Episode 1 - Meine Zeit in La Paz

Blog von David Pförtsch aus seinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien

 

Mein Freiwilligendienst begann am 10. August 2017 im Flughafen München Terminal 2... Das ist jetzt bereits mehr als fünf Wochen her. Da sich nun meine Zeit in La Paz dem Ende zuneigt und ich bald, endlich, nach Cobija in meine eigentliche Einsatzstelle aufbreche, möchte ich in diesem ersten „Blogeintrag“ die letzten Wochen noch einmal für Sie und dich Revue passieren lassen...

 

Kirche in El Alto

Wie gesagt begann mein Freiwilligendienst für mich nach dem Einpacken zweier monströser Gepäckstücke in den turbulenten Tagen vor der Abreise im Flughafen München. Der Check-In sowie die Verabschiedung gestalteten sich hierbei als überraschend kurze Angelegenheit, wie das so an einem doch recht großen Flughafen üblich ist. Dementsprechend verließen Kathrin, meine Mitfreiwillige in Cobija, Lukas, ein Freiwilliger der in Sucre volontieren wird und zuvor mit mir Abi gemacht hat, und ich die Heimat und unsere Lieben mit einem lachenden und einem weinenden Auge über Madrid und Santa Cruz nach La Paz. Über den Flug sind im groben drei bzw. vier Sachen zu sagen: Erstens bin ich mit ca. 1,90 m zu groß für das Flugzeug und Schlafen stellte sich als dementsprechend akrobatische Meisterleistung heraus. Zweitens ist Madrid so ziemlich der mit Abstand größte Flughafen, den ich je gesehen habe. Drittens gab es ein mittelmäßiges Filmeangebot. Viertens: Lukas wurde auf unserem letzten Flug von Santa Cruz nach La Paz sein Pass geklaut, was sich zum ersten Schock unserer Reise herausstellte.

 

Am Flughafen in El Alto (Stadt oberhalb von La Paz) wurden wir vom Präsident der evangelisch-lutherischen Kirche Boliviens, Pastor Emilio Aslla Flores, höchstpersönlich abgeholt. Ebenfalls dabei war eine weitere temporäre Freiwillige meiner Organisation Mission EineWelt, Julia, die für zwei Monate in Caranavi ein Praktikum für ihr Studium absolviert. Emilio fuhr mit uns in seinem gelben SUV durch den belebten und für uns Neuankömmlinge chaotischen Verkehr La Paz zum Zentrum der IELB (Iglesia Evangelica Luterana de Bolivia), wo wir für die Zeit unseres Sprach- und Einführungskurses sowie die Beantragung unseres Visums wohnen würden. Die ersten Tage nach unserer Ankunft bestanden darin uns langsam an die Höhe zu gewöhnen, die mir neben dem Treppensteigen keine größeren Probleme bereitete, uns auszuruhen, was auf spanisch „descansar“ bedeutet und langsam die riesige Stadt zu erkunden. Relativ bald verließen uns Lukas und Julia wieder, da er sein Visum mit einem Übergangspass in Sucre beantragen würde (geklauter Pass also nicht so tragisch, Gott sei Dank) und sie bereits in ihrer Einsatzstelle erwartet wurde. Relativ zeitgleich kamen aber auch zwei weitere Freiwillige einer anderen Organisation im Zentrum an, die mit Kathrin und mir gemeinsam das Visum beantragen würden und anschließend ein Jahr in Julias Stelle in Caranavi eingesetzt sein würden.

 

Cholita auf der Plaza Murillo

 

David (ja tatsächlich auch David), Jule, Kathrin und ich lernten in der folgenden Woche unseren Mentor Brian vom BKHW (Bolivianisches Kinderhilfswerk) sowie seine (ab Dezember) Vorgängerin Anne kennen. Für uns begann damit eine mehr als ereignisreiche Zeit in Boliviens Regierungssitz. Zum einen beantragten wir mit Anne und Brian unser Visum, was mit unzähligen Behördengängen, Krankenhausbesuch, Dokumenten, genervten Beamten und auch einer Stange Geld verbunden war, sowie einem strapazierfähigen Geduldsfaden. Parallel dazu besuchten wir mit Emilio einige Gottesdienste und Kirchen rund um La Paz bis dahin, dass ich sogar einem Gottesdienst in der deutschen Kirche in La Paz, allerdings auf spanisch, beiwohnen durfte. Mit Brian erkundeten wir die verschiedenen Stadtteile und trafen uns mit den anderen Freiwilligen des BKHW, die ebenfalls den Visumsprozess durchliefen, z.B. in einer traditionell bolivianischen Bar zum Folklore-Tanz und Coca-Blätter-Kauen (nebenbei bemerkt haben die trockenen kleinen Blätter keine allzu starke Wirkung auf, mich weswegen es bei einem fast einmaligen Konsum blieb). Außerdem nahmen Kathrin, Jule und ich an einem Sprachkurs im Wirtschaftszentrum der Stadt „Sopocachi“ teil, in dessen Nähe ich eine Liebe für argentinische Sandwiches und eine vorzügliche Schokotorte entwickelte...

 

Wo ich gerade dabei bin, meine drei Lieblingsgerichte mit Ursprung hier aus Bolivien sind Tucumana (Empanada gefüllt mit Fleisch, Eiern und Kartoffeln dazu vielfältige Soßen), Choripan (Semmel mit roten scharfen Würstchen) sowie Trucha (Forelle mit diversen Beilagen). Die meisten Gerichte kommen hierbei weitestgehend ohne Soßen aus und als Basis bzw. Beilagen werden zumeist Kartoffeln, Reis, Nudeln oder weißer Mais serviert. Zu Trinken bestelle ich mir häufig Api, ein warmes Gebräu aus rotem Mais, das ein bisschen nach Weihnachtsmarkt schmeckt oder wahlweise Chuflay, das alkoholische bolivianische Nationalgetränk aus Singani (Traubenschnaps), Ginger Ale und Limettensaft. Die Küche hier vertrage ich übrigens bis auf einen kurzen „Aussetzer“ sehr gut.

 

Death Road - Tödlich schön

Da unsere Zeit in La Paz nicht mit „Arbeit“ im eigentlichen Sinne verbunden war, konnten wir Freiwilligen auch auf eigene Faust Ausflüge und Aktivitäten am Wochenende unternehmen. So machten wir eine Drei-Tages-Tour durch den Salar de Uyuni, die wunderschöne und vielfältige Salzwüste im Süden Boliviens, zusammen mit zwei österreichischen Weltreisenden (ein Stück Quasi-Heimat) oder überlebten die sog. „Death Road“ eine Straße die aus La Paz hinaus in das Tiefland führt und für den schmalen Weg bekannt ist, der an Abgründen von über 150 m entlangführt. Bis in die frühen 2000er war die Straße noch für den öffentlichen Verkehr geöffnet und für viele Abstürze der Transport- und Personenbusse in den grünen Abgrund bekannt. Heutzutage wird die Straße nur noch von Mountainbikern, wie uns in diesem Fall, befahren. Wir haben außerdem noch einiges mit unseren Mitfreiwilligen unternommen und haben beispielsweise einen gemeinsamen Kochabend (es gab Chili con und sin Carne für Kathrin) und waren am nächsten Tag auf der „Feria“ in El Alto, dem größten Markt der Welt (El Alto fasst 1 Mio. Menschen und fast in der ganzen Stadt ist irgendwie Markt).

 

Blick aus der Gondel/Teleferico auf La Paz

Einige weiter Eindrücke aus La Paz, die ich Ihnen und dir nicht vorenthalten will, sind hier kurz und knackig aufgelistet: Fortbewegung findet in La Paz entweder mit dem Bus (verschiedene Variationen, die von Mini-Bus zu Micro-Bus reichen, wobei der Micro größer als der Mini ist und trotzdem allesamt zumeist nicht genug Beinfreiheit für mich bieten) oder mit den farbenfrohen nigelnagelneuen Seilbahnen, den „Telefericos“ (im Moment gibt es die Linien Rot, Blau, Gelb und Grün, aber Evo lässt bereits einige weitere in noch ausgefalleneren Farben bauen) statt. Trotzdem benötigt man oft eine Stunde für einen Kilometer...

 

Liga Spiel bei Bolivar

In La Paz gibt es immer Grund zum Feiern: Deshalb werden an ca. 360 Tagen im Jahr die Heiligen, die Stadtviertel oder der Fußball gefeiert. Apropos, ich war in La Paz sogar drei mal im Stadion: bei den beiden heimischen Klubs Bolivar und The Strongest und beim Länderspiel Bolivien gegen Chile (Ciao Chile!). Das Wetter in La Paz ist zumeist kalt und trotzdem sonnig, was für viele von Ihnen und euch sehr verwirrend klingen mag, sich aber auch in Schlafsack und drei Alpaca-Decken zum Schlafen niederschlägt. Die Mitarbeiter im Haus luden uns oft zum „Wally“ spielen ein, was am besten als Volleyball mit „Wandeinsatz“ zu beschreiben ist. Hier war meine größe einmal nützlich und ich wurde zum „Starspieler“ unter den Deutschen. Die Haushälterin zeigte mir in eindringlicher, aber mehr als liebenswürdiger Weise wie man Wäsche von Hand wäscht. Mein Bett im Zentrum war zu klein um mich ganz auszustrecken und zu guter Letzt: Wir hatten eine Dachterrasse (da wir im fünften und somit obersten Stock wohnten) die uns einen Wahnsinnsblick über ganz La Paz verschaffte! (Vor allem bei Nacht sensationell)

 

Jetzt aber genug von La Paz, der Kälte und der Höhe und rein ins Tiefland, in den Urwald mit seinem tropischen Klima und auch langsam rein in die Arbeit...

In diesem Sinne schließe ich meinen ersten Bericht aus Bolivien und über meinen Freiwilligendienst und lasse bald wieder von mir hören... Nos vemos!

 

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