Deutschunterricht im Gemeindehaus

Im Ökumenischen Unterstützerkreis Tutzing sind viele Ehrenamtliche
engagiert. Auch das Erteilen von Deutschunterricht gehört dazu. Täglich ist
unser Gemeindehaus derzeit von Lerngruppen belegt - ein wichtiger Beitrag
zur Integration der Geflüchteten.

"Wie ich es sehe."

(Gastbeitrag in den Tutzinger Nachrichten, Oktober 2015)

Jetzt sind sie da, die Menschen aus Sierra Leone und Syrien, aus Afghanistan, Eritrea und anderen Ländern. 91 Menschen waren es bisher; im September sind noch einmal 128 dazu gekommen. 2,2 % unserer Tutzinger Bevölkerung sind also nun Flüchtlinge. Sie kommen zu uns, weil ihre bisherigen Lebensumstände für sie unerträglich geworden sind. Wir können unsere Augen nicht mehr zumachen vor der Tatsache, dass unsere Welt zutiefst ungerecht ist: Den Preis unseres hohen europäischen Lebensstandards haben bisher die Menschen bezahlt, die jetzt vor unserer Türe stehen: Bauern, deren Einkommen nicht reicht, um die Familie zu ernähren; Arbeiter, die in den Minen Afrikas zu unsäglichen Bedingungen die Rohstoffe für unsere Smartphones, Diamantringe oder Fußböden abbauen; Ingenieure, die keine Arbeit mehr finden, weil ihr Land zerstört und zerbombt ist von jenen Waffen, an denen die Deutsche Rüstungsindustrie verdient. Sie kommen nicht freiwillig, sondern weil die Not sie hertreibt und der Traum von einem Leben, in dem auch sie Arbeit finden und Zukunft. Sie möchten ein menschenwürdiges Leben führen. Nicht mehr und nicht weniger. Und sie haben ein Recht darauf, genau wie wir.
Keiner von uns hat es verdient, in einer Zeit des Friedens hier in Mitteleuropa geboren zu sein. Wir haben einfach Glück gehabt. Erinnern wir uns, auch aus unserem Land sind Menschen geflohen. Weil sie nicht mehr satt geworden sind und sich in der „neuen Welt“ Amerikas Lebensperspektiven erhofften. Weil sie während der Nazi-Diktatur verfolgt wurden. Weil sie im Krieg ihre Heimat verloren haben und vertrieben wurden. Oder weil sie das Leben in der DDR nicht mehr aushielten und alles daran setzten, in den Westen zu kommen. Wie gut ist es in solchen Situationen, freundlich aufgenommen zu werden und nach all den schweren Erfahrungen neu anfangen zu dürfen!
Unser Unterstützerkreis, dem inzwischen rund hundert Menschen angehören, kümmert sich rührend um die Flüchtlinge an unserem Ort. Es gibt Deutschkurse, Radl-Reparaturtage, Hilfe bei Ämtergängen oder Arztbesuchen, gemeinsame Feste und private Unternehmungen. Manche Schwierigkeit muss dabei bewältigt werden, doch lernen wir alle viel dabei und bekommen eine ganze Menge Dankbarkeit zurück. Integration ist nicht nur eine lästige Pflichtaufgabe, sondern kann eine ausgesprochen bereichernde, beglückende Erfahrung sein. Das merken wir im Umgang mit Flüchtlingskindern in unseren Kindergärten und Schulen, in Sportvereinen und Einrichtungen, in denen Flüchtlinge mitmachen. Das spürt, wer immer mit einem dieser Menschen ins Gespräch kommt. Unsere Welt rückt näher zusammen durch die Flüchtlinge. Unser Ort wird bunter und vielfältiger. Nicht diese Tatsache ist Grund zur Sorge. Es sind die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern der Menschen, die zu uns kommen, die uns Sorgen machen sollten. Diese Lebensbedingungen wiederum hängen eng mit unserem bisherigen Lebensstil zusammen. So gesehen öffnen uns die Flüchtlinge neu die Augen. Es wurde Zeit dafür!

Ulrike Wilhelm, Pfarrerin

Ökumenischer Unterstützerkreis

Unser Unterstützerkreis umfasst momentan 222 Mitglieder, von denen 150 aktiv mitarbeiten.

Die Zahl der Asylbewerber in Tutzing beträgt derzeit 232.

Einfach nur in Frieden leben

Ulrike Wilhelm hat eine klare Meinung zum Umgang mit Asylbewerbern: "Es ist eine urchristliche Aufgabe, Fremde willkommen zu heißen und ihnen bei der Integration zu helfen", sagt die evangelische Pfarrerin von Tutzing, die auch in der Landessynode sitzt. Dass einige Kirchengemeinden trotz der stetig steigenden Asylbewerberzahlen Flüchtlingsarbeit nicht als kirchliche Aufgabe ansehen, könne sie nicht verstehen. Das Thema komme schließlich schon in der Bibel vor: Die Herbergssuche von Maria und Josef sei eine klassische Flüchtlingsgeschichte.

Ulrike Wilhelm jedenfalls packt mit weiteren rund dreißig aktiven Ehrenamtlichen im ökumenischen Asyl-Unterstützerkreis in Tutzing an: Die katholische und die evangelische Kirchengemeinde seien bei der Asylhilfe "ganz vorn mit dabei", sagt Wilhelm. Vor zwei Jahren seien die ersten Flüchtlinge nach Tutzing gekommen, zeitgleich habe sich der Unterstützerkreis gegründet. Anfangs habe man den Neuankömmlingen mit Fahrrädern ausgeholfen oder sie bei Behörden- und Arztgängen begleitet. Inzwischen kümmert sich der Unterstützerkreis auch um die Integration - etwa mit der Vermittlung von Ausbildungsplätzen, Ein-Euro-Jobs oder Deutschunterricht.

Einen jungen Syrer nennen sie hier in Tutzing schon den "evangelischen Gärtner". Weil er sich um den Garten des evangelischen Pfarrhauses kümmert, erklärt Wilhelm. Der Syrer jedenfalls strahlt: "Ich mache alles im Garten. Das macht mir Spaß" - auch wenn er eigentlich gelernter Schmied sei. Die Gartenarbeit läuft offiziell als Ein-Euro-Job. Der Verdienst sei anfangs zweitrangig, sagt Pfarrerin Wilhelm. Viel wichtiger sei, dass die Asylbewerber sich gebraucht fühlen und in Kontakt mit der Bevölkerung kommen - sei es über Fußballclubs, Kirchenchöre oder eben Gartenarbeit.

Derzeit leben in der Gemeinde Tutzing rund vierzig Asylbewerber - vor allem aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan, Eritrea, Sierra Leone und Nigeria. Ein Dutzend von ihnen ist im Rückgebäude des leerstehenden Andechser Hofs untergebracht. Unter anderem leben dort eine alleinerziehende Mutter aus Nigeria, eine Familie und einige junge Syrer. Obwohl sie aus unterschiedlichen Kontinenten und Kulturen stammen - ein grundlegender Wunsch eint sie: "ein Leben in Frieden und Sicherheit", sagen alle fast ein wenig schüchtern. 

Jay Osunde beispielsweise ist mit ihrem Kind Ema (3) seit fünf Monaten in Deutschland. Sie wolle hier arbeiten - vielleicht als Frisörin - und ihrem Kind eine bessere Zukunft ermöglichen. "Ich möchte, dass Ema zur Schule geht und etwas lernt." In Nigeria wäre das nicht gegangen, bedauert die junge alleinerziehende Mutter. Wenn deutsche Medien derzeit über das westafrikanische Land berichten, dann meist nur wegen eines weiteren Anschlags der radikalislamischen Terrorgruppe Boko Haram. "In Nigeria gibt es keine Zukunft", sagt Jay Osunde traurig.

Der 20-jährige Khalil Juma stammt aus dem syrischen Aleppo. Er sei vor den Assad-Truppen und den Milizen des Islamischen Staates geflohen, erzählt er. Er wollte weder für die einen noch für die anderen kämpfen, sondern einfach nur in Frieden leben. Die anderen Syrer nicken zustimmend. Khalil Juma ist allein geflohen: Zwei Monate habe die Flucht gedauert, mehrere tausend Euro hätten Schlepper von ihm verlangt, erzählt er. "Um das Geld zusammenzubekommen, haben meine Eltern ihr Haus verkauft."

Cornelia Janson und Gerhard Moegen vom Unterstützerkreis betonen: "Wir haben es hier mit entwurzelten Menschen zu tun." Bei der Arbeit mit Flüchtlingen müsse man sich auch auf Konflikte einstellen. Denn die Asylbewerber hätten oftmals Gewalt und oder die Ermordung von Familienmitgliedern erlebt und seien traumatisiert. Im Umgang mit ihnen müsse man darauf natürlich Rücksicht nehmen. Es brauche Bezugspersonen, zu denen die Flüchtlinge Vertrauen aufbauen könnten. 

Vertrauen aufzubauen kann auf unterschiedliche Weise gelingen: Ulrike Wilhelm erzählt, dass sie ihr Pfarrhaus öffne, damit dort regelmäßig Treffen zum Beispiel bei Musikabenden stattfinden können. Cornelia Janson ging sogar noch einen Schritt weiter und übernahm für zwei minderjährige Flüchtlinge aus Sierra Leone, die ohne Familie nach Deutschland kamen, für ein Jahr die Vormundschaft. Jetzt sind sie 18 und 19 Jahre alt und haben einen Ausbildungsplatz - eine gelungene Integrationsgeschichte, von der auch Cornelia Janson profitiert hat: "Ich habe sie jeden Tag gesehen. Bis heute sind sie wie Kinder für mich", sagt die 61-Jährige.

Christiane Ried
epd-Redakteurin Bayern/Südwest