geschieht. Ich lese ein Stück aus dem Reisebericht des Lukas, wie er ihn in seiner Apostelgeschichte aufgeschrieben hat:

Als Südwind aufkam, fühlte sich die Schiffsbesatzung in ihrem Plan bestärkt. Sie lichteten die Anker und segelten dicht an der Küste Kretas entlang. Doch schon bald schlug das Wetter um: Der gefürchtete Nordoststurm kam auf und trieb das Schiff auf das offene Meer hinaus. Vergeblich versuchte die Mannschaft Kurs zu halten. Wir trieben dahin, Wind und Wogen ausgeliefert.

Im Schutz der kleinen Insel Kauda versuchten wir, das Rettungsboot einzuholen. Es gelang nur mit Mühe. Um den Rumpf des Schiffes zu verstärken und zu sichern, banden die Seeleute dicke Taue um das Schiff. Außerdem warfen sie den Treibanker aus, weil sie fürchteten, sonst auf die Sandbänke vor der afrikanischen Küste zu geraten. Dann ließen sie das Schiff dahintreiben.

Der Sturm wurde so stark, dass die Besatzung am nächsten Tag einen Teil der Ladung über Bord warf,  tags darauf sogar die Schiffsausrüstung. Tagelang sahen wir weder Sonne noch Sterne, und der Orkan tobte so heftig weiter, dass schließlich keiner mehr an eine Rettung glaubte.

Während dieser ganzen Zeit hatte niemand etwas gegessen. Da sagte Paulus zu der Schiffsbesatzung: "Ihr Männer! Es wäre besser gewesen, ihr hättet auf mich gehört und in Kreta überwintert. Dann wären uns allen diese Ängste und Schwierigkeiten erspart geblieben. Doch jetzt bitte ich euch eindringlich: Gebt nicht auf! Keiner von uns wird umkommen, nur das Schiff ist verloren.

In der letzten Nacht stand neben mir ein Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene. Er sagte: 'Fürchte dich nicht, Paulus. Du wirst vor den Kaiser gebracht werden, und auch alle anderen auf dem Schiff wird Gott deinetwegen am Leben lassen.' Deshalb habt keine Angst! Ich vertraue Gott. Es wird sich erfüllen, was er mir gesagt hat. Wir werden auf einer Insel stranden." (Apg 27, 13-26)

Soweit dieser Abschnitt einer Abenteuergeschichte, die noch lange nicht zu Ende ist. Tatsächlich strandet das Schiff dann auf der Insel Malta, alle werden in letzter Minute gerettet. Dann warten neue Abenteuer: der Biss einer Giftschlange, eine weitere Seefahrt, ein dramatischer Prozess in Rom und am Ende, vermutlich im Jahr 64 der Märtyrertod des Apostels durch das Schwert im Zuge der Christenverfolgung durch Kaiser Nero.

Aber zurück auf das Schiff. Genügend Anlass zur Sorge gibt es ja weiß Gott, wenn man tagelang in einem Orkan unterwegs ist. Alle Sicherheit, alle Orientierung ist dahin. Es geht ums blanke Überleben. Woher nimmt Paulus in dieser Situation die Sicherheit, zu sagen:  Gebt nicht auf! Keiner von uns wird umkommen! Wie kann ein Mensch mitten in solchen Problemen es schaffen, so zuversichtlich und optimistisch zu sein – und sogar den anderen noch Mut zu machen? Die Antwort gibt Paulus selbst: In der letzten Nacht stand neben mir ein Engel des Gottes. Er sagte: 'Fürchte dich nicht, Paulus. Gott wird euch am Leben lassen.' Deshalb habt keine Angst! Ich vertraue Gott. Es wird sich erfüllen, was er mir gesagt hat. War es ein Traum? Eine Erscheinung? Wir wissen es nicht, es ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass da jemand war, der dem Paulus gesagt hat: Fürchte dich nicht!

Wer sagt uns diesen Satz? Vielleicht haben wir ihn gehört von unseren Eltern, damals, als wir uns als kleine Kinder abends gefürchtet haben vor der Dunkelheit. Oder von einem Lehrer: Fürchte dich nicht! Du schaffst die Klassenarbeit schon. Vom Sporttrainer, der uns etwas zugetraut hat. Oder vom Partner, der Partnerin, in einer Situation, vor der man Angst hatte. Fürchte dich nicht! Diese drei kleinen Worte tun unendlich gut. Es sind göttliche Worte, Engelsworte, Worte, die Vertrauen schaffen und Sicherheit geben. Nicht jeder wird diese Worte wie Paulus von einem Engel hören. Aber vielleicht ist jeder ein Engel, der sie spricht. Ein Engel ohne Flügel. Ein Engel im ursprünglichen Sinne: Angelos, das bedeutet auf Griechisch schlicht: Bote.  Ein Bote Gottes ist jemand, der Vertrauen schafft, wo Angst und Sorge war. So gesehen können wir alle, auch wenn wir öfters mal Bengel sind, Engel werden.

Ihr Jugendlichen habt Euch für den Konfirmandenkurs angemeldet. Konfirmation heißt. „Bestätigung, Bekräftigung“. Entweder soll die  Entscheidung, die Eure Eltern vor langer Zeit getroffen haben, als sie euch taufen ließen, bekräftigt werden. Oder Ihr trefft selbst die Entscheidung: Ja, ich will mich taufen lassen. Ja, ich will als Christ leben – im Vertrauen auf Gott, im Glauben, dass mir mein Gottvertrauen zu einem guten Leben helfen wird. Die Konfirmation ist in gewisser Weise Eure Antwort auf den göttlichen Satz „Fürchte dich nicht!“ Ihr nehmt diesen Satz an, so wie Paulus ihn auf dem Schiff angenommen hat damals. Gerade in der Pubertätszeit, wo vieles ja ins Schwanken und Wanken gerät und  man auf seinem Lebensschiff nicht immer so Kurs halten kann, wie man das vielleicht möchte, ist dieser Satz wichtig. Nicht nur für Euch Jugendliche, sondern auch für Eure Eltern. „Fürchte dich nicht!“ Das gilt für uns alle. Auch für unsere Mentoren, die vielleicht zum ersten Mal als Leiter im Kurs auftreten. Auch für Ferdinand Hermann, der bis Jahresende sozusagen als „Interimsdiakon“ in die Konfi-Arbeit mit einsteigt. Auch für mich als Pfarrerin, die ich heuer unter besonderen Bedingungen diesen Kurs halten werde.  „Fürchte dich nicht!“ Lassen wir uns heute alle diesen Satz sagen für dieses Konfirmandenjahr.

Konfirmanden des letzten Jahrganges werden euch nachher Eure Bibeln überreichen. Die Bibel mit ihren wunderbaren Abenteuergeschichten ist für uns Christen die Quelle dieses Satzes Fürchte dich nicht! 364 Mal steht dieser Satz in diesem Buch, also sozusagen für jeden Tag im Jahr ein Mal. Und vorne drauf ist ein Segelschiff. Es kann euch erinnern an die Geschichte von Paulus. Es kann erinnern an die vielen anderen Menschen auf der Welt, die im Sturm unterwegs sind, die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, an die Menschen, deren Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist und die Hilfe brauchen. Das Schiff kann Euch aber auch daran erinnern, dass wir im Konfirmandenkurs miteinander unterwegs sind, sozusagen im selben Boot sitzen und dazu helfen wollen, dass Euer Lebensschiff auf einen guten Kurs kommt.

Ihr erinnert Euch. Ich habe am Anfang die Frage gestellt, ob der Satz von Jesus nicht naiv war: „Sorgt euch nicht!“. Ich glaube, wenn wir Gott an der Seite wissen und auf sein Wort hören: „Fürchte dich nicht!“, dann werden wir es schaffen. Nicht Sorgen werden uns quälen, sondern Vertrauen wird uns zu einem guten Leben helfen. Nicht die Panik wird uns in schwierigen Situationen lenken, sondern der Glaube, dass mit Gottes Hilfe alles gut wird. Nicht der Tod wird uns ängstigen, sondern das Leben wird uns locken. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, er bewahre unser Lebensschiff in Jesus Christus. Amen. 

Ulrike Wilhelm

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis

Verabschiedung von Diakon Matthias Anhalt

Liebe Gemeinde,         

da macht sich einer fort aus der Gemeinde. Und dann gibt er denen, die zurückbleiben aus der Ferne noch ein paar schriftliche Ratschläge.

Nein, ich rede nicht von unserem ehemaligen Jugenddiakon. Auch wenn Matze mir in den letzten Wochen  noch einiges an Mails geschickt hat: Ablaufpläne der Konfi-Samstage, Mitarbeiterlisten und sogar Gedanken zu seiner Nachfolge.

Ich rede von einem alten Kollegen, genau gesagt, vom ersten, der in Sachen Christus so richtig weit unterwegs war, sozusagen immer wieder die Stellen gewechselt hat: vom Apostel Paulus. Ein ruheloser Geselle war er. Und ziemlich extrem. Zuerst hatte er die Christen verfolgt. Dann, nach seiner Bekehrung, war er so begeistert vom Evangelium, dass er keine Anstrengung scheute. Unbedingt wollte er die Botschaft von der Liebe Gottes und von Christus in die Welt hinaus tragen. Alle sollten davon erfahren. In der Zeit vor Facebook und Massenmedien bedeutete das: Reisen, reisen und wieder reisen. Heute hier, morgen dort. Menschen begegnen. Gespräche führen. Predigten halten. Manches Risiko und viel Anstrengung auf sich nehmen. Erfolg haben und Rückschläge einstecken. Immer wieder neue Menschen kennenlernen und Abschied von den alten nehmen. Etwa so sah das unruhige Leben des Apostels aus.

Auf seiner zweiten Missionsreise, die ihn zum ersten Mal nach Europa führte, war Paulus auch nach Tesssalonich, dem heutigen Saloniki, gekommen. Schon damals eine bedeutende Handelsstadt mit bunter, aufgeschlossener Bevölkerung. Hier hatte er eine Zeitlang gelebt, gepredigt und die Griechen sowie einige vornehme, vermögende Frauen, so beeindruckt, dass sie Christen wurden. Freilich, wie es mit erfolgreichen Menschen bis heute oft ist, gab es auch Eifersucht. Manche neideten ihm seinen Erfolg, andere lehnten seine Neuerungen ab. Es gab Tumulte und Unruhen in der Stadt und es kam zu ersten Verfolgungen in der jungen Gemeinde. Unangreifbar war das Christentum ja von Anfang an nicht. Immer stand es in Gefahr. Paulus und sein Freund Silas mussten überstürzt aufbrechen und weiterziehen. Doch hat Paulus die Menschen in Thessaloniki nie vergessen. Sie waren ihm ans Herz gewachsen. Im Jahr 50 schreibt er ihnen aus Korinth einen Brief. Der ist das älteste Stück des Neuen Testaments.  Wir sind also in der Urzeit des Christentums, wenn wir jetzt den Predigttext hören, aus dem 5. Kapitel des 1. Thessalonicherbriefes. Matze liest die Verse 14 bis 24 – und zwar, wie es sich für einen Jugenddiakon gehört, aus einer modernen Übersetzung: 

Ihr Lieben, weist die zurecht, die ihr Leben nicht ordnen.
Baut die Mutlosen auf,  helft den Schwachen,
und bringt für jeden Menschen Geduld und Nachsicht auf. 
Keiner von euch soll Böses mit Bösem vergelten;
bemüht euch vielmehr darum,
einander wie auch allen anderen Menschen Gutes zu tun. 
Freut euch zu jeder Zeit! 
Hört niemals auf zu beten. 
Dankt Gott für alles.
Das erwartet Gott von euch, weil ihr zu Jesus Christus gehört.
Lasst den Geist Gottes ungehindert wirken! 
Wenn jemand unter euch in Gottes Auftrag prophetisch redet,
so weist ihn nicht ab. 
Prüft alles, und behaltet das Gute! 
Das Böse aber - ganz gleich in welcher Form - sollt ihr meiden.
Möge Gott euch mit seinem Frieden erfüllen
und euch helfen, ohne jede Einschränkung ihm zu gehören.
Er bewahre euch, damit ihr fehlerlos seid an Geist, Seele und Leib,
wenn unser Herr Jesus Christus kommt.
Gott hat euch ja dazu auserwählt; er ist treu,
und was er verspricht, das hält er auch.

(1 Thess 5,14-24 Übersetzung „Hoffnung für alle“) 

Na, wie hört sich das an aus dem Mund von einem, der längst die Koffer gepackt hat und eigentlich schon gar nicht mehr da ist? Ein bisschen viel Ermahnungen und Imperative, findet Ihr nicht?

Schaffst du es eigentlich, was du da von uns forderst, möchte man den Autor doch fragen: Allen anderen Gutes tun, immer fröhlich und dankbar zu sein, das Böse meiden, ja, sogar fehlerlos zu sein an Geist, Seele und Leib? Was sind das nur für Perfektionsansprüche, Paulus! Bei aller Liebe, das geht dann doch ein bisschen weit!

Wie hätte Paulus wohl auf solche Einwände reagiert? Vermutlich nicht anders als Matze: „Ach was, perfekt bin ich doch längst nicht! Und ich bin auch nicht unersetzlich. Da gibt es so viele gute andere Leute. An mir allein hängt es bestimmt nicht, ob es gut weitergeht mit der Gemeinde!“ so ähnlich hätte Paulus sich vermutlich auch eingeschätzt. Im Römerbrief schreibt der Apostel einmal über sich: Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich! (Röm 7,19). Das spricht mir schon mehr aus der Seele, denn das kenne ich von mir auch. So gerne möchte ich gut sein, geduldig, einfühlsam, kreativ und fröhlich, offen für Gott und die Welt, dankbar, bewusst und achtsam. Aber so viele Situationen gibt es, da schaffe ich es einfach nicht, beim besten Willen. Und bin stattdessen ruppig und mürrisch, hektisch und abweisend, grantig und unzufrieden. Und werde meinen eigenen Ansprüchen  in keiner Weise gerecht.

So etwas kannte der Apostel Paulus auch. Ein elender Mensch, sagte er, sei er. Jemand, der Schuldgefühle, Scheitern und Misserfolge gut kenne.

Trotzdem stellte der Apostel hohe Ansprüche an sich selbst und auch an andere.

Eine realistische Selbsteinschätzung und zugleich hohe Ideale – vielleicht ist das ja auch keine ganz schlechte Mischung für erfolgreiche Missionen.

Lieber Matze, so wie ich Dich kennengelernt habe, bewegst Du Dich genau in diesem Spannungsfeld: zwischen Realismus und Vision. Zwischen Deinen eigenen Idealen und dem, was die Strukturen eben hergeben, was in welchem Rahmen möglich ist. Alles ist das nie. Grenzen erleben wir alle ständig - in uns selbst, in den Menschen, mit denen wir arbeiten oder auch finanzielle Grenzen. Bei allem Idealismus, paradiesisch ist unsere Welt, auch unsere kirchliche Arbeitswelt, noch längst nicht. Das wird in München vermutlich nicht anders sein als in Tutzing. Und trotzdem: das Beste daraus machen, sich anstrengen, nach dem Guten streben, an den Erfolg glauben, sich immer wieder neu einlassen auf Menschen – und bei all dem Gott nicht vergessen, unsere Wurzel, unseren Urgrund – und sich immer wieder mit ihm verbinden, auf ihn hören, mit ihm im Kontakt bleiben. Das macht uns Christen aus. Fehlbare, altmodisch gesagt, sündige Menschen, sind wir – und zugleich fröhliche, bewegliche und inspirierte Zeitgenossen, die nicht bereit sind, ihre Ideale aufzugeben. Ob in Tutzing, in Weilheim, München oder irgendwo anders auf der Welt, als Christen  treten wir ein für das Gute. Und ahnen, dass Gott es gut mit uns meint.

So gesehen können wir die Ermahnungen und Bitten des Apostels an diesem Tag der Verabschiedung doch ganz entspannt hören. Nein, hier schreibt kein Besserwisser, sondern einer, dem seine Gemeinde am Herzen liegt, der sie – in all ihren Veränderungen - als eine selbständige, mündige und von Gott gesegnete Gemeinde begreift. Hören wir also zum Abschluss die Worte des Paulus noch einmal. Diesmal lese ich sie aus der Luther-Übersetzung:

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder und Schwestern: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht.

Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.  Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

(1 Thess 5,14-24 Übersetzung Luther). Amen.

Ulrike Wilhelm