Brief aus Regnitzlosau

Diakonin Sabine Dresel schickte uns kurz vor Weihnachten 2016 ihren Weihnachtsrundbrief aus Regnitzlosau, den Sie hier lesen können.

„Bunt statt braun“

Partnerschaft gegen Rechtsextremismus

Die Zahl der braunen Umtriebe in Oberfranken hat in den letzten Jahren erschreckend zugenommen. Gezielt werden in dem strukturschwachen Gebiet, in dem es wenig attraktive Angebote für Jugendliche gibt, junge Leute angeworben. Menschen aus Kirchengemeinden, die dagegen halten, wurden immer wieder bedroht und unter Druck gesetzt. Die Flüchtlingskrise hat zusätzlich zur Verschärfung der Positionen beigetragen.

Bei einer Synodaltagung vor einigen Jahren hatte Pfarrerin Uli Wilhelm die Verzweiflung und Bedrängnis unserer Mitchristen dort unmittelbar erlebt. Ihre Idee einer Partnerschaft gegen Rechtsextremismus zwischen südbayrischen und nordbayrischen Gemeinden stieß daraufhin bald auf gute Resonanz. Im Kirchenkreis München haben sich zahlreiche Gemeinden und Einrichtungen bereit erklärt, jährlich einen festen Betrag dafür zu spenden. Dadurch konnte eine Stelle für eine Fachkraft für Jugendarbeit im Dekanat Hof errichtet und 2013 mit der Diakonin Sabine Dresel besetzt werden. Sie ist seither in der Kirchengemeinde Regnitzlosau sowie dekanatsweit tätig – mit dem Ziel, junge Leute in ihrer Persönlichkeitsentwicklung durch den christlichen Glauben zu stärken. Das Dekanat Hof, die politische Gemeinde und der Landkreis übernehmen jeweils 25% der Personalkosten; über die Partnerschaftsaktion wird ein weiteres Viertel finanziert. Auch unsere Gemeinde beteiligt sich mit jährlich 1000 Euro an dem Projekt. Zum Erntedankfest am 2. Oktober 2016 bin ich zum Gemeindefest nach Regnitzlosau gefahren und habe dort aus erster Hand viel über die aktuelle Lage erfahren. Für das kommende Jahr sind weitere Begegnungen geplant.

Fritz Schulz, Kirchenvorsteher

Bericht aus Regnitzlosau

Diakonin Sabine Dresel berichtet von Ihrer Arbeit im Nordosten Bayerns und hat schlechte Nachrichten aus Hof und Plauen. Lesen Sie ihren Brief vom Oktober 2016.

Alle im selben Boot

6.7.2014: Regnitzlosauer Gemeindemitglieder zu Besuch in Tutzing: Gemeinsames Warten auf die Ankunft des Dampfers für die Rundfahrt auf dem Starnberger See

Jahrestag der Enteignung

Diakonin Sabine Dresel, deren Stelle von unserer Gemeinde mitfinanziert wird, berichtet aus Regnitzlosau, wo im Jahr zuvor das von Neonazis erworbene frühere Gasthaus enteignet worden ist. Hier der >>Brief<< vom Juli 2015.

Pfarrerin Wilhelm mit Dekan Salfrank (Hof) und Pfarrer Winkler (Regnitzlosau) beim Friedensgebet in Oberprex am 9.6.2013 vor dem mittlerweile enteigneten Nazitreff

Jahresrückblick 2014 aus Regnitzlosau

Jetzt beginnt die Zeit der Jahresrückblicke. Mitte Dezember wird schon auf ein „vergangenes Jahr“ zurückgeschaut. Trotzdem möchte ich mich dem anschließen und auf ein, bei mir wirklich schon vergangenes Jahr zurückschauen und ein paar Ausblicke auf das kommende Jahr wagen. 

Oberprex ist hier weiterhin ein Thema. Das Haus ist beschlagnahmt, aber die Gedanken der Oberprexer gehen in die Zukunft. Erleichterung geht um, dass Ruhe eingekehrt ist und erst jetzt beginnen viele so richtig zu bemerken, wie eingeschränkt sie sich gefühlt haben, wie belastend die Situation für alle war, dass sie eigentlich Angst hatten.

Mittlerweile ist klar: es wurde Klage eingereicht. Sowohl gegen die Beschlagnahme des Hauses, als auch gegen das Verbot des Freien Netz Süd. Beide Klagen werden derzeit geprüft und der Rechtsweg ist beschritten und nimmt seinen Lauf. Die Unwissenheit, die damit einhergeht, belas-tet die Oberprexer sehr. Zeit, in der Befürchtungen groß werden können. 

Wir hatten ein Treffen mit Bürgern und Engagierten in Oberprex. Wir haben die vergangene Zeit reflektiert und überlegt, wie wir weitermachen wollen. Es wird in Zukunft regelmäßige Stammtisch-treffen in Oberprex geben. Die Menschen vor Ort kommen miteinander ins Gespräch über die Fragen: Wofür soll unser Ort in Zukunft stehen? Wie wollen wir dahin kommen? Wen und was brauchen wir dafür? Außerdem werden Informationen ausgetauscht.

Ich bin sehr froh über diese Entwicklung, denn sie zeigt mir, dass die Oberprexer doch reden wol-len, dass sie Interesse haben, wie in Zukunft über ihren Ort geredet und geschrieben wird und sich selbst Klarheit geben wollen, wo sie selbst stehen.

In Feilitzsch hat es mittlerweile ein Treffen mit Vereinsvorständen gegeben. Dort ging es konkret um die Fragen: Wer ist denn das eigentlich, der da im alten Schulhaus von Unterhartmannsreuth sitzt, das etwa 15 km von Regnitzlosau entfernt ist? Dort hat sich ein bekannter Liedermacher der Neonaziszene und ehemaliger Bundespräsidentschaftskandidat der NPD mit seiner Lebensgefähr-tin niedergelassen. Was können die Vereine gegen eine möglicherweise angedachte Unterwander-ung ihrer Strukturen tun?

Die Vereine werden in eine Diskussion einsteigen, wofür sie stehen und in welchen Teilen ihrer Ordnungen und Strukturen sie das sichtbar machen wollen.

Außerdem ist die Erkenntnis gewachsen, dass man das Thema ernsthaft anpacken muss. Es wird eine Gruppe geben, die Ideen sammelt, überlegt, wie man die Bevölkerung gut einbindet und man zusammen zu einer klaren Haltung nach außen kommt. Dieser Kreis geht nach den Weih-nachtsferien an die Arbeit, begleitet von Frau Isolde Wilhelm-Stephen (Gemeindepädagogin vor Ort) und mir. Sowohl Bürgermeister als auch Pfarrer der Gemeinde sind bereit, diese Arbeit mitzutragen.

In Oberkotzau gibt es auch ein Bündnis, das aber bei seiner Namensgebung steckengeblieben ist. Arbeiten wir für oder gegen etwas, vergessen wir die Linksextremen nicht und wer kann, wenn wir gegen Extremismus sind, gar nicht hier Mitglied sein. Auch hier geht es um eine Begleitung von außen, die nicht in die Dinge vor Ort verstrickt ist und auch nicht parteipolitisch gebunden ist, damit nötige Kompromisse möglich werden.

Aber nun noch zu den anderen Bereichen der Arbeit. Irgendwie dreht sich schon alles ums Thema Prävention, aber zum Glück gibt es auch die Bereiche, wo es um Angebote für Kinder und Ju-gendliche geht, Basisarbeit, die mich auch selbst wieder erdet und zeigt, worum es auch gehen muss. Nicht nur Strukturen schaffen und pflegen, sondern Prävention auch mit Leben füllen, ist Teil der Arbeit. Und es ist ein sehr schöner und erfolgreicher Teil, der mir viel Spaß und Freude bringt. 

In der politischen Gemeinde Regnitzlosau gab es viele Kontakte zu Kindern und Jugendlichen im Rahmen des Sommerferienprogramms, das ein riesen Erfolg war. Laut Bürgermeister Kropf beneiden uns die Bürgermeister der Nachbargemeinden um dieses tolle Ferienprogramm! Auch Vereine, die keine eigenen Kinder- und Jugendarbeit machen, haben sich beteiligt und so dafür gesorgt, dass in der Gemeinde etwas los ist und oft in der Presse von uns die Rede war. Positive Presse aus Regnitzlosau – etwas eher Ungewöhnliches für die Menschen hier, wo man doch dort immer eher mit „den Nazis“ in Verbindung gebracht wird.

Der offene Treff ist am Entstehen. Lange haben die Genehmigungen gebraucht, aber jetzt sind sie da und wir können mit dem Umbau beginnen. Ein paar Jugendliche haben sich getroffen und gestrichen, Pläne gemacht, was wir brauchen und Lust, sich selbst am Möbelbau zu versuchen. Wir fangen klein an (Holzhocker, die auch als Couchtische benutzt werden können) und steigern uns dann (Sofas aus Paletten). Vielleicht gehen wir dann in die Großproduktion ;-)

Es ist schön, dabei zu sein, wenn Jugendliche sich so ausprobieren, mit allen Problemen, die na-türlich auch damit verbunden sind. Stichworte sind Verbindlichkeit und Verlässlichkeit, die ersten Schritte in verschiedenen Bereichen von Handwerkern, zusammen arbeiten und einander zuhö-ren müssen bis hin zu den unterschiedlichen Vorstellungen von demokratischen Entscheidungen!

Und auch in der Kirchengemeinde gab es viele schöne Erfahrungen und Erlebnisse bei der Ba-sisarbeit. Der Schwerpunkt liegt ja hier bei der Arbeit mit Kindern. Gleich zu Beginn des Jahres eine tolle Sternsinger-Aktion (hier fast schon rein evangelisch) mit vielen motivierten Kindern und sehr freigiebigen Spendern. Die Kindertage sind ein Erfolg, sowohl zahlenmäßig, als auch inhalt-lich und von Seiten des Teams. Die Kinder kommen gerne, die Grundschule unterstützt uns nach Kräften in der Werbung und auch der Durchführung und die Eltern sind froh, ihre Kinder gut und sinnvoll untergebracht zu haben. Das Team wird besser mit jedem Tag, den wir vorbereiten. Nicht mehr nur hören, was ich mir gedacht habe, sondern selbst Ideen entwickeln und einbringen. Ebenso ist es im Kindergottesdienst. Das Team aus Erwachsenen und Jugendlichen arbeitet gut zusammen. Wir gehen zusammen an die Methoden der Verkündigung, an die liturgischen Elemente aber auch ans Äußerliche (Liedmappen, Teppich zum sitzen, ein neues Kreuz…).

Nach der Konfirmation denken wir gerade über eine neue Jugendgruppe nach. Die Konfirman-den hätten Potential, einige würden sicher bleiben. Es ist einiges im Aufbruch gerade und das ist gut und schön, aber will bedacht und wohlüberlegt sein, damit es auch auf Dauer durchgehalten werden kann.

Und daneben die vielen kleineren und größeren Termine der Gemeinde (ich bin da oft nur dabei, mehr wäre nicht möglich), ein Krippenspiel, der Weltgebetstag, KV-Sitzungen, Mitarbeiterdank, Kinderkino, die Teilnahme am Sommerferienprogramm der politischen Gemeinde, das Open-Air-Kino im Pfarrhof, das Gemeindefest…

Unser größtes Projekt fürs nächste Jahr ist eine Fahrt zum Kirchentag nach Stuttgart. Eine tolle Möglichkeit, Glauben in seiner Vielfalt zu entdecken, zu erleben und zu feiern. Ich bin gespannt!

Die Präventionsangebote im Landkreis und Dekanat Hof nehmen Gestalt an. Die Vernetzun-gen und die Werbung für die Arbeit tragen Früchte. Wir (Frau Schultz vom Landratsamt und ich) hatten unseren ersten Termin in der Förderschule (Klassen 7 – 9 und Lehrernachmittag). Alltags-

rassismen und Ausgrenzungen waren dort unser Hauptthema – auch bei den Lehrern.

Wir haben es geschafft, in eine Erzieherschule zu kommen und machen dort im neuen Jahr 2 Tage mit den angehenden Erziehern und Erzieherinnen. Dort geht es vor allem auch um die Fraggen, was ihnen in ihrem Berufsalltag passieren kann und wie sinnvoll und im rechtlichen Rahmen darauf reagiert werden kann.

Wir haben einen Termin für eine Einheit in der Jugendleitercard-Schulung des KJR und Stadt-jugendringes Hof, werden im ejw Hof weiterhin im Gespräch bleiben mit dem Ziel, dort in die Grundkurse einzusteigen und bei der nächsten Arbeitstagung der kommunalen Jugendarbeit (für MitarbeiterInnen der offenen Treffs) steht das Thema Prävention auf der Tagesordnung.

Auch aus umliegenden Gemeinden kommen jetzt Anfragen, ob ich meine spezielle Arbeit in und um Regnitzlosau nicht mal vorstellen könnte. Mal mit dem Augenmerk auf der Prävention, mal mit dem Augenmerk auf spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche.

Die Arbeit und vor allem auch Aufbauarbeit des ersten Jahres beginnt, Kreise zu ziehen!

Bei all den Highlights des Jahres, wie z. B. das schon genannte Sommerferienprogramm, dem Kindertag am Buß- und Bettag mit 58 Kindern (die Grundschule am Ort hat 83 Kinder), der Leh- rer-Fortbildung und der Freude, in der Erzieherschule Fuß zu fassen, machen sich jetzt auch erste Probleme der Stelle bemerkbar.

Das Thema „Rechtsextremismus“, um das es geht, ist kein positiv besetztes. Es ist schwer, ge-rade mit Schulen, aber auch mit Gemeinden ins Gespräch zu kommen, Informationen zu bekom-men, im Vorfeld tätig zu werden. Wenn sich Schulen oder Gemeinden outen, ist das Problem schon sehr groß, der Leidensdruck sehr hoch. So richtig im Vorfeld anzusetzen, wo noch keinerlei Probleme aufgetaucht sind, ist fast unmöglich. Hier ist viel Gespräch, Information und Hartnäckig-keit nötig.

Je länger ich da bin, umso deutlicher wird mir aber auch, dass Prioritäten notwendig sind. Die Ar-beit ist angeschoben und ist ins Rollen gekommen. Jetzt wird es immer wichtiger, klar zu sein, verschiedene Arbeitsbereiche nicht verschwimmen zu lassen und Überschneidungen so gering wie möglich zu halten. Leider ist es auch nötig, Termine abzusagen, nein zu sagen. Nicht, weil es nicht so wichtig wäre, sondern weil einfach keine Kapazitäten mehr da sind.

Außerdem ist es für mich, aber auch für die Menschen vor Ort, wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen Gremien und Sitzungen, der Öffentlichkeitsarbeit und der konkreten Basisarbeit. Alles ist wichtig, aber keines darf überhand nehmen – das ist oft sehr schwer auszubalancieren. 

Zum Schluss noch ein paar Visionen und Ideen fürs nächste Jahr:

  • Der Offene Treff in Regnitzlosau läuft gut an und wird Anlaufstelle für Jugendliche vor Ort
  • Es finden sich Teams für die noch offenen Bereiche in der Arbeit mit Kindern, die von mir begleitet werden – dann gibt es wieder freie Kapazitäten bei mir
  • Multiplikatorenschulungen laufen gut an und werden fürs nächste Jahr wieder gebucht
  • Wir finden einen Zugang zu Schulen über die JugendsozialarbeiterInnen dort

So bleibt mir noch, zum Ende dieses Briefes, Ihnen zu danken. Für alle Unterstützung und Hilfe, die hier ankommt, für Ihre Gebete, für Ihre Beschäftigung mit dem Thema Rechtsextremismus in Ihren Gemeinden und Organisationen und für Ihr Interesse an der Arbeit hier vor Ort. Es ist für mich nach wie vor ein Geschenk, zu wissen und zu spüren, was Sie für uns hier und speziell für mich und meine Arbeit tun.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Gemeinden, Mitarbeitern, Familien eine gute und von Gott reich ge-segnete restliche Adventszeit, schöne und erfüllte Weihnachtstage und ein gutes und von Gott begleitetes Jahr 2015.

Ich grüße Sie ganz herzlich, auch im Namen von Dekan Saalfrank und Pfarrer Winkler,

Ihre

Sabine Dresel